FICKO http://ficko-magazin.de Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte Sat, 02 Jun 2018 17:57:07 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.3 FICKO wird neun und feiert – DJ Wixi in the house http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-dj-wixi-in-the-house/ http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-dj-wixi-in-the-house/#respond Thu, 17 May 2018 15:12:57 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1403

Schon als wir 2012 noch in Mainz die Partyreihe NIDS (Nicht immer dieselbe Scheiße) gestartet haben, war Vicky regelmäßig beteiligt. Damals noch unter dem Namen HeyHeyWiki, spitzte sie die Lippen und luscherte spitzbübisch hinter den Decks hervor. Mittlerweile heißt sie einfach mal DJ Wixi und legt in den hottesten Venues auf, saudische Prinzen, südamerikanische Medienmogul_innen und südostasiatische Piratenqueens wollen sie. Weil sie das aber nur so bisschen als Hobby macht, kommt sie nur zu den ganz wichtigen Terminen (MORGEN!) aus dem Fotolabor und wirft die Hits aufs Band. Ansonsten ist Frau Jung sehr vielseitig interessiert, aber eher visuell unterwegs. Darum gibt es auch kein Gespräch, sondern ein paar Fotos mit Geschichten.

 


Fotos von der ersten NIDS im Klübükeller in Mainz vor sechs Jahren. David isst einen Apfel beim Auflegen.


Letztes Jahr war ich in Marokko. Nach dem Transport im Billigflieger wurde ich mit vielen anderen mir ähnelnden Rucksackreisenden an den Flughafen gespült. Ella und die anderen würden erst ein paar Tage später in Tangier ankommen, um mich abzuholen. Das war mein erstes Mal in einem arabischen Land und ja, das hat mich etwas eingeschüchtert und ich war womöglich etwas ängstlicher als an anderen Urlaubszielen bisher. Ich liebe Dinge, die anders sind. Und trotzdem verunsichern sie erst einmal, wenn sie neu sind. Ich glaube, man darf das nur nicht als etwas Schlechtes sehen. Um deshalb ein bisschen was zu wagen und auszuprobieren, habe ich Jungs, die mich angesprochen haben und als Fremdenführer fungieren wollten, nicht die kalte Schulter gezeigt, wie man das sonst so macht. Im Nachhinein denkt ein kleiner Teil von mir schon manchmal an hätte hätte Fahrradkette, sehr viel passieren können. Mädchen; allein; kennt sich nicht aus; trinkt Sachen, die ihr gebracht werden, diese Geschichten. Aber tatsächlich waren diese Begegnungen sehr, sehr nett und sehr harmlos. Mohamed hatte das gleiche Handy wie ich, ein älteres Nokia, in grau. Meins war vorne pink und hinten rot, weil ich die hintere Hülle schon mal mit Lotti getauscht hatte. Jetzt habe ich vorne pink und hinten grau.


Ich liebe das Serendipitäts-Prinzip. Mit offenen Augen sein und etwas finden, was man nicht gesucht hat. Deshalb arbeite ich gerade an einem Projekt über ein Cosplay/Anime-Event hier in Dortmund. Ich wusste bisher nicht viel darüber und  hatte mich eigentlich auch nicht besonders dafür interessiert, aber als ich versehentlich dort war, wurde ich überwältigt: Das Ausweiten der eigenen Identität, Experimentieren mit unterschiedlichen Formen von Sexualität, ein spezieller Humor, sehr viel Körperlichkeit.


Es ist leicht, Leute, die etwas tun, was von der Gesellschaft als befremdlich kategorisiert wurde, zu verurteilen oder bloßzustellen und das auch so zu fotografieren. Das wäre das Letzte, was ich wollen würde. Mein Lehrer Wolfgang Zurborn meinte im Gespräch am Montag, dass es eigentlich total interessant ist, wie man denkt, draußen wäre man authentisch und man selbst, aber eigentlich ist man meistens total runtergebrochen auf das, was man im Spiegel der Gesellschaft draußen sein darf, um noch der Norm zu entsprechen. Super langweilig eigentlich.


Mich interessieren oft Dinge, die ambivalent sind. Das hat mich auch so an den Trap-Partys in Konstanz gereizt, die ich ein Jahr lang fotografiert habe.

Das Pendeln zwischen zwei Polen:
authentisch – inszeniert; stark sein – verletzlich sein; urban – dörflich; untypisch – klischeehaft; ekstatisch – melancholisch

Das Zine, was ich daraus gemacht habe, kann man hier sehen:
http://www.victoriajung.de/zine.html

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FICKO wird neun und feiert – Ein Gespräch mit Spezial-K http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-ein-gespraech-mit-spezial-k/ http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-ein-gespraech-mit-spezial-k/#respond Wed, 16 May 2018 12:19:05 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1398 Diesen Spezial-K habe ich 2005 auf dem legendären Unspoken Words Festival in Erlangen zum ersten Mal getroffen. Mal so wirklich gesprochen haben wir aber auch erst ein Jahr später, als es zu einem Festival nach Rennes ging. Ein ganzer Bus voller politisierter HipHop-Fans und selbst aktiven Gsichtsgedullahs aller Art. Mei war des schee. Aber genug in der Vergangenheit geschwolgen, jetzt ist jetzt und da steht am Freitag eine große FICKO-Party an, auf der der ausgewiesene Kenner von fränkischen Lebensweisheiten als DJ ein paar Hits aus der Hüfte ballern wird. Aus diesem Anlass ein kleines Gespräch.

Späschi WAS GEHT!?!? Wieso rappst du nicht, was soll das? Kotzt dich Rap an? Hast du Beef?

Hallo ihr FICKOs (hehe). Ich rap momentan eigentlich sogar ziemlich viel – war in den letzten Wochen in ganz Deutschland unterwegs. Neue Tracks sind auch in der Pipeline. Ich glaub diesmal hast du mich garnich gefragt, ob ich rappen will, oder? Beef hab ich kaum, bin mehr so vegetarisch unterwegs. Ich bin immer noch großer Musikfan und genieß es einfach, für kurze Zeit in (m)einen Film einzutauchen – laut die Mucke zu pumpen, die mir was bedeutet. Geil einfach.

Ok, stimmt. Ja, es soll nicht noch gerappt werden, ist nur noch mehr Orgastress. Ich habe gerade überlegt, wieso man das Abtauchen in Musik eigentlich genießt. Was ist für dich daran schön? Was unterscheidet die Musik von der Nichtmusik?

Naja, ich denke Musik nimmt mich einfach mit in ein Gefühl, einen Vibe von jemand anderem. Wie ein gutes Buch, ein Film, so etwas. Man kann abschalten, kriegt neue Sichtweisen oder kann sich auch vorzüglich darüber aufregen. Musik ist Kommunikation und dieses ganze HipHop-Ding war für mich immer dasselbe. Das Medium ist dabei eigentlich gar nicht so wichtig. Ich feier’s einfach, wenn Menschen sich ausdrücken und sich gegenseitig in ihre Lebenswelten entführen.

Und was regt dich dann auf? Also weil du auch davon gesprochen hast, dass das auch schön sein kann.

War nur so ein Gedanke. Ich spiel natürlich Musik, „die mir taugt“. Mir ist jedenfalls wichtig, dass Musik, und gerade so eine wortlastige wie Rap, auch diskutierbar ist, dass man sein Hirn dabei laufen hat. Wir leben in einer Zeit, wo Menschen nur noch in ihrer eigenen Blase leben und per Knopfdruck ordern, was auf sie vermeintlich zugeschnitten ist. Da genieße ich einfach, wenn ich auf einer arty bin, wo etwas läuft, was ich jetzt vielleicht noch nicht kenne. Ein verrücktes Gitarrensample, ein guter Breakbeat, ein guter Satz, der mich zum Nachdenken bringt… Alles HipHop für mich. Culture-jamming, Querverweise…

Na, ich glaub schon, dass es dir auch ein bisschen Spaß macht, dich aufzuregen . Daher wollte ich da nachhaken, was dich denn z.B. ärgert. Was würdest du bei Rap ändern, wenn du das einfach mal entscheiden könntest? Oder was am Auflegen. Was hat dich zuletzt richtig genervt?

Klaro. Auf-, Ab- und Erregen sind schon bisschen meine Hobbys auch. Wenigstens reg ich mich noch irgendwie. Viele Leute haben halt auch eine ganz krasse Konsumhaltung und verwechseln eine Party, wo jemand eine musikalische Reise durchzieht, mit einem Musikstream-Dienst. So ein „ey spiel mal…“ find ich richtig respektlos und hängengeblieben zum Beispiel. Mein HipHop soll diese selbstgefälligen Barrieren und Bühnenhierarchien einreißen und Leuten Mut machen, es auch einfach zu probieren. Und das ist eigentlich auch mein Anspruch an Politik. Lasst nicht nur immer die selbsternannten Expert*innen labern, sondern macht euch selbst Gedanken, bringt euch ein.

Aber an dem Punkt, sich sowas zu trauen, sind ja auch nicht alle. Wie war das bei dir? Hattest du schon immer dein Selbstbewusstsein oder wie kann es dazu? Wie schaffen wir es, dass noch mehr Leute mitmachen wollen und sich auch trauen?

Nee, ich war in meiner Kndheit nicht besonders selbstbewusst, glaub ich. Ich hatte jedoch schon früh Leute um mich, die ziemlich offen Kunst gemacht haben. Und da ich schon immer musikinteressiert war, hatte ich auch schon sehr früh „Vorbilder“, die mir gezeigt haben, wie cool es ist, einfach seine Gefühle auszudrücken. Und das versuch ich eben weiterzugeben: Das leben ist ein Aushandlungsprozess und es ist wichtig, dass jede*r sich einbringt. Ich mach mich angreifbar mit meinen Texten, meiner Kunst, meinem HipHop und versuche mein Wissen, meine Bühnen und meinen Space zu teilen, indem ich eben versuche möglichst wenig diesen „fuck all ya“-Modus von vielen im HipHop zu reproduzieren.

