FICKO http://ficko-magazin.de Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte Thu, 14 Sep 2017 12:03:12 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.8.2 Undeniable Cruelties of Benetton http://ficko-magazin.de/undeniable-cruelties-of-benetton/ http://ficko-magazin.de/undeniable-cruelties-of-benetton/#respond Thu, 14 Sep 2017 11:30:50 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1141

(oder: Pucha, wo ist Santiago Maldonado?)

Nach dem Amtsantritt des rechtskonservativen, ultra-neoliberalen Präsidenten Macri, trifft ziviler Protest in Argentinien auf brutale Cops. Der friedliche Kampf indigener Gruppen um ihre Rechte gegen unmenschlich agierende Konzerne wird mit den harschen Methoden skrupelloser Polizeieinheiten beantwortet. Im Dienste des Staates werden Menschen gezielt verletzt und seit Neuestem: verschleppt. Das Vorgehen der Polizei wird von Seiten des Staates legitimiert und weckt Erinnerungen an die Zeit der Gewaltherrschaft der argentinischen Militärdiktatur in den 70er und 80er Jahren. Im Sommer 2018 wird der G20-Gipfel in Buenos Aires stattfinden – schlechte Aussichten also auch für die Möglichkeit eines erfolgreichen, friedlichen Protests.

Die traurige Geschichte staatlicher Gewalt in Argentinien setzt sich fort

Seit einigen Wochen schreiben mir argentinische Freund_innen immer wieder alarmierende Nachrichten über die erschreckende Situation der Mapuche, vom Verschwinden eines jungen Mannes und von brutalen Übergriffen durch die Polizei gegen regierungskritische Leute im Land. Die Geschichte der Gewalt auf argentinischem Boden ist lang und setzt sich bis heute fast nahtlos fort.

Aber, was genau geht da eigentlich ab??

In den Jahren 1878 bis 1885 marodierte der General Argentino Roca (seine Visage ziert noch heute die 100er Banknote des argentinischen Peso – von wegen „Aufarbeitung“…) durch Argentinien und nannte die Aktion ganz blumig „Die Eroberung der Wüste“. Dabei ermordete der spätere Präsident des Landes tausende indigene Bewohner_innen oder vertrieb sie gewaltsam ihres Landes. Die gesamte heute als Patagonien bekannte Region wurde in Folge dessen zum Besitz des damals noch jungen argentinischen Nationalstaates. Dieser verscherbelte das Land dann Stück für Stück an private Interessenten.

Dabei erlangte die englische Unternehmergruppe Tierras del Sud ein ca. 1 Mio Hektar großes Stück Mapuche-Land. 1991 kaufte dann die italienische Multimilionärs-Familie Benetton die Ländereien (Besitzer der gleichnamigen Modemarke). Das Land war und ist aber Lebensgrundlage für viele Menschen und Voraussetzung für den Fortbestand des indigenen Lebens. Die Mapuche forderten das Unternehmen und die argentinische Regierung auf, die ihnen gewaltsam abgerungenen Territorien zurückzugeben. Dabei konnten sie sich eigentlich auf geltendes argentinisches Recht und die Verfassung des Landes berufen. Ohne Erfolg.

Zum Verschwinden von Santiago Maldonado

Die indigenen Gruppen der Mapuche und Tehuelche, welche über Generationen die Rückgabe ihrer Ländereien gefordert hatten, begannen dann das von der Firma Benetton als Weideflächen eingezäunte Gebiet zu besetzen. Anstatt auf die Forderungen der Mapuche einzugehen und sich der eigenen Gesetzeslage anzunehmen, kriminaliserte die Regierung die Besetzungen. Die Mapuche werden als gefährliche Terrorist_innen hingestellt und mit unverhältnismäßig brutalem Einschreiten durch die Polizei unterdrückt. Viele Menschen schlossen sich seither ihren Protesten, Besetzungen, Straßensperren und friedlichen Demonstrationen an. So auch der nun verschwundene Santiago Maldonado, welcher in der Mapuchegemeinde Chushamen in der argentinischen Provinz Chubut lebte, um die Besetzung der Benetton-Ländereien zu unterstützen.

Am 1. August 2017 kam es dort zu einer Zwangsräumung. Nach Augenzeugenberichten stürmte die Polizei mit Schusswaffen das Lager der Besetzer_innen und brannte ihre Zelte nieder, bevor sie Santiago Maldonado verprügelten, ihn in ein Polizeiauto zerrten und davon fuhren. Seither ist der 28-jährige wie „vom Erdboden verschluckt“. Dabei ist klar wer oder was in diesem Fall der Erdboden ist.

Undeniable Cruelties…

Seit diesem Tag, vor über einem Monat, gab es nun also lautstarke Proteste von tausenden Menschen auf den Straßen Argentininens und auch im Internet, die der argentinischen Regierung bis heute eine Frage stellen: „Donde esta Santiago Maldonado?/Wo ist Santiago Maldonado?“ Sie fordern die lebendige Auslieferung des Aktivisten.

Präsident Macri, Sicherheitsministerin Bullrich und Vertreter_innen der Polizei wollen aber immer noch von Nichts eine Ahnung haben. Sie lassen die Demonstrationen ins Leere laufen und initiieren gewaltsame Auseinandersetzungen, um nicht über Inhalte reden zu müssen. Benetton betreibt weiterhin seine Schönwetter-Kampagnen und gibt sich ein nachhaltiges und soziales Image. Die beängstigenden Nachrichten von meinen Freund_innen aus Argentinien hören aber nicht auf!

Ihr wollt was unternehmen? Erzählt vielen Leuten, die ihr kennt, von der Situation in Argentinien! Interessiert euch, bleibt dran.. Fragt bei FICKO wegen Stickern an und lasst hier und da einen kleben! Damit die Gewalt an den Mapuche und ihren Unterstützer_innen aufhört.

 

TazArtikel – Von Santiago Maldonado keine Spur

http://www.taz.de/!5437153/

Neues Deutschland – Ministerin und Polizei sind verantwortlich

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1062636.ministerin-und-polizei-sind-verantwortlich.html

Jungewelt – Spurlos „Verschwunden“

https://www.jungewelt.de/artikel/317464.spurlos-verschwunden.html

 

Tobias Mönch macht Wandgestaltung, Illustrationen, irgendwas mit Grafik. Er lebte eine Weile im Norden Argentiniens. Danach studierte er in Göttingen Ethnologie und Spanisch mit einem Schwerpunkt auf Kolonialgeschichte. Heute lebt er in Berlin und studiert Historische Urbanisitk an der Technischen Universität. Eine Auswahl der Dinge, die er so tut, finden sich hier: www.tobias-moench.de

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Wichtige Typen und hysterische Bitches http://ficko-magazin.de/wichtige-typen-und-hysterische-bitches/ http://ficko-magazin.de/wichtige-typen-und-hysterische-bitches/#comments Fri, 01 Sep 2017 10:00:15 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1049 Neulich hatte ich etwas mit einem Typen, der in der „linken Szene“ in Berlin ein richtiger Hit ist. Ein Hit, wie jemand, der gerade unter Einsatz seines Lebens 30 Kinder auf seinen starken, tättowierten Armen gestapelt aus einem brennenden Haus balanciert hat. Oder wie der Gastgeber, der seinen Gästen um 2 Uhr morgens mit Käse überbackene Nachos auf der Party serviert. So ein richtiger Knaller eben. Einer, der anpackt und einer, der die Probleme auf der Welt verstanden hat. Einer, zu dem alle aufgucken, weil er sein gesamtes Privatleben seiner politischen Arbeit geopfert hat. Und immer mit müden, freundlichen Augen abwinkt, wenn er dafür ein Kompliment bekommt. Einer, der sagt, er versuche seine Rolle im Patriarchat zu reflektieren. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass er zwar das Wort „Konsens“ kannte und inhaltlich sowie grammatikalisch korrekt in Sätze einbauen konnte, davon aber in der Praxis nicht viel zu sehen war.

Wir kannten uns schon seit ein paar Jahren aus der Provinz, in der wir beide uns in der linken Szene rumgetrieben hatten. Ich fand seinen verhaltensgestörten Hund scheiße, er meinte ich sehe aus wie eine Lehramtsstudentin. Wir hatten nie viel miteinander zu tun. Ich zog irgendwann weg, er blieb noch ein bisschen. Drei Jahre später, 2016, trafen wir uns dann in Berlin wieder, wo wir beide mittlerweile wohnten. Wir hatten ein Date, er pennte bei mir. Wir sahen uns öfter und waren beide ein bisschen verliebt. Der Typ konnte die feministischen Vokabeln und gab gleichzeitig den sensiblen, tiefgründigen Mann. Ich war davon sehr beeindruckt, nicht zuletzt, weil er eben der Typ ist, den alle kennen, der so viel reißt und der mich anscheinend ganz hervorragend fand. So fing das an, im Herbst 2016. Nachdem wir eine Weile etwas am Laufen hatten, häuften sich die Stimmen, die mir berichteten, dass er das provinzielle Städtchen nicht ganz freiwillig verlassen hatte. Wie das so ist, wussten alle irgendwas, aber niemand genaues, außer dass er ein irgendwie „übergriffiger und manipulativer“ Typ sei. Nachdem ich meine Kontakte spielen lassen und nur noch mehr verwirrende Infos erhalten hatte, beschloss ich ihn direkt danach zu fragen. Er stand halbwegs bereitwillig Rede und Antwort. Nach diesem Gespräch ging die Shitshow richtig los.

Der wichtige Mann und die aggressive Verrückte

Ich hatte ihm zu diesem Zeitpunkt schon mehrmals davon erzählt, dass es mir gerade aus verschiedenen Gründen nicht gut ging und ich mich nicht sehr stabil fühlte. Ich bat ihn aus diesem Grund um ein Gespräch über unser Verhältnis. Er war ausgesprochen verständnisvoll und beteuerte, dass ein Gespräch kein Problem sei. Danach sahen wir uns ganze sechs Wochen: Gar nicht. Per Kurznachrichtendienst ließ er mich wissen, er sei extrem beschäftigt, wichtig wichtig, politische Arbeit, heiße Phase, ohne ihn liefe da nix. Aber es sei ihm trotzdem ganz ehrlich ein großes Anliegen mit mir zu reden, dem Guten. Statt für ein Gespräch fand er nach sechs Wochen die Zeit angetrunken bei mir aufzukreuzen und Sex zu initiieren noch bevor ich überhaupt die Wohnungstür hinter ihm geschlossen hatte. Ich war völlig überrumpelt, weil ich nicht verstand, dass der coole Feminist hier gerade ohne mein Einverständnis alle möglichen sexuellen Praktiken an mir vollführte, nachdem ich ihm mehrmals sehr deutlich gesagt hatte, dass ich Probleme in der Beziehung zu ihm hätte und mal mit ihm reden müsse. Da er bisher jedes Mal sauer geworden war und mich auf mein „einschüchterndes und aggressives Verhalten“ hingewiesen hatte, wenn ich ihn für das Aufschieben des Gesprächs kritisiert hatte, nahm ich an, dass sei wohl alles meine Einbildung und ich sei einfach eine aggressive, hysterische Bitch. Ich bat danach weiterhin um Gespräche und ließ noch ein ähnliches Treffen über mich ergehen, bevor ich ihn schließlich absägte. Nicht ohne ihm gegenüber noch einmal alles auf mich, meine Instabilität und Unfähigkeit einfach mal entspannt zu sein zu nehmen. Soviel zum Thema „ein irgendwie übergriffiger und manipulativer Typ“.

Nachdem ich irgendwann nach Ende unseres Intermezzos halbwegs geschnallt hatte, dass der Mensch, den ich vor kurzem noch so angehimmelt hatte, eher nicht der verlässliche Feminist war, für den wir beide ihn hielten, wusste ich erst nicht so recht, was ich machen sollte. Erst versuchte ich die Erkenntnis zu ignorieren. Das klappte nicht und ich fühlte mich erniedrigt und extrem wütend im Wechsel. Ich beschloss ihm einen Brief zu schreiben, für den ich eine Woche, eine Taschentuchbox und den Zuspruch von zwei korrekturlesenden Betreuer_innen brauchte. Ich brauchte noch eine Woche, um mich zu trauen ihn abzuschicken. Nach einem Monat (Stichwort: wichtiger Typ) kam ein Schmalspur-Entschuldigungs-Fünfzeiler als Antwort. Wir diskutierten erst zwei Wochen per Whattsapp und stritten uns anschließend in Persona auf der Skalitzer Straße, wo ich so sauer wurde, dass ich kurz weinte und ihn dann stehen ließ. Während dieser Zeit schlief ich vor Aufregung nur circa vier Stunden pro Nacht und fragte mich weiterhin wie ich, die mit der großen Fresse und dem Feminismus-Diplom, das hatte zulassen können. Er schrieb mir nach dem öffentlichen Showdown einen Brief, in dem er alle meine Vorwürfe restlos anerkannte. Damit hat es mich alles in allem zwei Monate Kampf gekostet, eine vernünftige Entschuldigung zu bekommen: Den ersten Monat musste ich mir selbst glauben und verzeihen lernen, den zweiten musste ich mit offenem Visier vehement Antworten einfordern. Das war nicht leicht und mir ging es auch mit meinen Freund_innen und FICKO im Rücken, deren Solidarität und Zuspruch mir über meine Unsicherheit halbwegs hinweggeholfen haben, nicht gut dabei. Ich bin dennoch froh, dass ich die Konfrontation gewählt habe, weil ich nichts für die Scheiße kann.

