FICKO http://ficko-magazin.de Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte Tue, 20 Feb 2018 11:56:05 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.3 Ihr seid kein Stück besser – Vom Sexismus der Punkszene http://ficko-magazin.de/ihr-seid-kein-stueck-besser-vom-sexismus-der-punkszene/ http://ficko-magazin.de/ihr-seid-kein-stueck-besser-vom-sexismus-der-punkszene/#respond Tue, 20 Feb 2018 11:56:05 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1289 Inhaltshinweis: Sexualisierte Gewalt, selbstverletzendes Verhalten.

Das erste Mal in meinem Leben mit sexuellen Übergriffen konfrontiert wurde ich innerhalb der Punkszene. Ich erinnere mich an ein Exploited-Konzert, auf dem das Publikum ungefähr genauso reaktionär, bräsig, scheiße und stumpf war wie die Band selber, aber mit 15 kannte ich Twisted Chords Records oder Zeitstrafe noch nicht. Mir packte ein wesentlich älterer Mann im Pogo an den Hintern. Nein, nicht heimlich oder verschämt, sondern öffentlich, grinsend, als sei das etwas ganz Normales, als würde er eine Dose Bier öffnen.

Ich hatte damals einen guten Freund, der öfter ungefragt seinen Penis herausholte, damit herumwedelte, einmal einer schlafenden Freundin auf den Kopf legte. Eine damalige Freundin erzählte, dass sie in der WG von zwei Bekannten übernachtet hatte, die nachts begonnen hatten sie sexuell zu belästigen. Sie war damals 14.

Oh, und da war dieser Typ, der Frauen regelmäßig lautstark dazu aufforderte, ihre Brüste zu entblößen. Meine Freund*innen fanden das albern, peinlich, aber niemand hat diesen Mann jemals für seinen stumpfen Sexismus sanktioniert.

Dann war die Vergewaltigung nach irgendeinem schlechten Punkkonzert und die danach noch wochenlang andauernden Anrufe meines Vergewaltigers. Ich hatte ihm meine Telefonnummer gegeben. Ich war 15. Ich hatte keine Ahnung, wie man adäquat damit umgehen sollte, gerade von einem fünf Jahre älteren Typen so lange genötigt worden zu sein bis man irgendwann aufgehört hatte, „Nein“ zu sagen.

Das waren meine persönlichen Erfahrungen, die ich Mitte der 2000er Jahre in der Münchner Deutschpunkszene machen durfte. Strukturell geht das Problem natürlich viel weiter.

In seinen Anfängen zeichnete sich Punk durch einen in der situationistischen Gesellschaftstheorie verwurzelten, verzweifelten Wunsch nach der Negation der Verhältnisse aus. Der revolutionäre Anspruch, der einst Antrieb und Ausdruck von Punk war, manifestiert sich natürlich auch in der Wahrnehmung von Geschlecht und dem weiblichen Körper. Punk war Hohnlachen ins Gesicht der Gesellschaft des kalten Krieges, deren verzweifelter Wunsch in der permanenten Angst vor der atomaren Vernichtung eine Illusion von Normalität aufrecht zu erhalten sich auch am Festklammern an ein tradiertes Geschlechterbild widerspiegelte.

Frühe Bands wie die Slits oder X-Ray Spex (1970er) und später die Riot Grrrls (1990er), Siouxsie, die inzwischen leider vollkommen abgedrehte Nina Hagen brachen sowohl mit den herrschenden Geschlechternormen von Passivität und Fürsorglichkeit, als auch mit der Vorstellung des weiblichen Körpers als Verfügungsgut für männliche Begierde.

Dies manifestierte sich natürlich auch in der Kleidung: zerrissene Strumpfhose, an die SM-Szene erinnernde Nietenhalsbänder, Tütüs in Kombination mit schweren Lederjacken und Springerstiefeln. So hatte man das Leid, unter der patriarchalen Herrschaft gleichzeitig Barbie- als auch Sexpuppe sein zu müssen gleichzeitig subversieren und den potentiellen Tätern vor Augen führen können.

Doch auch damals schon, als Punk noch das Label „Avantgarde“ für sich beanspruchen konnte, sahen sich Frauenpunkbands wie die „Slits“ mit Sexismus konfrontiert, wie Viv Albertine in einem Rolling Stone-Artikel beschreibt.


Von Männern für Männer

Seitdem ist es weniger besser, sondern eher schlimmer geworden. Die Masse des Punkrock, gerade dieser Eiterpickel der sich „Deutschpunk“ nennt, hat jegliche Widersprüchlichkeit und Subversion, den Wunsch nach Negation, die Zerrissenheit und Verzweiflung, der Punk einmal innewohnte und partiell nach wie vor innewohnen kann, vergessen.

Seien es Altmännerbands wie die „Dickies“, die ihr Publikum auf einem Konzert dazu aufforderten, eine junge Frau verbal zu erniedrigen, nachdem diese den Sänger kritisiert hatte. Plattenlabels, die Alben von Bands herausbringen, deren Musik nichts anderes ist als pubertäres Macho-Gehabe. Konzert- und Festivalveranstalter, denen es egaler nicht sein könnte, dass auf ihrer Veranstaltung sexuelle Übergriffe stattfinden.

Als ich 15 war, hatte ich kaum theoretische Ahnung, wie es denn so ist mit dem Geschlechterverhältnis. Zur versierten Feministin wurde ich erst im Laufe der Zeit. Aber schon damals war mir bewusst, dass irgendetwas falsch läuft. Ich wollte nicht das Objekt irgendwelcher männlichen Sexfantasien sein. Ich wollte nicht schön und dünn sein müssen. Ich verabscheute diese Gesellschaft und ihre Vertreter*innen, ich sehnte mich nach einer anderen und besseren Welt, und hatte endlich dieser Subkultur gefunden, in der ich hoffte, dies ausleben zu können. Mit 15 war ich noch ein gutes Stück idealistischer und hoffnungsvoller als ich es heute bin.

Denn auch in dieser Szene schienen Männer irgendwie nicht so begreifen zu können, dass ich eigentlich das Bild von Schönheit und Sexyness dekonstruieren und eben nicht männliches Lustobjekt sein wollte, auch wenn ich es damals nicht so formuliert hätte.

Nun, gerade die deutsche Punkszene hat ihren einstigen Anspruch an den subversiven Ausdruck von Verzweiflung, der in den Achtzigern noch vorhanden war, zugunsten von diffusem Gegröle gegen Bullen oder „die da oben“ aufgegeben. Wer braucht schon Gesellschaftskritik, wenn die nächste lauwarme Dose Öttinger in der Nähe ist?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in meinem damaligen Freundeskreis Feminismus großartig diskutiert wurde. Als ich in einem kleinen DIY-Fanzine mit dem schwer aufrührerischen Namen „Gesprengte Ketten“ (meine ersten journalistischen Gehversuche!) über Sexismus der spanischen Anarchisten und die Mujeres Libres einreichen wollte, warfen mir die Genossen „Männerfeindlichkeit“ vor. In Retrospektive hatte kaum jemand ein Bewusstsein für Sexismus und patriarchale Strukturen. Nun, wir waren Teenager könnte man jetzt sagen. Wir wollten Saufen und irgendwie dagegen sein und waren viel zu sehr in die Wirren der Pubertät verstrickt, um uns mit so komplizierten Dingen wie den Geschlechterverhältnissen zu befassen. Könnte man sagen. Aber wenn man sich nicht mit komplizierten Dingen wie den Geschlechterverhältnissen befasst, passieren all die Dinge, die ich eingangs aufgezählt hatte und die mich bis zur Selbstverletzung hin traumatisierten.


Männliche Ideale, Frauen als Garnitur

Die Männer in dieser Szene hatten, wie die meisten Männer überall auch, keinerlei Interesse daran ihre Machtposition zu reflektieren, sondern stattdessen, wie die meisten Männer überall, diese bewusst oder unbewusst auszunutzen.

Ich war 15. Ich war von meiner Pubertät und meiner eigenen Sexualität gnadenlos überfordert. Verliebtheit und erotisches Begehren, als auch die Erfahrung so etwas hervorrufen zu können, waren aufregend, unbekannt und unheimlich, und natürlich experimentierte ich damit.

Nun, es ist in der Struktur der Verhältnisse verwurzelt, dass Männer ungefestigte weibliche Sexualität ausnutzen, und dem war auch in der Punkszene so. Das, was als Versuch startete den Unwillen Sexobjekt zu sein ästhetisch gebrochen zu vermitteln, entwickelte sich zu dem Zwang, einer gewissen Punk-Erotik zu entsprechen, die inzwischen auch zunehmend im Mainstream fetischisiert wird.

Einhergehend mit Freizeitbeschäftigungen wie Saufen und infantiler Rebellion versuchte man sich von Gleichaltrigen, die man für viel naiver und unbedarfter hielt als eine selbst, abzugrenzen. Sex gehörte dazu. Ich fühlte mich unreif und verunsichert, weil ich mit 15 noch keinen penetrativen Geschlechtsverkehr hatte. Dies führte übrigens dazu, dass mein „erstes Mal“, wie es so schön heißt, mir von einem 21-Jährigen Typen auf einem Festival angetan worden war, der davor Unmengen an Gras mit mir geraucht hatte. Ich war 15.

Was tut man denn nicht alles, um endlich damit prahlen zu können auch Opfer der sexuellen Zurichtung im Patriarchat geworden zu sein. Dass der Typ, der mich „entjungferte“, keinerlei Skrupel hatte eine Minderjährige unter Drogen zu setzen und dann zu ficken, fiel mir erst zehn Jahre später auf. Um mich reif und erwachsen zu fühlen, was ich beim besten Willen nicht war, ich war nämlich 15 und konnte all das, was in mir und um mich herum passierte, weder in Gedanken noch in Worte fassen, ließ ich mich zu Handlungen hinreißen, für die ich vielleicht noch ein oder zwei Jahre Zeit gebraucht hätte. Ich mache mir das nicht zum Vorwurf. Ich mache das den Verhältnissen und denjenigen, die sie an mir vollstreckt haben zum Vorwurf.

