Der Bauernhof und die Bioprodukte – aus dem Leben einer Aufsteigerin

– De Lüüd weten dor keen beten wat vun af – ich

Meine Familie betreibt einen Bauernhof und das ist ein Thema, Leute, ich sach euch das. Es ist ein Thema.

In der Schule war ich der fette Bauerntölpel. Ich war das Kind, das nach Silo riecht. Immer. Gegen Silogeruch ist kein Kraut gewachsen, glaubt mir. Wenn es im Unterricht um Landwirtschaft ging, und trust me, irgendwann geht es in jedem verdammten Schulfach um Landwirtschaft, habe ich den Kopf eingezogen und ganz leise geatmet, um bloß nicht nach first-hand-experiences gefragt zu werden. Das hat meistens nie geklappt, da alle an meinem Kaffgymnasium die fünf Kinder vom Bauernhof kannten: Marina, Gretlies, Gretlies kleine Schwester, meinen Bruder und mich. Ich also, hochroter Kopf und auf englisch, französisch und deutsch, im Bio-, Erdkunde- und Chemieunterricht am Informationen über Landmaschinen, Güllefahren, rickeln, eggen, pflügen, aussähen, spritzen, Gras mähen, Gras auseinander machen, Gras zusammen machen, Gras aufladen, Silo aufmachen, Silo zumachen, Silo holen, Siloplatte streichen, füttern, melken, Kühe umtreiben, Marschland, Ackerland, Pfähle einkloppen, Stacheldraht ziehen, besamen, kalben, ferkeln, ausmisten, Kuhscheiße und unsere Tierärztin am stammeln. Ja, das war mir peinlich, ja, ich wurde deswegen geärgert, ja, mein Spitzname war „Bauer“. Das war nicht schön, aber immerhin ein gradliniger Diskurs: B. wie Bäuerin, B. wie bräsig, B. wie Breitseite.

Schlimm. SchlimmSchlimm. Schlimmschlimmschlimm.

Heute sieht das anders aus. Manchmal würde ich mir wünschen, die Leute würden mich einfach wieder dafür hassen, dass die uncoolen Fetzen, die an meinem Körper herabhängen, nach Silo stinken. Aber nein, die guten Menschen in der Stadt verpacken ihre selbstwertdienlichen Ressentiments ein bisschen schlauer als meine Klassenkamerad*innen ihre autoritären Tendenzen.

Ein „konventioneller“ Bauernhof, aha, darüber wissen die guten Akademiker*innen (in spe) viel, obwohl sie noch nie da waren, auf diesem „konventionellen“ Prototyp-Bauernhof. Jaja, Tierhaltung, schlimm schlimm, da haben sie so Bilder im Internetz gesehen. Konventionelle Landwirtschaft ist sehr böse! Schlimmschlimm. Schlimmschlimmschlimm. Und Bio ist teuer, aber Bio-Milch muss es schon sein, weil, die armen Kühe. Fairtrade-Kaffee, Bio-Milch und regionale Äpfel, das ist die Triade, die den Kapitalismus auch für bessere Menschen erträglich macht. Wir kaufen uns ein Ego. Ich gebe zu, ich bin neidisch, dass ich das nicht so machen kann, ohne meine Herkunft zu verraten. (Hallo Didier, ich habe schon auf Seite zwei kurz geweint.)

Man kann viel an der Milchviehwirtschaft in Deutschland kritisieren. Ich diskutiere das auch gerne, aber wenn mir wer was über „artgerechte Haltung“ erzählen will, dann sollte er*sie wenigstens einen Boxenlaufstall von einem Melkstand unterscheiden können. Sonst kann ich das nicht ernstnehmen, sorry Kinners. Es ist doch so: Ich verstehe immernoch nicht, warum alle bei okcupid anklicken, dass sie Kunst wichtig finden und ihr wisst nicht, was dieser Mensch tut, der seinen ganzen Arm hinten in die Kuh reinschiebt. Ich rede nicht über Kunst und ihr?