Das sind keine Psychopathen, das sind einfach nur Typen

Was für mich bleibt ist die Gewissheit, dass das viel normaler ist, als wir alle denken. Wir alle kennen diese Typen, die irgendwie schon ein bisschen uncool sind. Die wissen, dass sie über Pickup-Artists lieber nichts sagen sollten, psst, aber heimlich doch irgendwie interessiert daran sind, wie man Frauen neurolinguistisch programmieren kann. Über die dann irgendwie doch rumgeht, dass sie nicht ganz cool mit ihrer Ex-Freundin umgegangen sind. Deswegen müssen wir auch nicht bei dem einen Einzelfall die Fackeln anzünden, wo die Betroffene sich durchgerungen hat das öffentlich zu machen und wo es dann mal geklappt hat, dass ihr geglaubt wird. Wir sollten uns nicht einbilden, dass das Einzelfälle sind. Sowas passiert ständig und die Typen sind unsere Freunde, die sind in unserem Team. Deshalb hat es keinen Sinn in einzelnen Fällen zu skandalisieren ohne die gesamte Struktur zu kritisieren, weil das nur das Problem verschleiert: Der Skandal ist, dass es eigentlich kein Schwein interessiert, wenn nicht der Platzhirsch von der hysterischen Bitch aus dem autonomen Zentrum gejagt wird. Wir sehen uns dann alle Mitte September auf dieser einen großen Demo gegen die fundamentalistischen Christ_innen in Berlin-Mitte. Achja, und am 8. März. Und das war‘s.

Der Grund dafür, dass so etwas so häufig passiert ist simpel: Auch Menschen, die sexualisiert übergriffig werden, sind keine psychisch kranken Monster, die man auf Alkatraz in einen einen dunklen Kerker sperren muss. Das sind stinknormale Typen, die ihr anerzogenes Sexual- und Dominanzverhalten nicht ausreichend reflektiert haben. Solche, die denken, sie seien Feministen, wenn sie sagen, dass sie Feministen sind. Mr. Käsenacho ist kein Psychopath, der ist einfach nur ein Typ. Einer, der die Dynamik zwischen uns genutzt hat, um seinen Einfluss auf meine Entscheidungen auszubauen, wodurch er dann meine Widerstände mit einem Fingerschnipsen brechen konnte. Das sah dann so aus, dass er mit Hundeblick einfach noch zwei Mal gefragt hat, wenn ich zu irgendetwas beim Sex Nein gesagt hatte. Bis ich dann doch ja gesagt habe. Um ihn nicht zu enttäuschen. Um nicht die frigide Alte zu sein. Damit er mich nicht zurückweist. Weil er ja der große Feminist ist, der nichts falsch machen kann und ich die aggressive Verrückte, die das mit Sicherheit nur falsch verstanden hat. (Und das ist der Grund, warum ein Nein immer reichen muss.)

Wenn es nur um die Bitch geht, ist es egal

Dass sexualisierte Gewalt eben ein ganz gravierendes Typen-Problem ist, wollen viele Leute nicht wahrhaben. Das gilt auch für die Linke. Deswegen sind öffentliche Diskussionen um sexualisierte Gewalt zu großen Teilen für den Arsch. So wie ich diesen Text jetzt schreibe, wird es vielleicht ein paar beschissene, aber auch viele sich solidarisierende und nette Kommentare geben. Würde ich hingegen den Namen der Person nennen, wäre richtig Randale in der Kommentarspalte. Und das ist das Problem: Wenn es nur um die Bitch geht, ist es egal, aber wenn es um den armen, armen Mann geht, dann geht es richtig ab. Ich habe es satt zu sehen, wie sich Leute, die auf der richtigen Seite stehen müssten, auf die falsche Seite stellen, because they can. Weil es so erschütternd wäre sich einzugestehen, dass Übergriffe eben zwangsläufig passieren, wenn Männer nur die feministischen Vokabeln vor sich hinstammelnd wie tiefgefrorene Teenager-Zombies durch ihr Sexualleben torkeln. „Konsens, Konsens“. Bla bla bla. Weil es eben einfach einfacher ist die Betroffenen unter den Bus zu werfen, und gleichzeitig über das Awareness-Team zu rofln, während kein einziger Pieps darüber zu hören ist, wie beschissen die Situation eigentlich ist.

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Your Comfort, My Silence? http://ficko-magazin.de/your-comfort-my-silence/ http://ficko-magazin.de/your-comfort-my-silence/#comments Tue, 22 Aug 2017 13:00:51 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1111 Ich hab die Hand genommen, weggeschoben, mich umgedreht und still geweint. Nur kurz. Böse meinte er es erst recht nicht und hätte er mich weinen sehen, hätte er auch aufgehört. Ich wollte kein großes Drama draus machen, weil ich dachte zu wissen, dass er es wirklich nicht einzuschätzen wusste. Beim Sex ins Gesicht geschlagen zu werden, mochten einige Ex-Freundinnen im Gegensatz zu mir, erfuhr ich, als ich es beim Warten aufs Essen in einem Imbiss angesprochen habe. Fremde Frauen diffamieren und sagen, wie krank das ist, war mein erster Impuls. Das hat ihm und mir aber nicht geholfen und die Frauen die drauf stehen, sind nicht das Problem. Sondern die Menschen, die nicht vorher fragen, wie das Gegenüber dazu steht. Ich wollte ihm also sagen, wie wichtig Kommunikation ist und wie das bei mir ankam, dass und warum es weh tat, seelisch. Das Gespräch war, wie zu erwarten in einem Imbiss, nicht zielführend. Es wurde laut und hatte nicht den Tenor, den ein Gespräch haben muss, um offen und unvoreingenommen über Neigungen und Abneigungen beim Sex zu sprechen. Wir haben es also erst mal ignoriert. Ich. Meine Gefühle dazu.

Angst zu vertrauen habe ich nicht insofern, als dass ich fürchte, mein Partner könne andere Menschen attraktiv finden oder gar intim mit anderen Menschen werden. Vertrauen bedeutet für mich, dass mein Innerstes, wenn ich es oder zumindest Teile davon offenbare, nicht gegen mich verwendet wird, und auch, dass versucht wird, zu verstehen ‘where I come from’. Man ist Summe seiner Erfahrungen und ich habe mir angewöhnt in vorauseilendem Gehorsam zu erklären, was an mir wie sehr und warum kaputt ist. Das habe ich leider auch hier wieder getan. Vor Jahren war ich in einer Beziehung, die nach dem himmelhohen Jauchzen, nur noch blaue Handgelenke und Wutausbrüche für mich übrig hatte. Die Hintergründe und Details habe ich ihm zum Teil erzählt und gehofft, dass es ihn dadurch bewegt rücksichtsvoll zu sein und zu verstehen, dass wir den Moment, in dem sich etwas zwischen uns ändert, nicht verpassen dürfen. Streits wurden stets nach diesem Gusto geführt. Ein kurzer Schlagabtausch; Pause; Um dann meinen Wunsch nach echter, gehaltvoller Aussprache abgeschlagen zu bekommen.

Die Debatte hatte nur Platz für seine Sensibilität

Einmal kam er betrunken zu einem Treffen, bei dem wir den letzten Streit ausdiskutieren wollten. Ich habe ihn die ganze Nacht ‘versorgt’. Der vierte Tag in Folge, den ich kaum geschlafen habe, weil er bei mir war, ohne dass irgendwas angesprochen werden konnte. Wie die meisten Nächte neben ihm (eine Mischung aus seinem Schnarchen und meinen Sorgen verbot es mir seit Wochen, anständig zu schlafen) war an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Das belastet. Tagsüber war ich wochenlang müde und energielos. Das Gespräch fand nie statt. Als ich meine Enttäuschung darüber kundgetan habe, habe ich gelernt, dass er eben sehr sensibel sei. Aha. Und das war auch das Ende der Debatte. Es hatte also nur Platz für seine Sensibilität. Ich habe ihm dann irgendwann immer wieder vorgeschlagen, eine offene Beziehung zu führen. Weil man dann vielleicht woanders bekommen kann, was die Partnerin beim Sex z.B. nicht möchte. Es wurde nur abgeblockt und ich habe die Beziehung dann irgendwann beendet. Meine Intention mit dem Vorschlag war, zu erreichen, dass ich mir keinen Kopf darüber machen muss, ob ich genüge, oder er z.B. beim Verstehen meines Seelenlebens genug einbringt.

Die Beziehung vorbei, haben wir immer wieder ziemlich unterschiedliche Phasen miteinander gehabt. Mal wollten wir Freunde bleiben, mal war alles zu viel und ich sollte bloß weg bleiben. Es war für mich wie Russisch-Roulette. Er sagte, er brauche Zeit, um mit mir sprechen zu können. Nachdem wir irgendwann einen Nachmittag miteinander verbracht hatten (in der seltsamsten Stimmung, die man sich vorstellen kann), habe ich noch einmal gefragt, ob wir nun endlich ein einziges Mal doch reden könnten über das, was alles so passiert war und dazu geführt hatte, dass wir nicht mehr zusammen waren (es gab ja noch sehr viel mehr zu klären, als nur das, was im Imbiss nicht möglich war), hat er komplett abgeblockt und wurde das erste Mal sauer ob meines Bedürfnisses nach Aussprache. Obwohl er es immer wieder in Aussicht gestellt hat. Er könne das nicht; mit mir reden. Und ich hätte das zu respektieren. Im Grunde bestimmte er schon die ganze Zeit während der Beziehung wann, ob und wie wir miteinander sprechen. So also auch danach. Das war der Anfang von einem wochenlangen Whatsapp-Zirkus, in dem ich als Tanzbär aufgetreten bin… schon wieder, ohne gefragt zu werden. Er schreibt einen Text und blockiert, verfasst währenddessen eine weitere Nachricht, entblockt und schickt die neu verfasste dann schnell wieder, um mich dann direkt wieder zu blocken. Man bekommt also Dinge an den Kopf geworfen, Fragen gestellt, muss sich anhören, wie einem die Worte im Mund verdreht werden und kann nicht antworten, Stellung beziehen. Nirgends. Kein Medium oder Kanal, bei welchem man nicht geblockt ist. Wie fingerfertig er sein muss für diese Art der selbstgefälligen Kommunikation.

Das Nicht-Reden-Wollen ist das Schlimmste daran

Ich habe es irgendwann nach Wochen kaum mehr ausgehalten und ihm gedroht zur Polizei zu gehen, wenn er sich nicht endlich dem Gespräch stellt bzw. mich auch mal zu Wort kommen lässt. Ich habe es satt diese Scheiße mit mir selber auszumachen. Das war sehr impulsiv von mir. Ich würde nicht zur Polizei gehen, zumal ich weiß, wie wenig das bringen würde. Außerdem ging es mir ja darum, dass aus dieser Situation nicht schon wieder eine eklige Erfahrung würde, sondern eine Veränderung stattfindet oder zumindest der Anreiz für ihn, darüber nachzudenken, entsteht. Ich konnte aber nicht mehr aufnehmen, was er sagte, ohne auch irgendein Druckmittel zu verwenden. Es brachte natürlich nichts. Ich habe mir die ersten Wochen nach der Trennung selber den Rat gegeben: Aussitzen, mit Leuten sprechen, die ein oder andere Tüte macht den Kopf frei. Lesen (ich habe in zwei Wochen drei Bücher gelesen). Aber das einzige, was wirklich hilft für jemanden wie mich, ist Aussprache. Meine Freunde hören mir zu und fangen mich auf. Aber was hilft es, wenn es mir um SEIN Verständnis für die Sache geht. Ich wollte ihm die Chance aufzwingen zu verstehen, was er da getan hat und warum das nicht das Allerschlimmste ist, was man tun kann, warum das aber auch mehr als ein Missverständnis ist und in der Zukunft eben anders behandelt werden sollte.

Ich habe immer wieder großes Wohlwollen an den Tag gelegt, weil ich überzeugt davon bin, dass man Menschen auch mal „abholen“ muss. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass er mir nichts Schlimmes „angetan“ hat, sondern dass er einfach immer noch stark von seiner – leider ganz gewöhnlichen – sexistischen Prägung vereinnahmt ist. Und dass das Nicht-Aufarbeiten-Wollen das für mich eigentlich Schlimme daran ist. Denn es veränderte ihn für mich. Es ist vielmehr das Nicht-Erlauben, darüber zu sprechen, als das Schlagen an sich. Und dadurch, dass ich aus Rücksicht auf seine Gefühle nichts mehr dazu äußern konnte, tat alles noch mehr weh. Weil auf meine keine Rücksicht genommen wurde. Ich hätte gerne direkt darüber gesprochen, wie ok das ist, wenn Paare auf diese Praktiken stehen und ich niemanden an die Wand stellen oder verurteilen möchte für deren Lust. Man kann beim Sex mit Kleinigkeiten Vertrauen zerstören. Und für mich war es das. Es hat sich in andere Gefilde unserer Beziehung eingenistet. Nichts davon erreichte ihn je.