Sexualität im Punk war also eine schwierige Sache. Man höre sich alleine nur Lieder im Stil von „Kleines Luder“ von den Wohlstandskindern an.

Ich erlebte eine Atmosphäre, in der die permanente Verfügbarkeit über den weiblichen Körper als Autonomie verkauft wurde, in der Sex genauso unsinnlich war wie eine Bierdusche auf einem Kassierer-Konzert. Erwachsene Männer konnten ohne groß darüber nachdachten sexuelle Machtdiskrepanzen für sich ausnutzten, in dem sie mit verunsicherten jungen Mädchen schliefen.

Die kollektive Vorstellung weiblicher Sexualität bestand aus: „die wollen es ja“, und auch ich selbst glaubte es wollen zu müssen.

Virginie Despentes beschreibt in ihrem Buch „King Kong Theorie“ davon, dass sie und eine Freundin auf dem Rückweg von einem Punkkonzert von drei Männern vergewaltigt wurden. Sie seien, so Despentes, allesamt der Ansicht, dass diese Zeckenschlampen ausnahmslos ohnehin so triebhaft waren, dass man sie gar nicht vergewaltigen konnte. Unsägliche, sich durch eine „Male Gaze“ auszeichnende Verkulturindustrialisierungen des Punks wie der „Chaostage – We are Punks!“-Film aus dem Jahre 2009, der die Exfreundin des Protagonisten als knapp bekleidete Nymphomanin mit Nietengürtel darstellt, tragen zu dieser Wahrnehmung bei, sowohl inner- als auch außerhalb der Szene.

Macht und Angriff

Ich bin heilfroh, dass ich selbst nie auf dem Force Attack war. Ich habe Erzählungen gehört, dass dieses Festival nichts anderes gewesen sein muss als die pure Barbarei für Frauen. Dass mit dem Kommentar „Geile Titten!“ an die Brüste gepackt zu bekommen noch eine nette Form der Begrüßung war. Eine Frau, die dort Security gemacht hatte, erzählte mir, dass ihr Job in erster Linie war zu verhindern, dass männliche Besucher betrunkene Frauen vergewaltigten.

In dieser ganzen bewusst unpolitisch und auf Spaß, der natürlich auch hier der Spaß der Mächtigeren – Männer – war, angelegten Widerlichkeit namens Deutschpunk ist der einstige Anspruch auf Subversion und individuelle Freiheit aufgegeben.

Ich hatte dann auch die Schnauze voll und habe angefangen, Antifa-Arbeit zu machen, feministischen Punk und Riot Grrrl zu hören und mich mit dem Geschlechterverhältnis zu befassen. Ich realisierte für mich, dass Punk „Not just boys‘ fun“ sein muss. Von meinen ehemaligen Deutschpunk-Freund*innen wurde ich verstoßen, weil ich ihnen zu „politisch“ geworden war, ich weine dem bis heute keine Träne mehr nach. Nun, auch in der Antifa-Szene habe ich sexuelle Übergriffe und – wenn auch verschleierten – Sexismus erlebt. Aber man arbeitete zumindest an einem feministischen Bewusstsein. Das ist ein Unterschied um Längen.

Doch auch in der deutschen Punk-Szene gibt es noch Helden: ein Freund erzählte mir von einem Force Attack-Besuch, bei dem ein ihm Unbekannter Männern mit seinen schweren Stahlkappenstiefeln in den Schritt getreten hatte. Seine Motivation muss wohl eher sadistische Willkür gewesen sein, aber auf dem Force Attack ist dieser Akt nichts anderes als Vergewaltigungsprävention.

Dieser Artikel ist dem unbekannten Eiertreter gewidmet.

]]> http://ficko-magazin.de/ihr-seid-kein-stueck-besser-vom-sexismus-der-punkszene/feed/ 0 Blick nach vorn – zurück? http://ficko-magazin.de/blick-nach-vorn-zurueck/ http://ficko-magazin.de/blick-nach-vorn-zurueck/#respond Fri, 26 Jan 2018 16:00:13 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1253 Dieser Artikel wurde von unserem Gastautor Matthias Heine verfasst. Matthias ist Schauspieler, Regisseur, Leiter des Theaterjugendclubs des Piccolo Theaters Cottbus und stellvertretender Leiter des Piccolo Theaters Cottbus.

 

Wie viel Würdigung, Wertschätzung und Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland muss man als junger Afghane erhalten, um nicht abgeschoben zu werden? Sieben von acht afghanischen, theaterbegeisterten Jugendlichen des Theaterjugendclubs WUNDERBAR aus Minden droht nun die Abschiebung.

„Blick nach vorn“ hieß ihr Jugendclubstück, also ein Theaterstück von Jugendlichen für Jugendliche, das mich beim „Theatertreffen der Jugend“ (Berliner Festspiele) nachhaltig beeindruckt hat. Ich arbeite selbst als Theaterpädagoge und mein eigener Theaterjugendclub vom Piccolo Theater in Cottbus war auch auf diesem Festival eingeladen. Mit der Mindener Gruppe verbrachten wir eine intensive Festivalwoche.

Das „Theatertreffen der Jugend“ ist der Bundeswettbewerb der Berliner Festspiele und ist neben dem „Bundestreffen der Jugendclubs an Theatern“ das wichtigste Festival für das Theater mit jugendlichen Spielerinnen und Spielern. Gefördert wird das Festival vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sehr viel Bund, sehr viel Jugend, sehr viel Theater, sehr viel gut.

Die kleinste Maske der Welt

„Blick nach vorn“ hat uns im Sommer umgehauen. Zehn jugendliche Spielerinnen und Spieler zeigten ein berührendes Clownstheater und thematisierten dabei ihre Erfahrungen von Flucht, Ankunft und ihre Hoffnungen für die Zukunft. Mitten im Gesicht – die kleinste Maske der Welt. Und ob man vorher Clowns nun mochte oder nicht – diese mag man nachher. In dem Spiel machen sich die Akteure in einem Boot auf einen Weg. Auf hoher See zieht ein Sturm auf. Panisch klammern sich die Clowns aneinander und überleben wie durch ein Wunder. Sie rudern auf ein ihnen unbekanntes Land zu. Skurrile Begegnungen mit Menschen und neue Situationen lassen die Clowns staunen und lernen.

Das Ganze kommt so leicht daher, dass es uns den Atem stocken lässt. Vor allem, weil sie uns ihre wirklichen, ihre echten Erfahrungen mit Krieg, Tod und Zerstörung vorenthalten, oder besser übersetzen. Weil sie uns nur zeigen, was wir verstehen. Und doch sitzt der Krieg allgegenwärtig, wie ein still gaffendes Monstrum auf dieser Bühne, ohne dass er uns wirklich zugemutet wird. Es ist, als würden sie versuchen, unsere Sprache zu sprechen. Das Publikum reißt es aus den Sitzen.

Auf dem Festival, in den Workshops und in den Aufführungsgesprächen erlebte ich die Gruppe offen, herzlich, witzig, also sehr angenehm. Ich habe mich sehr über die Entscheidung der Bundesjury gefreut und wünschte mir noch mehr Öffentlichkeit für diese Produktion. Die bekamen sie.

Bundesweite Erfolge

Die Gruppe aus Minden schaffte es außerdem in die Auswahl des 27. „Bundestreffens Jugendclubs an Theatern“ in Bremen, wo wir das Vergnügen hatten, sie wieder zu treffen und eine weitere intensive Woche mit den acht Afghanen und den zwei deutschen Jugendlichen zu verbringen. Das Bundestreffen wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Wieder traten unsere Clowns auf und verzauberten das Publikum, das ihnen wieder mit stehenden Ovationen und auch Tränen in den Augen dankte. Denn sehr bewegend ist vor allem der Schluss des Stückes. Die Clowns setzen sich an die Rampe und nehmen ihre Nasen ab. Dann ist eine Collage aus Audioeinspielern zu hören, die sie selbst eingesprochen haben. Ihre Wünsche und Vorstellungen für die Zukunft. Eine Zukunft in Deutschland, eine Zukunft auch für ihre Familien, in Würde, in Frieden. Der ganze Saal schweigt und hört und sieht und versteht.

In der letzten Woche hat die Gruppe einen weiteren, einen dritten Bundeswettbewerb gewonnen. Wieder fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Wieder wurden sie beklatscht, wurden bestaunt, wurden als beispielhaft geehrt. Die schönen Gruppenfotos mit Politiker*innen findet man auf den Webseiten der Ministerien. Sieben der acht jungen Afghanen hatten zur selben Zeit schon ihre Abschiebebescheide in den Briefkästen. Sie wussten schon, dass sie nicht bleiben dürfen, als Sie sich in Berlin zum letzten Mal an die Bühnenkante gesetzt haben, um sich ihre eigenen zerplatzten Hoffnungen anzuhören und dabei von einem gerührten deutschen Publikum angeschaut zu werden. Was für eine Situation. Das geht nicht!

Der Vorhang fällt, die Abschiebung droht

Etwa zur gleichen Zeit halten Vertreter der frisch gewählten rechtsextremen Partei im deutschen Bundestag die ersten Reden. Ein alter Mann im braunen Sakko sagt:

Und nun, Frau Verteidigungsministerin, wollen Sie erneut deutsche Soldaten zur Staatensicherung nach Afghanistan schicken, während afghanische Flüchtlinge auf dem Kudamm Kaffee trinken, anstatt beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen.

Danach macht er eine Pause, wie um eine Pointe durchzulassen, schaut über seine Brille hinweg in das Auditorium und schiebt die Unterlippe über die Oberlippe. Der rechte Flügel johlt und jubelt. Der alte Mann ist bei dieser Bemerkung weit, weit weg von Wahrhaftigkeit und, ich denke, er weiß das auch.