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FICKO wird neun und feiert – Ein Gespräch mit knowsum http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-ein-gespraech-mit-knowsum/ http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-ein-gespraech-mit-knowsum/#respond Wed, 16 May 2018 09:29:50 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1392 knowsum ist ein lieber Herr Gesangsverein (Beats, Nepumuk, sonstwas, Allää). Der sympathische Brillenträger im Geheimen, bekannt aus Sendungen wie „Mainz, wie es singt und lacht“ und weil er einmal beim Auswärtsspiel gegen Wacker Burghausen die Stadionfahne durch einen Seidenschal aus Lyon ersetzt hat, glänzt seit jeher durch feine Beats und andere Späße.

Ganz viele Dinge macht er nicht, die momentan zur Standardausrüstung von Menschen gehören, die man in HipHop-Kreisen so trifft. Und das ist sehr angenehm. So angenehm, dass wir es uns nicht nehmen ließen, ihn für die FICKO-Party jetzt am Freitag zu verpflichten, wo er ein Liveset an die Wand schmeißen wird, dass uns nur so die Ohren schlackern wie ein . You better be dort, New Yorck (Bethanien) ist der Ort.

Du hast ein Faible für Abseitiges und neigst in der Öffentlichkeit zu Zurückhaltung. Würdest du dich selbst als schüchtern bezeichnen, ist dir schlicht viel egal oder hat ist das alles ein Missverständnis?

Die Schüchternheit kam mir abhanden, aber sie blitzt dann und wann wieder auf. Meine Songtexte finden glaub ich zwar nicht unbedingt in der Öffentlichkeit aber doch in dieser Welt statt und da sprech‘ ich mich meines Erachtens stets gegen die allgemeine Scheiße aus!

Klar, das hört man ja in den Texten auch sehr deutlich. Aber hat sich die Entwicklung in mitunter auch sehr spacig-nerdige Soundrichtung ganz einfach so ergeben oder waren da auch bewusste Entscheidungen dabei?

Das hat sich einfach so ergeben! Beziehungsweise macht man ja im Idealfall auch Musik, die einem zusagt. Ich habe mich beispielsweise nicht bewusst dazu entschieden, dass mir der Vibrato-Effekt gefällt.

Du produzierst ohne Quantisierung, sogar komplett ohne feste Loop-Pattern, nur die Unendlichkeit der Spuren. Was hat dich die Abwesenheit von Schranken über die Welt gelehrt?

Ohne Grenzen fällt es leichter den Blickwinkel zu ändern und verschiedene Positionen akzeptieren und verstehen zu können, jedoch braucht man manchmal auch die Grundfesten des Ego, um im Chaos klarzukommen und „nein“ zu blöden Ideen zu sagen.

Was sind denn zum Beispiel blöde Ideen, zu denen du Nein sagst oder gesagt hast?

Um das zu erfahren muss man sich die Tracks anhören.

Was kannst du den Cats da draußen für Tipps geben, wenn sie auch so werden wollen wie du, nur nicht genauso wie du?

„Immer macke Jazz“

Hattest du Vorbilder und an welchem Punkt hast du gemerkt, dass du nicht so werden musst wie sie?

Ich habe immer noch Vorbilder aber man muss halt nur werden, dessen bin ich mir seit jeher bewusst.

Kannst du uns drei Vorbilder nennen? Und was ist das Schönste am immerwährenden Werden?

Tim Heidecker, die Kardashians & Madlib. Das Schönste am Werden ist die Sache selbst.

Was fällt dir zur Gesellschaft der Vielen ein?

Die Revolution frisst ihre Kinder hoffentlich nicht immer!

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FICKO wird neun und feiert – Ein Gespräch mit Sui Sofie http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-ein-gespraech-mit-sui-sofie/ http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-und-feiert-ein-gespraech-mit-sui-sofie/#respond Mon, 14 May 2018 12:35:38 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1374

Ende 2016 landete ich mehr oder weniger zufällig in der Villa Neukölln auf einer Party. Mein Date hatte mich versetzt, auf den letzten Metern bekam mein Hinterreifen einen Platten und auch die anderen Freunde wollten sich irgendwie nicht bequemen, endlich mal vorbeizukommen. Als dann auf der Bühne bei der inhaltlichen Veranstaltung vor der Party auch noch jemand was vom „Genozid“ in Palästina erzählte, war meine Geduld am Ende und ich war kurz davor, den Tag abzuhaken, in die Luft zu jagen und mein Fahrrad in Kleinteile zu zerlegen.
Ich hatte ja aber auch schon Eintritt bezahlt und vielleicht kämen meine Freunde ja doch noch, also blieb ich. Eine sehr gute Entscheidung. Denn die Musik, die dann einsetzte, war sehr interessant, machte Laune und ließ mich auf die Tanzfläche los. Und als später Sofie anfing, wurde das alles noch auf ein ganz anderes Level gehoben. Ich hatte kein Geld für Alkohol, das brauchte es aber auch gar nicht. All mein Frust landete auf dem Dancefloor, aus meiner schlechten Laune wurden ausufernde Moves. So einen wundervollen Instrumentaltrap hatte ich noch nicht gehört und weil anfangs noch viel Platz zum Dancen war und ich gerade sowieso schon geladen war, kam das alles ganz gut zusammen. Ich tanzte mir buchstäblich den Frust von der Seele.
Im Anschluss sprach ich Sofie an und fragte sie, ob sie in der fernen Zukunft eventuell auf einer FICKO-Party auflegen würde. Diese Zukunft ist jetzt, nächsten Freitag feiern wir auch mit ihr im New Yorck am Bethanien in Berlin-Kreuzberg 9 Jahre FICKO und zur Vorbereitung habe ich mich mit ihr unterhalten.

Hallo Sofie! Du legst ja schon etwas länger auf. Magst du ein bisschen erzählen, wie du da so reingeraten bist?

Ich versuche es kurz zu halten, aber eigentlich habe ich schon als Kind Kassetten und CD’s mit Musik, die ich mochte, für alle möglichen Gelegenheiten zusammengestellt, z.B. zum Tanzen, Einschlafen etc. Gleichzeitig bin ich in Frankfurt/Main auf Parties in selbstorganisierten linken Projekten, wie z.B. dem IVI, früh mit elektronischer Musik in Berührung gekommen. Musik hören und machen ist schon immer ein Teil von mir gewesen. Es gab aber sogar einen sehr konkreten Moment, an dem ich ziemlich genau festmachen kann, wie ich mich dazu entschieden habe, mich mit der Technik, die zum Auflegen dazu gehört, auseinanderzusetzen. Und zwar als ich 20 war und auf Familienbesuch in Berlin, abends irgendwann alleine in die wilde Renate gezogen bin. Irgendwann gegen 4 Uhr morgens, fing eine Frau an aufzulegen; Mira, mittlerweile recht bekannt. Diese für mich damals sehr neue Art von elektronischer Musik in Verbindung mit einer Frau die an den Reglern steht, hat mir einen richtigen Hieb versetzt und mir war klar „Ich mach das!“, vor allem, weil ich mehr zu solcher, anderer Musik tanzen wollte. Frankfurt war meist ziemlich straighter Techno. Dann habe ich mir das einfachste Equipment, das ich leihen konnte, bei einem Freund geschnappt und erstmal Sets für mich zum Tanzen aufgenommen. Irgendwann war ich auf einer Party, kannte den DJ und hatte einen Stick dabei. Bin nach vorn und habe gefragt, ob ich es mal 20 Minuten probieren kann. Er hat mich gelassen, was ziemlich cool war von ihm. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er einfach überrumpelt war. Aber ich rechne es ihm hoch an. Denn es ist nicht so selbstverständlich, dass jemand Zeit abgibt bei einem Gig.

Und hat’s geklappt?

Was genau?

Das Auflegen

Damals war es ziemlich holprig, aber die Musik war gut 🙂. Und es gibt Freunde, die sich noch genau daran erinnern, wie schön die Musik war. Was mich natürlich bestärkt hat. Nach zwei Jahren habe ich dann immer mal wieder in Frankfurt aufgelegt, meistens auf halblegal organisierten Parties. Und musste ehrlich gesagt auch den ein oder anderen leeren Dancefloor aushalten, weil die Ravekids die Musik noch nicht gewohnt waren. Aber ich war einfach fest davon überzeugt, dass wenn niemand mal was anderes spielt, auch nie was anderes gehört bzw. dazu getanzt wird. Meine Sturheit hat sich ausgezahlt, irgendwann wurde ich genau deswegen angehauen, was mich natürlich immer noch echt freut. Als es eigentlich ganz gut am laufen war, habe ich aber rüber gemacht nach Leipzig. Auch weil es musikalisch unglaublich interessant und weitaus vielfältiger ist und es weniger darum geht eine krasse Party zu liefern als darum sich einfach auszuprobieren und ehrlich zu sein.

Kannst du festmachen, ob und was sich durch das Auflegen an deiner Weltsicht geändert hat? 

Ich weiß nicht, ob sich meine Weltsicht durch das Auflegen verändert hat, oder auch durch alles andere, was so passiert in einem Leben. Aber natürlich habe ich das ein oder andere gelernt. Über die Szene, den Veranstaltungsbetrieb, nicht zuletzt über mich. Am Anfang hatte ich, neben unglaublicher Neugier und Lernlust, vor allem Angst und Scham. Angst etwas nicht zu können, zu wissen, mich dadurch bloßzustellen, sozusagen aufzufliegen. Mit einer sehr verkorksten Form von Respekt vor anderen, ungefähr so, in der ersten Zeit: „Alle checken es und können es und sind krass“, damit sind vor allem sich männlich identifizierende Menschen gemeint, denn die haben eigentlich meistens in meiner unmittelbaren Umgebung aufgelegt und Ahnung gehabt. Vor allem sich an die Technik zu trauen, war anfangs nicht leicht. Als Kind habe ich mir jedes elektronische Gerät erschlossen, dann irgendwann habe ich das nicht mehr getan und allen Ernstes gedacht ich sei technisch unbegabt.