Er braucht keine feministische Belehrung, er ist antifa

Ich habe irgendwann Leuten geschrieben, die ihn kannten oder gar befreundet mit ihm sind mit der Bitte zu vermitteln. Dann ist er völlig ausgeflippt. So aggressiv habe ich ihn noch nie gehört. Und hier kommen wir zum eigentlichen Punkt. Er will nicht abgeholt werden. Sein Interesse an Feminismus galt nur, solange es einfach war. Solange es die anderen bleiben. Er ist ein antifaschistisch Aktiver und braucht keine Belehrungen in Gutmenschlichkeit oder Antifaschismus. Meint er zumindest. Das ist ein ganz klarer Standpunkt: Er ist einer von den Guten, was er tut, kann also nicht problematisch sein. Kognitive Dissonanz. Er würde lieber im Boden versinken, als vor seinen Freunden und Bekannten zugeben zu müssen, noch etwas lernen zu müssen. Die eigentliche, meist theoretische Arbeit, seine anerzogenen Sexismen zu hinterfragen und zu dekonstruieren, ist anstrengend und weniger ruhmvoll, als an vorderster Front gegen Neonazis zu kämpfen. Das ergibt keine Narben, mit welchen man prahlen kann. Dass es für mich und die meisten anderen aber keinen Unterschied macht, ob derjenige, der dir ungefragt zum Kommen ins Gesicht haut, Antifa oder Tischtennis-Club ist, ist irrelevant. Sein Status ist sein Schutz. Er ist schwarzer Block. Engagiert, furchtlos, stark. Ich bin nervige Feministin. Übertrieben, nervig, emotional. Er ist vernetzter und etabliert in der Szene. Und er hat das soziale Kapital, das mir fehlt, um unbeschadet aus so einer Sache raus zu kommen. Was das nun für den Umgang hiermit bedeutet: Er behauptet mittlerweile, ich lüge. (Ich würde die Kellnerin aus dem Imbiss gerne ausmachen, die verstohlen rüber geschaut hat, als es laut wurde.)

Die Kontaktaufnahme über seine/unsere Bekannten hat ihn so wild gemacht, dass diese Geschichte, anstatt sie aufzuarbeiten und dann in Frieden getrennte Wege zu gehen, ihn dazu brachte mir Dinge zu sagen, wie dass „die Kacke am dampfen ist, Alte“ und „dann haben wir beide ein ganz großes Problem“ und ob ich „Gestörte“ nicht einen Knall hätte. Das Ding ist, den kriege ich noch, wenn die Dinge so weiterlaufen. Meine Bitte, die ich am Anfang unserer Beziehung an ihn gestellt habe, meine Geschichte mit einem anderen Ex-Freund nicht gegen mich zu verwenden, hat er auch abgeschlagen und gesagt, er könne nun verstehen, warum ich in der Vergangenheit habe leiden müssen. Ja, weil die Frauen, die unter Männern, die ihnen weh tun, leiden, am Ende auch für antifaschistische Macker eben selbst schuld sind. Ich solle mir gut überlegen, was ich sage und wie ich mich weiter verhalte. Das ist eine Drohung. Als Antwort auf meine, zu den Bullen zu gehen. Schon klar. Das Ding ist nur, ich lüge nicht und er verweigert sich dem Gespräch, welches mir, als die Ins-Gesicht-ohne-zu-fragen-Geschlagene, doch irgendwie zusteht. Meine Drohung rührt von der Verzweiflung her, schon wieder alles mit mir ausmachen zu müssen und seine rührt daher mich einschüchtern zu wollen und nicht „genervt“ zu werden mit Dingen, die ihn eh schon lange nicht mehr berühren.

Ich hätte nach der Aktion aufstehen, mich anziehen und ihn rausschmeißen können. Stattdessen wählte ich Selbstschuldzuweisung (Habe ich die falschen Anzeichen gegeben? Bin ich verklemmt?) und Wohlwollen. Das war fatal. Er hat abgeschlossen damit und empfindet mein Bedürfnis, darüber zu sprechen einfach als extrem nervig und unnötig. Hätte er die emotionale Anstrengung, das aufzuarbeiten, investiert, wenn er gedacht hätte, es lohne sich, weiß ich nicht. Jetzt ist aber Schluss. Jetzt lohnt es sich nicht mehr für ihn. Für ihn war es schließlich auch vorbei irgendwann und wieso sollte er noch emotional in eine investieren, mit der es nicht mehr zu klappen scheint. Sich auszuwählen, ob und inwieweit man sich mit dem Schmerz, den solche Dinge verursachen, beschäftigt ist ein Privileg, das ICH nicht besitze.

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Die Betroffenen von sexualisierter Gewalt haben das letzte Wort – nicht die Täter http://ficko-magazin.de/die-betroffenen-von-sexualisierter-gewalt-haben-das-letzte-wort-nicht-die-taeter/ http://ficko-magazin.de/die-betroffenen-von-sexualisierter-gewalt-haben-das-letzte-wort-nicht-die-taeter/#respond Mon, 21 Aug 2017 16:13:33 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1097 Zum Outing des Gitarristen der Band „Wolf Down“

Erst vor wenigen Wochen trauten sich betroffene Frauen, ein Mitglied der Band „Wolf Down“ als Täter sexualisierter Gewalt zu outen. Mehrere Frauen berichteten von verschiedenen Formen des sexualisierten Missbrauchs.

Kurz danach folgte ein Statement der Musiker, in dem sie die Auflösung der Band bekannt gaben. Die Erklärungen und Rechtfertigungen des Täters nahmen dabei viel Raum ein. Damit machte er sich für viele vom Täter zum Opfer.

Auch aus diesem Grund ist es uns vom FICKO-Magazin wichtig, nochmal auf das abschließende Statement der betroffenen Frauen vom 27. Juli 2017 aufmerksam zu machen und veröffentlichen in Absprache mit einer der betroffenen Frauen, diesen Beitrag.

Sie haben ein Recht darauf, das letzte Wort zu haben – nicht der Täter.

In mehreren Gesprächen mit einer der Betroffenen stellte sich heraus, dass der Druck durch die Mitwissenden und das Täterumfeld auch jetzt noch deutlich zu spüren ist. Zwar nannten die Betroffenen nicht ihre Namen, doch war im Umfeld des Täters und derjenigen, die ihn supporten, vielen bewusst, wem Gewalt angetan wurde.

Nach den Übergriffen, wurde einer der Frauen vorgeworfen, sie sei eifersüchtig, rachsüchtig und wurde als hysterisch abgestempelt. Ihr wurde von den Männern in dem Umfeld des Täters gesagt, dass der Täter irgendwann wieder rehabilitiert sein wird, ihr jedoch weiterhin das Stigma als Denunziantin anhaften wird.

Diesen Frauen muss Gehör verschafft werden.

Ihr Mut sollte weitere Betroffene von sexualisierter Gewalt dazu bewegen, sich zu wehren und andere, sich solidarisch zu zeigen. Es kamen nach dem Outing viele ermutigende Rückmeldungen bei den betroffenen Frauen an. Menschen, die selbst sexualisierte Gewalt durchleben mussten, bedankten sich und trauten sich ebenfalls, andere Täter zu outen und von ihrem Leid zu berichten.

Auch wenn diese Reaktionen nicht dazu führen, die furchtbaren Übergriffe ungeschehen zu machen, lindert es für Betroffene ein wenig den damit verbundenen Schmerz. Mit der Veröffentlichung des Statements und der damit einhergehenden Solidarität wurden die Betroffenen gestärkt.

Es wird mehr über sexualisierte Gewalt in linken Kreisen gesprochen und darüber, dass wir endlich mehr gegen missbräuchliches Verhalten in dieser Szene vorgehen müssen. Wir müssen Prävention betreiben. Sexismus und Rechtfertigungsversuche von sexualisierter Gewalt müssen bekämpft werden. Keiner hat das Recht auf sexuelle Handlungen ohne Konsens, auch nicht, wenn der Täter „sonst ein ganzer netter Typ ist“, weil er sich ja sonst ganz toll für Antifakram einsetzt.

Dank des Outings und der positiven Reaktionen der Menschen, die sich mit den betroffenen Frauen solidarisieren, gelang es der Band nicht, die Übergriffe zu relativieren.

Dafür danken wir euch.

Rosa

 

Hier nochmal das Statement der Betroffenen:

http://wolfdownouting.blogsport.de/

final statement by the victims of tobi

after everything that has happened during the last 48 hours, tobi’s statement and wolf down breaking up, we as the victims want to publish one last statement. we do not want to allow the perpetrator to have the last word. this time, we are publishing in english, because after our first statement there was a great demand for translations and we want as much people as possible to be able to read what we have to say.

we apologize for any mistakes – this is not our native language and as we both come from a working class, low-educated background, we are not practiced expressing ourselves in the polished lawyer-english that tobi uses. anyways, we want to spit out our anger again, even though our words are raw and clumsy.

reading tobi’s statement felt like a fucking joke for us. the fact that he was allowed to take up so much space, to explain and justify himself with so many hollow words leaves us shocked. it is a good decision the band split up – and in our eyes the only decent one. but instead of publishing our words on their facebook site, followed by a simple explanation that obviously these circumstances make it impossible to go on posing as a radical leftwing group, they tried to save what was left of their image. tobi’s words range from hypocritical to disgusting. he writes: “my sexual self-reflection concerning the right approach to consensual sex had not yet been brought to the same level as my otherwise radical-leftwing convictions”. we do not understand why he seems to believe that understanding how consensual sex works is a political/intellectual challenge. being a decent human being should not be something that you need a process of several years for, like forming an opinion on the correlation between state and capital or some other deep shit.

still, he has not understood a lot of things even though he claims to be magically enlightened now. “I did things to her for which I didn‘t ask for her consent, during otherwise nonverbally consensual sex” – doing things you don‘t have consent for makes the whole sex nonconsensual you prick. tobi also states that at least he kept the principle “no means no”, which is simply not true: a “no” always meant “try to convince me” to him, which build up a lot of pressure, especially with the imbalance in power that he produced with all of his abusive behaviour.

tobi is so afraid of losing his life as the “cool antifa dude” but doesn‘t even have the guts to write out the word “rape” and instead uses “type of rape”. he also lies about when he wrote me he felt “not guilty” of what happened because he was “brought up in a bavarian village” where nobody would teach him about consent. this happened on 20th of june and not “two weeks ago” as he claims.
furthermore he writes: “It feels surreal, that I‘ve been calling myself a feminist for years, but played a part in fucked up patriarchal mechanisms and rape culture. A culture that teaches men to take „what is theirs“ without asking and that blames women for the consequences. A culture that pressures men to take the active role and forces women to take the passive one.” it feels fucking disgusting and horrifying for leftwing women like us to read those lines. many of us joined the movement to escape the cruel environment that patriarchy produces and try to fight our way towards a world with freedom and without sexual violence for ourselves and our sisters. knowing that we maintain this struggle alongside male “allies” who are in no way better than the patriarchs and abusers we want to escape weakens and discourages us and the movement itself. lately we have been thinking a lot about all the amazing, talented women we know and how much time we all have to spend on recovering from trauma and dealing with the harm done to us by men who publicly claim to be feminists. THIS IS NO LONGER ACCEPTABLE. and we want to make clear that our greatest hope in this outing and everything we publish is not people burning their wolf down shirts (even though we appreciate it as an act of solidarity) but every man reading our lines asking themselves if they recognize some of their behaviour in the actions we describe and denounce. know that women are real people with feelings and shit and that more and more of us will speak up. you will be held accountable for your actions.

we could go on and on picking to pieces what tobi calls an apology. but there is other, more important stuff left to say and we do not want to carry on giving him and his opinion on what happened so much room. just another few words on the other wolf down members: dave and pascal are in no way clueless angels. they knew about tobi’s and sven’s behaviour regarding women all these years and they knew about the rape accusations since two weeks at least. of course they have no damn choice continuing a band with two people but they couldn‘t know we were going to make our stories with tobi public. what they call “respect to the victims” was really the hope of wriggling their way out of this without anything happening and continuing with the band as if nothing happened. both of them know us. they know our names, our faces, they have shared conversations and meals with us during times we were tobi’s girlfriends. they know ways to easily contact us on social media. but they didn‘t offer us any help or support at all since tobi confessed to them. besides, pascal and tommy watched larissa being maltreated until she left the band and her ex-boyfriend drummer sven and tobi starting to use wolf down as a way to hook up with girls. yesterday, the day the outing went viral, larissa posted a statement on facebook. for everyone who hasn‘t seen it yet, this is what she came out with after years of staying silent:

“I left Wolf Down about 3 years ago now and people still asking me as to why. I always referred to it as personal reasons which they were. The experiences that I had made shortly before I called it quits have been unbearable and I didn’t want anything more than escaping the toxic environment that had been created within this band. I have known Tobias and Sven to be bigoted sexist pricks with an ill perception of women. They never made it a secret and were openly objectifying women, sharing pictures and stories between them. Having been in a relationship with Sven, the drummer, for over 7 years I was abused in more than one way, it continued even after we were through. He tried to turn my family against me and called friends and friends of friends late at night to know about my whereabouts and so on. Sven is in no way the feminist he claims to be, he is a sociopathic patriarch through and through, and from what I know he has not changed a bit over the years. Enough is enough. I stand with the victims.”

we have to say that we are shocked about other women contacting us since we published the outing, telling us about bad experiences with tobi and sven. besides, we both have encountered so many more situations where their blatant misoginy was unbearable. some examples to illustrate a little what we‘re talking about:

– in fall ’15 wolf down were on tour and went swimming before playing a show in a german city (we believe to remember it was trier). in the swimming pool they joked and dared tommy to swim to a middle-aged woman and tell her that tobi would fancy her but wouldn‘t have the guts to talk to her himself. he told her they were a band called wolf down and that she could come to the show for free, that tobi would put her on his guest list. they laughed about the woman getting excited. when they returned to the venue they found she had contacted them on their official facebook profile. they hoaxed her and tried getting her to sext with them. when she asked about getting tobi’s private contact (because she believed talking to him all the time) they blocked and deleted her. later tobi bragged about this story to “woman 2” and showed her the whole conversation. he justified making fun of a random woman saying that “at least she had a bit of an adventure for once in her boring housewife life, writing with some hot tattooed boys”.