Diese zynische Bemerkung wäre vielleicht nicht, wie ein Kalauer, aus seinem Mund gerutscht, hätte er sich beispielsweise einmal ernsthaft mit einem der jungen Spieler aus Minden unterhalten. Hätte er sie erlebt. Er hätte etwas über ihre Situation, über Fluchtgründe, über ihr Einzelschicksal und die Situation in ihrem Heimatland erfahren können, anstatt sich wieder und wieder niedrigsten Ressentiment hinzugeben.

Belall, Nabiullah, Ali, Mustafa, Helall, Emal und Pirooz werden uns, so wie es aussieht, bald keine Auskunft mehr geben können. Die rote Nase ist ab. Das Spiel naiv und vorbei. Die Wirklichkeit in unserem Land ist brutal und durchsetzt mit doppelter Moral. Sie pervertiert sich täglich auf den verschiedensten Ebenen selbst. Dazu braucht es keine schwarz+gelbe oder braune+blaue Regierung. Das schaffen auch Ministerien in roter Verantwortung.

Der Mindener „Blick nach vorn“ bleibt eine mit Preisen bedachte Utopie im Theaterspiel und damit ein trauriges Sinnbild, wie ein „atmender Rahmen“ oder „Obergrenzen für Grundrechte“. Natürlich werden wir zusammen mit den Jugendlichen der deutschen Theaterjugendclubszene versuchen unsere Freunde zu unterstützen und eine Öffentlichkeit für sie herzustellen. Ob das eine rechtlich wirksame Abschiebung verhindert? Wir werden sehen, wie ein Blick nach vorn aussieht in Deutschland.

Und doch steht so am Ende der Versuch. Dann ist’s nicht ganz so finster.
Happy New Year!

 

Zum Weiterlesen:

Die Petition, die Matthias ins Leben gerufen hat, um die erneute Begutachtung der Asylanträge und ein Bleiberecht für die jungen TheaterspielerInnen aus Afghanistan zu erwirken

Die Internetseite des „Theatertreffen der Jugend (Berliner Festspiele)“

Alle Informationen zum diesjährigen Bundestreffen „Jugendclubs an Theater“

Wer sich jetzt fragt, was in Cottbus noch so alles geht, möge z.B. Cottbus Nazifrei  anschauen, ein „Netzwerk von Initiativen, Organisationen, Bewegungen und Einzelpersonen. (…) Ziele sind, Rassismus in Cottbus den öffentlichen Raum zu nehmen, Aufmärsche von Neonazis und Rechtspopulist*innen zu verhindern, den gesellschaftlichen Alltag in Cottbus antifaschistisch zu begleiten und mit positiven Alternativen und Lebensentwürfen ins öffentliche Bewusstsein hineinzuwirken.“

 

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Interview mit der „Oury-Jalloh-Stadt Dessau“ http://ficko-magazin.de/interview-mit-der-oury-jalloh-stadt-dessau/ http://ficko-magazin.de/interview-mit-der-oury-jalloh-stadt-dessau/#respond Tue, 09 Jan 2018 16:25:39 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1242 Einen Tag vor dem diesjährigen 13. Todestag von Oury Jalloh, der am 7.1.2005 in einer Polizeizelle in Dessau, Sachsen-Anhalt verbrannte und nach momentanem Kenntnisstand der unabhängigen Ermittlungen von Polizisten ermordet wurde, tauchten via Twitter Fotos aus Dessau und Umgebung auf. Über den Account „Oury-Jalloh-Stadt Dessau“ wurde im Rahmen eines Stadtmarketingplans verlautbart, dass die rassistischen Morde nun untrennbar mit der Geschichte der Stadt und des Landes Sachsen-Anhalt verbunden sind. Wer an Dessau denkt, denkt an Mord durch Polizisten und staatliche Vertuschungsversuche.

Mit den Menschen hinter der Kampagne konnte FICKO ein Interview führen, das nun vorliegt.

Wie kam es zu der Idee, auf eigene zivilcouragierte Initiative von der Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen und etwas zur Demokratisierung Deutschlands beizutragen?

Auch Dessau hat jene braunen „touristischen Unterrichtungstafeln“ an der Autobahn stehen, auf denen das Bauhaus Dessau gewürdigt wird. Beim Vorbeifahren ist uns schon sehr oft der Gedanke gekommen, dass zwar Dessau für das Bauhaus bekannt ist, uns aber immer das große Rätsel um den Todesfall Oury Jalloh einfällt. Darauf in Form eines eigenen Motivs hinzuweisen, fanden wir im Angesicht der jüngsten medialen Dynamiken und des 13. Jahrestages sehr passend. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es sich nach derzeitiger Sachlage ja eigentlich um ein Wunder handeln muss.

Wollt ihr etwas über die Durchführung sagen oder würde das zukünftige Aktionen gefährden?

Die Durchführung stellte uns vor keine größeren Probleme, aber sie benötigte eine mehrwöchige Planung. Vor allem die Anbringung des Plakats direkt vor dem Polizeirevier stand unter dem Motto: Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Uns war allerdings auch klar, dass die Plakate wahrscheinlich nicht lange hängen werden. Verschiedene Akteur*innen – wie Polizei, Autobahnmeisterei, und rechte Gruppen, die ja gern auch mal selbst aktiv werden – würden für die Entfernung Sorge tragen. Daher haben wir umgehend Fotos gemacht und im Netz verbreitet.

Wie waren die Reaktionen?

Wir waren überrascht, wie gut die Aktion angekommen ist. Nicht nur hat die Oury-Jalloh-Inititative, deren sehr wichtige Arbeit wir supporten wollten, die Plakatierung positiv gesehen. Auch Medien wie Bento haben sie als willkommenen Kommunikationsanlass genutzt, um über die Hintergründe des Todesfalles zu berichten. Wir sehen die Aktion als einen Beitrag unter vielen, der die Aufklärung des Falles und seine öffentliche Aufarbeitung fordert.

Hattet ihr schon einmal das Handbuch der Kommunikationsguerilla in der Hand?

Ja, selbstverständlich. Das ausführende Kollektiv hat auch schon früher zahlreiche Erfahrung im Bereich der Kommunikationsguerilla gemacht. Wir können auch für das weiterführende Studium jener, die an solchen Aktionen Gefallen finden und so etwas selber machen wollen, das Werk von Christoph Schlingensief, Konrad Kujau, Silke Wagner, den Guerilla Girls, der Front Deutscher Äpfel und des BRIMBORIA-Instituts anempfehlen.

Was sind die wichtigsten Tipps, die ihr den vielen Gruppen, die euch folgen werden, mit auf den Weg geben würdet?

Unser Tipp: sich nicht von der Umsetzung einer Idee abhalten lassen, weil juristische Gefahren drohen. Die sind manchmal geringer als sie erscheinen. Die Mittel, die zur Durchführung nötig waren, finden sich im Internet. Also fürchtet euch nicht, es gibt viele Schilder da draußen, die einer Generalüberholung bedürften.

Letztlich hoffen wir, dass die Aufmerksamkeit auf den Fall Oury Jalloh Früchte trägt. Daher auch an die Staatsanwaltschaft Naumburg, die jüngst den Fall neu aufgenommen hat: Wir behalten die Entwicklungen im Auge!

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Fakten Fakten Fakten – Eine Artikelreihe zu Vergewaltigungsmythen http://ficko-magazin.de/fakten-fakten-fakten-eine-artikelreihe-zu-vergewaltigungsmythen/ http://ficko-magazin.de/fakten-fakten-fakten-eine-artikelreihe-zu-vergewaltigungsmythen/#respond Sat, 06 Jan 2018 17:07:19 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1215 Ich habe letztes Jahr einen Artikel darüber geschrieben, dass ich Grapschern auf die Fresse haue und warum ich das wärmstens weiterempfehlen kann. Im Großen und Ganzen waren die Reaktionen auf diesen Text sehr positiv. Ich bin zwei Wochen mit überheblichem Blick durch die imaginären FICKO-Redaktionsräume gesteuert und habe auf Fragen jeglicher Art nur mit einem herablassenden „Pfffff“ geantwortet. Einige Kommentare waren hingegen auch… naja, sagen wir mal, eher so mittel. Neben dem üblichen „Die-Bitch-soll-die-Fresse-halten“ und „Hat-hier-etwa-wer-Gewalt-verherrlicht!?!“ kamen Kommentare, die mir als Psychologin mit Hang zum Katastrophisieren besonders sauer aufgestoßen sind. Diese Kommentare stützen sich auf Annahmen über sexualisierte Übergriffe, die zwar weit verbreitet sind, aber schlichtweg nicht stimmen. Dazu zählen so Klassiker wie „Wenn die bitchy Klamotten trägt, selber schuld“ und „Falschbeschuldigungen sind das zentrale Problem, wenn es um sexualisierte Gewalt geht“. Da ich ziemlich ausführlich zu genau diesem Thema geforscht habe, kriege ich regelmäßig einen Fön, wenn ich sowas lese, weil beides wissenschaftlich betrachtet – surprise! – Quatsch mit Soße ist. Tonnenweise, in Jahrzehnten angehäufte sozialpsychologische Forschung zeigt, dass solche Annahmen Täter schützen und verschleiern, wie verbreitet sexualisierte Gewalt ist. Damit sind sie ein großer Teil des Problems, wie mit sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft umgegangen wird. Solche Kommentare kommen dabei nicht nur von Leuten, die noch nie etwas vom Patriarchat gehört haben, sondern auch von solchen, die es eigentlich besser wissen könnten.

Feministische Ideologie: My Ass!