Meine Lieblingsanekdote ist, wie mich die Mutter eines Freundes mal fragte, ob meine Eltern denn nicht wüssten, wie so Ökolandwirtschaft „geht“. Da müsste man mal was machen und so Leute von Demeterhöfen mit Leuten von „konventionellen“ Höfen zusammenbringen, damit die das lernen. Lol, bürgerliche Selbstgerechtigkeit, immer wieder einen Schmunzler wert. Der einzige Grund, warum konventionelle Landwirt*innen keine Biolandwirtschaft betreiben, kann natürlich nur sein, dass ihnen das noch niemand erklärt hat. Heureka. Denn Biolandwirtschaft ist ja das, was jeder gebildete, vernünftige, moderne, […] Mensch als das einzig Wahre erkennen muss. Öhhhh, und manchmal, wenn sich Bauern* wirklich richtig hart anstrengen über schwierige Themen nachzudenken, dann tropft ihnen etwas Sabber aus dem Mundwinkel. Kein Witz, hab ich schon oft beobachtet.

Die Vorstellung, dass manche Menschen Bio nicht für das Größte halten, obwohl sie drüber nachgedacht haben, passt nicht in den Kopf von Menschen, die davon ausgehen immer nur von ihresgleichen umgeben zu sein. Hallo, ich bin einer dieser Bauerntölpel, die ihr normalerweise nicht in der Uni und im Theater trefft und ich kaufe am Liebsten bei ALDI ein und mein Lieblingsessen ist Kroketten mit BBQ-Soße und Mayo! Verdammt!

De Lüüd begriepen nich, dat se dor nix nich vun afweten.

Es hat mich acht Jahre meines Lebens gekostet, um dahinter zu kommen, was eigentlich los ist, wenn es um diesen Bauernhof in Norddeutschland geht. Kinder aus bürgerlichen Familien erklären mir, dass es grausam ist, dass Kühen sofort nach dem Kalben ihre Kälber weggenommen werden. Aha. Wenn ich was über Tierhaltung erzähle, glaubt mir kein Schwein, weil das nicht in das Bild vom schlechten konventionellen und guten Bio-Bauernhof passt. Die diskursive Macht zum Thema Landwirtschaft haben nicht die Dorftrottel, die ihre jugendlichen Sommer strohballenstapelnd auf den Heuböden ihrer Familienbetriebe verbracht haben, nein, am lautesten darf reden, wer am meisten soziales und kulturelles Kapital hat. Die Kinder von Waldorfpädagog*innen, Jurist*innen, Beamt*innen und anderen Menschen, die null Komma null Prozent was mit „konventioneller“ Landwirtschaft zu tun hatten oder haben. Die mit den sauberen Fingernägeln. Das habe ich übrigens alles rausgekriegt, ohne Bourdieu gelesen zu haben. Highfive mit mir selbst.

Wer noch nie knietief in der Kuhscheiße stand und sich auch freiwillig nie knietief in die Kuhscheiße stellen würde, sollte vielleicht auch nicht zu selbstbewusst über Kuhscheiße reden. Die Alternative wäre, den Leuten, die die Gummistiefel anhaben, auch mal zuzuhören, anstatt lautstark darauf zu masturbieren ein sehr guter Mensch zu sein. Wer die Bäuer*innen (mitsamt Schlagerpartys und Pauschalurlaub) nicht mit der Kneifzange anfassen würde, muss sich vielleicht nicht wundern, dass die keinen Bock auf überhebliches und schlecht informiertes Gelaber über „artgerechte Tierhaltung“ haben. Die finden das nicht arrogant, weil sie die Kritik abwehren und lieber weiter Tiere quälen wollen, die finden das arrogant, weil es arrogant ist. In der Uni nennt man das Klassismus.

Ps.: Biokühen wird auch direkt das Kalb weggenommen. Sorry.