– sven as well as tobi are famous for contacting girls they find hot on instagram. sven once contacted a friend of ours telling her she should do a live video for him when he saw an instagram story of her running a bath. she felt disgusted by this and when sven was confronted about it he swore he didn‘t mean it “in a sexual way”, he just wanted “to make fun of her because some girls are so ridiculous posting everything they do on instagram”. he was convinced that this would make his behaviour any better.

– when sven found out i (“woman 1”) was befriending his current girlfriend he continued asking her about what we were doing together, if we met just to talk or to have a sexual relationship/watch lesbian porn together. only because we both happen to be bisexual women. he also told “woman 2” that he felt repulsed by me because i “talked too loud”, sit and walk “like a man” and happen to be interested in football.

– tobi showed me messages of an acquaintance of his asking when they could meet (for a certain purpose i forgot but that had nothing to do with any interest in him), telling me how “desperate” she obviously was to get him to date her, and that he felt pity for her.

we could go on for hours with this list. but instead we choose to let another ex-girlfriend of tobi speak, who approached us in solidarity with her story whose parallels to what we experienced with him made us weep. these are direct quotes of the messages she sent us:

“Hi, I dont know you but Larissa gave me your number. I , unfortunately, am a victim of Tobias as well. It was [year censored because of privacy concerns].It breaks my heart to see that He went on abusing women. I am shivering while reading his statement on Facebook because I cant believe a single word of what he is writing.I think everyone should have a chance to change but I Seriously believe he wont.i am terrified that he will be able to abuse more women in the future,and still be able to hang out in the hardcore scene as if nothing happened. I wish I could hug the women who wrote their Stories because for the first time I felt understood and it is terrible to know that others went through the same suffering I did. Thank you”
“it is very important for me to know that at least someone believes me. Since now I had to struggle against him completely alone as most of my former „friends“ kept thinking he is a „nice guy though“. He manipulated me constantly, made me feel like a crazy person for just being angry at what he did. We had a long distance relationship for one year. After we broke up he never left me alone. He was literally stalking me for all these years and about every 4-6 months writing me some stupid messages about being friends again that i NEVER replied,still he never stopped. Two times I found him standing in front of my door asking me if he could stay at my place. Another time i was at a show in [city censored because of privacy concerns] and he wrote me „i am here“ and there he was with some fucking flowers,even though He knew I didnt want to see his face again and I even had a boyfriend then. I had two long relationships after him and all he did was talk shit about my boyfriends and to make me feel ashamed for even being with them. For him,the biggest poser of all times, they werent cool enough.I guess i also don‘t need to say that he cheated on me more than one time. Still,while we were together he didnt even want me to hang out with only men or stuff like this because he was jealous. One month ago he wrote again trying to apologise for all that he did to me, for manipulating me and for making me go to bed with him when I didnt want to and then disappearing for months,leaving me there lonely and abused like a piece of meat. All he ever wanted from me was sex. His reason for doing this is that he’s just a poor guy coming from a sexist german family and he now learnt what feminism is.then the stories of the other two women came out and I understood what it was actually about. I wasnt surprised but surely disgusted and terrified he will forever go on like this.I met many bad people in my life but Tobi is for sure the worst human being I can imagine,under every aspect. There is no single thing in him that I would save because he’s literally just a pile of thrash. I wish people believed me back then ,when I was telling them he is an abuser and a lier because maybe all that happened afterwards wouldnt be a horrible reality. Sven tried the same with me until I realised he was just like Tobi. The two were literally sittig together asking me for nudes (that fortunately i never sent) and laughing behind my back. A former friend of them warned me that they were exchanging other girls pictures and making fun about how stupid but hot they are. Sven is just as bad as Tobi,I want the people to really see that too. I stood alone and powerless until now”
“I am really so sorry about it. This is so fucked up. Sadly, you are definitely not alone in this. I am quite sure that there are other just like me that didnt come out because of fear. […] Actually I don‘t know if I can articulate myself strong enough to make people understand, I am definitely not „well educated“ like he is. I get very nervous when I have to write something for the public as a reply to something so well written like he did. If it is okay, you could write a new post where you can also mention my story. This could be very important, I feel many people still don‘t believe a word of anything and are just sad that wolf down are now over.”
“I feel like I kept these things too long for myself.”
“What I read in words is another attempt at showing that he’s still the nice educated guy everyone knows and that he’s so smart that he will change soon. Again he wants people to defend him. […] I think the general facts that he acts like a stalker, spying you even after the relationship is gone is definitely my main point, together with the manipulation and the mental abuse followed by the physical abuse. I was lying when I was letting him into my place. I was doing it only because I was scared he would attack me mentally again. He always said I was overreacting over everything. He was lying when he was saying „i will just be next to you in bed without doing anything sexual,trust me“ and then crawling against me saying „i can‘t resist“ and touching me without my consent.It’s incredible I could go on forever, even if it hurts to take out all these memories.”

we both share the third ex-girlfriend’s concerns about tobi never changing. that is the ultimate reason why we write this final statement. and because we couldn‘t let tobi get away with his phony excuses. and because we want closure now. and because we want to show every woman who was ever abused that if you speak out, you don‘t just help yourself. you most likely help so many more women to stop feeling alone, “crazy” and broken.

we want to thank every single woman that has stood up in solidarity with us. may we never forget that sisterhood is our main weapon.

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Wir müssen endlich reden – Reihe zu sexualisierter Gewalt http://ficko-magazin.de/wir-muessen-reden-neue-reihe-zu-sexualisierter-gewalt-bei-ficko/ http://ficko-magazin.de/wir-muessen-reden-neue-reihe-zu-sexualisierter-gewalt-bei-ficko/#respond Sat, 19 Aug 2017 10:00:55 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1064 Vor Kurzem outeten zwei Frauen Mitglieder der Band Wolf Down als Vergewaltiger und sexualisiert übergriffig. Abgesehen von allem, was danach passierte, ist bemerkenswert, dass diese Band sich als feministisch und explizit gegen Sexismus positioniert darstellte und verstand. Wie kann es sein, dass Mitglieder einer solchen Band Täter sind? Das scheint auf den ersten Blick überraschend. Auf den zweiten eher nicht.

Als wir vor kurzem eine informelle Erhebung in der FICKO-Redaktion gemacht haben, wer eigentlich schon sexualisiert übergriffige Situationen erlebt hat, ergab sich eine erschreckende Zahl abgefuckter Geschichten, die mehr als deutlich zeigte, dass die Betroffenen im Fall des Wolf-Down-Outings nicht alleine sind. Es gibt ein Problem mit sexualisierter Gewalt und Übergriffen in linken Kreisen. Darüber wird zu wenig gesprochen, woraus folgt, dass regelmäßig alle aus allen Wolken fallen und ganz bestürzt sind, wenn es zu Outings von „hohen Tieren“ in linken Kreisen kommt. Auch die meisten von uns, den FICKO-Redakteurinnen, haben bisher öffentlich geschwiegen. Das wird sich nun ändern. Wir werden unsere Geschichten erzählen. Als ersten Text veröffentlichen wir noch einmal das abschließende Statement der Betroffenen im Fall Wolf Down mit einem Kommentar von unserer Autorin Rosa, die mit einer der beiden Frauen gesprochen hat. Anschließend berichten Mitglieder der FICKO-Redaktion von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

Wir starten diese Reihe, um zu zeigen, wie normal Übergriffe leider immernoch sind und wie Übergriffe überhaupt eigentlich aussehen. Ein Übergriff beginnt nämlich nicht erst da, wo eine Person mit körperlicher Gewalt zu etwas gezwungen wird, das sie nicht tun will. Wir starten diese Reihe, um deutlich zu machen, was die Konsequenzen von sexualisierter Gewalt sind und welche Hürden es gibt, als Betroffene nicht einfach nichts zu sagen und das Geschehene beschämt, erniedrigt und mit einer guten Portion Selbsthass hinzunehmen. Wir wollen Betroffenen zeigen, dass sie nicht alleine sind, Solidarität herstellen und alle, denen so etwas passiert ist, ermutigen damit nicht alleine zu bleiben. In diesem Sinne fordern wir unser Publikum auf ihre eigenen Geschichten zu unserer Reihe beizusteuern. Ihr seid nicht alleine, wir haben die Scheiße auch schon durch. Lasst uns so viele Geschichten wie möglich erzählen, damit endlich deutlich wird, wie gravierend das Problem ist.

Wir wollen auch dazu beitragen, dass Täter checken, dass sie Täter sind. Unsere Texte machen deutlich, wie zentral es ist, als Mann nicht nur die feministischen Schlagwörter auswändig zu lernen, um das eigene Standing in der Szene zu sichern, sondern in der eigenen Sozialisation zu graben. Männer müssen das eigene Sexual- und Dominanzverhalten reflektieren, sonst wird sich die Situation nicht ändern. Das darf nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben, es muss etwas passieren. Viele Geschichten, die wir erzählen, zeigen, dass mangelnde Kritikfähigkeit ein wesentliches Problem bei der Konfrontation von Tätern mit ihrem übergriffigen Verhalten ist. Ja, es ist scheiße, wenn man ein guter Feminist sein will, aber leider ein übergriffiges Arschloch war. Das ist beängstigend und kann aus guten Gründen den sozialen Ruin bedeuten. Wenn man aber kein überkrasses Arschloch sein will, dann muss man Verantwortung für die eigene Scheiße übernehmen. Das geht oft schief. Das muss aufhören und dafür müssen endlich Lösungen gefunden werden.

Solidarität muss praktisch werden, wir lassen uns nicht mehr mit halbgaren Entschuldigungen, Ausflüchten und Versprechungen abspeisen. Und in diesem Sinne lassen wir die Betroffenen sprechen.

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Emanzipatorische Bewegungen zusammen bringen – ein Interview mit Johanna vom Connecting Movements Camp http://ficko-magazin.de/emanzipatorische-bewegungen-zusammen-bringen-ein-interview-mit-johanna-vom-connecting-movements-camp/ http://ficko-magazin.de/emanzipatorische-bewegungen-zusammen-bringen-ein-interview-mit-johanna-vom-connecting-movements-camp/#respond Wed, 16 Aug 2017 16:30:32 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1068 Hallo Johanna,

du bist eine der Organisator*innen des Connecting Movements-Camp. Worum geht es denn bei dem Camp?

Johanna: Wir wollen auf dem Connecting Movements Camp Menschen aus verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen zusammenbringen, zum Beispiel Leute, die sich für Bewegungsfreiheit und Bleiberecht einsetzen, Queerfeminist*innen und Bäuer*innen, die für Ernährungssouveränität kämpfen. Normalerweise denken wir diese Themen ja eher getrennt – dann gibt es feministische Sommercamps, No Border Camps, Klimacamps und so weiter. Das wollen wir aufbrechen. Ziel ist es, sich über Strategien und Visionen der verschiedenen Kämpfe auszutauschen und Zeit und Raum zu haben, so voneinander zu lernen.

Wer seid ihr, wie groß ist euer Team und wann wurde die Idee in konkrete Planungen überführt?

Manche von uns haben in den letzten Jahren schon am Klimacamp im Rheinland mitgearbeitet und Barrios (Nachbar*innenschaften, in denen sich zu einem bestimmten Thema ausgetauscht wurde) zu Antirassismus, Queerfeminismus und Landwirtschaft mitgestaltet. So kam es auch zu der Idee des bewegungsübergreifenden Zusammenkommens, als wir uns Anfang des Jahres ursprünglich zur Planung des Klimacamps getroffen haben und dann aber festgestellt haben, wow, es gibt eigentlich super viele Zusammenhänge zwischen diesen Kämpfen. Andere Leute sind später dazugekommen, wir sind aber weiterhin ein kleiner Kreis – so etwa 15 Menschen.