Deshalb starte ich eine Artikelreihe, in der ich einzelne falsche Annahmen in Bezug auf sexualisierte Gewalt und insbesondere Vergewaltigungen darstelle und anhand sozialpsychologischer Forschungsergebnisse widerlege. Das soll zum einen dazu dienen, dass die, die sich schon länger mit dem Thema befassen, wissenschaftlich belegtes Argumentationsmaterial an die Hand bekommen. Zum anderen will ich damit den Leuten, die einigermaßen cool drauf sind, aber noch nicht viel von dem Thema gehört haben, erklären, wie sexualisierte Gewalt wahrgenommen und bewertet wird und wo die eigenen Einstellungen möglicherweise eher auf sexistischen Mythen als auf Fakten beruhen. Ich werde dabei auf möglichst viele fehlerhafte Argumentationsmuster eingehen, die unter anderem darauf Bezug nehmen, dass Gegenrede „feministische Ideologie“ sei. In dieser Debatte stehen sich nämlich nicht etwa zwei unterschiedliche „Meinungen“ gegenüber, sondern falsche, sexistische Annahmen und wissenschaftlich fundierte Tatsachen (Kurz: Feministische Ideologie, MY ASS!).

Bevor ich das sozialpsychologische Studienergebnisfeuerwerk zünde, erkläre ich noch schnell zwei Grundbegriffe der Auseinandersetzung: Victim Blaming und die schon erwähnten Vergewaltigungsmythen. Hornbrillen raus, Bleistifte gespitzt, es geht los:

Sozialpsychologische Forschung beschäftigt sich wie gesagt seit Jahrzehnten mit der Frage, wie und warum Beobachter_innen den Opfern und Tätern Schuld für sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen zuschreiben. Konkret geht es dabei um die Frage: In welchem Verhältnis teilen Beobachter_innen die Verantwortung auf Opfer und Täter auf, wenn es um sexualisierte Gewalt geht, und was beeinflusst diese Aufteilung von Verantwortung?

Victim Blaming und Vergewaltigungsmythen

Dabei zeigte sich ganz generell, dass den Opfern immer auch ein gewisses Maß an Schuld zugeschrieben wird (z.B. Bohner, 1998; van der Bruggen & Grubb, 2014). Dieses Phänomen wird in der sozialpsychologischen Fachliteratur als „Victim Blaming“ bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass den Tätern keinerlei Schuld zugesprochen wird. Im Gegenteil, in Studien zeigte sich das Muster, dass Tätern in der Regel mehr Schuld zugesprochen wird als Opfern, dennoch werden letztere so gut wie immer auch beschuldigt (z.B. Strömwall, Landström, & Alfredsson, 2014). Das Ausmaß, in dem diese Schuldzuschreibung auf Täter und Opfer abläuft, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, die ebenfalls in einem Mount Everest von Studien untersucht wurden (Anderson, Cooper, & Okamura, 1997; Grubb & Turner, 2012; van der Bruggen & Grubb, 2014). Im Wesentlichen grasen diese Studien verschiedene Vergewaltigungsmythen ab. Vergewaltigungsmythen sind gesellschaftlich verbreitete Annahmen darüber, wie sexualisierte Übergriffe ablaufen, wie sich Täter und Opfer verhalten, was Risikosituationen sind. Sie beinhalten insbesondere Aussagen darüber, wie eine „typische“ Vergewaltigung abläuft, was ihr vorangeht und was ihre Konsequenzen sind sowie was „typische“ Täter und Opfer charakterisiert (z.B. Gerger, Kley, Bohner, & Siebler, 2007; Temkin & Krahé, 2008; Vonderhaar & Carmody, 2015). Der Begriff geht auf Martha Burt zurück, die in den 1980er Jahren Vergewaltigungsmythen als „prejudicial, stereotyped, or false beliefs about rape, rape victims, and rapists“ (Burt, 1980, S. 217) beschrieb und somit die Grundlage für die Forschung zur Verbreitung und zum Einfluss falscher Annahmen über Vergewaltigungen legte.

Der typische Vergewaltiger ist nicht der unbekannte Mann im Park.

Mit diesen in Vergewaltigungsmythen angelegten Annahmen werden dann konkrete Fälle „abgeglichen“ und ein Urteil über Schuldigkeit der Beteiligten gefällt. Ein Vergewaltigungsmythos ist zum Beispiel das Bild des fremden, psychisch kranken Mannes, der im dunklen Park aus dem Gebüsch springt und eine „anständig“ gekleidete Frau anfällt und gewaltsam überwältigt (siehe hierzu: Estrich, 1987; Temkin & Krahé, 2008). Diesem Bild entsprechen tatsächlich eine verschwindend geringe Zahl von sexualisierten Übergriffen, so wird über die Hälfte aller Vergewaltigungen von Partnern und Ex-Partnern von Opfern begangen (García-Moreno u. a., 2013; Vereinte Nationen, 2010). Berichtet nun eine Frau, dass ihr Freund sie vergewaltigt hat, werden Menschen, die sehr stark der Überzeugung sind, dass Vergewaltiger immer fremde, gewalttätige Männer sind, eher davon ausgehen, dass die Frau lügt anstatt ihr zu glauben und damit die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. So zeigen Studien, dass Menschen, die Vergewaltigungsmythen stärker zustimmen auch dazu tendieren Täter zu entlasten, stärkeres Victim Blaming zu betreiben und auch die Schwere von Taten zu relativieren (z.B. Basow & Minieri, 2011, S. 491; Kopper, 1996, S. 85-90).

Mit dieser Reihe möchte ich Fakten und Zahlen liefern, die dazu beitragen, dass Leute genau das tun: Die eigenen Überzeugungen, die im Patriarchat Täter schützen und das Ausmaß des Problems mit sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen verschleiern, anhand von Fakten zu hinterfragen. Wie viele Falschbeschuldigungen gibt es eigentlich statistisch gesehen? Wie viele Vergewaltigungen werden eigentlich überhaupt angezeigt? Wieso beschuldigen sich Opfer stark selbst nachdem sie sexualisierte Gewalt erfahren haben? Auf diese Fragen werde ich Antworten geben, damit sie in Zukunft weniger anhand von Bauchgefühlen, sondern mithilfe von Wissen beantwortet werden.

 

Quellen:

Anderson, K. B., Cooper, H., & Okamura, L. (1997). Individual Differences and Attitudes Toward Rape: A Meta-Analytic Review. Personality and Social Psychology Bulletin, 23(3), 295–315. https://doi.org/10.1177/0146167297233008

Basow, S. A., & Minieri, A. (2011). „You Owe Me“: Effects of Date Cost, Who Pays, Participant Gender, and Rape Myth Beliefs on Perceptions of Rape. Journal of Interpersonal Violence, 26(3), 479–497. doi:10.1177/0886260510363421

Bohner, G. (1998). Vergewaltigungsmythen: sozialpsychologische Untersuchungen über täterentlastende und opferfeindliche Überzeugungen im Bereich sexueller Gewalt. Landau: Empirische Pädag. e.V.

Burt, M. R. (1980). Cultural Myths and Supports for Rape. Journal of Personality and Social Psychology, 38(2), 217–230. https://doi.org/10.1037/0022-3514.38.2.217

Estrich, S. (1987). Real Rape. Cambridge, Mass.: Harvard Univ. Press.

García-Moreno, C., Pallitto, C., Devries, K., Stöckl, H., Watts, C., & Abrahams, N. (2013). Global and Regional Estimates of Violence against Women: Prevalence and Health Effects of Intimate Partner Violence and Non-Partner Sexual Violence. Geneva, Switzerland: World Health Organization.

Gerger, H., Kley, H., Bohner, G., & Siebler, F. (2007). The Acceptance of Modern Myths about Sexual Aggression Scale: Development and Validation in German and English. Aggressive Behavior, 33(5), 422–440. https://doi.org/10.1002/ab.20195

Grubb, A., & Turner, E. (2012). Attribution of Blame in Rape Cases: A Review of the Impact of Rape Myth Acceptance, Gender Role Conformity and Substance Use on Victim Blaming. Aggression and Violent Behavior, 17(5), 443–452. https://doi.org/10.1016/j.avb.2012.06.002

Kopper, B. A. (1996). Gender, Gender Identity, Rape Myth Acceptance, and Time of Initial Resistance on the Perception of Acquaintance Rape Blame and Avoidability. Sex Roles, 34(1–2), 81–93. doi:10.1007/BF01544797

Strömwall, L. A., Landström, S., & Alfredsson, H. (2014). Perpetrator Characteristics and Blame Attributions in a Stranger Rape Situation. The European Journal of Psychology Applied to Legal Context, 6(2), 63–67. https://doi.org/10.1016/j.ejpal.2014.06.002

Temkin, J., & Krahé, B. (2008). Sexual Assault and the Justice Gap: a Question of Attitude. Oxford ; Portland, Or: Hart.

van der Bruggen, M., & Grubb, A. (2014). A Review of the Literature Relating to Rape Victim Blaming: An Analysis of the Impact of Observer and Victim Characteristics on Attribution of Blame in Rape Cases. Aggression and Violent Behavior, 19(5), 523–531. https://doi.org/10.1016/j.avb.2014.07.008

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Ab sofort ein Mal im Monat FICKO-Salon – Erster Termin am 11. Januar http://ficko-magazin.de/ab-sofort-ein-mal-im-monat-ficko-salon-erster-termin-am-11-januar/ http://ficko-magazin.de/ab-sofort-ein-mal-im-monat-ficko-salon-erster-termin-am-11-januar/#respond Thu, 04 Jan 2018 23:53:14 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1212 Liebe Gemeinde,

eine Meldung in eigener Sache sei hiermit an die Tür genagelt: Das extrem adjektive FICKO-Magazin beginnt nun endlich einmal, auch offline richtige Wurzeln zu schlagen. Weil es da voll gut ist, werden wir ab sofort monatlich im Ori in Neukölln (Friedelstraße 8, Nähe Hermannplatz) den FICKO-Salon abhalten. Dort sollen ohne riesigen Aufschlag kleinere, äh, Events stattfinden. Wir machen alles mögliche, was uns gerade so passt, was uns interessiert und was wir gut finden.