Vielleicht lag es auch an der Mathelehrerin in der 8. Klasse, die meinte meine Kopf sei nur zum frisieren gut…😀 Kein Flachs, ist genau so passiert. Zum Glück war meine Neugier stärker als meine Angst und ich fing an mich durchzufragen und nahm in Kauf als unwissend aufzufliegen. Irgendwann habe ich, nicht zuletzt durch Unterstützung einiger männlicher Freunde, verstanden, dass es einfach darum geht: sich zu trauen, egal was passiert. Es passiert nämlich nichts Schlimmes. Fehler sind eigentlich das beste, was passieren kann. Manchmal ensteht dadurch versehentlich etwas, was unglaublich spannend ist und sie formen das Verständnis von einer Sache. Auch Gigs die nicht so gut laufen, sind gut, sie geben eine Richtung. Und wenn ich anderen eine Sachen als Mitgeben könnte, die mit egal was anfangen wollen, aber vielleicht auch gerade Mädchen und jungen Frauen: Scheiß auf alles, du kannst nichts falsch machen. Vorallem gibt es nicht die eine Art aufzulegen. Auch wenn manch einer so tut, als wäre das so. So ist das nicht. 😉
Und sollte mal wieder eine Runde cooler Jungs, coolen Techtalk untereinander abhalten, nutzt die Gelegenheit und stellt Fragen, entweder ihr merkt, das sie alle auch nicht so krass sind und viel Ahnung haben oder ihr lernt richtig was. Und ich sollte noch hinzufügen, das ich auch nach ein paar Jahren, immer mal wieder noch die alten Ängste habe, wenn es darum geht etwas Neues zu erlernen und weiter zukommen. Aber auch das ist etwas Schönes, denn es drückt nur aus wie wichtig es ist und das es sich gerade da lohnt seine Angst zu überwinden.

Ja, von solchen Schammomenten und einfacher Draufloslegung hatten wir bei FICKO auch schon einiges und ich habe auch den Eindruck, dass ich kaum so viel gelernt habe wie aus Fehlern. Der Zwang zu Coolness verhindert nur so oft die Vermittlung dessen, was man daraus lernt. Hast du bei der Betrachtung des Publikums, das ja anfangs auch eher irritiert war von der Musik, auch etwas über die Überwindung von Ängsten gelernt? Ich habe z.B. selbst jahrelang lernen müssen, mich zu tanzen zu trauen und hatte den Eindruck, dass das Frauen leichter fiel.

Ja, auf jeden Fall habe ich was durch das Publikum gelernt. Einmal, dass es wirklich immer mindestens eine Person gibt, die mich versteht. Wirklich immer. Wenn nicht sogar ein paar mehr. Und dass, wenn die wenigen für sich etwas Schönes oder Neues erfahren konnten, es sich schon mehr als gelohnt hat. Aber auch, dass eine Masse an Menschen, die sehr eindeutig etwas will, natürlich Druck ausüben kann, dem mensch sich auch beugen kann. Als ich das mal gemacht habe, hatte ich richtig schlechte Laune. Obwohl es der super Rave war und am Ende alle gejubelt hatten, war ich nicht im reinen mit mir. Und das mit dem Tanzen, kann schon sein, aber woran meinst du, könnte das liegen? Mein erster Gedanke ist, traurigerweise, dass ich, als weiblich gelesene Person, es ziemlich gewohnt bin, dass mein Körper gesehen wird, beurteilt wird, etc. und ich mich somit in der Situation des Tanzens, also des Körperzeigens, auskenne, die Bewertung nicht fürchte, da sie mir sowieso ständig widerfährt. Das ist jetzt extrem beschrieben, aber ich glaube in unterschiedlichsten Nuancen könnte es sich so abspielen.

Das klingt extrem plausibel, ja! Der Moment, in dem ich bewertet werde, war mir jedenfalls immer die Hölle. Zudem ist Tanzen ein körperlicher Ausdruck von Emotionen und das ist in einer klassisch männlichen Sozialisation etwas, das für Männer nicht so richtig vorgesehen ist. Also abgesehen von Cholerik und Hass. Gefühle, die als weiblich gelten und/oder mit irgendeiner Art von Schwäche assoziiert werden können: Freude, Ausgelassenheit, Empfindsamkeit etc. gelten ja dann schnell als unmännlich und dürfen nicht stattfinden. Echte Männer haben sowas nicht, beschäftigen sich nicht damit und umso größer ist dann natürlich die Hürde, überhaupt zu tanzen.
Aber wir sind ja auch alle fähig, solche Rollen aufzuweichen, zu durchbrechen und zumindest im Kleinen voranzukommen. Hast du solche Momente der Befreiung schon mal beim Auflegen erlebt? Eine fröhliche Ekstase, in der Menschen bei sich sind, den Moment genießen und ausdrücken und das sich auf andere überträgt, sie wiederum mitreißt und alles ist wunderbar? Eine Gesellschaft der Vielen auf der Tanzfläche, wo alle so dürfen, wie sie eben möchten oder sind, solange sie niemandem auf die Füße treten? 

Ja, wir können und sollten diese Rollen auflösen bzw. können wir unsere Aufmerksamtkeit darauf richten, wie fließend die Grenzen sind und wie willkürlich die meisten gezogen sind. Gleichzeitig ist es für mich manchmal erschreckend, wenn ich feststelle, das die eine oder andere festgefahrene Vorstellung zu männlich und weiblich, ziemlich tief sitzt. Aber so ein Schreck, ist ja auch schon das Zeichen dafür, das mensch das nach und nach in Frage stellt und loslassen möchte. Eine Gesellschaft der Vielen konnte ich schon durchaus viele Male auf einem Dancefloor sehen. Nämlich dann, wenn die Menschen irgendwann fast alle vergessen haben, dass ich auflege und einfach nur noch tanzen, jede*r auf ihre/seine ganz eigene Art und Weise und doch miteinander. Alle diese Facetten an Bewegungen, die dennoch in einer, sich gemeinsam wogenden Menge eingebettet sind, berühren mich immer wieder. Der Kontrast dazu ist für mich: Alle schauen entwas angespannt in Richtung DJ, tanzen ein wenig wie in einem Loop und es liegt etwas von Warten auf „Keiner weiß es eigentlich so genau“ in der Luft.

Mir fällt gerade auf, dass dieser Moment, den du beschreibst, in dem Leute tanzen statt nach den anderen zu schauen, ein ziemlich gutes Bild für die Gesellschaft der Vielen ist. Die Subjektwerdung, Menschen drücken sich aus, wie sie möchten und sie schauen nicht zuerst, was die anderen wohl dazu sagen. Und das geht auch noch, alle dürfen. Das ist ja ein ziemlich befreiendes Gefühl.

Ich glaube das nach den anderen zu schauen ist auch sehr tief in Menschen drin, aber es ist nicht unbedingt was schlechtes. Das bewerten und es in einen Bezug zu sich zu bringen, löst diesen sozialen Stress aus. Es ist aber auch möglich diesen Reflex als unsere Achtsamkeit für einander zu beschreiben und umzudeuten. Manchmal wenn ich merke, dass mein Kopf, meine Umgebung und die Menschen darin in statische Einzelteile zerlegt, trickse ich ihn aus indem ich jeden Gedanken in eine Frage verwandle. Also anstatt zu denken: Das ist so und so, frage ich mich: Ob das wohl so ist? Oder auch anders? Fragen öffnen immer einen Raum, der mit allem Möglichen frei ausgefüllt werden kann. Ich glaube, dass eine gute Frage eine Brücke ist hin zu einem Raum der Begegnung. Solange wir einander fragen, sind wir bereit uns zu begegnen. Stellt Fragen. Es ist gar nicht so leicht, wie vielleicht gedacht, aber es lohnt sich. Um etwas zu lernen oder um sich und andere anerkennen zu lernen. Stellt Fragen.

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FICKO wird neun und feiert – Ein Gespräch mit ante http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-ein-gespraech-mit-ante/ http://ficko-magazin.de/ficko-wird-neun-ein-gespraech-mit-ante/#respond Sat, 12 May 2018 17:18:59 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1363 Am Freitag, den 18.5. feiern wir im New Yorck am Bethanien in Berlin-Kreuzberg den neunten Geburtstag von FICKO. Wir stellen euch jetzt in einer kleinen Interviewreihe ein paar der Leute vor, die dabei mitmachen werden und beginnen mit ante, die als DJ unser rauschendes Fest bereichern wird.

Mixcloud will sich gerade nicht einbinden lassen, drum klicket hier für einen Mix von ante.

Du bist Teil von Feminism Unlimited, das klingt nach einer ganz ähnlichen Idee wie die Gesellschaft der Vielen. Auch auf eurer Website geht es um viele verschiedenen Themen unter dem Banner des Feminismus. Was sind eure Ziele und wie geht ihr sie an?