In eurem Flyer schreibt ihr, ihr wollt über mehr als nur Kohle reden. Worüber wollt ihr denn sprechen?

Kohle und Klimawandel sind natürlich im Rheinland ganz zentral. Aber wenn wir die Klimakatastrophe wirklich aufhalten wollen, dann muss sich an unserer Gesellschaft etwas fundamental verändern. Kapitalismus, Ressourcenverbrauch, das sind so die Themen, die Leuten dazu oft zuerst einfallen. Aber diese Gesellschaft konnte sich nur auf Basis von Kolonialismus, Rassismus und Sexismus entwickeln. Genau das müssen wir anerkennen und gemeinsam überwinden, und wir glauben, dass wir das am besten können, wenn wir aus der Isolation verschiedener Bewegungen rauskommen, sehen, wo wir an den selben Punkten ansetzen können, was es für verschiedene Taktiken gibt und welche Ziele wir teilen.

Wie ist denn die Resonanz auf euren Aufruf und eure Einladung? Mit vielen Menschen rechnet ihr und glaubt ihr, dass ihr das Ziel erreicht viele soziale Bewegungen zusammen zu bringen?

Wir haben viel positive Resonanz zum Zusammendenken dieser Themen bekommen, aber wir können noch gar nicht abschätzen, wie viele Leute kommen. Ein paar hundert? Wir sind ja in direkter Nachbarschaft zum Klimacamp, deshalb ist nicht wirklich absehbar, wo die Menschen letztendlich sein werden. Aber wir Organisator*innen kommen aus verschiedenen Bewegungen, haben da mobilisiert und rechnen auf jeden Fall damit, dass aus den verschiedensten Ecken Menschen beim Camp sein werden. Und egal wie viele es sind, allein diese Diversität wird schon super spannend.

Zwischen welchen Bewegungen seht ihr die meisten Synergien und warum?

Ein wirklich spannendes Beispiel, wo solche Synergien bestehen, ist gerade die Solidarity Cities Bewegung, die auch auf dem Camp Workshops veranstalten wird. Da treffen Kämpfe für Bleiberecht mit Kämpfen für bezahlbaren Wohnraum zusammen, und eigentlich könnte da noch wunderbar Solidarische Landwirtschaft mitgedacht werden… Außerdem finden wir es gerade sehr spannend, uns anzuschauen, wie sich in der aktuellen kapitalistischen, rassistischen, sexistischen Gesellschaft bestimmte Muster in diesen Unterdrückungsformen wiederholen. Das heißt, dass Strategien gegen die einen Herrschaftssysteme vielleicht auch gegen die anderen funktionieren, darüber wollen wir unbedingt diskutieren.

Und zwischen welchen Bewegungen sehr ihr den größten Bedarf zur Kommunikation? Bzw. gibt es Themenbereiche, die sich sogar widersprechen?

Es gibt glaube ich Bereiche, die bisher weniger Berührung haben – zum Beispiel Queerfeminismus und Landwirtschaft. Queerfeminismus ist einfach eine sehr urbane Bewegung und in der Landwirtschaft ist dann oft die Arbeitsbelastung so hoch, dass nicht auch noch Zeit zum Reflektieren von Rollenbildern bleibt. Und im letzten Jahr haben wir immer wieder erlebt, dass vermeintlicher Antisexismus und Antirassismus medial gegeneinander ausgespielt wurden, zum Beispiel mit dieser schrecklichen Silvester-in-Köln-Debatte. Da ist es glaube ich sehr sinnvoll, wenn wir noch näher zusammenkommen und schauen, wie wir da direkter reagieren können und deutlich machen, dass das eben nur zusammen geht. Wirklich widersprechen tut sich glaube ich nichts – im Kern steht überall die Frage nach kollektiver Befreiung. Aber vielleicht sind teils die Taktiken verschieden, wir werden sehen.

Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist relativ jung, wird aber immer stärker. Gibt es aus eurer Sicht bestimmte Punkte, die das Thema Klimagerechtigkeit relevant für andere Bewegungen machen?

In der Klimagerechtigkeitsbewegung kommen im Grunde schon alle anderen oder viele Bewegungen zusammen, weil die Klimakatastrophe ja vor allem bestehende Ungleichheiten zuspitzt – die Frage nach Migration, Wohnraum, Zugang zu Nahrungsmitteln und Wasser, Fragen nach historischer Verantwortung und Kolonialismus. Klimagerechtigkeit ist nur möglich, wenn wir all das mitbedenken, wenn wir eine andere Gesellschaft entwerfen. Und damit sind andere Bewegungen in erster Linie Teil der Lösung – ich glaube nicht, dass da zwangsläufig immer noch extra ans Klima gedacht werden muss, das passiert quasi von allein.

Ihr wollt vor allem mit Open Spaces und der Bar Camp Methode arbeiten? Wie funktioniert das und warum habt ihr euch dafür entschieden?

Wir starten jeden Tag mit einem gemeinsamen kurzen Plenum, in dem alle, die möchte, ihre Themenvorschläge für Workshops, Diskussionsrunden, gemeinsames Chillen, Kunst machen, oder was auch immer sie möchten vorstellen können. Dann finden sich dazu Interessierte, und in einem Vormittags- und einem Nachmittagszeitraum kann sich dann zu der gemeinsamen Veranstaltung verabredet werden. Es gibt auf jeden Fall genug Räume für alle Ideen. Wir glauben, dass es sehr viel Wissen in all unseren Gruppen und Bewegungen gibt, und dass wir diese klassischen Expert*innen-/Zuhörer*innenrollen aufbrechen sollten, um wirklich all dieses Wissen gleichberechtigter zu teilen. Auf unserer Website gibt es schon ein paar Beschreibungen, auf welche Themen Leute Lust haben, und wir freuen uns, wenn uns noch mehr Ideen geschickt werden.

Das klingt alles sehr einladend. Wann und wo geht es los?

Das ist auch sehr einladend gemeint! Wir wollen, dass ihr alle kommt: los geht’s am Freitag, am 18. August und geht bis zum 29. Mit dem Aufbau beginnen wir schon Dienstag, am 15.8., gemeinsam mit einem offenen Organisationstreffen, auch da kann mensch schon sehr gerne hinkommen. Wir sind direkt am Klimacamp in der Nähe von Erkelenz am alten Lahey Park. Wir sind super gespannt wie es wird und freuen uns, dass es jetzt endlich losgeht!

Und wir wünschen euch viel Erfolg und eine gute Zeit!

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Wer denkt, ist nicht wütend? – Ein Gastbeitrag von Veronika Kracher http://ficko-magazin.de/wer-denkt-ist-nicht-wuetend/ http://ficko-magazin.de/wer-denkt-ist-nicht-wuetend/#respond Mon, 14 Aug 2017 11:06:27 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1054 “Wer denkt, ist nicht wütend” gilt nur für den denkenden Mann.

Ich selbst erlaube mir nicht mehr, wütend zu sein. Dies hat zweierlei Gründe: Erstens, dass für mich als Frau innerhalb der sich ideologiekritisch wähnenden Linken, in der es in erster Linie darum geht zu beweisen, wie theoretisch versiert man doch ist, Emotionalität ohnehin ein zweischneidiges Schwert ist. Erlaube ich mir, Gefühle zu zeigen, wird mir Hysterie attestiert. Ich hätte einen Gegenstand nicht angemessen durchschaut und durchdacht, würde da irrational rangehen und sei somit als Diskussionspartnerin unbrauchbar.
Mein Vater hatte mir einmal gesagt, er könne mich nicht mehr ernst nehmen, nachdem ich in einem Gespräch über seine sexistischen Ressentiments laut geworden war. Kurz zuvor war ich Opfer eines sexuellen Übergriffes geworden, von dem er nichts wusste. Als ich ihm auf recht emotionale Weise seinen Sexismus vorwarf, sagte er, er könne mich in meiner Wut nicht ernst nehmen. Ein Argument, mit dem die Stimmen von Frauen, PoC, Transpersonen übrigens seit jeher zum Schweigen gebracht werden. Es scheint, dass ich als Feministin internalisiert habe, sofort alles sublimieren zu müssen, um bloß nicht in die politisch instrumentalisierte “Hysteriefalle” zu tappen. Oder mir die Blöße gebe, zu zeigen, doch emotional tangiert worden zu sein.

Zweitens geht es um das Sublimieren von Wut als emotionale Arbeit. Die WG-Küche dreckig, irgendwer im Freundeskreis verhält sich wie ein Lauch, man wird in einer politischen Diskussion unfair angegriffen? Ich kann es mir nicht erlauben, wütend zu werden, weil ich genau weiß, dass es einer Situation nicht zuträglich ist. Sehr oft auch, um regulierend auf männliche Wut und Unvernunft einzuwirken. Cholerisches Verhalten, sei es im öffentlichen oder privaten, wird leider nach wie vor sowohl reproduziert als auch geduldet. Männliche Wut scheint die Normalität, das Abweichen davon ist ein Zeichen psychologischer Stärke und von Intellekt. Ich zwinge mich, ruhig und rational an Dinge heranzugehen, anstatt mir mein Recht auf Wut über die Umstände einzufordern, weil ich -Danke, Mama- der einer weiblichen Sozialisation geschuldeten Verantwortung aufsitze, unbezahlte Diplomatie sei mein Job.
Erlaube ich mir hier die Wut, dann heißt es “Sei doch nicht so stur und unvernünftig”. Und selbstverständlich ist es die Aufgabe nicht nur der Kritikerin in Zeiten der Wut und Unvernunft, aufklärend einzuwirken, die Wogen zu glätten, etc. pp. Nur sind Diplomatie und Vernunft, genauso wie das Kochen, bei Männern der öffentlichen, bei Frauen der reproduktiven Sphäre zugeordnet.

Die emotionale Frau wird nur geliebt, solange sie Projektionsfläche und Sexobjekt ist, deren Wut man erotisieren und so wieder unter die männliche Kontrolle bringen kann. Ansonsten kann man sie dafür maßregeln, sich eine männliche Unvernunft zu erlauben, die sich ihrer nicht ziemt. Sowohl die Erotisierung, als auch die Maßregelung von Wut erfolgt übrigens immer auf gewalttätige Art und Weise. All das lässt mich fürchten, dass ich aufgrund meiner permanenten Konfrontation mit Dingen und Umständen, die mich ohne meine genauso permanente Arbeit an meinen eigenen Gefühlen, verdammt wütend machen würden, irgendwann daran scheitern und zusammenbrechen werde. Weil emotionale Arbeit nervenaufreibend ist und doch als selbstverständlich wahrgenommen wird.

Ein Mann, der nicht wütend ist, hat seine Wut dem adornitischen Credo nach sublimiert und kann sich, seinem Vorbild nacheifernd, als herausragender Kritiker fühlen. Eine Frau, die nicht wütend ist, macht einfach nur ihren von der Gesellschaft auferlegten Job.

 

Wenn VERONIKA KRACHER gerade nicht versucht, den Drahtseilakt zwischen Punkrock und Ideologiekritik zu meistern, publiziert sie für konkret, Jungle World, Titanic und taz, in der Regel irgendwas über Kultur oder Feminismus.

 

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DB Security und Polizei gegen Zivilcourage http://ficko-magazin.de/db-security-und-polizei-gegen-zivilcourage/ http://ficko-magazin.de/db-security-und-polizei-gegen-zivilcourage/#respond Fri, 11 Aug 2017 10:29:24 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1029 Am 27.7.2017 kam es in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße zu einem Übergriff auf einen obdachlosen Mann durch Angestellte der DB Security. Als mehrere Passant_innen verbal intervenierten und filmten, griffen die Securities sie ebenfalls an, einer schlug eine Zeugin zu Boden. Die daraufhin gerufene Polizei nahm die Daten des durch mehrere Zeug_innen bestätigten Täters nicht auf, aber nahm den obdachlosen Mann mit. Hier der Bericht und das Video einer Zeugin:

“Am Donnerstag, den 27. Juli 2017 wollte ich nach der Arbeit mit der U6 nach Hause fahren. Ca 19h30: Auf dem Weg zur U6 (Eingang Friedrichstr/Georgenstr neben dem Gerry Weber Edition Store) sah ich eine kleine Gruppe Passant*innen die sichtbar aufgeregt waren und etwas mit ihren Handys filmten, was für mich noch von den Pfeilern verdeckt war (aus der Richtung kamen Schreie und laute Männerstimmen). Ich ging einige Schritte weiter und erkannte, dass die Passant*innen eine Gruppe von DB-Sicherheitsbeamten filmten, die auf einem auf dem Boden liegenden Mann saßen und ihn heftig auf den Boden drückten. Die 3-5 DB-Securities knieten um ihn herum und hatten soviel ich sehen jeweils ein Knie *auf* dem Mann und drückten mit sichtbar großer Kraftanwendung seine Arme verschränkt hinter seinem Rücken, mehrere Hände drückten seinen Kopf auf den Boden, eine Hand drückte seine Schläfe und verdeckte so das halbe Gesicht. Ich konnte nur einen Teil des Gesichts des am Boden liegenden Mann sehen  er rief mehrmals “Help!” und hatte ganz offensichtlich Schmerzen.

