Es gab da mal jemanden – Von Übergriffigkeit und Akzeptanz

von Deborah Schmitt

Das ist nicht an ihn. Das ist an Mädchen wie mich, denen gesagt wird, sie stellten sich nur an, sie hätten ja doch nur Angst. Sie seien verklemmt. Das ist an alle, die Grenzen haben, die überschritten wurden und, an alle, die sich danach selbst Vorwürfe machten und sich in einem ewigen Fragenzirkel bewegten, bis ihnen schlecht wurde.

Unterschiedliche Vorstellungen beim Kennenlernen

Das erste Mal trafen wir uns auf einer Party auf dem Dorf. Ab dann schrieben wir viel miteinander. Ich stellte sofort klar, dass ich keine Beziehung möchte und auch nur an einer Freundschaft mit ihm interessiert sei. Er brach den Kontakt ab, war kurze Zeit später aber doch damit einverstanden. Es gab viele Hin- und Hers, viele Kontaktabbrüche, letztlich feierten wir zusammen auf einer Party. Kurze Zeit vorher schloss ich innerlich mit der Freundschaft ab, weil er den regelmäßigen Kontakt mit „normalen Freunden“ nicht brauche; es reiche, wenn man sich ab und zu mal irgendwo sehe und sich gut verstehe.
Auf der Feier betranken und küssten wir uns und verbrachten so die ganze Nacht.

Ab da lief es eine Zeit lang gut. Ich stellte ein paar Dinge klar: Keine Beziehung, keinen Sex. Falls ihm das nicht passe, würden wir es sofort beenden. Kein Problem, es werde zu keinen unangenehmen Situationen kommen, versprach er.

Wir telefonierten aufgrund der Entfernung viel miteinander und sahen uns seltener. Ich brach öfter den Kontakt ab, weil ich merkte, dass er andere Dinge wollte als ich. Er wollte eine Beziehung und Sex. Ich wollte keins von beidem und entwickelte auch keine starken Gefühle des Verliebtseins.

Irgendwann fragte er, ob er andere Frauen treffen könne. Klar, sagte ich. Es gebe ja keine Verpflichtungen und Erwartungen.

Nach einem gemeinsamen Wochenende zusammen, fühlte ich mich als hätte ich einen Kater, obwohl ich keinen hatte. Es war nicht zu viel Alkohol, es war zu viel Körperkontakt, zu viel von ihm. Ich rief ihn noch abends an und sagte, dass mir unser Verhältnis körperlich zu weit und emotional nicht weit genug gehe. Er erzählte mir, dass es vielleicht ganz gut sei, dass es vorbei sei, weil er sich dann für mich auch nicht mehr rechtfertigen müsse. Er erzählte mir von einer Situation in der Bar, wo er mit einem Freund darüber gelacht habe, dass ich nix Festes, aber auch keinen Sex wolle. Er sagte, dass er das Ende jetzt echt schade finde, es wahrscheinlich die Nacht nicht so einfach für ihn werde, es aber danach schon okay sei.

Ich wusste, dass ich ihn am Telefon verletzt hatte. Nach einer Woche fragte ich nach, ob wir wieder Freunde sein könnten. Ich fühlte mich schlecht für meine Worte und dafür, dass ich ihm locker und unbeschwert gesagt hatte, die Vergangenheit sei zwar schön gewesen, es aber keine Zukunft in unserem Verhältnis zueinander gebe. Er sah keinen Sinn darin, sich rein freundschaftlich zu treffen. Als ich zustimmte, wir könnten uns wie die Male zuvor wieder treffen, stimmte er einer „Freundschaft“ zu.

Eines Abends trafen wir uns. Er fragte, ob ich nicht doch bei ihm schlafen wolle, denn dann müsse er mich nicht heimfahren und könne Wein trinken. Ich stimmte zu. Die Nächte, die wir schon vorher hin und wieder miteinander verbracht hatten, war nichts passiert, was ich nicht gewollt hatte.
In dieser Nacht küsste er mich. Er küsste meinen Hals und meine Lippen. Er berührte meine Brüste und meinen Hintern. Irgendwann wollte er den Knopf meiner Jeans öffnen. Bis zu diesem Punkt war es auch bei seinem Besuch bei mir schon gekommen. Einen Tag später hatten wir das Telefonat gehabt, in dem ich gesagt hatte, dass es mir körperlich zu weit gegangen war. Er wusste also, dass mir das damals schon zu weit gegangen war.

Ich sagte „nein“, wie auch an dem vergangenen Abend. Er versuchte kurze Zeit später, seine Hand in meine Hose zu schieben, und wieder sagte ich „nein“. Dann begann er trotz Hose, an mir zu rubbeln und zu reiben, wurde immer schneller und ich merkte erst überhaupt nichts durch meine Jeans. Dann verstand ich, was er versuchte. Ich starrte die Wand an, wusste nicht, was ich fühlte und wie ich reagieren sollte. Ich erstarrte und ließ es über mir ergehen. Ich fragte mich, wie er zu dem Gedanken komme, ich fände das geil. Und auch, ob es ihm überhaupt darum gehe, was MIR gefalle, denn wenn es ihm ehrlich um mein Wohlbefinden gegangen wäre, hätte er mich gar nicht erst so angefasst, sondern mein mehrfach geäußertes „nein“ geachtet. Die ganze Zeit über fragte ich mich, wann er endlich damit aufhören würde.

