Emanzipatorische Bewegungen zusammen bringen – ein Interview mit Johanna vom Connecting Movements Camp

Hallo Johanna,

du bist eine der Organisator*innen des Connecting Movements-Camp. Worum geht es denn bei dem Camp?

Johanna: Wir wollen auf dem Connecting Movements Camp Menschen aus verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen zusammenbringen, zum Beispiel Leute, die sich für Bewegungsfreiheit und Bleiberecht einsetzen, Queerfeminist*innen und Bäuer*innen, die für Ernährungssouveränität kämpfen. Normalerweise denken wir diese Themen ja eher getrennt – dann gibt es feministische Sommercamps, No Border Camps, Klimacamps und so weiter. Das wollen wir aufbrechen. Ziel ist es, sich über Strategien und Visionen der verschiedenen Kämpfe auszutauschen und Zeit und Raum zu haben, so voneinander zu lernen.

Wer seid ihr, wie groß ist euer Team und wann wurde die Idee in konkrete Planungen überführt?

Manche von uns haben in den letzten Jahren schon am Klimacamp im Rheinland mitgearbeitet und Barrios (Nachbar*innenschaften, in denen sich zu einem bestimmten Thema ausgetauscht wurde) zu Antirassismus, Queerfeminismus und Landwirtschaft mitgestaltet. So kam es auch zu der Idee des bewegungsübergreifenden Zusammenkommens, als wir uns Anfang des Jahres ursprünglich zur Planung des Klimacamps getroffen haben und dann aber festgestellt haben, wow, es gibt eigentlich super viele Zusammenhänge zwischen diesen Kämpfen. Andere Leute sind später dazugekommen, wir sind aber weiterhin ein kleiner Kreis – so etwa 15 Menschen.

In eurem Flyer schreibt ihr, ihr wollt über mehr als nur Kohle reden. Worüber wollt ihr denn sprechen?

Kohle und Klimawandel sind natürlich im Rheinland ganz zentral. Aber wenn wir die Klimakatastrophe wirklich aufhalten wollen, dann muss sich an unserer Gesellschaft etwas fundamental verändern. Kapitalismus, Ressourcenverbrauch, das sind so die Themen, die Leuten dazu oft zuerst einfallen. Aber diese Gesellschaft konnte sich nur auf Basis von Kolonialismus, Rassismus und Sexismus entwickeln. Genau das müssen wir anerkennen und gemeinsam überwinden, und wir glauben, dass wir das am besten können, wenn wir aus der Isolation verschiedener Bewegungen rauskommen, sehen, wo wir an den selben Punkten ansetzen können, was es für verschiedene Taktiken gibt und welche Ziele wir teilen.

Wie ist denn die Resonanz auf euren Aufruf und eure Einladung? Mit vielen Menschen rechnet ihr und glaubt ihr, dass ihr das Ziel erreicht viele soziale Bewegungen zusammen zu bringen?

Wir haben viel positive Resonanz zum Zusammendenken dieser Themen bekommen, aber wir können noch gar nicht abschätzen, wie viele Leute kommen. Ein paar hundert? Wir sind ja in direkter Nachbarschaft zum Klimacamp, deshalb ist nicht wirklich absehbar, wo die Menschen letztendlich sein werden. Aber wir Organisator*innen kommen aus verschiedenen Bewegungen, haben da mobilisiert und rechnen auf jeden Fall damit, dass aus den verschiedensten Ecken Menschen beim Camp sein werden. Und egal wie viele es sind, allein diese Diversität wird schon super spannend.

Zwischen welchen Bewegungen seht ihr die meisten Synergien und warum?

Ein wirklich spannendes Beispiel, wo solche Synergien bestehen, ist gerade die Solidarity Cities Bewegung, die auch auf dem Camp Workshops veranstalten wird. Da treffen Kämpfe für Bleiberecht mit Kämpfen für bezahlbaren Wohnraum zusammen, und eigentlich könnte da noch wunderbar Solidarische Landwirtschaft mitgedacht werden… Außerdem finden wir es gerade sehr spannend, uns anzuschauen, wie sich in der aktuellen kapitalistischen, rassistischen, sexistischen Gesellschaft bestimmte Muster in diesen Unterdrückungsformen wiederholen. Das heißt, dass Strategien gegen die einen Herrschaftssysteme vielleicht auch gegen die anderen funktionieren, darüber wollen wir unbedingt diskutieren.