Die anderen filmenden Passanten waren über die exzessive Kraftanwendung empört und riefen mehrere Male, er habe doch nichts gemacht, dass sie die Situation von vorne an beobachtet hätten, sie riefen, dass die DB Sicherheitsbeamten aufhören sollten, den Mann zu misshandeln. Ich holte mein Handy aus meiner Jackentasche und begann zu filmen; ich hielt mich dabei immer einige Schritte *hinter* die filmenden Passanten und blieb still. Ein DB Security stand zwischen der Gruppe seiner Kollegen und der der filmenden Passanten, um zu verhindern, dass sie sich weiter näherten, und lief hin und her; ein anderer schrie die Passanten an, sie sollten aufhören zu filmen, verlangte, dass sie die Videos sofort löschen sollten, griff mehrere Male nach den Handys; er war sehr aggressiv und seine Körpersprache war sehr aggressiv und aufgeregt. Die zwei Frauen unter den filmenden Passanten sprachen am meisten mit den DB Securities; wiederholten, es sei ihr gutes Recht zu filmen, und dass sie alles von Beginn an gesehen hätten, weil sie im gleich neben uns geparkten Auto saßen und von dort aus alles gesehen hätten, und dass sie gegen das brutale Vorgehen der DB Security gegen den “Penner” aussagen würden, dass es vollkommen inakzeptabel sei. Einer der DB Sicherheitsbeamten marschierte auf uns zu und schrie weiter, wir sollten aufhören zu filmen, sollten die Videos löschen, verlangte, dass wir (die Passantengruppe) den Bahnhof sofort verlassen sollten, wobei eine der Frauen antwortete “Ich habe den Bahnhof nicht betreten” (wir waren auf dem Bürgersteig, nicht im Bahnhofsbereich). Der DB Sicherheitsbeamte blickte immer wieder zu mir und sah, dass ich filmte, verlangte auch von mir, dass ich aufhören solle, zu filmen, es sei verboten; ich antwortete mit ruhiger Stimme ”Wir dürfen filmen”. Er versuchte immer wieder mein Handy zu greifen und es mir aus den Händen zu reissen, ich hielt es fest und immer wieder ging einige Schritte nach hinten, um nicht in seiner Reichweite zu sein, und weil er sehr aggressiv war; ich stellte mich wieder hinter die zwei Frauen, die weiterhin filmten bzw riefen, der Obdachlose habe nichts gemacht, um eine solch extreme Gewaltanwendung zu rechtfertigen.

Der Security lief mir nach (seine Aufmerksamkeit und Aggression schien spezifisch auf mich fixiert) und stieß mich mit viel Kraft in die Schulter, sodass ich fast fiel; ich rief “Fass mich nicht an” und ging mehrere Schritte nach hinten; alle Passanten protestierten laut und sagten, es sei auch inakzeptabel, körperlich gewalttätig mir gegenüber zu werden. Ich sagte dem DB Sicherheitsbeamten “Du hast mich geschlagen” er antwortete “Nö, hab ich nicht” (mir fiel das deutsche Wort für “stoßen” nicht ein, ich suchte nach den Worten um einen Satz zu formulieren; er machte sich über mich bzw. mein Deutsch lustig (ich spreche fließend Deutsch, war nur momentan schockiert darüber, dass ich so stark gestoßen wurde und er dann Sekunden danach, obwohl es alle gesehen hatte, leugnete, es sei passiert, und mich grinsend als Lügnerin darstellte, so dass mir auf Anhieb nicht die richtigen deutschen Worte einfielen. Ich trat einige Schritte nach hinten, um außer Reichweite des gewalttätigen aufgeregten DB Security zu sein, der es auf mich abgesehen hatte; fragte die Passant*innengruppe, was den hinsichtlich des obdachlosen Mannes geschehen sei, wie es zu der Situation kam. Sie sagten, sie hätten beobachtet, wie die Gruppe von DB Sicherheitsbeamten auf dem an einem Pfeiler im Bahnhofseingansgbereich sitzenden Mann zugegangen seien und ihn aufgefordert hatten, den Bahnhof zu verlassen, und als er nicht sofort gehorcht hätte (er brauchte einige Sekunden um aufzustehen) sie ihn gezerrt hatten und sich dann alle auf ihn gestürzt hatten, obwohl der obdachlose Mann nichts getan hatte, überhaupt nicht gewalttätig war.

Die Passant*innengruppe bestand aus zwei befreundeten Frauen und zwei Männern, alle deutsch und weiß, alle im Alter von ca. 35–45 und in klassisch professioneller Bürokleidung des Mittelstandes. Sie versichterten mir, sie würden auch hinsichtlich der Gewaltanwendung gegen mich (den Stoß) aussagen. Ich bedankte mich und sagte, wir sollten die Situation mit dem obdachlosen Mann nicht aus den Augen verlieren, der noch immer von mehreren Securitys auf den Boden gedrückt wurde und noch immer um Hilfe flehte. Wir filmten weiter und derselbe DB Sicherheitsbeamte marschierte wieder auf mich zu (obwohl ich einige Schritte hinten war) und schrie etwas wie “ich hab gesagt du sollst aufhören zu filmen!” und schlug mich mit der Faust ins Gesicht (er benutzte seine rechte Hand und traf meine linke Schläfe/Wangenknochen); ich taumelte und fiel zu Boden. Später stellte ich fest; dass beim Schlag oder Sturz wohl mein Handy gegen mein Gesicht prellte und ich daher jetzt eine Prellung an der linken Seite meiner Nase habe, und dass beim Sturz der Bildschirm meines iPads, das in meiner Tasche war, zersprang. Auch heute, 4 Tage nach dem Vorfall, sind meine linke Schläfe + Wangenknochen und Nase schmerzhaft). Die Augenzeug*innen protestierten laut, waren sehr schockiert. Ich war glaube ich 1-2 Sekunden bewusstlos oder sehr verwirrt; richtete mich aber schnell wieder auf aus Angst vor weiteren Schlägen (ich hatte ja gesehen, wie sie den obdachlosen Mann behandelten und auf dem Boden festdrückten).

Der DB Sicherheitsbeamte war sehr stolz auf seine Aktion und wirkte wie “high”, Testosteron-trunken, stolzierte herum, nun da er seine Macht bewiesen hatte; ich verlangte seinen Namen zu wissen, er weigerte sich; ich verlangte seine Dienstnummer zu wissen, er streckte mir seinen um seinen Hals hängenden Dienstausweis ins Gesicht; ich versuchte davon ein Foto zu machen, war aber noch zu sehr vom Schlag und Schock verwirrt, als dass ich meine Handykamera richtig betätigen konnte, und der Sicherheitsbeamte hielt den Ausweis natürlich auch nicht still; daher ist das Foto unscharf. Ich bat den neben mir stehenden anderen Zeugen, den Sicherheitsausweis auch zu fotografieren, seine Antwort war “Ich habe alles gefilmt”. Die zwei Frauen riefen die Polizei und erklärten alles kurz telefonisch (den ersten Angriff auf den obdachlosen Mann, und wie ich dann angegriffen und geschlagen wurde). Nach dem Auflegen sagte die Frau, die Polizei hätte ihr gesagt “Sie wissen schon dass das mit dem Filmen nicht erlaubt ist” (was soviel ich weiß gelogen ist).

Die Passant*innen / Augenzeug*innen versicherten mir, sie würden gegen den DB Sicherheitsbeamten aussagen. Er und seine Kollegen verlangten noch immer, wir sollten aufhören zu filmen und die Videos löschen, sie griffen immer wieder nach unseren Handys. Ich sagte erneut, wir sollten die Situation mit dem obdachlosen Mann nicht aus den Augen lassen; wir näherten uns der Gruppe um zu sehen wie es dem Mann ging (da viele festgenommenen Menschen in dieser Position ersticken oder Knochenbrüche erleiden); wieder wurden wir von DB Sicherheitsbeamten blockiert. Eine weibliche DB Sicherheitsbeamtin kam auf uns zu (weiß, ca. 50, ca. 1,60m. Kurze blonde Haare, kräftiger breiterer Körperbau) und sagte im resoluten Ton: “So, würden Sie diese Videos bitte sofort löschen”, was wir natürlich nicht taten, und auch ihr gegenüber das grobe Unrecht dieser ganzen Situation und die extreme von den DB Sicherheitsbeamten ausgehende Gewalt zu erklären versuchten, sie erklärten, wie der DB Sicherheitsbeamte, der nun direkt neben dieser weiblichen DB Angestellten stand, mich geschlagen hatte, daraufhin sagte er sehr selbstsicher und laut “Ich habe sie nicht geschlagen” und alle Augenzeugen riefen “das ist eine glatte Lüge, wir haben’s doch gesehen und werden aussagen”. Der andere Augenzeuge sagte zu uns, wir sollten lieber überhaupt nicht mit den DB Sicherheitsbeamten sprechen, wir hätten ja alles gesehen, könnten alles bezeugen und es sei verlorene Energie, die DB Sicherheitsbeamten von dem Unrecht zu überzeugen, da sie das Ganze ganz offensichtlich vertuschen wollten und sie ganz klar die Haltung hätten, sie könnten wenn sie wollten Gewalt anwenden und es effektiv vertuschen – eine Gelassenheit, die wohl daher kommt, dass solches Vorgehen für sie ziemlich Routine ist. Die Polizei kam (ein Streifenwagen und ein nicht markierter Wagen mit nicht-uniformierten Polizisten, darunter eine Frau); die meisten Polizisten gingen zur Gruppe mit dem obdachlosen Mann und einer ging zu uns.

Wir versuchten einem Polizisten zu erklären, was geschehen war. Wir zeigten den DB Security, der mich geschlagen hatte, und der nur einige Meter weiter weg stand. Der Polizist sagte, alle Augenzeugen müssten mit zur Polizeiwache und dort ihre Aussage machen. Ich stand noch unter Schock und wollte in Sicherheit, darüber hinaus musste ich auch noch arbeiten, daher sagte ich, ich könne nicht mitkommen, würde mich aber später melden und meine Aussage machen und Anzeige erstatten. Ich befürchtete auch, dass wir von der Polizei dazu gezwungen würden, die Videos zu löschen. Wir 5 Menschen aus der Passant*innengruppe tauschten untereinander unsere Kontaktdetails aus. Wir stellten dann fest, dass der obdachlose Mann inzwischen von den Polizisten festgenommen und in den Polizeiwagen gebracht worden war; die DB Security-Gruppe verschwunden war; die Polizei hatte den Mann, der mich geschlagen hatte, gehen lassen, auch wenn wir ihn ganz deutlich als Täter identifiziert hatten.

Die Zeug*innen und Polizei fuhren zur Wache; ich machte mich auf den Weg nach Kreuzberg. Ich sah, wie eine volle Plastiktüte und Liegematte, die offensichtlich dem obdachlosen Mann gehörten, einfach hinterlassen wurden (1-2 Meter von der Stelle an der er zu Boden gedrückt worden war). Etwas 20 Minuten später kontaktierte mich eine der Zeuginnen auf Whatsapp, während sie auf der Wache war um zu fragen ob ich das Foto mit der Dienstnummer des Täters schicken könne, die Polizei habe danach gefragt; ich schickte das leider viel zu verschwommene Foto (wieso sie die Personalien des Angreifers vor Ort nicht aufgenommen haben, auch wenn 4 Augenzeug*innen und das Opfer ihn klar identifizierten, “ist mir ein Rätsel”.) Wieso ich von den 5 Passant*innen/Augenzeug*innen, die schon viel länger als ich da waren und gefilmt haben, und sich aktiv mit den DB Sicherheitsbeamten auseinandergesetzt hatten, als einzige als Objekt körperlicher Gewalt ausgesondert wurde, ist mir auch “ein Rätsel” (ich hatte mich im Hintergrund aufgehalten und kaum gesprochen).”

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Von der anderen Seite der Barrikaden: ein autonomer Erklärungsversuch http://ficko-magazin.de/von-der-anderen-seite-der-barrikaden-ein-autonomer-erklaerungsversuch/ http://ficko-magazin.de/von-der-anderen-seite-der-barrikaden-ein-autonomer-erklaerungsversuch/#respond Sun, 06 Aug 2017 11:36:52 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1034 Langsam löst sich der Rauch der Nebelkerzen auf – die von Olaf Scholz und Konsorten neu angeschleppten zünden nicht so recht – und reflektierte linke Positionen zum Hamburger Geschehen kommen ans Tageslicht. Warum also haben Menschen in Hamburg unter solch genüsslicher Missachtung des rechtlich gesetzten Rahmens protestiert, dass es selbst vielen Linken Kopfzerbrechen bereitet? Dabei soll in fünf Richtungen gedacht werden: Riots als Reaktion auf Polizeigewalt, als Angriff auf die politische Inszenierung des G20, auf den totalen Kontrollanspruch des Staats und auf das deutsche Idyll mit ausgelagerten Krisen sowie als Gegenentwurf zur linken Selbstverharmlosung und Hyperrationalität.