Irgendwann fragte er mich endlich, ob er noch weiter machen solle. Ich sagte ein drittes Mal „nein“ und drehte mich weg. Ich hatte ja nicht einmal gewollt, dass er anfängt. Ich wollte nicht mehr berührt werden. Ich atmete schwer, dann ganz langsam, dann schneller und wieder fast gar nicht. Ich schlief ein. Wachte wieder auf. Ich hatte Angst. Vor ihm, vor mir und vor dem, was jetzt passieren würde. Vor der Zukunft. Weil ich wusste, dass das etwas geändert hatte. Er fragte, ob er mich nach Hause bringen solle. Ja, entgegnete ich. Eigentlich wollte ich nicht nach Hause, aber noch weniger wollte ich dort bleiben.

Er wollte mich küssen. Ich ließ es geschehen. Er fragte, was sei, weil ich seinen Kuss nicht erwiderte oder erleichtert aussah, als es vorbei war. Ich wusste keine Antwort, wollte nur los. Fühlte mich elend und verloren. Er wollte mich immer wieder küssen. Ich wollte nicht. Eine Umarmung brachte ich zustande. Er umarmte mich lange, zumindest kam es mir lange vor. Ich fragte mich, ob er versuchte, alles wieder mit einer Umarmung gut zu machen oder ob er überhaupt merkte, was er getan hatte. Ich war wie gelähmt, wie betäubt und nicht in meinem eigenen Körper.

Ich ging sofort in mein Zimmer und versuchte zu schlafen, was mir kaum gelang. Mein Hals war blau von Knutschflecken, ich zog einen Schal an. Den Tag verbrachte ich mit einem guten Freund, der nichts von alldem ahnte. Ich lachte so viel wie selten zuvor und fühlte mich trotzdem so kaputt wie noch nie. Irgendwas war zerbrochen. Und es war nicht nur die Freundschaft. Es war mehr. Es war Vertrauen. Nicht nur in ihn, sondern in das Menschliche. Es war mehr als Vertrauen. Irgendwas ist zerbrochen.

Die Monate danach

Danach schrieb er mir von irgendeiner Familienfeier, mich interessierte nichts von alldem. Es waren leichte Dinge, für die ich zwischen meiner Schwere keinen Platz hatte. Ich sagte, ich brauche Zeit.

Ein paar Tage später war ich auf einem Konzert. Der Gitarrist fuhr über die Saiten, immer wieder, immer schneller. Ich musste an die Nacht denken.
In einem Café rüttelte der Kellner an der Kaffeemaschine, an der er etwas auseinander gebaut hatte. Wieder dachte ich an die Hand zwischen meinen Beinen und den Arm, der sich immer schneller auf und ab bewegte.

Immer wieder fragte ich mich, was ich falsch gemacht hatte und wodurch ich ihm das Gefühl gegeben hatte, ich würde mehr wollen. Ich hasste mich selbst dafür, nicht noch einmal „nein“ gesagt zu haben. Aber ich hatte es bereits gesagt und er hatte es nicht beachtet. Wieder war ich harmoniebedürftig, wollte keinen Stress schieben, wollte kein schlechtes Gewissen haben, wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, wollte mich nicht so anstellen, wollte keine Dramaqueen sein. Nahm ihn in Schutz. Wollte nicht, dass er sich so scheiße fühlen würde wie ich, weil ich mir das Schuldgefühl so schlimm vorstellte. Mindestens so schlimm wie das Gefühl, das ich hatte. Ich wollte Zeit für mich, er hingegen wollte darüber reden. Also ließ ich uns reden. War locker, machte Scherze und tat, als sei es einfach dumm gelaufen. Ich sagte ihm, dass es sicher andere Mädchen gebe, die das nicht so eng sehen würden, und dass ich da wahrscheinlich einfach empfindlich sei. Das wisse er, sagte er. Trotz all der gespielten Leichtigkeit machte ich klar, dass es damit endgültig für mich vorbei sei.
Er sagte, dass er mich ja nun nicht einmal mehr umarmen könne, und ich verdrehte die Augen und umarmte ihn kurz und sagte genervt, dass ich ihn schon umarmen könne, wenn das so wichtig sei. Das war unsere letzte Umarmung, die er eingefordert hat. Er akzeptiere ja all das. Generell sagte er mir immer, wie sehr er alles akzeptiere. „Das muss ich dann akzeptieren, auch wenn es natürlich sehr schade ist“, war einer seiner Standardsätze. Akzeptanz ist etwas ganz, ganz anderes.