Ein Ziel von Feminism Unlimited ist es, den vielen verschiedenen (queer)feministischen und antirassistischen Gruppen und Zusammenhängen, die es in Berlin und anderen Städten gibt, eine gemeinsame Plattform zu bieten, auf der eigene Projekte, Texte, Videos und Aktionen veröffentlicht werden können, aber auf der auch solidarische Diskussionen zu verschiedenen Themen entstehen können. Wir möchten damit bestehenden Projekten mehr Sichtbarkeit verschaffen, Gruppen und Einzelpersonen stärker miteinander vernetzen und damit auch eine gemeinsame Schlagkraft gegen die Neue Rechte schaffen. Denn, und das ist uns besonders wichtig, unser (Queer)Feminismus ist grenzenlos, solidarisch und immer auch antirassistisch!
Wir haben offene Treffen veranstaltet, auf denen sich Leute miteinander vernetzen konnten und gemeinsame Projekte gestartet haben. So haben sich beispielsweise Lesekreise oder eine Aktions AG gegründet, die zuletzt zum Frauen*kampftag Biographien von Frauen* auf der Website veröffentlicht hat, die in einer patriachalen Geschichtsschreibung wenig bis keine Aufmerksamkeit bekommen haben.
Was wir uns noch wünschen würden ist, dass sich mehr bereits bestehende Gruppen am Projekt Feminism Unlimited beteiligen. Ob das klappt, wird sich mit der Zeit zeigen.

Ah, ihr wart das! Ich habe am 8. März am Hermannplatz die Biografie von Rosalind Franklin gesehen und mich über die Idee gefreut. Ihr adressiert damit ja Leute außerhalb einer Szene, was uns auch besonders wichtig ist. Kannst du dazu noch mehr sagen? Melden sich Leute, bekommt ihr die Wirkung mit, seit wann läuft es?

Gestern war sehr gut. Heute geht’s weiter. #frauenkampftag

Ein Beitrag geteilt von form (@formprim) am

Gruppen und Personen aus verschiedenen Kontexten (auch außerhalb der linksradikalen Szene) zusammenzubringen war von Anfang an eines der zentralen Ziele des Projekts. Und ein Angebot zu schaffen, von dem sich auch Leute angesprochen fühlen, die nicht organisiert sind, war uns auch wichtig. Die offenen Treffen waren in der Hinsicht ein großer Erfolg.
Über Social Media oder per Mail bekommen wir immer mal wieder positives Feedback oder Anfragen, ob und wie man sich beteiligen kann. Das ist super!
Was bisher noch nicht so gut geklappt hat bzw. was wir uns noch wünschen ist, dass sich mehr bereits bestehende Gruppen und Zusammenhänge aus verschiedenen Bereichen beteiligen und ihre eigenen Aktionen, Projekte, Texte und Videos auf der Plattform veröffentlichen. Ob das noch klappt, wird sich zeigen.

Was war dein erster Lieblingskuchen?

Am liebsten esse ich Kuchen, der viel Schokolade und keine Nüsse enthält – gegen die bin ich allergisch. Das war schon immer so.

Was hat dich zum Auflegen gebracht, was gefällt dir am meisten und was sollte sich dringend ändern, damit du für immer Bock hast?

Das erste Mal hab ich mit einer Freundin zusammen auf einem Geburtstag aufgelegt und seit dem hab ich immer mal wieder auf Soli-Partys gespielt. Für mich ist dabei wichtig, dass es nicht darum geht, super professionell auflegen zu können, sondern Spaß an der Sache zu haben – dann hab ich da auch Bock drauf :). Und klar ist, dass ich lieber an Orten auflege und feiere, an denen über patriarchale und sexistische Verhältnisse in der Musikszene reflektiert wird und Räume für queere und female* Artists geschaffen werden.

Ich glaube zu wissen, warum das so ist, aber wir haben ja den Anspruch, nach außen zu adressieren, daher möchte ich dich noch bitten, das zu begründen. Gerade im Hinblick auf die Gesellschaft der Vielen, die auch in Machtpositionen die reale Vielfalt der Menschen abbilden soll.

Damit meine ich, dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass Männer nunmal die besseren DJ’s seien, nur weil sie den größeren Anteil der auflegenden Menschen in Berlin darstellen. Das ist das Ergebnis patriarchaler Machtstrukturen und auch in der Club- oder Musikszene muss darüber reflektiert werden. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass man als Veranstalter*in darauf achtet, dass das Geschlechterverhältnis der DJ’s auf einer Party ausgeglichen ist.

 

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Für die Verstetigung kollektiver Formen der Auseinandersetzung mit Männlichkeit – eine Provokation der cis-männlichen Gemütlichkeit http://ficko-magazin.de/fuer-die-verstetigung-kollektiver-formen-der-auseinandersetzung-mit-maennlichkeit-eine-provokation-der-cis-maennlichen-gemuetlichkeit/ http://ficko-magazin.de/fuer-die-verstetigung-kollektiver-formen-der-auseinandersetzung-mit-maennlichkeit-eine-provokation-der-cis-maennlichen-gemuetlichkeit/#respond Tue, 08 May 2018 10:00:01 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1359 Obwohl es in bedeutenden Teilen linker und alternativer Subkulturen prinzipiell viel Einigkeit darüber gibt, dass Feminismus „eine gute Sache ist“, beschränkt sich das antipatriarchale Engagement linker Cis-Männer häufig auf theoretisches Wissen und Lippenbekenntnisse. Begriffe wie Mannoder „männlichwerden zwar negativ konnotiert verwendet schließlich sind (Cis-) Männer nach wie vor strukturelle Nutznießer von Geschlechterhierarchien , um die sich reihenweise ergebenden Widersprüche zwischen (oberflächlich) geteilter feministischer Gesellschaftsanalyse und eigenen alltäglichen patriarchalen Gefühls-, Denk- und Verhaltensmustern wird sich jedoch wenig bis gar nicht gekümmert. Wer sollte auch diese Sorgearbeit leisten? Im Kampf „für die Sache“ geht es ja schließlich um die Sache und nicht darum, welches Selbst da kämpft und was „die Sache“ wohl mit diesem Selbst zu tun hat. Und so ist es besonders für Cis-Männer ein Leichtes, sich von den Männern, die der Feminismus meint, abzugrenzen, tatkräftig in die Hände zu spucken und gleichberechtigt beim Macker-Massaker mitanzupacken – Mann ist ja nicht wie die anderen.

Nur so leicht ist es natürlich nicht. Cis-Männer können sich nicht selbst davor bewahren, übergriffig zu sein, andere Menschen aufgrund ihres (vermeintlichen) Geschlechtes ungleich zu behandeln, abzuwerten, auszugrenzen und zu verletzen, indem sie sich Feministen nennen oder sich feministische Theorie aneignen. Das Patriarchat ist eben oft tiefer in den Köpfen als die Träger dieser Köpfe glauben.

Eine Ahnung davon zu bekommen, wie zugerichtet mann selbst ist und wie viel Sexismus mann internalisiert hat, ist oft eine unheimliche Erfahrung. Es kann einem den Boden unter den Füßen wegziehen, einen zutiefst verunsichern. Mal werden solche Selbst-Erfahrungen ausgelöst durch Gespräche mit Freund*innen oder Konfrontation durch FLTIs, mal durch intensive Beschäftigung mit feministischer Literatur, mal durch Workshops, Vorträge oder andere Bildungsveranstaltungen.

Letztere werden immer mehr angeboten und häufig gut besucht. Sie können etwas anstoßen, irritieren, aufwühlen und Fragen stellen, die die Einzelnen bewegen und die berühmten „Aha-Momente“ auslösen – und häufig tun sie das auch. Dabei bleibt es dann aber leider allzu oft: bei einem Gefühl, angeregt zu sein und „ganz viel gelernt zu haben“, vielleicht Tatendrang im Bauch. Aber Menschen kehren zurück in den sexistischen Alltag, das Gefühl von Veränderung versickert und scheint höchstens in Gesprächen mit Freund*innen oder in unausgesprochenen Gedanken auf. Das kann ungemein frustrierend sein und ein Gefühl von Ohnmacht verstärken. Was von einem Workshop hängen bleibt, wird schnell vollends verdrängt oder dahin ausgelagert, wo auch Mann sich endlich mal nachdenklich und widersprüchlich gibt: in die (heterosexuelle) Paarbeziehung – womit die Auseinandersetzung mit männlicher Unsicherheit oft das bleibt, was sie historisch schon immer war: Frauenarbeit.

Es stimmt zwar, dass alle Menschen die Auseinandersetzung mit Geschlecht auch als individuelle und persönlich-biographische erfahren, aber sie darauf zu beschränken halten wir für zu kurz gegriffen, entpolitisierend und der gewaltigen Rolle, die Geschlechterhierarchien in unser aller Leben einnehmen, schlicht nicht angemessen. Gegen die Privatisierung gesellschaftlicher Widersprüche stellen wir den Slogan der Zweiten Frauenbewegung: Das Private ist politisch!

Eine als „toxisch“ bezeichnete Männlichkeit mit Selbstreflexion in homöopathischen Dosen zu behandeln ist uns zu wenig. „Es geht darum, tiefgreifendere Prozesse, Arbeit mit unseren Gefühlen, mit unseren Körpern in Gang zu setzen, in Gang zu halten, uns gegenseitig zu konfrontieren mit unseren männlichen Mustern, uns gegenseitig zu unterstützen in neuen Verhaltensweisen, die unserem männlichen Habitus zuwiderlaufen.“ heißt es in der 15. Ausgabe des „Männerrundbriefes“, einer Diskussions- und Bewegungszeitschrift der pro-feministischen Linksautonomen, aus dem Jahr 2000 (S. 14). Und auch damals standen pro_feministische Männer vor einem ähnlichen Problem wie heute: „Formen gibt es dafür wenige […], Menschen (v.a. Männer) zum Konfrontieren und Unterstützen ebenfalls.“

Was tun? Zunächst einmal an alle Cis-Männer: Geht kollektiv in die Auseinandersetzung mit euren eigenen Rollen im Patriarchat, eurer Gewordenheit und Zurichtung! Es gibt zwar kein Patentrezept und sicher muss vieles neu ausprobiert werden, aber es gibt zum einen verdammt viele Männer, die vor ähnlichen Problemen stehen und teils in sehr widersprüchlichen Suchbewegungen sind, zum anderen einige vielversprechende Ansätze, die es zu erproben und möglicherweise weiterzuentwickeln gilt.