Zunächst aber: Warum will ich euch das zu erklären versuchen? Der*die Autor*in ist seit einem knappen Jahrzehnt politisch aktiv, hat sich in postautonomen und auch schon mal in relativ bürgerlichen Bündnissen engagiert und sich vielfach von den etablierten und semi-etablierten Aktionsformen frustrieren lassen, während politische Konflikte da draußen meistens nur auf die Frage hinauslaufen, ob die nächste Runde an die geschmeidigen Neoliberalen oder die ganz Reaktionären geht. Er*sie fühlt sich derzeit in der Konsequenz vor allem im autonomen Umfeld zu Hause. (Das heißt übrigens im Alltag eher Dinge selbst zu organisieren als welche kaputtzumachen.) Er*sie – ich – war in Hamburg und wurde dort unvermittelt für die Teilnahme an einer angemeldeten Demonstration mit gezielten Schlägen auf den Kopf von der Polizei begrüßt. Später war ich daran beteiligt, die Sachschadenrechnung für das Wochenende um ein paar Posten zu erweitern und den städtischen Verkehrsfluss durch bauliche Hindernisse zu erschweren, teils aus strategischer Kalkulation, teils durch Wut motiviert, aber nie unüberlegt oder ungezielt.

Seitdem lese ich, wie Menschen ohne politisches Reflexionsvermögen mich und die anderen daran Beteiligten pauschal und natürlich nicht unerwartet in eine Aussätzigenkategorie einordnen. Ich lese aber auch, wie Menschen mit relativ viel Reflexionsvermögen Ähnliches tun, obwohl ich von ihnen stattdessen erwarten würde, eine meinetwegen auch kontroverse Taktikdebatte zu führen (mit vielen ist das glücklicherweise nun auch möglich). Autonome Öffentlichkeitsarbeit ist indes meistens ziemlich für die Tonne, was zwar in der Organisationsform strukturell angelegt sein mag – aber die Begründung ist mir zu bequem. Sich allein auf die Propaganda der Tat zu verlassen, ist mir zu naiv; das Konzept ging schon vor 120 Jahren nur bedingt auf. Wagen wir also einen Erklärungsversuch.

Der härteste Black Bloc ist die Staatsgewalt
Der Versuch soll nun mit den Ereignissen im Vorfeld des Gipfels beginnen, die vielfach und detailliert dokumentiert wurden (nur glauben müssen es alle noch selbst). Das Theater um die diversen Campverbote und -stürmungen ist allgemein bekannt. Es deutet darauf hin, dass die Eskalation von Seiten des Staats gewollt und geplant war – wie auch der Willkommensgruß für die Protestierenden durch die Polizei am Donnerstag zeigt, als die vorderen Blöcke der „Welcome to Hell“-Demonstration unvermittelt und mit fadenscheinigen Begründungen unter Inkaufnahme – nein, bewusster Herbeiführung – von Massenpaniken auf einem Gelände mit Mauern, engen Treppen und dem Elbufer zusammengeprügelt wurden. Wer dabei genau welches Interesse verfolgte, ist eine spekulative Frage. Für Polizeiführung und Innensenator wäre nach der Stimmungsmache im Vorfeld und angesichts des riesigen Sicherheitsbudgets ein Gipfel ohne Krawalle möglicherweise eine Peinlichkeit gewesen. Für alle, die den Überwachungsstaat ausbauen wollen, war das eingetretene Szenario natürlich eine Steilvorlage. Für die Bundesregierung war es andererseits auch ein peinlicher Effekt, der die angestrebte Inszenierung deutscher Organisationskompetenz in einer herausgeputzten Weltstadt untergrub.

Mit welchem strategischen Hintergrund auch immer – am Donnerstag wurden auf dem Boden liegenden Menschen von entfesselten Robocops die Köpfe eingetreten, zahlreiche Knochen gebrochen. Personen, die anderen beim Erklettern der Mauer zur Hafenpromenade – der einzige verfügbare Fluchtweg – halfen, wurden mit Schlägen und Pfefferspray (nicht oft genug zu betonen: geächtete Kriegswaffe nach Genfer Konvention) eingedeckt, so dass die Kletternden teilweise zurück auf die Menge unter ihnen stürzten. Mindestens eine Person liegt nach letzten Informationen nach wie vor im künstlichen Koma. Menschen aus meiner Bezugsgruppe sind teilweise jetzt noch traumatisiert von der absurden Situation. Den von dieser kühl geplanten Gewaltwelle betroffenen Menschen das Recht abzusprechen, ihrer Wut jenseits bürgerlicher Protestformen Ausdruck zu verleihen, kann wohl nur denen einfallen, die sich noch nie mit Polizeigewalt konfrontiert gesehen haben. Und die ist ein alltägliches Phänomen, vor allem überall dort, wo Menschen die herrschenden Verhältnisse in Frage stellen. (Die Verletzungen auf Seiten der Polizei dagegen basieren offenbar hauptsächlich auf kühnen Statistikmanipulationen.)

Wider die politische Inszenierung
Natürlich ist der G20 eine Inszenierung von allen Seiten. Inhaltlich ist er schnell abgehandelt: Freihandel finden alle Regierungen prima, Klimaschutz ist dem Kapitalinteresse entweder vollständig (USA unter Trump) oder nahezu vollständig (die meisten anderen, egal unter welcher Regierung) unterzuordnen. Wer die politische Notwendigkeit dieser Zusammenkunft im Sinne der Zukunft der Menschheit ernsthaft verteidigen möchte, ohne für diese Bemühungen bezahlt zu werden, wird eigentlich nirgends ernst genommen. Es geht also um Show und Symbolik.

Aus der Vogelperspektive betrachtet bestätigt der Gipfel in Hamburg, was sich rund um das Jahr 2000 an diversen Gipfelausrichtungsorten zeigte: Wenn die Regierenden dem Pöbel zu nahe kommen, wenn sie ihre Showveranstaltungen dort abhalten wollen, wo tatsächlich Menschen wohnen, gibt es zuverlässig rauen Gegenwind. Jahrelang wurden daher die Städte gemieden. In Deutschland wurden etwa mit Heiligendamm und Elmau Lokalitäten nach den Kriterien „möglichst entlegen“ und „möglichst gut abriegelbar“ gewählt. Die Ansetzung des G20 in Hamburg war dagagen ein Ausdruck der Arroganz, ein bewusstes Signal: Die radikale Linke hat sowieso nichts mehr zu melden, uns kann keine*r mehr stören, wir können uns auch vorm Panorama der Weltstadt zum Fototermin aufstellen und hier ein ungleich spektakuläreres Kulturbegleitprogramm auffahren.

Das hat nicht funktioniert. Riots sind eine Möglichkeit, den Preis für solche Versuche von Machtdemonstrationen nach oben zu treiben und zugleich eine geeignete Gegeninszenierung zu bieten. In diesem Fall war es wohl vor allem Letzteres, also der mediale Preis. Aller Sachschaden in Hamburg zusammengerechnet dürfte angesichts der astronomischen Gesamtkosten für den Gipfel nur einen Tropfen auf den heißen Stein bedeuten. Andererseits kommen diese Kosten natürlich auch größtenteils durch die von vornherein angesetzten Sicherheitsmaßnahmen gegen den Pöbel zustande. Wenn der dann nie randaliert, wird das Gipfelpaket langfristig günstiger zu haben sein.

Wider die totale Kontrolle
Steine in den Fensterscheiben von Banken und Supermarktketten sind gleichzeitig Ausdruck politischer Ohnmacht und Schritt zur Selbstermächtigung: Wer zu diesem nicht wenig riskanten Mittel greift, hat tendenziell schon vieles versucht – und entsprechend viel staatliche Repression erlebt, subtil oder offen. Dass die Frustration mit den Verhältnissen unbeschreiblich ist, muss ich wohl nicht erklären. Wie, wenn nicht mit extremer Wut, sollen wir denn beispielsweise auf das Sterben im Mittelmeer reagieren (Zitat Transparent in Hamburg: „Wir sind nicht alle, es fehlen die Ertrunkenen“), für das die europäischen Regierungen direkt verantwortlich sind? Wir als verhältnismäßig Privilegierte, die große Teile der hiesigen autonomen Szene ausmachen, sind davon natürlich nur indirekt betroffen. Aber wir haben zumindest die Ressourcen, um auf diese Weise zurückzuschlagen und wenigstens etwas am Lack zu kratzen.

Jenseits der Solidarität haben wir auch unsere ganz eigenen Gründe: Die ästhetische Zumutung, die das Leben im Konsumkapitalismus darstellt, treibt uns auf die Barrikaden. Jedes bisschen Transzendenz muss dieser Eindimensionalität hart abgerungen werden, und der Barrikadenbau ist genau so ein Ringen. In den Flammen blitzt die Möglichkeit des völlig Anderen auf, der Bruch mit den Verhältnissen, das Gefühl der Commune. Die Verhältnisse können nicht nur diskursiv angegangen werden, sondern ganz physisch, unmittelbar erlebbar, mit unseren Körpern auf die Fassaden oder Wasserwerfer zielend, mitten in der Einkaufsmeile. Ohne ein gewisses Maß an Aufstandsromantik sind Riots nicht zu verstehen.

Es geht auch darum, sich den repressiven Aspekten eines rein strategischen Handelns, wie es viele Linke jetzt einfordern, zu entziehen. Die mit dem stets vorsichtig kalkulierenden Handeln verbundene Mentalität und ihr absoluter Rationalitätsanspruch sind ihrerseits Ausdrücke der herrschenden Verhältnisse; sie schränken uns ein, sie reduzieren unsere Menschlichkeit, sie können uns bequem und auch brav machen. Worte können die gesellschaftlichen Zustände nicht annähernd ausdrücken. Wenn Politik ausschließlich kopfgesteuert sein darf, verleugnen wir einen großen Teil unserer selbst.

Gleichzeitig wäre auch die romantische Überhöhung des Akts selbst zu vermeiden: Der Steinwurf ist keine heroische Tat. Held*innen braucht es aber auch nicht, sondern funktionierendes Teamwork.

(Natürlich passieren Riots in dieser Form nicht spontan, sondern sind das Ergebnis von Organisation – dem sich dann manche spontan und oft auch unüberlegt und unvorsichtig anschließen mögen. Inwiefern hier wiederum die Privilegierteren dank gründlicherer Vorbereitung und Einhaltung des Dresscodes sicherer davonkommen, während die spontan agitierten, weniger bildungsbürgerlichen Jugendlichen aus der Nachbarschaft ins offene Messer der Repression laufen, ist nach Hamburg eine der relevanteren Fragen für die autonome Szene.)

Aus konkreter strategischer Perspektive (die ich nicht grundsätzlich abtun, sondern nur etwas relativieren will), sind die Entglasungen und brennenden Barrikaden vor allem eine Form der Selbstbestätigung gegen die totale Kontrolle, die der Staat durch zunehmende Militarisierung der Polizei, digitale Überwachungstechnik und eine Gesetzesänderung nach der anderen – insbesondere im laufenden Jahr 2017 – anstrebt, aber eben noch nicht erreicht hat.

Die individuelle Pathologisierung dieser Aktionen – alles Verrückte, denen nicht zu helfen ist! Oder die linke Version: Das sind keine echten Linken, sondern Verrückte, denen… – ist ein vorhersehbarer Versuch der Entpolitisierung des Phänomens. Der Versuch ist durch seine offensichtliche Blindheit für die hier diskutierten historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge leicht zu entlarven.

Wider das heimische Idyll
Das Drama alles Deutschen zeigt sich in der Debatte rund um G20 ganz gut: Jeglicher Sachschaden ist ein Sakrileg, die Grünflächenverordnung ist einzuhalten. Die strukturelle Gewalt, die eines der relevantesten deutschen Exportgüter ist, ist als Feuilletonthema diskutierbar – es wird wert darauf gelegt, dass dies eine liberale Gesellschaft mit Fähigkeit zur Selbstkritik ist –, aber bitte vom sauber geordneten deutschen Alltag fernzuhalten. Diese selbstgerechte Jägerzaunmentalität zu erschweren, indem ein bisschen Chaos vor die Haustür geholt wird, wäre allein schon Rechtfertigung für allerlei autonome Politik.

Dass Autonome aus dem südeuropäischen Raum beteiligt waren, macht diesen Zusammenhang besonders deutlich: nach Jahren der insbesondere durch die Bundesregierung oktroyierten Austerität, also struktureller Gewalt par excellence, klirren eben jetzt auch hier mal ein paar Fensterscheiben. Wer darüber weint, möge im Blick behalten, dass griechische Autonome weder „unsere“ Renten noch „unsere“ Krankenversicherung zerschmettert haben, was andersherum durchaus der Fall ist. (Protestkulturen in anderen Gesellschaften gehen übrigens auch deutlich nüchterner mit Sachbeschädigungen um.)