Eine Woche später meldete er sich wieder, obwohl wir gesagt hatten, dass wir es nicht tun würden, um jetzt abzuschließen. Wie es mir gehe und ob ich meine Meinung nicht zufällig geändert habe. Ich solle mal etwas riskieren und es wäre eine verpasste Chance, wenn ich es nicht täte. Risikos war ich genug eingegangen und ich bereute es natürlich, bei ihm geschlafen zu haben. Ich wollte nicht. „Mach’s gut“, schrieb er dann. Er blicke nun trotzdem auf eine schöne Zeit zurück.

Dann erzählte ich einer meiner besten Freundinnen die ganze Geschichte. Durch sie wurde mir erst bewusst, was eigentlich passiert war und wir beide kamen zu dem Entschluss, ich könne es nicht so stehen lassen, weil er offenbar immer noch nicht verstand, was er getan hatte. Ich schrieb ihm einen Brief, für den Fall, dass ich ihn nicht mehr sehen würde. Ich schrieb, wie sehr er mich verletzt und was für eine Scheiße er gebaut habe. Schrieb, dass ich manchmal am liebsten auf die Straße kotzen würde, wenn ich daran denke. Ich schrieb ihm all das mit der Klarheit und Schärfe, von der ich dachte, er würde es endlich verstehen. Obwohl ich zunächst mit ihm sprechen wollte und ihm alles ins Gesicht sagen wollte, wurde mir immer mehr bewusst, dass ich die Schärfe mit meinen gesprochenen Worten nicht erreichen würde.
Ich sah ihn auf einer Feier am Wochenende. Wie schon angenommen konnte ich kein Gespräch führen, weil ich viel zu betrunken, verheult und ängstlich war. Die besagte Freundin schob mich zu ihm und redete auf mich ein. Zum ersten Mal seit dieser Nacht ließ ich allen Tränen freien Lauf. Die Tränen, die ich nie geweint hatte, der Abstand, den ich mir nie erkämpft hatte. Ich wollte ihn nicht sehen, ich wollte nur, dass er den Brief bekommen und mich danach für immer in Ruhe lassen würde. Endlich spürte ich sowas wie Wut in mir. Auf ihn. Auf das, was er getan hatte. Alleine hätte ich wahrscheinlich immer noch darüber nachgedacht, wie wir jetzt mit der Situation klarkommen würden – beide.
„Ach du scheiße“ war seine Reaktion darauf, dass ich ihm einen Brief geschrieben habe. Dann sagte er, dass er hoffe, dass ich wisse, dass das für ihn was Besonderes mit mir gewesen sei. Ich schüttelte den Kopf und verschwand. Seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen.

Ein oder zwei Tage später kam eine Nachricht. Ihm tue das alles schrecklich leid. Er wünsche, dass ich bald wieder glücklich sein könne und wenn er irgendwas für mich tun könne, sei er für mich da. Er würde aber meinem Wunsch nachkommen und versprach mir, dass dies seine letzte Nachricht sein würde. Ich antwortete nicht darauf. Seine Worte, die scheinheilige Akzeptanz und seine Reue kamen mir wie eine erneute Strategie vor, mich doch noch einmal davon zu überzeugen, was für ein netter, verständnisvoller Kerl er sei.

Die nächsten Tage war ich immer wieder geneigt, ihm zu antworten. Zu sagen, dass alles gut werden würde für ihn und für mich. Irgendwann, getrennt und unabhängig voneinander. Ich konnte mir nach meinem Brief das Schuldgefühl, vor dem ich ihn ständig bewahren wollte, vorstellen. Ich fühlte mich so, als müsste ich ihm sagen, dass es doch alles okay werden würde, letztendlich. Aber das stimmt nicht. Ich bin durch Selbstvorwürfe und endlose Frageschleifen gegangen und habe endlich akzeptiert: Wenn jemand diese Schuldgefühle haben sollte, dann er.
Es gab da mal so jemanden. Es gab da mal so jemanden, den ich vor etwas beschützen wollte, von dem ich dachte, dass es eines der schlimmsten Gefühle auf der Welt sein muss: Schuld.

Einige Wochen später erreichte mich eine Nachricht auf dem Handy. Er hoffe, es gehe mir gut und er wolle sich noch einmal auf einen Kaffee treffen – oder zumindest telefonieren. Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte in dem Brief die ganze Enttäuschung und Wut formuliert, was keinen Raum für Missverständnisse gab.
Ich erzählte es einer sehr guten Freundin. Ich fragte, wie jemand so klare Worte nicht verstehen könne und wie er sich so eine Nachricht nach dem Brief erlauben könne. Sie sagte den wichtigsten Satz, den ich zu ihm gehört habe: „Das klingt jetzt vielleicht hart, aber wahrscheinlich ist es ihm einfach egal.“

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„You own everything that happened to you. Tell your stories. If people wanted you to write warmly about them, they should have behaved better.“ – Anne Lamott

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