So etwas wie eine breite, kollektive Auseinandersetzung gibt es aber zur Zeit (im deutschsprachigen Raum) nicht. Es gibt Gruppen, die sich kritisch und aus pro_feministischen Perspektiven mit (eigenen) Männlichkeiten auseinandersetzen, aber es sind wenige und sie sind unzureichend vernetzt. Wir fordern deshalb nicht nur zur Organisation, sondern auch zum Austausch auf, gerne auch zum Dissens, zum feministischen Streit voller Leidenschaft und Vernunft. Ohnmachtsgefühle, Widersprüche und Auf-Die-Nase-Fallen gehören zum linken Alltag dazu und werden sicher zunächst eher mehr, wenn es um das Thema Männlichkeit(en) geht – besonders aus (cis-) männlicher Perspektive. An den Widersprüchen können wir scheitern, sie können uns aber auch antreiben. Sich im Zweifel für den Zweifel zu entscheiden, wäre dann keine vereinzelte Selbstbespiegelung mehr, sondern würde dem Rechnung tragen, was Männlichkeit mehr als alles andere ausmacht: Unsicherheit und Angst.

Statt solche Gefühle wie üblich zu verdrängen und sie hinter dem patriarchalen Ungetüm „Souveränität“ zu verstecken oder in selbstverneinender Lippenbekenntnis-Solidarität zu verdrängen, sollten wir versuchen, uns auch hier so angreifbar und verletzlich zu zeigen, wie wir es sind, ohne dabei die Schärfe der Auseinandersetzung zu schmälern.

Es gilt noch auszuloten, wo unsere Möglichkeiten und Grenzen liegen und wie weit wir letztere verschieben können. Aber auch so verstandene (pro-) feministische Männerpolitik wäre kein Grund zur neuen (Selbst-) Zufriedenheit. Es geht nicht um die „männliche Version“ des feministischen Kampfes und nicht um seinen Ersatz, sondern lediglich um seine Voraussetzung aus (cis-) männlicher Perspektive. In Anbetracht der Zustände wäre das aber schon verdammt viel.

gezeichnet: zwei unzufriedene Cis-Männer aus Leipzig, März 2018

Weitermachen:

  • Informations- und Vernetzungsblog: kritmaen.noblogs.org (Da findet ihr uns auch.)

  • AS.ISM – Streitschrift gegen sexistische Zustände: asbb.blogsport.de

  • “Der profeministische Männerrundbrief” (1993-2002): maennerrundbrief.blogsport.de

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FICKO feiert 9 Jahre Gutmenschlichkeit – Fr. 18.5.2018 http://ficko-magazin.de/ficko-feiert-9-jahre-gutmenschlichkeit-fr-18-5-2018/ http://ficko-magazin.de/ficko-feiert-9-jahre-gutmenschlichkeit-fr-18-5-2018/#respond Fri, 04 May 2018 14:24:50 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1349 Liebe Gutmenschen,

FICKO wird 2018 neun Jahre alt und wir haben beschlossen, das dieses Jahr zu feiern. Die Party (Facebook-Event) ist am

Freitag, den 18.5.2018 im New Yorck am Bethanien in Berlin-Kreuzberg.
Einlass 20 Uhr, Podium 21 Uhr. Musik 23 Uhr.

Es gibt zwei Floors mit sechs DJs und Liveacts mit schwelgerischer Sphärenmusik über live gespielte Beats unter Gesang, von hartem Trapgeballer bis Afrohouse. Die einzelnen Künstler_innen werden auch noch vorgestellt:

Jumi Su und Jannis Fray werden tätowieren. Sie haben auch das schöne Plakat gemacht:

Dem Ganzen vorangestellt wird unsere Podiumsdiskussion, in der wir diskutieren, wie wir zur Gesellschaft der Vielen kommen.

Die „Gesellschaft der Vielen“ ist eine Gesellschaft, die in allen Bereichen, gerade auch in Machtstrukturen, Institutionen, Ideen und im alltäglichen Leben nicht nur eine Vorstellung, sondern eine Praxis der Vielfalt und Gerechtigkeit für ALLE Menschen hat. Noch hinkt die Realität (in Deutschland) dieser Idee meist hinterher, in allen gesellschaftlichen Bereichen findet sich in den Machtpositionen, Vorständen, Chefredaktionen, Ministerienposten usw. die weitaus vielfältigere Realität der Menschen „da draußen“ nicht wieder.

Das muss sich ändern. Wir müssen zur Gesellschaft der Vielen aufbrechen. Und zwar in Massen. Denn zusätzlich zum traurigen Normalzustand des Jetzt bekommen in den letzten Jahren nicht nur hierzulande autoritäre Ideen und Akteur_innen gehörigen Aufwind, die in etlichen Bereichen noch viel schlimmere Vorstellungen haben und auch schon längst begonnen haben, diese umzusetzen.

Es gibt noch keinen richtig großen, von sehr vielen Menschen anerkannten Gegenentwurf dazu, der wiederum eine eigene Idee ins Zentrum stellt; eine Gesellschaft, die auf Solidarität statt Konkurrenz, Vielfalt statt Normierung und auch wirklich real umgesetzte Achtung der Rechte aller Menschen setzt. Diese Idee soll die Gesellschaft der Vielen sein, dort müssen wir hin. Das wird natürlich nicht einfach, die Abwehr gegen ehrliche Diskussionen um Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Ausbeutung und etliche weitere Formen der Ausgrenzung und Abwertung ist gerade in Deutschland sehr groß. Es hilft aber alles nichts, es muss gestritten werden und wir brauchen ein von vielen geteiltes Ziel, eine Utopie, eine Vorstellung der Zukunft.

Statt uns vereinzelt und in jeweils abgegrenzten Abwehrkämpfen gegen die Autoritäre Wende aufzureiben, müssen wir stattdessen Kämpfe vereinen und ein gemeinsames Ziel anstreben, das in den Mittelpunkt des Diskurses gestellt wird. Die Gesellschaft der Vielen ist dieses Ziel. Dort muss es hingehen. Wir haben die Leute, wir haben das Know-how, wir haben recht und wir haben die Zukunft! Lasst uns losgehen. Wie wir das machen, wird am 18.5.2018 im New Yorck am Bethanien in Berlin diskutiert. Ihr seid herzlich eingeladen, mitzumachen!

Es nehmen teil:

Christiane Beckmann (Moabit hilft e.V.)
Devrim Uygun (antifaschistische Aktivistin)
Poljak Wlassowetz (Schriftsteller)

 

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Moabit hilft e.V. – Gutmenschlichkeit in bester Praxis http://ficko-magazin.de/moabit-hilft-e-v-gutmenschlichkeit-in-bester-praxis/ http://ficko-magazin.de/moabit-hilft-e-v-gutmenschlichkeit-in-bester-praxis/#respond Tue, 24 Apr 2018 10:03:40 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1333 Der Verein „Moabit hilft e.V.“ sammelt Spenden, um die unabhängige, für deutsche Behörden oft unbequeme und erfolgreiche Lobbyarbeit für Menschenrechte und ganz konkret geflüchtete Menschen fortsetzen zu können. Die Kampagne läuft noch bis 30.4.2018. 

Das seit Sommer 2015 berüchtigte LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in der Mitte von Moabit sieht 2018 eher nach einem Park aus. Schöne Backsteingebäude, Bäume, viel Grün. Vor drei Jahren war das noch anders. Hunderte bis tausende Menschen waren über Monate hinweg der hilflosen bis unwilligen Verwaltung, überforderten und unterbezahlten Securities sowie Wind und Wetter ausgeliefert. Die Situation war schlicht katastrophal:

Als Dritte-Welt-Medizin im Herzen der deutschen Hauptstadt hat der Sprecher der Berliner Ärztekammer die Versorgung der noch nicht registrierten Flüchtlinge vor dem Lageso bezeichnet. 70 Ärzte, 67 Hebammen und 40 medizinischen Helfer arbeiten ehrenamtlich bis zum körperlichen Zusammenbruch, um Kranke zu versorgen. Seit Wochen hält dieser Zustand an, ohne dass vom Senat, dass von der Politik eine Lösung angeboten werden kann. Kälte und Dauerregen werden die Lage weiter dramatisch verschlechtern. (Tagesspiegel)

In dieser Situation war Moabit hilft die zivilgesellschaftliche Struktur, die im Verbund mit anderen mit enormem Aufwand das Schlimmste noch verhindern konnte, während der Staat sich seiner Verantwortung entzog. 2013 nach rassistischen Demos in Berlin-Hellersdorf gegründet, machte das Engagement die Organisation, die seit 2016 auch ein Verein ist, bundesweit bekannt. Wir haben bei FICKO aus der Ferne auch regelmäßig Anteil genommen, die schrecklichen Zustände einerseits und die wichtige und gute Arbeit sind Ausdruck der heutigen Zustände und lassen auch sehr praktisch sehen, was wir denn konkret tun können.

Auf dem Lageso-Gelände sitzt Moabit hilft in Haus D. Dort werden alle Kleiderspenden geordnet und gelagert, dort ist das Büro von Geschäftsführerin Christiane Beckmann, mit der ich zum Gespräch verabredet bin. Die Türen sind offen, Kinder wuseln herum und werden von den ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen und Eltern betreut, die sich unterhalten, aufräumen, mit den Kindern spielen. Es herrscht eine herzliche und robuste Atmosphäre mit viel Gelächter. Saman, einer der ehrenamtlichen Helfer aus Syrien, ruft ein Kind, das zum fünften Mal in Christianes Büro rennt und sich eine Tomate abholt, ohne eine Miene zu verziehen mit „Kinder raus aus Deutschland!“ zur Ordnung und nimmt es mit raus.