Krawalle lassen sich also auch durch die Unzulänglichkeiten der Anderen, vermeintlich Friedlichen erklären. Nahe liegt der Bezug zum bürgerlichen Publikum, das sich bei der unter anderem von SPD-Granden inszenierten Gegen-Protestveranstaltung „Hamburg zeigt Haltung“ zuallererst pauschal von der „Gewalt“ der Protestierenden distanzierte und, in offenbar genau dieser Prioritätenfolge, schließlich auch kundtat, dass es die Machenschaften von Putin und Erdogan durchaus unerfreulich findet – vielleicht sogar so unerfreulich, dass dieselben Personen dies auch in Abwesenheit von Krawallen durch ihre Anwesenheit am beschaulichen Hamburger Fischmarkt vor dem in der Sonne gleißenden Hafenpanorama an einem Samstagmittag zum Ausdruck gebracht hätten. Einige von ihnen haben sogar Schilder gebastelt. Bunte Schilder!

Welche weltpolitischen Konsequenzen aus dieser Protestpose folgen sollen, ist völlig unklar. Es deutet auch wenig darauf hin, dass es hier um mehr als die kostengünstige Beruhigung des eigenen Gewissens und die ebenso preiswerte Bestätigung der eigenen progressiven Identität gehen soll – also um genau die Selbstbezogenheit, die den Autonomen gerne vorgeworfen wird.

Wider die linke Verschämtheit
Doch auch innerhalb der Linken wird sich fleißig von den Ausschreitungen distanziert. Aber wer hat hier das überzeugendere Projekt zu bieten? Wo ist die Aussicht auf tatsächliche gesellschaftliche Wirkmacht? Es lebe der Pluralismus der Aktionsformen – die Sitzblockaden, die angemeldeten Demonstrationen, die Kunstaktionen, sie alle haben ihre Berechtigung. Aber die Behauptung, diese Aktionsformen hätten einen politischen Effekt, der nun durch Sachbeschädigungen untergraben würde, entbehrt jeglicher Grundlage. Nicht, dass dieses Szenario nicht grundsätzlich denkbar wäre – natürlich können Krawalle taktisch ungünstig sein und andernfalls erfolgreichen Aktionen schaden. Aber die Linke belügt sich selbst, wenn sie unterstellt, dass sie in der derzeitigen Situation auf der großen politischen Bühne viel zu verlieren – oder gar mit „friedlichen“ Aktionen viel gewonnen – hätte. Ein hoch gerüsteter Gipfel ohne besondere Vorkommnisse rundherum hätte im besten Fall eben etwas lächerlich ausgesehen. Verschwendete Steuergelder, hätten viele kopfschüttelnd festgestellt. Aber von der Erkenntnis können wir uns politisch auch nicht viel kaufen.

So gab es nun den viel zitierten split screen auf N24: auf einer Bildhälfte das Konzert in der Elbphilharmonie mit der Ode An die Freude (es lebe die EU), auf der anderen die Riots wenige Kilometer weiter – perfekter Ausdruck eines tiefen, unversöhnlichen Konflikts. „Friedlicher“ Protest in dieser Bildhälfte hätte sich dagegen prima in die Selbstinszenierung Europas politischer Elite eingefügt: hier die Regierenden mit würdevollem Gesicht, daneben das aufgeklärte Bürgertum auf den Straßen, beide im demokratischen Wettstreit für eine noch (!) bessere Welt. Also genau das Bild, das „Hamburg zeigt Haltung“ vermitteln wollte: Der Konflikt verläuft dabei niemals innerhalb europäischer Gesellschaften oder zwischen globalen Eliten und dem globalen Prekariat, und im speziellen Falle zeitgenössischer Europapolitik nicht zwischen deutschem Austeritätswahn und griechischem Elend, sondern stets zwischen dem abendländischen Hort der Aufklärung und den Rowdys – Individuen allesamt – in Moskau, Ankara und neuerdings Washington.

Viele in der Linken lassen sich nun vollständig auf den bürgerlichen Gewaltdiskurs ein, reproduzieren ihn und geben damit grundlos diskursives Terrain preis in der Hoffnung auf ein bisschen Anerkennung. Die kann sich dann natürlich kaum mehr auf radikale Positionen beziehen. Wollen wir nicht letzten Endes den bestehenden Verhältnissen gefährlich werden? Was bringt es dann, tagein, tagaus zu betonen, dass wir doch brav und harmlos sind? Warum die Angst, auch öffentlich kategorisch zwischen der Beschädigung von Eigentum und Gewalt gegen Personen zu unterscheiden? Glauben wir wirklich, dass sozialer Wandel ohne all das zu haben ist, steril und unter Erfüllung aller Hygienevorschriften eines OP-Saals?

Statt der Distanzierungsverrenkungen sollte die Linke eine differenzierte Debatte führen. Die muss ja nicht den Insurrektionalismus als Allheillösung zum Ergebnis haben. Gewalt in jeglicher Form wird nicht das primäre Mittel zur Überwindung von Herrschaft sein. Aber statt „Gewalt“ zu fetischisieren, sollte die Debatte die Bedeutung praktischer Selbstermächtigung und -verteidigung anerkennen. Und sie darf nicht strategisches Kalkül als einziges Kriterium vorsehen, während Affekte pathologisiert werden.

Also, welche Rolle können militante Aktionsformen in der Bewegung einnehmen? Wie kann die Wut, der hier Ausdruck verliehen wird, besser erklärt werden? Wie ist mit dem Backlash der Law-and-Order-Fraktion umzugehen? Und wenn es knallt: Welche Angriffsziele sind legitim, welche eher nicht? Wie kann safer rioting aussehen? Wie ist mit Angetrunkenen (und Nüchternen) umzugehen, die spontan mit einsteigen und sich und andere gefährden? Wie kann bei der symbolischen Zerstörung des Falschen direkt schon mit dem Aufbau des Besseren begonnen werden, symbolisch oder substantiell?

Wir müssen aber nicht die Füße still halten, bis wir perfekte Antworten gefunden haben. Die nächste Gelegenheit zum Ausprobieren kommt bestimmt.

Anmerkung der Redaktion: Der*die Autor*in hat den Text anonym bei uns eingereicht. Wir haben uns für eine Veröffentlichung entschieden, weil wir die Sichtweise als wichtige Ergänzung in der Debatte um die Aufarbeitung von G20, speziell der Riots in der Schanze am Freitag Abend begreifen.

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Wenn die Guten Täter sind http://ficko-magazin.de/wenn-die-guten-taeter-sind/ http://ficko-magazin.de/wenn-die-guten-taeter-sind/#comments Thu, 27 Jul 2017 19:29:32 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1015 Glaubt man den Aussagen, die viele Männer treffen, wenn ihnen vorgeworfen wird, sexualisierte Gewalt ausgeübt zu haben, sind alle Frauen Verrückte, Stalkerinnen oder psychisch labile Personen, die durch eine Gewalterfahrung traumatisiert wurden. Der Vorwurf des Missbrauchs wird für den Täter, sein Umfeld und diejenigen, die sich solidarisch mit ihm zeigen und urteilen, noch unglaubwürdiger, wenn der Täter eine Person des öffentlichen Lebens ist. Außerdem sind viele der Meinung, dass (attraktive) Berühmtheiten immer eine*n Sexualpartner*in finden und deswegen nicht dazu neigen, übergriffig zu handeln.

Was vielen nicht bewusst ist: Eine Vergewaltigung ist ein Gewaltakt. Die Täter werden selten angezeigt und so gut wie nie verurteilt, und die Strafen sind lächerlich gering und oft nicht sinnvoll (anderes Thema). Der Vergewaltiger hat also die Möglichkeit, Gewalt anzuwenden und gute Chancen, nicht von der Justiz oder der Gesellschaft verurteilt zu werden.

Sexueller Missbrauch findet häufig im direkten Umfeld statt. Übergriffiges Verhalten wird von vielen als “Spaß”, “Missverständnis” oder “härterer Sex” gewertet. Stammt der Täter aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis, wird erst geprüft, ob das Opfer vielleicht unglaubwürdig ist, weil er wechselnde Sexualpartner*innen hat, auf “unkonventionelle” Sexpraktiken steht oder psychisch krank ist. Betroffene von sexualisierter Gewalt durchleben nicht selten mehrfach solche Grausamkeiten. Damit wird oft der Missbrauch durch den Freund oder Bekannten nur als “Auslöser” einer früheren Gewalterfahrung gewertet, mit der der Angeklagte seiner Meinung nach natürlich nichts zu tun hat.

Ausreden. Ausreden. Ausreden.

Im linkspolitischen Umfeld, also auf der Seite “der Guten”, gibt es unter den netten, hilfsbereiten, oberintellektuellen Typen, die sich selbst auch gerne als Feministen™ bezeichnen, natürlich nur Missverständnisse und verrückte Weiber, die einem was anhängen wollen, um einem das Leben zur Hölle zu machen.

Ich selbst beobachte nicht nur ständig (ja, wirklich!), dass die Realität eine andere ist, sondern bin selbst Betroffene. Kaum jemand kann sich davon freisprechen, grenzüberschreitend gehandelt zu haben. Ein aufdringlicher Kuss, Berührungen und sexuelle Handlungen ohne Konsens und anzügliche Bemerkungen gehören leider zum normalen Umgang in dieser Gesellschaft. Auch ich muss immer wieder prüfen, ob ich meinen Gegenüber nicht verletze, und immer wieder Neues dazulernen, wenn es um den richtigen Umgang in zwischenmenschlichen Beziehungen geht. Ja, man kann nicht alles richtig machen und es ist superschwierig bis unmöglich durch die Welt zu laufen und dabei niemandem wehzutun. Deswegen bleibt es wichtig, sein Gegenüber anzusprechen, sobald es sich falsch verhält. Grenzen sollten klar kommuniziert werden und eine aufrichtige Entschuldigung und das Ziehen von Konsequenzen sind unverhandelbare Voraussetzungen für einen respektvollen Umgang in einer besseren Gesellschaft, die wir uns alle wünschen.

Und dann gibt es noch eindeutige sexuelle Übergriffe, die nicht schönzureden sind. Dazu gehört: betrunkene, schlafende oder sogar ohnmächtige Frauen anzufassen und zu missbrauchen. Jemanden während sexueller Handlungen immer wieder ohne Einverständnis, ohne Konsens brutal zu schlagen und zum Geschlechtsverkehr sowie zu sexuellen Handlungen zu überreden oder zu zwingen, ist inakzeptabel. Solches Verhalten darf nicht schöngeredet werden und muss Konsequenzen haben!

Der Schmerz der Betroffenen darf nicht in den Hintergrund gerückt werden, schon gar nicht, wenn es darum geht, die Verhaltensweisen der Täter zu relativieren, indem in der Situation das Leid und die Biografie des Täters in den Vordergrund gerückt wird. Damit einhergehend wird nämlich die*der Betroffene dazu gewungen, das eigene Handeln, die Verletzungen, die Wut und den Hass zu hinterfragen. Opfer sexualisierter Gewalt sind oft orientierungslos, durchleben Qualen, verhalten sich ambivalent und wissen nicht, was sie wollen.

Kein Verständnis für Täter.

Die Arschlöcher, die ihnen und mir so viel Zeit, Freude und Kraft geraubt haben, bleiben für mich arme Würstchen, Elendsgestalten und Schmutz, die von mir kein Mitleid verdient haben. Niemand darf von mir verlangen, dass ich für die Täter Verständnis aufbringe, ihnen verzeihe oder “einen Schlussstrich ziehe”. Ein Mensch, der vorgibt, eine Vertrauensperson – einer von den Guten – zu sein, und einen Menschen missbraucht, muss genauso hart bestraft werden, wie jedes andere sexistische Stück Scheiße, das keinen Refugees-Welcome-Hoodie trägt.

Betroffene sexualisierter Gewalt müssen ständig gegen ihre Angst, die Scham und die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfährt, kämpfen und bezahlen häufig mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben. Das ist die grausame Wahrheit.

Ich bedanke mich bei den mutigen Frauen, die das Mitglied der Band „Wolf Down“ als Täter geoutet haben. Sicherlich haben einige aus dem Umfeld des Täters weggeschaut und vermutlich müssen sich die Betroffenen in nächster Zeit nicht nur mit dem Schmerz, den ihnen die Täter zugefügt haben, auseinandersetzen, sondern auch mit wütenden Fans, mit den unsolidarischen Arschlöchern der linken, veganen und Musikszene und Freunden sowie Bekannten, die Fehler machen werden. Es tut weh. Alle Betroffenen sexualisierter Gewalt haben das Recht, sich so zu fühlen, wie sie sich fühlen.

Ihr müsst euch für euren Hass, eure Wut, eure Trauer und das, was euch angetan wurde, nicht schämen! Lasst euch nicht einreden, dass ihr eine Mitschuld trägt oder etwas falsch gemacht hättet, als euch Leid zugefügt wurde! Danke, dass ihr alle kämpft.

Solidarisches Mitgefühl

Rosa

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