Am Donnerstag, den 11. Januar um 20 Uhr findet der erste Salon statt. Weil das total sinnvoll ist, werden wir dort ein wenig FICKO vorstellen. Sehr gut strukturiert, mit einem historischen Abriss und der aktuellen Lage sowie einer gesonderten Vorstellung unseres Satelliten „Nein zum Polizeistaat„, PowerPoint und verschiedenen Speaker_innen!

Die nächsten Termine sind Do., 8.2. und Do., 15.3.

Neben dem inhaltlichen Input ist das Ganze auch als Vernetzungsparty gedacht. Wer schon immer mal mit der Kommentarspalte einen heben wollte, uns Kuchen und andere Wertgegenstände schenken möchte oder sich einfach so mega gern in der Gegenwart von mysteriös, unnahbaren sexy Szenegrößen tummelt, ist genau dann an der richtigen Stelle!

Facebook behauptet, dass über 500 Leute an dieser Veranstaltung Interesse haben. In den Raum passen 40. Es könnte also irgendwie sein, dass nicht allen Bedürfnissen gerecht werden wird. Wir werden uns aber bemühen.

Das wird schön, bis bald!

Eure Lieblingsredaktion

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Die guten Secus – Warum wir immer noch Awareness-Teams brauchen http://ficko-magazin.de/die-guten-secus-warum-wir-immer-noch-awareness-teams-brauchen/ http://ficko-magazin.de/die-guten-secus-warum-wir-immer-noch-awareness-teams-brauchen/#respond Mon, 13 Nov 2017 18:12:29 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1200 Dieser Beitrag wurde von unserer Gastautorin Paula Irmschler verfasst. Sie kommt aus Ostdeutschland, wohnt in Köln, arbeitet in Clubs und schreibt u.a. für „Neues Deutschland“

„Wenn du Stress mit jemandem hast, melde dich doch einfach bei der Security, die ist gut genug ausgebildet für solche Sachen“ – so ungefähr lautet ein gängiger Vorschlag von Leuten für den Umgang mit sexuellen Übergriffen, denen Awareness-Teams zuwider sind, die feministische Bestrebungen für den Schutz von Frauen auf Partys übertrieben finden und die gendersensible Sicherheits-Konzepte für Hokuspokus halten.

Ich arbeite seit drei Jahren im Nachtleben, in verschiedenen Clubs, deren Security sich als „links“ oder zumindest „weltoffen“ begreift. Das ist nur eine kleine Auswahl von dem, was ich in nahezu jeder Schicht gehört oder erlebt habe.

(Content-Warnung: Relativierung sexueller Gewalt)

  • Eine Frau beschwert sich bei dem Türsteher, weil sie im Club verfolgt und angefasst wird. Der Türsteher sagt: „Du nimmst doch jedes Wochenende einen mit, warum willst du bei dem jetzt eine Ausnahmen machen?“

  • Ein Mann, der mich nachts nach einer Schicht auf meinem Heimweg verfolgt und fast in einen Busch gezogen hat, taucht erneut im Laden auf. Ich sage zu dem Türsteher, dass er bitte sofort verschwinden soll, er habe mir etwas antun wollen. „Noch hat er ja nichts gemacht an diesem Abend“, entgegnete dieser – damit war das Thema erledigt.

  • Ein Mann beschwert sich, weil niemand mit ihm flirten mag. Der Türsteher erklärt ihm: „Das musst du verstehen, die deutschen Mädels haben eher einen Stock im Arsch. Versuch es einfach weiter.“

  • Ein weiblicher Gast beschwert sich bei mir, weil sie gehört hat, wie ein Türsteher mit seinem Kollegen „gewitzelt“ hat: „Na, du magst die Frauen wie die Polizei, oder? Grün und blau!“

  • Türsteher sagt zu mir: „Ich verstehe bei manchen Frauen die Angst vor k.O.-Tropfen echt nicht. Da sind oft welche dabei, die ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde.“ Auf meine Frage, wie er denn wissen könne, welches Aussehen eine Frau haben muss, um Betroffene einer sexuellen Gewalttat zu werden, entgegnet er, er könne sich ja nicht in Vergewaltiger hineinversetzen. Tja, er kann Frauen zumindest in vergewaltigbar und nicht vergewaltigbar einteilen. Also genau das, was Vergewaltiger tun.

  • Türsteher zeigen sich an der Tür geleakte, sprich unautorisierte, sprich private Bilder von weiblichen Berühmtheiten, verschaffen sich also ungefragt Zugang zum Körper einer Person.

  • Plus unzählige Kommentare zum Äußeren der weiblichen Gäste, über das Benutzen von Pfefferspray und unangebrachte Tipps im Umgang mit Tätern und Relativierungen des Erlebten beziehungsweise Nichternstnehmen.

Also fragt Frauen noch einmal, warum sie sich bei Belästigungen nicht an die Security wenden. Oder fragt endlich Türsteher, wann sie mal checken, dass Frauen wie Menschen zu behandeln zu ihrem Job gehört. Solange das nicht angekommen ist, muss es eben Awareness-Teams geben.

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Vernichtungswünsche in der Berliner U5 http://ficko-magazin.de/vernichtungswuensche-in-der-berliner-u5/ http://ficko-magazin.de/vernichtungswuensche-in-der-berliner-u5/#respond Thu, 09 Nov 2017 12:40:37 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1193 Mein Freund Farid​ hat eine von etlichen Begegnungen mit dem deutschen Rassismus aufgeschrieben. Wir hatten den Text auf facebook geteilt, aber das sollte dort nicht versinken. Denn damit endlich mal flächendeckend etwas gegen den rassistischen Normalzustand in Deutschland getan wird, muss es überhaupt ein ausreichend großes, umfassendes Bewusstsein für das Problem geben, gerade auch von Menschen, die denken, es gäbe „sowas in Deutschland nicht“. Auch Leute, die nicht täglich beleidigt und bedroht werden, müssen sich endlich damit befassen, damit die Basis für ein Zurückdrängen dieser letztlich vernichtenden Ideen möglich wird. Das tun immer noch zu wenige. Hier ist eine Möglichkeit, das zu ändern.

„Ich wollte das eigentlich nicht posten, weil ich Sachen, die mich persönlich betreffen, eigentlich keinem auf die Nase binde, ist einfach nicht so meine Art. Ich mach’s nach ca. 3 Wochen jetzt trotzdem, weil ich mir denke, dass das vielleicht dazu beiträgt, dass die Leute, auch die guten, sich weniger einreden, dass die Fälle sich nicht häufen würden und das eigentlich noch alles soweit okay ist. Ich meine das nicht, weil es mir passiert ist, sondern weil alles dafür spricht, dass es immer öfter, vor allem aber immer offener, mit mehr Selbstbewusstsein, mit weniger Gegenwehr geschieht. Ein Umstand, der was die Förderung eines gesellschaftlichen Klimas angeht, in dem dann noch ganz andere Sachen möglich sind, Anlass zu Besorgnis und Wachsamkeit geben sollte.

Vor einer Woche bin ich auf dem Weg zur Bibliothek in die U5 gestiegen, an der Station Samariterstr Richtung Alexanderplatz. Die Bahn war recht voll und es waren nur noch enge Zwischensitze in langen Sitzreihen frei und ein Sitz, der zu einer isoliert stehenden, separat runterklappbaren 2er-Sitzreihe gehört hat. In schneller Überlegung dachte ich mir, dass es platztechnisch/beinfreiheitsmäßig für alle Beteiligten das angenehmste sei, ich setze mich auch den freien Platz der runterklappbaren 2erreihe (der Sitz war auch schon unten). Auf dem anderen Sitz saß ein große, weißhaarige blauäugige Frau Ende 50 Anfang 60 mit einem offenen Buch in der Hand. Auf der entsprechenden 2er Sitzreihe gegenüber saßen 2 blonde Jungs um die 17/18, direkt neben uns standen 2 schwarze Jungs um die 17/18.

Direkt, als ich Platz genommen hatte, drehte sich die Frau mit einem eiskalten Blick zu mir um und meinte: „Es sind noch andere Plätze frei.“ Ungläubig, perplex und mit dunkler Vorahnung auf das, was gleich folgen würde, fragte ich freundlich „Wie bitte?“ Sie darauf: „Warum setzt du dich neben mich? Das ist mein Land. Ich will nicht, dass so jemand wie du neben mir sitzt.“ Leute fangen an zu gucken. Ich: „Nun, wissen Sie, mir scheint, als sei das einzig und allein Ihr Problem, und wie sie bereits treffenderweise bemerkt haben; es sind noch andere Plätze frei. Es hindert sie also niemand daran, sich umzusetzen.“ Sie: „Ja du bist n ganz Schlauer was, du armer brauner Wicht.“ Ich: „Die einzige Person ,die mir ein brauner Wicht zu sein scheint, sind Sie“ – Die beiden blonden Jungs gegenüber lachen lautstark, andere schmunzeln, einige scheinen mich für das Problem zu halten.

Einer der beiden schwarzen Jungs sagt „Lass es, das ist es nicht wert.“ Ich sage ihm, dass es das sehr wohl wert sei und dass ich mit niemandem ein Problem habe, aber anscheinend jemand mit mir. Mittlerweile blitzen ihre Augen vor Hass. Sie: „Wo kommst du kleiner Wicht überhaupt her?“ Ich: „Ich bin Deutscher, nicht dass sie das was anginge.“ Sie: „Ja ach komm, kuck dich doch ma an. Und deine Eltern?“ Ich: „Die sind ebenfalls Deutsche.“ Sie: „Ja klar, auf dem Papier du…“

An dieser Stelle fing sie an, mich in fremden Zungen zu beschimpfen, ich bin mir aber zu 90% sicher, dass es ein plattdeutscher Dialekt war (macht auch Sinn). Ich entgegnete daraufhin, dass sie schon Deutsch mit mir reden müsse, wenn sie denn wolle, dass ich sie verstehe. Daraufhin fingen ein paar mehr Leute an zu kichern, die Jungs gegenüber konnten sich kaum halten und ein, zwei schienen immer noch mich für den Störfaktor zu halten.