Hinter der heiteren Fassade stecken natürlich die härtesten Geschichten, die manche erst nach langer Zeit erzählen können. Der generelle Anspruch ist, dass alle so aufgenommen werden, wie sie sind. Das führt bei der Vielfalt der Fluchtgründe und Backgrounds natürlich immer wieder auch zu Reibung und Christiane erzählt im Vorgespräch, wie sie an diesen Anspruch der Rechte für alle auch immer mal mit einem lauten Ordnungsruf erinnert. Letzten Endes scheint das aber ganz gut zu funktionieren. Allein das Beispiel von Bekir lässt Raum für einiges an Hoffnung, dass wir noch in der Gesellschaft der Vielen ankommen können. Er wurde von seiner Familie in Mazedonien verstoßen, weil er schwul ist. 2016 kam er am LaGeSo an und half auch bei Moabit hilft. Am Anfang gab es blöde Sprüche und Ausgrenzung, mittlerweile kann er ohne Probleme im Kleid, mit Nagellack und Schminke im Haus unterwegs sein und einfach mitmachen. Er hat einen Job und kommt in seiner Freizeit zu Besuch. Es ist Arbeit und es dauert, aber es geht.

Das Gespräch wurde im Anschluss an das Treffen per Mail geführt.

 

Was ist momentan das drängendste Problem bei „Moabit hilft“ und wie kann man euch dabei helfen?

Soll ich gleich am Anfang mit „Geld“ anfangen? Natürlich ist es das, denn wir wollen und müssen für unsere politische Arbeit unabhängig bleiben. Das hat zur Folge, dass wir keine Förder- bzw. Projektgelder annehmen können.

Somit sind wir auf Spenden angewiesen. Und das ist leider ein wirklich leidiges und für viele langweiliges Thema. Aber Anwälte, Übernachtungen, Benzin, Gutscheine, Familienzusammenführungen, Flugtickets, Kautionen, usw kostet. Und wem eine strukturelle Veränderung auf Basis der Menschenrechte wichtig ist und unsere Arbeit wichtig findet, der/die muss dann eben Geld geben.

Wenn du also nach unseren persönlichen Herausforderungen fragst, dann ist es das und die Sicherung unseres Standortes. Seit Monaten warten wir auf die Unterstützung der BVV und des Senates, unseren Standort zu erhalten bzw. uns adäquaten Raum zu bieten. Da wir im Juni aus dem Haus D raus sollen, wird es endlich Zeit, dass man sich bekennt und uns unterstützt bei den Gesprächen mit der BIM (Berliner Immobilienmanagement GmbH).

Ihr habt ja einige politischen Erfolge erreicht, die nicht unbedingt allen geläufig sind. Wie habt ihr das gemacht?

Es gibt Erfolge, die wir durchkämpfen, aber ebenso gibt es Erfolge, die wir gemeinsam mit anderen erreichen. Es ist wichtig, dass wir netzwerken und unsere Ziele im Blick behalten.

Einige Beispiele:

  • Wir konnten Abschiebungen verhindern,
  • dass Geflüchtete nicht Feuerwehrrechnungen bezahlen, obwohl das LAF (damals LAGeSo) als Kostenträger zuständig ist, dieses aber über Jahre ablehnte, „weil die Menschen ja damals noch warteten und nicht registriert, sie somit die Kostenträger waren“.
  • Ebenso haben wir nach dem mehr als mangelhaften „Masterplan“ einen 16 Punkte Plan ausgearbeitet, den wir in direktem Gespräch mit der Senatorin Breitenbach und den Staatssekretären umgesetzt wissen wollen. Gerade gab es dazu eine eintägige Tagung im Rathaus Schöneberg, die offen für alle war, damit partizipiert werden kann.
  • es finden aus Berlin keine Abschiebungen nach Afghanistan statt, leider aber Kettenabschiebungen (sprich Dublin -> Abschiebung nach z.B. Finnland und dann nach Afghanistan)
  • die Kernforderung nach Qualitätsstandards für die Unterbringung von Menschen stellten wir von Anbeginn, haben immer wieder die Mängel und katastrophalen Zustände aufgezeigt, es gibt nun endlich die ersten Bemühungen, diese Standards in Berlin festzulegen. Ob das wird, auch da bleiben wir dran, wir lassen uns nicht mit warmen Worten abspeisen.
  • Es konnten sehr komplizierte Familienzusammenführungen umgesetzt werden. Ich könnte fast endlos schreiben.

Dies alles wird auf unterschiedlichsten Wegen erreicht. Wir gehen in das Abgeordnetenhaus, reden mit PolitikerInnen, geben Niederschriften mit, die als Eingabe ins Abgeordnetenhaus gehen, wir gehen in die Bezirke, die BVV, sitzen in Gremien. Wir setzen alles daran, Politik mitzugestalten.

In Berlin bzw. Deutschland steht Brandschutz über den Menschenrechten, das bekämpfen wir.

Was sind eure zentralen Ideen im Umgang mit den Menschen, die zu euch kommen?

Wir sehen uns dem Humanismus verpflichtet und der Erklärung der Menschenrechte. Daraus resultiert, dass wir den Menschen auf Augenhöhe begegnen. Wir sind es leid, dass in Berlin eine Apartheidsgesellschaft geschaffen wird, hier wirken wir entgegen. Menschen, die zu uns kommen, müssen über ihre Rechte informiert werden und man muss sie unterstützen, diese zu erhalten.

Und was ist, wenn es mal nicht klappt? Wie werden Konflikte gelöst?

Das ist schwierig pauschal zu beantworten. Wenn wir eine Abschiebung nicht verhindern können, Pfefferspray ins Gesicht gesprüht bekommen, die Familie abgeschoben wird, die Kinder weinen oder wir von Rechts so stark bedroht sind, dass man Fotos unserer Kinder uns zusendet, das LKA unsere Adressen schützen muss, dann schwankt man zwischen Fassungslosigkeit und Wut. Die muss raus, sei es durch mal richtig viel Fahrradfahren oder mal weinen oder eben Supervision. Am Ende steht aber immer ein „Jetzt erst recht“!

Merkt ihr etwas von der Autoritären Wende in eurer täglichen Arbeit? Ist der strukturelle Rechtsruck zu spüren? 

Wir haben seit Anbeginn unserer Arbeit eine Bedrohungslage von Rechts. Das verstärkt sich, wenn wir bestimmte Posts machen oder in der Presse wieder rhetorisch Stimmung gemacht wird. Den gesellschaftlich-strukturellen Rechtsruck spüren wir genauso wie die Geflüchteten selbst. Das kann ein Sachbearbeiter bei einer Behörde sein wie auch die Bankangestellte. Genauso in der U-Bahn, wenn man erkannt wird. Aber hier ist es wichtig, entweder Dienstaufsichtsbeschwerden zu schreiben, dagegenzuhalten oder – wenn das Gegenüber es zulässt – in einen Diskurs zu gehen. Wir dürfen ihnen nicht das Feld überlassen.

Was würdest du anderen raten, die von euch inspiriert sind, etwas ähnliches zu starten? Welche grundsätzlichen Tipps hast, welche Fehler können leicht vermieden werden?  

Hmm, das ist schwierig zu sagen. Wenn es in dem Ort, der Stadt schon ähnliche Organisationen gibt, würde ich raten, macht mit, unterstützt sie. Es ist nicht sinnvoll, sich zu verzetteln. Wir müssen uns stärken. Und man muss auch nicht sofort eine Orga oder Verein gründen. Jede*r kann Dienstaufsichtsbeschwerden schreiben. Und wenn Sanktionen angedroht werden, dann wehrt man sich eben auch gegen diese. Unser Rechtssystem mag uns viele Steine in den Weg legen, aber die gleichen Steine können wir anderen in den Weg legen. Wichtig ist, man ist sicher informiert, man darf nicht mit Halbwissen agieren. Und an der Stelle ist netzwerken wichtig. Deshalb brauchen wir jetzt über Startnext Unterstützung, denn wir wurden für den Deutschen Integrationspreis nominiert. Der erste Platz, also die mit den meisten UnterstützerInnen, erhält 15.000EUR. Daher brauchen wir gute Leute, die uns 5,- EUR spenden. Somit, Leute, support!

 

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Gegen Weltschmerz helfen keine Pillen http://ficko-magazin.de/gegen-weltschmerz-helfen-keine-pillen/ http://ficko-magazin.de/gegen-weltschmerz-helfen-keine-pillen/#respond Tue, 27 Mar 2018 16:58:32 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1321 Ein Gastartikel von Debbie Schmitt 

Als ich Abd das erste Mal sehe, bin ich mit meiner Mutter in Koblenz unterwegs. Wir treffen ihn in einem Café, damit meine Mutter mit ihm den Mietvertrag besprechen kann. Während die beiden beginnen, gehe ich zur Theke. „Magst du auch was?“, frage ich ihn noch. „Nein, danke“, antwortet er und setzt das Gespräch mit meiner Mutter fort.

Wir beide sind fast gleich alt. Ich bin 19 und er ist 20. Was uns unterscheidet, ist also nicht das Alter. Vielleicht ist das sogar das einzige, was uns erstmal verbindet.

In der fünften Klasse schrieben meine Freund*innen und ich in unsere Freundschaftsbücher, dass wir den Krieg hassten und dass wir uns Weltfrieden wünschen. Dabei hatten wir noch keine Ahnung, wie Krieg wirklich ist. Dass der Krieg noch viel schlimmer ist, als alles was wir uns in unserer Phantasie je vorstellen könnten. Dass Krieg schlimmer als jeder Albtraum ist, den wir in unserer Kindheit hatten. Dass Krieg nicht nur ist, wenn Menschen sich gegenseitig hassen. Dass Zickenkrieg gar kein Krieg ist.