6 Comments

  • Antworten Mai 8, 2017

    Anonym

    Hallo Bilke,

    ich hatte leider Probleme nachzuvollziehen, was genau dein Punkt ist. Willst du sagen, dass Bio-Landwirtschaft nicht wirklich besser ist als konventionelle Landwirtschaft? Wenn dem so ist, dann kann ich dir bei der Tierhaltung nur zustimmen! Da kann man weder bei der einen noch bei der anderen Variante von artgerechter Tierhaltung sprechen. Doch wenn Mensch jeden Tag Fleisch essen will, ist Massentierhaltung (sowohl in Bio als auch konventioneller Tierhaltung) unabdingbar. Das beste Mittel dagegen ist in meinen Augen ganz auf tierische Produkte zu verzichten. Und eine Landwirtschaft ohne Pestizide und Überdüngen der Äcker ist definitiv besser, konventionelle Landwirtschaft ist nicht nachhaltig und beutet die Umwelt aus! In deinem Text fehlen mir leider richtige Fakten. Die Nitratwerte der Böden in Deutschland sind beispielsweise viel zu hoch, und das ist ein Effekt der konventionellen Landwirtschaft.

    • Antworten Mai 9, 2017

      Bilke.

      Hallo, mir geht es in meinem Text gar nicht darum, was besser oder schlechter ist. Da würde ich deinen Argumenten eigentlich im Großen und Ganzen zustimmen. Mir geht es darum, dass ich es für eine bürgerliche schlechte Angewohnheit halte verkürzte Landwirtschaftskritik zu betreiben und dass das oft von oben herab geschieht.

      • Antworten Juli 17, 2017

        Marco

        Hallo Bilke. Leider ist deine Kritik an der verkürzten Kritik sehr verkürzt. In dem ganzen ellenlangen Text ist kein einziges Argument zu finden, stattdessen subjektive Beobachtungen und wahllose Beschimpfungen. Bei der Betrachtung der Kritik geht du genauso indifferenziert vor, wie es die Kritiker deiner Ansicht nach bei der Betrachtung konventioneller Landwirtschaft tun. Beispiel : Dass es grausam sei, den Kühen die Kälber wegzunehmen ist meiner Erfahrung nach eher ein Argument von Veganern (und in diesem Kontext durchaus sinnvoll) als von Anhängern der Biolandwirtschaft.
        Alles in allem Frage ich mich nach dem Zweck deines Texts. Was willst du erreichen? Eine konstruktive Diskussion fängt man so jedenfalls nicht an.

        • Antworten Juli 17, 2017

          Bilke.

          Hallo Marco, leider ist deine Kritik an meiner verkürzten Kritik sehr verkürzt. Jemandem Subjektivität vorzuwerfen als Argument für die Unrichtigkeit der Argumentation ist herablassend und nun auch nicht wirklich inhaltlich auf meine Argumente eingehen. So, wie du es meinem Text unterstellst. Was soll ich dazu denn jetzt erwidern: Nein oder Ja. Such es dir aus. Übrigens ist es auch nicht viel anders zu sagen „deiner Erfahrung nach“ behaupten eher Veganer_innen es sei grausam Kühen ihre Kälber wegzunehmen. Wessen Erfahrung zählt denn nun mehr? Und wie kommst du automatisch darauf, dass es deine sein muss?

  • Antworten Mai 9, 2017

    Simon

    Das Wegnehmen der Kälber von den Muttertieren habe ich tatsächlich nie als Argument gegen konventionelle Landwirtschaft gehört, sondern immer nur als eines gegen Nutztierhaltung per se, also auch gegen die der ökologischen Landwirtschaft (bis auf einige wenige Ausnahmen). Und als solches fand ich es bisher immer recht überzeugend. Allerdings habe ich solche Momente nie selbst miterlebt, sondern nur gelesen, dass es wohl alles andere als angenehm für die beteiligten Tiere ist. Ich lasse mir aber auch gern gegenteiliges berichten – ist es das also nicht?

    • Antworten Mai 10, 2017

      Katja

      Natürlich ist es für eine Mutterkuh alles andere als angenehm, wenn ihr Kind weggenommen wird! Tiere sind genauso leidensfähig wie Menschen und empfinden sogar Empathie. Dazu gibt es gerade noch eine sehr interessante Doku in der Arte Mediathek: http://www.arte.tv/de/videos/053958-000-A/wie-tiere-fuhlen. Kann ich nur empfehlen:)

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