Und zwischen welchen Bewegungen sehr ihr den größten Bedarf zur Kommunikation? Bzw. gibt es Themenbereiche, die sich sogar widersprechen?

Es gibt glaube ich Bereiche, die bisher weniger Berührung haben – zum Beispiel Queerfeminismus und Landwirtschaft. Queerfeminismus ist einfach eine sehr urbane Bewegung und in der Landwirtschaft ist dann oft die Arbeitsbelastung so hoch, dass nicht auch noch Zeit zum Reflektieren von Rollenbildern bleibt. Und im letzten Jahr haben wir immer wieder erlebt, dass vermeintlicher Antisexismus und Antirassismus medial gegeneinander ausgespielt wurden, zum Beispiel mit dieser schrecklichen Silvester-in-Köln-Debatte. Da ist es glaube ich sehr sinnvoll, wenn wir noch näher zusammenkommen und schauen, wie wir da direkter reagieren können und deutlich machen, dass das eben nur zusammen geht. Wirklich widersprechen tut sich glaube ich nichts – im Kern steht überall die Frage nach kollektiver Befreiung. Aber vielleicht sind teils die Taktiken verschieden, wir werden sehen.

Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist relativ jung, wird aber immer stärker. Gibt es aus eurer Sicht bestimmte Punkte, die das Thema Klimagerechtigkeit relevant für andere Bewegungen machen?

In der Klimagerechtigkeitsbewegung kommen im Grunde schon alle anderen oder viele Bewegungen zusammen, weil die Klimakatastrophe ja vor allem bestehende Ungleichheiten zuspitzt – die Frage nach Migration, Wohnraum, Zugang zu Nahrungsmitteln und Wasser, Fragen nach historischer Verantwortung und Kolonialismus. Klimagerechtigkeit ist nur möglich, wenn wir all das mitbedenken, wenn wir eine andere Gesellschaft entwerfen. Und damit sind andere Bewegungen in erster Linie Teil der Lösung – ich glaube nicht, dass da zwangsläufig immer noch extra ans Klima gedacht werden muss, das passiert quasi von allein.

Ihr wollt vor allem mit Open Spaces und der Bar Camp Methode arbeiten? Wie funktioniert das und warum habt ihr euch dafür entschieden?

Wir starten jeden Tag mit einem gemeinsamen kurzen Plenum, in dem alle, die möchte, ihre Themenvorschläge für Workshops, Diskussionsrunden, gemeinsames Chillen, Kunst machen, oder was auch immer sie möchten vorstellen können. Dann finden sich dazu Interessierte, und in einem Vormittags- und einem Nachmittagszeitraum kann sich dann zu der gemeinsamen Veranstaltung verabredet werden. Es gibt auf jeden Fall genug Räume für alle Ideen. Wir glauben, dass es sehr viel Wissen in all unseren Gruppen und Bewegungen gibt, und dass wir diese klassischen Expert*innen-/Zuhörer*innenrollen aufbrechen sollten, um wirklich all dieses Wissen gleichberechtigter zu teilen. Auf unserer Website gibt es schon ein paar Beschreibungen, auf welche Themen Leute Lust haben, und wir freuen uns, wenn uns noch mehr Ideen geschickt werden.

Das klingt alles sehr einladend. Wann und wo geht es los?

Das ist auch sehr einladend gemeint! Wir wollen, dass ihr alle kommt: los geht’s am Freitag, am 18. August und geht bis zum 29. Mit dem Aufbau beginnen wir schon Dienstag, am 15.8., gemeinsam mit einem offenen Organisationstreffen, auch da kann mensch schon sehr gerne hinkommen. Wir sind direkt am Klimacamp in der Nähe von Erkelenz am alten Lahey Park. Wir sind super gespannt wie es wird und freuen uns, dass es jetzt endlich losgeht!

Und wir wünschen euch viel Erfolg und eine gute Zeit!

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