Alles was wir wussten, war, dass Krieg schlecht und Frieden gut ist. So unkompliziert war das früher für uns.

Von der fünften Klasse ging es dann irgendwann weiter in die Mittel- und letztlich in die Oberstufe. Hier wurden wir unter anderem über den Bürgerkrieg in Syrien, der seit 2011 andauert, im Sozialkunde-Leistungskurs unterrichtet, wobei unsere Lehrerin das Thema dankbar an den Überflieger unseres Kurses als Referatsthema abgab, weil offenbar selbst ihr die Komplexität zu groß war, um sie für uns nachvollziehbar zu machen.
Das Thema zu erklären, dafür hätte selbst unser Überflieger mehr Zeit gebraucht als sie ihm gab. Während wir die Theorie ansatzweise lernten und in den Büchern Bruchteile von dem lasen, was in Syrien vor sich geht, machte Abd sein Abitur genau dort. In Syrien, in der Schule, im Krieg.

Jetzt lebt er seit zwei Jahren in Deutschland. Seitdem lernt er die Sprache, trifft täglich auf die deutsche Kultur und auf die Menschen und lernt neue Freund*innen kennen. Er bespricht das ganze Bürokratische über das Mietverhältnis mit meiner Mutter auf Deutsch und weiß über Dinge Bescheid, von denen ich nicht weiß, was sie eigentlich bedeuten.

Ich denke an den Französischunterricht in der Schulzeit zurück. Ich war die Art Schülerin, die sich, falls sie sich doch einmal nach einer komplizierten Frage meldete, nur fragte, ob sie mal eben die Toilette aufsuchen dürfte. Das passierte auch in der Oberstufe noch, dabei hatte ich Französisch seit der fünften Klasse, nicht erst seit zwei Jahren.

In Syrien hat er 2015 auch sein Abitur gemacht, erzählt er mir. Ich hatte meines seit ein paar Monaten im März 2017 abgeschlossen und wollte mir erst noch durch das Sammeln von verschiedenen Erfahrungen darüber klarwerden, was ich danach mache.

Aber was, wenn man gar keine Wahl hat? Oder wenn die Wahl, die man treffen kann, nicht über sein späteres Einkommen oder den Wohlfühl-Faktor entscheidet, sondern darüber, ob man überlebt oder nicht?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Krieg ist. Das nicht zu wissen, was Krieg bedeutet, das ist der eigentliche Unterschied zwischen uns.

Während meine Mutter mit ihm die Mietregelungen bespricht, ist seine Mutter in Syrien. Seine Eltern wohnen in einer Wohnung in den Bergen, wo es „nur“ Geräusche von Waffen und Mörserbeschüssen gibt. Als er noch bei ihnen war, hatte seine Familie viel Angst um ihn. Er erzählt mir, dass sich die Menschen dort kaum auf ihre Arbeit, die Schule, Ausbildung oder ihr Studium konzentrieren können, weil sie Angst vor Mörsern haben. Ein Freund von ihm starb in der Schule als er versehentlich eine Mörsergranate traf.

Ein Gedanke bleibt mir dabei im Kopf: Den Erfahrungshorizont, den wir als Kinder erlebten, konnte sich keiner von uns aussuchen. Er nicht, ich nicht und auch sein Freund nicht. Und auch wer welches Leben bekam, lag nicht in unseren Händen.

Wenn Abd heute daran denkt, kann er nachts nicht gut schlafen. Er hat alles verloren. In Syrien hatte er ein kleines Auto und eine eigene Wohnung, bevor der Krieg alles zerstörte.
Vor allem aber musste er ab dem Zeitpunkt als er Syrien verließ, lernen, ohne seine eigene Familie zurecht zu kommen – auf einem Weg, den niemand zu bestreiten haben sollte. Er nahm einen Flug von Syrien in den Libanon und wartete dort zwei Stunden. Dann ging es direkt vom Libanon in die Türkei. Dort wartete er 20 Tage, weil der Meeresspiegel zu hoch war, um mit dem Boot weiterzufahren. Damals hatten ein paar Menschen trotzdem versucht, mit dem Boot nach Griechenland zu kommen. Von ihnen hat keiner überlebt, alle von ihnen sind ertrunken. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration sind im Jahre 2015 allein auf der Strecke zwischen Türkei und Griechenland mehr als 500 Menschen ertrunken. (http://www.zeit.de/politik/2015-12/mittelmeer-tote-fluechtlinge-boot)

Nach zwei oder drei Versuchen kam Abd in Griechenland an. Danach ging es mit unterschiedlichen öffentlichen Verkehrsmitteln weiter. Von Mazedonien ging es nach Serbien, dann nach Kroatien und über Österreich endlich nach Deutschland. Er sagt mir: „Je geduldiger man ist, desto besser wird die Reise.“

In Deutschland war er lange alleine bis er nach und nach Freund*innen und sogar eine Familie fand, die ihn unterstützten.
Es begann, als bei ihm, er wohnte in Hermersberg, die Heizung ausfiel und er die Nachbarsfamilie bat, ihm zu helfen. Sie gaben ihm eine kleine Heizung. Seitdem sind sie befreundet. Dadurch lernte er die deutsche Sprache, obwohl sie so schwer und kompliziert ist, sehr schnell. Sie halfen ihm in allen Bereichen, zum Beispiel auch dabei, einen Sprachkurs zu finden.

Über diese Menschen sagt er, dass er für immer in ihrer Schuld stehe, denn sie seien seine zweite Familie.
„Manchmal braucht man nur die Umarmung und einen Menschen, der dir sagt ‚Wir schaffen das zusammen.’ So haben die das gemacht.“

Wenn ich so etwas höre, würde ich am liebsten all den Menschen, die die Nächstenliebe mehr als den Hass füttern, in einer Gruppenumarmung vereinen und flüstern: „Es gibt sie, die Hoffnung.“

Dann zog Abd weg, weil es auf dem Land sehr schwer war, sich ein gutes Leben aufzubauen. Der Bus fährt dort nur einmal täglich und ohne Auto kommt man nur schwer oder gar nicht an sein Ziel.

Das kenne ich selbst zu gut aus meiner Jugend in der Provinz. Er zog nach Koblenz, wo er mehr Möglichkeiten hat, vor allem die Infrastruktur und das Studium betreffend. Dort besucht er eine andere Sprachschule und plant, sein Studium zu beginnen. Genau wie ich, zwar nicht in Koblenz, aber auch in einer größeren Stadt.

Wie auch ich hat er drei Geschwister. Seine zwei jüngeren Schwestern und auch sein jüngerer Bruder sind genau wie seine Eltern noch in Syrien. Seine Geschwister wollen das Land auch verlassen, aber momentan sei es sehr schwer, nach Europa zu fliehen. Er mache sich immer Sorgen um seine Familie. Wenn ihr etwas passiert, könne er seinem Leben nicht folgen, denn sie sei das wichtigste in seinem Leben und er hoffe sehr, dass es seiner Familie gut geht und das auch so bleibt.

Sein größter Wunsch ist es, seine Familie und seine Heimat wieder zu sehen und zu besuchen.

Auf seiner Flucht hat er natürlich viele Erfahrungen gesammelt, er ist guten und schlechten Menschen begegnet und hat mit der Zeit immer mehr gelernt, diese auseinander zu halten. Viele haben ein falsches Verständnis über die Syrer, sagt er. Manche denken, Syrer seien unterentwickelt oder es gäbe so etwas wie eine Entwicklung gar nicht, das Land sei nicht zivilisiert, die Menschen wüssten nichts über Wissenschaft, wollten nicht lernen und seien dumm. Einmal wurde er von einem Deutschen sogar gefragt, ob er wüsste, was ein Laptop oder ein Computer ist und ob er den an- und ausmachen könne.

Auch ich habe in den letzten Jahren gelernt, gute von schlechten Freund*innen zu unterscheiden und auf die Menschen zu achten, mit denen ich mich umgebe. Auf meinen Reisen sind mir viele sehr unterschiedliche Menschen begegnet und auch Rassismus habe ich schon mehrfach erlebt. Ich habe also eine leise Vorstellung von dem, was Abd erlebt haben könnte, auch wenn unsere Vergangenheit kaum zu vergleichen ist.

Wir wissen beide, dass Rassismus da ist, auch wenn er ihn nicht beschreibt.

Was mir das Herz bricht, ist, dass ich weiß, dass es viele Menschen da draußen gibt, die genau wissen, was Krieg mit Menschen macht. Wie Krieg Menschen verstümmelt, umbringt, Familien zerreißt, Kinder und Frauen voller Angst zurücklässt. Wie Krieg Leid hervorruft, das wir nicht mehr therapieren oder heilen können. Wie Krieg etwas schafft, wofür selbst den besten Fachärzten das Vokabular fehlt, weil es keine Wörter dafür gibt. In keiner Sprache der Welt. Wie Krieg zerstört und es nichts auf der Welt gibt, das die Zerstörung rückgängig machen könnte.
Wenn diese Menschen, die das wissen, gegen die sind, die davor fliehen, dann bricht mein Herz.

Obwohl es natürlich auch viele Unterschiede zwischen den Kulturen gibt, findet Abd auch viele Gemeinsamkeiten. Er kommt aus Damaskus und findet die deutsche Kultur in einigen Aspekten ähnlich. Allerdings trinken Deutsche viel lieber Bier als Syrer, meint er.

Und ich habe mir niemals mehr gewünscht, dieser Weltschmerz ließe sich durch Bier heilen. Aber Weltschmerz ist unheilbar und Krieg ist das schrecklichste, was Menschen erleben können. Das weiß ich, obwohl ich nichts über den Krieg weiß.