Die Dame war mittleiweile noch blasser geworden als sie auch an sich schon war. Sie fing wieder an mich auf Plattdeutsch zu beschimpfen und meinte dann, dass die Zeiten sich sowieso wieder zu Gunsten der wahren Deutschen ändern. Ich meinte, dass wir das ja mal abwarten können und dass, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, die Nazis diejenigen waren, die eine Niederlage erfahren haben und dass das auch wieder so kommen wird, das Deutsche wie ich dafür sorgen werden. Sie meinte, dass ihresgleichen dafür sorgen werden, dass es diesmal richtiggemacht wird, dass die Nazis niemals verschwunden sind und immer noch wichtige Positionen in allem wichtigen Ämtern hätten, womit sie recht hat.

Ich meinte daraufhin: „Ach sieh mal an, war doch nicht so schwierig, kommen Sie, nur keine Scheu lassen sie’s raus. Geil Massenmord, gell? Geil Genozid, gell?“ Sie: „Jaja du wirst schon sehen, die Öfen sind noch intakt.“ Ich: „Ah… na sehn Sie? war doch nicht so schwer! Was lesen sie da eigentlich? Mein Kampf?“ Die beiden Jungs vor mir als auch die beiden neben mir und einige andere in der Bahn konnten sich kaum halten, was jetzt nicht das Angebrachteste war, aber okay und es hat sichtlich zur Frustration der Dame beigetragen. Sie fing dann wieder an mich als kleinen braunen Mann zu bezeichnen.

Ich meinte dann: „Wissen sie, was traurig ist, wir sitzen eigentlich im selben Boot und sie hassen mich auch eigentlich gar nicht wirklich. Sie hassen was „die da oben“ mit Ihnen seit 30 Jahren machen, davon sind sie und er und er und sie (in der Bahn rumzeigend) und ich alle gleichermaßen betroffen. Von der neoliberalen Scheiße. Aber anstatt, dass sie sich gegen die Ursachen ihrer Probleme wehren, schlagen sie immer nach unten auf die, die es noch beschissener haben.“ Einer der schwarzen Jungs meinte zu mir: „Die is nich sauer auf dich Bruder, die is sauer auf Deutschland.“

Mittlerweile stierte mich die Dame sprachlos und scharf an, also krankhaft schäumend vor Wut mit einem zitternden Lächeln. Ich bin dann aufgestanden und hab demonstrativ den beiden blonden Jungs gegenüber die Hand gegeben und dann den beiden schwarzen Jungs und bei jedem Handschlag laut gesagt: „Deutscher, Deutscher, Deutscher, Deutscher.“, dann auf mich gezeigt und gesagt „Deutscher“, dann auf sie gezeigt und gesagt „Nazi, nicht Deutscher“ dann mehrmals zwischen meinem Gesicht und ihrem Gesicht abgewechselt mit den Worten „Deutscher“ – „Nazi“, „Deutscher“ – „Nazi“. Darauf wollte sie mit ihrem Arm meinen Sitz blockieren, aber mit einem beherzten Ruck hatte ich ihn wieder unten und habe mich ruhig hingesetzt.

Den Rest der Fahrt, der nicht mehr lang war, hat mich die Frau angestarrt.

Ich ließ sie vor, als wir alle am Alexanderplatz aussteigen mussten. Die beiden schwarzen Jungs gaben mir die Hand und meinten, es wäre schade, dass ich nicht zur Wahl stünde, denn ihre Stimme hätte ich. Die Frau beschimpfte die beiden beim Herausgehen laut als Affen. Worauf sie meinten „Jaja, wir sind Affen, schätzen sie sich doch glücklich, normalerweise begegnet man denen doch nur im Zoo.“

Nach geschlagenen drei Minuten durch den Alexanderplatz laufen merke ich, dass die Frau 5 Zentimeter direkt hinter mir folgte, völlig leise und geräuschlos. Ich blieb stehen und bat sie, einfach weiterzugehen, worauf sie erstmal nichts sagte und mir weiterhin folgte. Dann bat ich sie nochmal, mir nicht zu folgen, worauf sie erwiderte, dass ich mich ja auch neben sie gesetzt hätte. Das Problem war, dass ich Sorge hatte, dass diese Person durchaus fähig ist, mir ein Messer in den Rücken zu rammen. Sie war eine fitte, große Frau und wenn man bedenkt, dass ich ihr in ihrer Welt ihr Land wegnehme, die Arbeit, die Kultur, die Frauen und sowieso alles, und dass sie das Gedankengut hat, dass ich dafür auf jeden Fall auch den Tod verdient hätte… Die Sorge war nach meiner Einschätzung also nicht so weit hergeholt.

Naja, ich meinte dann dennoch „Gut, dann kommen Sie mit, ich geh in die Bibliothek.“ Ich möchte betonen, dass ich zu keinem Zeitpunkt aggressiv, beleidigend oder unbesonnen nach außen hin war. Bevor die deutlichen Aussagen fielen, sowieso nicht, aber auch danach nicht. Als ich aber drei Treppen auf einmal zu den S-Bahngleisen hoch bin, ließ sie dann von mir ab.

Das Gute an der Situation ist, dass sie mir passiert ist. Ich habe Erfahrung mit sowas und kann zum Glück trotz hohem Adrenalinspiegel, Wut, Enttäuschung, tiefer Traurigkeit, Sorge und Fassungslosigkeit extrem ruhig und besonnen nach außen hin bleiben und mein Sprachenzentrum bleibt funktionsfähig. Meine größten Bauchschmerzen und das ekelhafteste Gefühl nach dieser Aktion war, dass es tagtäglich Leute trifft, bei denen das nicht so ist. Die sich nicht so wehren können, denen vielleicht das Vokabular, die Contenance fehlt, die einfach nicht so gut Deutsch sprechen können, die eine Art Grunddemut haben und sich fälschlicherweise als Gast mit weniger Rechten sehen und das über sich ergehen lassen, und keiner hilft ihnen.

Ich bin mir auch nicht sicher, wie stark für mich Partei ergriffen worden wäre, wenn ich mich nicht selbst zur Wehr hätte setzen können. All diese armen Menschen gehen nicht gestärkt aus sowas heraus, sie fühlen sich für Wochen, Monate oder Jahre ohnmächtig, unwohl, isoliert, depressiv, ängstlich… weniger Mensch halt. Das ist, was mich so wütend macht. Und natürlich die offensichtlichen Sachen, dass sich sowas am helllichten Tage getraut wird, in Berlin, in der U-Bahn, mit Selbstbewusstsein und allem Drum und Dran. Und das nicht direkt ein solidarischer Shitstorm auf besagte Person hereinbricht. Mag daran gelegen haben, dass die, die auf meiner Seite gewesen wären, gesehen haben, dass ich das schon ganz gut unter Kontrolle habe. Sicher bin ich mir da aber nicht. Und es gab auch eine Oma, bei der ich ablesen konnte, dass sie mich als den Störfaktor sah und der Aggressorin still beipflichtete, und es gab auch sicher die, die sich gedacht haben „Junge, setz dich doch einfach weg, lass die Leute in Frieden.““

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Einen freundschaftlichen Übergriff gibt es nicht http://ficko-magazin.de/einen-freundschaftlichen-uebergriff-gibt-es-nicht/ http://ficko-magazin.de/einen-freundschaftlichen-uebergriff-gibt-es-nicht/#respond Sun, 08 Oct 2017 12:33:15 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1181 Meine erste Begegnung mit ihm hatte ich etwa ein Jahr vor besagtem Vorfall. Die Stadt und meinen Namen, genauso wie einen Hinweis auf seine Identität, werde ich nicht nennen. Ich habe erst vor kurzem begonnen die Tat als das anzusehen was sie tatsächlich war: ein sexueller Übergriff und muss zugeben, dass ich ihn aus Angst vor der Reaktion unseres Umfeldes niemals konfrontiert habe. Falls ich mich doch jemals dazu entscheiden sollte mit ihm darüber zu sprechen möchte ich dies persönlich tun. Das erste Mal getroffen haben wir uns auf einer kleinen Gegendemonstration Anfang 2016. Wir verstanden uns gut, unterhielten uns eine ganze Weile, vergaßen aber im Chaos der folgenden Blockade Nummern zu tauschen. Ein paar Monate später trafen wir uns zufällig auf einem offenen Vernetzungsabend wieder. Wir freundeten uns schnell an, was für mich sehr ungewöhnlich ist, da ich unter massiven Bindungsängsten leide, sowohl im Bezug auf Beziehungen als auch auf Freundschaften. Er zog mich in seinen Bann, seine Musik, seine Reden, seine Radikalität, seine Extreme. Alles, aber besonders unsere gemeinsame Zeit, auch wenn sie manchmal knapp bemessen war, erschien mir ein einziger Rausch zu sein. Wir verbrachten Nächte draußen und redeten, wenn er krank war versorgte ich ihn. Ich sah ihn als großen Bruder, Familie, jemand, dem ich bedingungslos vertraute.

