Durchmathematisierung vs Faktor Mensch

An welchem Punkt bildet sich „das System“? Im Falle unseres krisenanfälligen Wirtschaftssystems bin ich mir sicher: der Fehler beginnt an den Universitäten. Seit drei Jahre studiere ich Volkswirtschaftslehre und habe in dieser Zeit kaum etwas anderes getan als zu rechnen. Denn das Studium der VWL bietet an den meisten deutschen Universitäten keine Theorie, keine Reflexion – nur Zahlen. Das ist von Grund auf problematisch. Denn Mathematik ist nicht in der Lage, den unberechenbaren Faktor Mensch zu fassen. Sie scheitert deswegen oft daran, die Wirklichkeit vorauszusagen. Außerdem vereinfacht sie den Menschen, und Vereinfachungen sind die Grundlage der Unmenschlichkeit.

Wäre die durchmathematisierte Sicht auf die Wirklichkeit nur ein Ansatz unter vielen, wäre das alles nicht weiter schlimm. An den meisten deutschen Universitäten wird jedoch nichts anderes gelehrt. Ganz im Gegenteil: Wer die Mathematisierung infrage stellt, wird belächelt. „Das ist interessant, aber es lässt sich nicht berechnen und ist deswegen nicht wissenschaftlich“ – so oder ähnlich die Erwiderung. Nicht selten kommt diese sogar von den Studierenden selbst. Denn in den Vorlesungen haben sie nicht gelernt, zu reflektieren.

Die Wirtschaftskrise hat an den Universitäten noch nicht zu einem Umdenken geführt. Aus den unreflektierten Studierenden werden weiterhin unreflektierte ManagerInnen und ÖkonomInnen. Aber es gibt mittlerweile einige kritische ProfessorInnen und Gruppen, die sich für mehr Vielfalt in der Lehre einsetzen. Darunter auch das Netzwerk Plurale Ökonomik, auf deren Homepage ihr weitere Informationen und Medienberichte zum Thema findet.
https://www.plurale-oekonomik.de/home/

Ans Herz legen möchte ich allen auch nur ansatzweise Interessierten außerdem eine Dokureihe auf Arte zum Thema Kapitalismus. Sie ist auch für nicht-ÖkonomInnen sehr verständlich und gibt einen guten Überblick über die Entwicklung unseres Wirtschaftssystems.
http://info.arte.tv/de/der-kapitalismus-doku-reihe

Und zu guter Letzt: An mehreren deutschen Universitäten haben sich kritische Hochschulgruppen gebildet, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie unser Wirtschaftssystem nachhaltiger werden kann. Willkommen sind nicht nur WirtschaftsstudentInnen, sondern auch Studierende aus anderen Fachrichtungen. Also keine Scheu.
http://oikos-international.org/

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