An jenem Abend kamen wir früh morgens von einer Party zurück, er hatte gut getrunken und hatte mir angeboten bei ihm zu übernachten, da er wusste, dass auf meinen kleinen Ort kein Bus mehr fährt. Auch als er meinte, dass wir uns die Couch teilen müssten, da der Kater seines Mitbewohners sein Bett verunreinigt hätte, habe ich mir keine weiteren Gedanken gemacht. Ich war sogar eher noch ein wenig aufgedreht, da ich selbst ein wenig betrunken war und es das erste Mal war, dass ich tatsächlich bei ihm zu Hause schlafen würde, da wir sonst meistens bei gemeinsamen Freunden übernachtet hatten. Während der Bahnfahrt wurde ich langsam ein wenig müde und schmusebedürftig, lehnte mich also an ihn an und nickte ein. Als wir bei ihm ankamen war zunächst alles normal. Wir machten uns bettfertig und stellten zu unserem Schrecken fest, dass die Katze eine der zwei Decken im Wohnzimmer auch noch ruiniert hatte. Da wir jetzt sowieso näher zusammenrücken mussten, fragte ich, ob er mich in den Arm nehmen könnte, da ich mich zu der Zeit manchmal ein bisschen einsam und verloren fühlte. Nach kurzer Zeit begann seine Hand jedoch nach oben zu meinen Brüsten zu wandern und sie zu betatschen. woraufhin ich versuchte sie unauffällig festzuhalten und an mich zu ziehen, in der Hoffnung ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Das schien er jedoch nur als weiteren Ansporn zu empfinden. Als seine Hand dann nicht mehr nur über, sondern auch unter mein Shirt wanderte wurde ich langsam panisch und verfiel in eine Schockstarre. Ich atmete flach und versuchte mich nicht zu bewegen, in der Hoffnung, dass er einfach aufhören wurde, aber als ich seine Latte an meinem Hintern fühlte und seine Hände sich Richtung meines Hosenbunds bewegten, löste sich die Starre dann doch zu Gunsten meines Fluchtinstinkts. Ich entschuldigte mich, dass ich ins Bad müsste und schloss mich darin ein. Nachdem ich eine Weile panisch auf dem Boden gesessen und geweint hatte, riss ich mich zusammen und überlegte, was ich nun tun sollte. Ich konnte nicht nach Hause, sein Stadtteil war nachts eher gefährlich und ich war sowieso schon panisch und verstört. Ich wartete also notgedrungen bis er eingeschlafen war und rollte mich möglichst weit entfernt von ihm, ohne Decke, auf der Couch zusammen und wartete immer noch zitternd darauf, dass die erste Bahn fahren würde. Sobald der Zeitpunkt gekommen war flüchtete ich.

Die Zeit danach war schwierig, da diese Erfahrung meine Bindungsängste massiv verstärkt hatte. Ich sprach mit niemanden darüber, redete mir selbst ein, dass ich mich nicht so anstellen sollte, dass es ja nicht so schlimm gewesen wäre, dass er mich schon nicht vergewaltigt hätte. Vielleicht mag das auch in gewissem Maß stimmen. Fakt ist, dass ich mir vermutlich einen ebenso großen Schaden selbst zugefügt habe mit meiner Selbstbeschuldigung, wie er mit seinem Handeln. Ich rechtfertigte über ein Jahr sein Verhalten in meinem Kopf, machte mich selbst verantwortlich, suchte nach Momenten, wo ich falsche Zeichen gesendet haben könnte, schob die Schuld von mir zum Alkohol und wieder zurück.

Meine Einstellung dazu änderte sich erst, als ich nach einer Party bei einem anderen langjährigen Freund übernachten wollte und ich auf die Frage, ob wir uns das Bett nicht einfach teilen könnten, weil er zu faul war die Couch noch auszuziehen, mit einer Panikattacke reagierte. Die ganze Geschichte sprudelte aus mir heraus und erst im Gespräch mit ihm begann ich zu begreifen, dass jeder noch so kleine Übergriff eben genau das ist was er ist und ich ihn weder dazu verleitet hatte, noch der Alkohol das entschuldigt, was er getan hatte. Dennoch konnte ich mich im Anschluss nicht dazu durchringen, mit meiner Erfahrung an die Öffentlichkeit bzw. in die örtliche Szene zu gehen. Selbst bei einem offenen Antifa-Treffen zum Thema sexualisierte Gewalt brachte ich es nicht fertig, da er kurz vor meiner Wortmeldung zur Gruppe stieß und ich unheimliche Angst hatte, dass er mich als Lügnerin darstellen und ich somit meine Freunde dort verlieren würde, da er die Gruppe mitbegründet hat und sie sich alle schon jahrelang kannten. Ich wollte sie alle nicht verlieren und möchte dies nach wie vor nicht. Ich wünsche mir, dass vielleicht andere Personen, denen es ähnlich geht wie mir, nicht denselben Fehler machen wie ich. Lasst euch nicht isolieren, isoliert euch auch selbst nicht. Sucht euch Freunde und bemüht euch, wenn ihr euch dazu psychisch in der Lage seht, um eine zeitnahe Aufarbeitung. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr spielt man die Situation vor sich selbst herunter und desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit den Täter zu konfrontieren. Aber wenn wir sie nicht konfrontieren, wird es nie enden und dann haben sie gewonnen!

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Wenn Justiz und Polizei den Täter schützen http://ficko-magazin.de/wenn-justiz-und-polizei-den-taeter-schuetzen/ http://ficko-magazin.de/wenn-justiz-und-polizei-den-taeter-schuetzen/#respond Thu, 28 Sep 2017 15:01:55 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1159 Ja, ich wurde vergewaltigt. Ein Satz, den ich mir oft selbst zu verstehen geben musste. Für mich schien alles so unwirklich. Als wäre ich in einem endlos langem Alptraum gefangen. Erst war es der Schock, die Angst, dann die Trance. Ich fühlte mich wie in einer Art Wachkoma, ich habe meine Welt um mich herum kaum noch wahr genommen, war ständig abwesend, jeglichen Emotionen weit entfernt. Alleine einkaufen war kaum vorstellbar. Ich traute mich alleine nicht vor die Tür. Schon kurzes Warten alleine hat mich zu heftigen Panikattacken geführt. Das alles waren die Folgen für „5 Minuten Spaß einer anderen Person“.

Es war November. Ich fuhr nach Mainz um mich mit einem früheren Freund zu treffen, den ich seit 8 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Die Wiedersehensfreude war zunächst groß und ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut, doch diese verging mir recht schnell. Als ich in Mainz ankam, empfing mich „J“ bereits stark betrunken. Ständig versuchte er mich zu küssen und kam mir immer wieder zu nah. Ich sagte ihm ganz klar, dass ich kein Interesse daran habe und er es lassen soll. Ich sagte, dass zwischen uns definitiv nichts laufen wird. Er verschwand eingeschnappt, kam aber nach einigen Minuten zurück und hatte sein unmögliches Verhalten zunächst eingesehen. Also fuhr ich mit ihm zu dem Wagenplatz auf dem er zu der Zeit zu Gast war.

Zuerst waren wir kurz in seinem Wagen, er heizte den Ofen und wir redeten eine Weile. Später gingen wir auf eine Veranstaltung und tranken etwas. Ich wurde müde und legte mich in seinen Wagen schlafen. Als ich aufwachte, änderte sich meine ganze Welt. Details will ich euch ersparen.

Heulend und in voller Panik rief ich meine beste Freundin an, die nicht ein Wort verstand, aber merkte, dass wohl etwas nicht stimmt. Sie holte mich schleunig gemeinsam mit einem Freund ab. Sie fuhr mit mir zur Polizei. Stundenlang saß ich völlig fertig mit ihr auf der Wache. Diese Fragen waren ekelhaft und widerlich, immer wieder wurde ich gedrängt Details zu erläutern. Nur ein paar Stunden später ohne Schlaf, noch immer in Schockzustand und mit verheulten Augen sollte ich wieder auf die Wache, diesmal allein. Diesmal war es schlimmer als in der vorherigen Nacht. Ich saß zwar bei einer weiblichen Polizeibeamtin, was mich aber nicht schützte! Ständig kam ein männlicher Kollege dazu, der mich drängen wollte Dinge zuzugeben, die nicht stimmten und unterstellte mir, dass ich lügen würde. Einmal kam er sogar hineingestürmt und brüllte mich an. Ich solle ihm jetzt gefälligst alle Details haargenau erklären, sonst könne er sich den Scheiß auch sparen. Ich war ohnehin schon verängstigt und eingeschüchtert, danach verschloss ich mich noch mehr.

Manchmal frage ich mich, ob es ein Fehler war „J“ damals anzuzeigen, denn gebracht hat es mir nichts außer Demütigung.

In den kommenden Wochen und Monaten lebte ich wie ein Kleinkind, das gerade alles neu lernen muss. Ich konnte alleine nirgendwo hingehen, ständig musste man mich begleiten. Selbst kurzes Warten alleine war der absolute Horror für mich, ich verfiel sofort einer Panikattacke. In den ersten Wochen habe ich nicht einmal selbständig gegessen. Ich hatte kein Hungergefühl, Menschen mussten mir Essen vor die Nase stellen damit ich esse. Gar das Waschen musste ich wieder erlernen. Ich musste mich mit mir einigen, dass es nichts Schlimmes ist, nackt zu sein und mich selbst anzufassen. Und wie ein Kind, das Angst vor dem Monster unter dem Bett hat, hatte auch ich Angst. In den ersten Nächten lies mich jedes Geräusch vor der Tür zusammenzucken, ich hatte furchtbare Alpträume. Kaum schloss ich meine Augen sah ich „J“ vor mir und fühlte mich wie in dieser Nacht.

Manche Tage waren so schlimm für mich, dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte. Ich hatte mit mir selbst schon abgeschlossen. Allerdings musste ich Menschen, die mich lieben versprechen, mir nichts anzutun. Dennoch verspürte ich immer wieder die Lust mein Gesicht anzuzünden um eben nicht mehr als „Fleisch“ sondern als Mensch gesehen zu werden. Ich wollte mich einfach nicht mehr als hübsch sehen.

Und all das ist nur ein grober Teil von dem was ich verarbeitet habe, wie sehr ich gekämpft habe klar zu kommen und neu zu lernen ich selbst zu sein.

Knapp ein dreiviertel Jahr später erreichte mich ein Brief meiner Anwältin, als Anlage ein Brief der Staatsanwaltschaft. Die Anzeige wurde abgewiesen. Die Begründung absolut absurd.

Hier folgende Textzeilen aus dem Brief der Staatsanwaltschaft entnommen: „Es besteht bereits nach dem Anzeigenvorbringen kein Anfangsverdacht für eine Straftat, die die Beiordnung eines Rechtsbeistands bereits im Ermittlungsverfahren rechtfertigen könnte. Insbesondere gibt es keinen Anfangsverdacht für eine sexuelle Nötigung/Vergewaltigung…“

„Nach dem Anzeigevorbringen, fehlt es schon an einer strafbaren Handlung im Sinne des §177 Strafgesetzbuch (StGB) in der zur Tatzeit geltenden Fassung. Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung reicht es nicht aus, dass der Täter gegen den Willen eine sexuelle Handlung an dem Opfer ausführt. Hinzukommen muss ein besonderes Nötigungsmittel zur Überwindung des entgegenstehenden Willens. Hierbei kann es sich um Gewalt, eine Drohung mit einer gegenwärtigen Gefahr für Leib oder Seele oder aber eine Ausnutzung einer hilflosen Lage des Opfers handeln.

„Nach der Schilderung der Zeugin wurden von dem Beschuldigten keine Nötigungshandlungen im vorgenannten Sinne eingesetzt.“

Also bin ich nicht in einer hilflosen Lage, wenn ich schlafe? Also ich sehe das definitiv als Nötigung, zumal ich das auch auf der Polizeiwache geschildert habe. Aber gut, der Brief geht noch weiter: „Weitere Tatbestandsvoraussetzung ist jedoch, dass der Beschuldigt dies erkannte und vorsätzlich handelte.“

Ich frage mich, wie diese Handlungen ausgesehen haben soll, diese steht allerdings nirgends geschrieben.

Er hat sich dahingehend eingelassen, dass man bereits zuvor eine Woche lang „rumgeflirtet“ habe. In der Nacht in dem Bauwagen habe er dann …  Details erspare ich euch. Er sei jedoch davon ausgegangen, dass die Zeugin damit einverstanden sei. Sie hätte „ja auch so gestöhnt“.

Am Mittag des Tattages ist sodann auch zunächst ein einvernehmlicher Kuss ausgetauscht worden.

Ich bin immer noch völlig fassungslos, dass man meine Aussage komplett missachtet und ignoriert hat. Ich habe nie etwas von einem einvernehmlichen Kuss erzählt, den gab es nämlich nie, jedenfalls nie zwischen „J“ und mir. Zudem ja, wir haben per Chat „geflirtet“, da ich davon ausging, dass „J“ bewusst ist, dass das für mich nur Spaß ist. Und selbst wenn es ihm nicht bewusst war, heißt „Nein“ einfach „Nein“. Also konnte ich im Schlaf wohl in nichts einwilligen. Erneut kochte die Wut und Fassungslosigkeit in mir hoch, tagelang war ich wieder nicht zu gebrauchen. Mit Hilfe von Freunden gelang es mir auch dieses Mal wieder klar zu kommen. Meine Anwältin versuchte trotz Allem noch einmal ihr Bestes um Klage einzureichen.

Wieder abgewiesen.

Das war’s also. Die ganzen Demütigungen für nichts. Dafür, dass ich weiterhin mit dem Wissen leben muss, dass ein Täter unreflektiert in der Stadt rumschwirrt in der ich lebe. Ein Täter, der sich bis heute nicht bewusst ist, was er nicht nur meinem Körper sondern auch meiner Seele angetan hat. Ein Täter, der sich nicht eingesteht einen Fehler getan zu haben. Und dies noch mit schriftlicher Bestätigung der Justiz.

Ich habe ihm tatsächlich nie etwas Schlimmes gewünscht, selbst mit so viel Wut im Bauch. Alles was ich mir wünschte war, dass er konfrontiert wird, reflektiert, versteht. Doch dieser Wunsch bleibt mir wohl für immer verwehrt.

 

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Undeniable Cruelties of Benetton http://ficko-magazin.de/undeniable-cruelties-of-benetton/ http://ficko-magazin.de/undeniable-cruelties-of-benetton/#respond Thu, 14 Sep 2017 11:30:50 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1141

(oder: Pucha, wo ist Santiago Maldonado?)

Nach dem Amtsantritt des rechtskonservativen, ultra-neoliberalen Präsidenten Macri, trifft ziviler Protest in Argentinien auf brutale Cops. Der friedliche Kampf indigener Gruppen um ihre Rechte gegen unmenschlich agierende Konzerne wird mit den harschen Methoden skrupelloser Polizeieinheiten beantwortet. Im Dienste des Staates werden Menschen gezielt verletzt und seit Neuestem: verschleppt. Das Vorgehen der Polizei wird von Seiten des Staates legitimiert und weckt Erinnerungen an die Zeit der Gewaltherrschaft der argentinischen Militärdiktatur in den 70er und 80er Jahren. Im Sommer 2018 wird der G20-Gipfel in Buenos Aires stattfinden – schlechte Aussichten also auch für die Möglichkeit eines erfolgreichen, friedlichen Protests.

Die traurige Geschichte staatlicher Gewalt in Argentinien setzt sich fort

Seit einigen Wochen schreiben mir argentinische Freund_innen immer wieder alarmierende Nachrichten über die erschreckende Situation der Mapuche, vom Verschwinden eines jungen Mannes und von brutalen Übergriffen durch die Polizei gegen regierungskritische Leute im Land. Die Geschichte der Gewalt auf argentinischem Boden ist lang und setzt sich bis heute fast nahtlos fort.

Aber, was genau geht da eigentlich ab??

In den Jahren 1878 bis 1885 marodierte der General Argentino Roca (seine Visage ziert noch heute die 100er Banknote des argentinischen Peso – von wegen „Aufarbeitung“…) durch Argentinien und nannte die Aktion ganz blumig „Die Eroberung der Wüste“. Dabei ermordete der spätere Präsident des Landes tausende indigene Bewohner_innen oder vertrieb sie gewaltsam ihres Landes. Die gesamte heute als Patagonien bekannte Region wurde in Folge dessen zum Besitz des damals noch jungen argentinischen Nationalstaates. Dieser verscherbelte das Land dann Stück für Stück an private Interessenten.

Dabei erlangte die englische Unternehmergruppe Tierras del Sud ein ca. 1 Mio Hektar großes Stück Mapuche-Land. 1991 kaufte dann die italienische Multimilionärs-Familie Benetton die Ländereien (Besitzer der gleichnamigen Modemarke). Das Land war und ist aber Lebensgrundlage für viele Menschen und Voraussetzung für den Fortbestand des indigenen Lebens. Die Mapuche forderten das Unternehmen und die argentinische Regierung auf, die ihnen gewaltsam abgerungenen Territorien zurückzugeben. Dabei konnten sie sich eigentlich auf geltendes argentinisches Recht und die Verfassung des Landes berufen. Ohne Erfolg.

Zum Verschwinden von Santiago Maldonado

Die indigenen Gruppen der Mapuche und Tehuelche, welche über Generationen die Rückgabe ihrer Ländereien gefordert hatten, begannen dann das von der Firma Benetton als Weideflächen eingezäunte Gebiet zu besetzen. Anstatt auf die Forderungen der Mapuche einzugehen und sich der eigenen Gesetzeslage anzunehmen, kriminaliserte die Regierung die Besetzungen. Die Mapuche werden als gefährliche Terrorist_innen hingestellt und mit unverhältnismäßig brutalem Einschreiten durch die Polizei unterdrückt. Viele Menschen schlossen sich seither ihren Protesten, Besetzungen, Straßensperren und friedlichen Demonstrationen an. So auch der nun verschwundene Santiago Maldonado, welcher in der Mapuchegemeinde Chushamen in der argentinischen Provinz Chubut lebte, um die Besetzung der Benetton-Ländereien zu unterstützen.

Am 1. August 2017 kam es dort zu einer Zwangsräumung. Nach Augenzeugenberichten stürmte die Polizei mit Schusswaffen das Lager der Besetzer_innen und brannte ihre Zelte nieder, bevor sie Santiago Maldonado verprügelten, ihn in ein Polizeiauto zerrten und davon fuhren. Seither ist der 28-jährige wie „vom Erdboden verschluckt“. Dabei ist klar wer oder was in diesem Fall der Erdboden ist.

Undeniable Cruelties…

Seit diesem Tag, vor über einem Monat, gab es nun also lautstarke Proteste von tausenden Menschen auf den Straßen Argentininens und auch im Internet, die der argentinischen Regierung bis heute eine Frage stellen: „Donde esta Santiago Maldonado?/Wo ist Santiago Maldonado?“ Sie fordern die lebendige Auslieferung des Aktivisten.

Präsident Macri, Sicherheitsministerin Bullrich und Vertreter_innen der Polizei wollen aber immer noch von Nichts eine Ahnung haben. Sie lassen die Demonstrationen ins Leere laufen und initiieren gewaltsame Auseinandersetzungen, um nicht über Inhalte reden zu müssen. Benetton betreibt weiterhin seine Schönwetter-Kampagnen und gibt sich ein nachhaltiges und soziales Image. Die beängstigenden Nachrichten von meinen Freund_innen aus Argentinien hören aber nicht auf!

Ihr wollt was unternehmen? Erzählt vielen Leuten, die ihr kennt, von der Situation in Argentinien! Interessiert euch, bleibt dran.. Fragt bei FICKO wegen Stickern an und lasst hier und da einen kleben! Damit die Gewalt an den Mapuche und ihren Unterstützer_innen aufhört.

 

TazArtikel – Von Santiago Maldonado keine Spur

http://www.taz.de/!5437153/

Neues Deutschland – Ministerin und Polizei sind verantwortlich

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1062636.ministerin-und-polizei-sind-verantwortlich.html

Jungewelt – Spurlos „Verschwunden“

https://www.jungewelt.de/artikel/317464.spurlos-verschwunden.html

 

Tobias Mönch macht Wandgestaltung, Illustrationen, irgendwas mit Grafik. Er lebte eine Weile im Norden Argentiniens. Danach studierte er in Göttingen Ethnologie und Spanisch mit einem Schwerpunkt auf Kolonialgeschichte. Heute lebt er in Berlin und studiert Historische Urbanisitk an der Technischen Universität. Eine Auswahl der Dinge, die er so tut, finden sich hier: www.tobias-moench.de

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