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Stress, Scham und Scheißjobs – Soll das alles sein? http://ficko-magazin.de/stress-scham-und-scheissjobs-soll-das-alles-sein/ http://ficko-magazin.de/stress-scham-und-scheissjobs-soll-das-alles-sein/#comments Tue, 20 Mar 2018 15:05:48 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1308 Ein Bericht von tik

Wenn ich – so wie im Moment – an einem der PC-Arbeitsplätze der Uni (HU) sitze, dann fühle ich mich immer ein bisschen wie ein Fremdkörper, irgendwie fehl am Platz. Seit 2013 habe ich versucht, einen Studienplatz zu bekommen. Ich bin mir nicht genau sicher, warum ich glaubte, mit meinem Realschulabschluss + Ausbildung einen Hochschulzugang zu bekommen. Vielleicht habe ich mir dieses Märchen der Bildungschance selbst lange vorgespielt, vielleicht habe ich bei Sprechstunden, Bewerbungen, Gutachter_innengespräche usw. nicht so richtig verstanden, um was es geht, was die Unis von mir wollen – immer hat irgendwas gefehlt, oder irgendwas nicht gepasst – es war echt sehr sehr strange.

Ich habe nach meinem Realschulabschluss eine Ausbildung (Bürokommunikation) begonnen und drei Jahre später abgeschlossen. So fing ich mit 18 an, zu arbeiten. Erst in dem Betrieb, wo ich gelernt hatte, die hatten aber nach einem Jahr kein Geld mehr. Die Arbeitsbedingungen in einem Lager einer Automobil-Zuliefererfirma auf der Schwäbischen Alb waren aber sowieso nicht auszuhalten. Schikanen, Erpressung, Vereinzelung – das alles in einem Lager ohne Tageslichtfenster. Nach drei Jahren Ausbildung und Neonröhrenlicht plus einem weiteren Jahr in diesem schrecklichen Familienbetrieb: länger und ich wäre vor die Hunde gegangen. Jede/r, die schon mal in der tiefsten schwäbischen Provinz war, versteht, wie dort die Menschen ticken – Pegida in Dresden ist da noch recht „harmlos“ gegen die Landser von der Alb.

Danach musste ich mich von einer Zeitarbeitsfirma ausbeuten lassen. Zusammen mit vielen anderen jungen Menschen, alle nicht deutsch (das war das einzige Angenehme!), mussten wir Arbeit verrichten, die – wie soll es anders auch sein? – kein Mensch machen will. Ein großes Silo zur Betonherstellung mussten wir immer in Teams aus zwei Personen putzen. Mit einem Industriestaubsauger, großen Scheinwerfern, in Ganzkörperschutzanzügen und Gasmasken standen wir in einem stockdunklen Silo, der Staubsauger war so groß und schwer, wir hatten Mühe ihn zu zweit zu heben. Nach einem Tag brachen wir ab und weigerten uns, weiterzumachen. Es ging immer so weiter, über BOSCH, AEG, Siemens, OSRAM, Voith. Überall war ich für kurze Zeit (das Längste waren drei Monate) im Einsatz. Immer waren es Drecksjobs. Abwasserrohre reinigen, Unkraut jäten, Wände in einem Gebäude einreißen, Keller und Lager ausräumen.

Und über allem liegt die Scham

Meine damaligen Freund_innen waren zu diesem Zeitpunkt mit dem Abitur fertig und auf der Suche nach einem Studienplatz. Ich war orientierungslos, musste weiter Geld verdienen, meine Mutter buckelte zu diesem Zeitpunkt bereits 20 Jahre für eine Drogeriemarktkette. Mein Vater, zu dem ich keinen oder wenig Kontakt hatte, ist KfZ-Mechaniker. Irgendwie, ich brauchte auch was zum Angeben, war es für mich damals immer das Größte, zu sagen, dass er eine eigene Werkstatt besitzt. Obwohl ich nichts mit ihm zu tun hatte, gab mir das immer ein Gefühl, dazuzugehören. Die Freund_innen von mir, bzw. ihre Eltern, die wenigsten waren geschieden – ich kannte es nur so – lebten in Häusern, mit Garten und vielen Zimmern. Ich war neidisch. An Kindergeburtstagen war es mir unfassbar peinlich, andere zu mir nach Hause einzuladen, in eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung, wo ich mir zusammen mit meiner Schwester lange ein Zimmer teilte. Es waren nicht die einzigen Situationen, in denen ich mich sehr schämte.

Bei fast allen Ereignissen und Dingen, die um mich herum passierten, verfolgte mich die Scham. Die Scham darüber, dass man sich nichts leisten kann, dass die Eltern keine sind, weil es keinen Vater gibt – die Scham davor, dass andere das erkennen usw. Ich war 15 oder 16, die Schule hat eine Klassenfahrt nach England organisiert. Für meine Mutter war das schlicht nicht zu bezahlen, so konnte ich nicht mit. Ich hasste sie dafür, war erstmal untröstlich und sauer, verstand nicht warum und es kotzte mich an, dass wir immer aufs Geld achten mussten. Ich verstand nichts. Also saßen wir, drei andere und ich, im sogenannten „Stützunterricht“ und haben Mathe gelernt, zwei Wochen lang. Usw. usf.

Anschließend zog ich vom Ländlichen in ein etwas größeres Städtchen, nach Heidelberg. Meine Tante lebte dort lange und arbeitete als Erzieherin. Damals, als die GIs noch da waren. Ich verweigerte meinen Wehrdienst und begann ein FSJ in einer ambulanten Wohnbetreuung. Anschließend wurde ich übernommen und arbeitete als Heilerzieher (ungelernt) in einer der Wohngruppen für Menschen mit Schädelhirntraumata, später in der Individualhilfe, Sterbebegleitung usw. Es kam zu massiven Konflikten mit der Geschäftsführung, die ein paar Mitarbeiter_innen und mir vorwarf, dass wir uns gewerkschaftlich betätigten und dass dies in der Diakonie verboten sei, „immerhin sind vor Gott alle gleich“ usw. und so dumm. Ich war fertig, erkrankte erst an einer Depression, kurz darauf an Krebs. Zur gleichen Zeit hing ich immer mehr an der Uni in Heidelberg mit meinen Freund_innen rum. Ich habe es sehr genossen, in der Mensa zu essen, in der Bibliothek zu lesen, mit auf Demos zu gehen, kritische Lesungen, gute Gespräche usw.

Nach meiner Kündigung Ende 2012 fühlte ich mich frei. Zwar machte jetzt das Jobcenter Druck, dennoch konnte ich morgens schwimmen, mittags lesen, abends mit Freund_innen kiffen, saufen, feiern – und über Politik reden. Früher, während meiner Ausbildung waren wir irgendwie alle „Antifa“ – gegen Nazis sein, normal, – das war es aber auch, das war unser „politisch“ sein damals: Nazis jagen. Wir sind durch ganz Süddeutschland gefahren, um „Action“ zu machen. Doch erst in Heidelberg durch meine Freund_innen lernte ich mehr kennen – ich verstand zum ersten mal auch Politik. Ich tat mich schwer, aber begann Marx zu lesen, mit Leselektüre und anderen Hilfsmittelchen. Habe lange gebraucht, um überhaupt etwas zu verstehen. Heute lese ich viel, kann mir mein Leben gar nicht mehr anders vorstellen. Früher habe ich vielleicht ein Buch im Jahr gelesen, die Juice (HipHop-Magazin) und ab und an die Tageszeitung. Heute habe ich zig Abos und komm mit dem Lesen kaum hinterher. Die Lohnarbeit empfinde ich als riesengroße Zeitverschwendung. Auspuffteile und Luftfilter sortieren, lol. Die Arbeit mit und am Menschen, sah ich als etwas sehr Sinnvolles. Die Bedingungen als absolut schrecklich. Das System der Pflege als „Bevormundungssystem“ – bei der Diakonie verbunden mit diesem ständigen christlichen Bullshit: abartig.

Und jetzt?

Mittlerweile bin ich 34 Jahre alt und habe immer noch keinen Studienplatz. Habe nur Nebenjobs und beziehe Hartz-IV. Ich verliere, vor allem in diesem System, langsam aber sicher die Geduld, habe mich wieder beworben, habe wieder Gespräche geführt. War auf Treffen für ein Stipendium, habe mich sowohl über die Hans-Böckler-Stiftung, über die „Aktion Arbeiterkind“ als auch mit mehreren Gesprächen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung beworben. War wieder in Sprechstunden und habe versucht, irgendwo reinzukommen. Nichts.

Jetzt sprechen viele über die „Neue Klassenpolitik“ – über Klassen, über ein Thema, dass irgendwie aus den Köpfen der Menschen verschwand, oder wo behauptet wurde: „Klassen gibt es nicht“, und andere Märchen. Vielleicht hätte ich statt Bücher zu lesen, auf Demos zu gehen, Geflüchteten zu helfen, Abschiebungen zu verhindern, Drogen zu nehmen und Partys zu organisieren, tolle Menschen kennenzulernen und nach Berlin zu ziehen usw. lieber noch eine Ausbildung gemacht, hätte mein Abitur nachgeholt, hätte mich voll ins Zeug gelegt und mich „weitergebildet“ – um dann irgendwann Licht am Ende des „Arbeiter_innenklasse-Tunnels“ zu erblicken und einen Studienplatz zu bekommen? Das ganze Programm neoliberaler Selbstoptimierung durchgezogen anstatt eine Demo für Sinti und Roma zu organisieren oder durchs halbe Land zu tingeln um gegen Nazis zu demonstrieren? Viele meiner Freund_innen sind inzwischen mit dem Studium längst fertig, viele sind inzwischen in ähnlichen Situationen, natürlich nicht alle. Viele stehen mitten im Leben, oder wie meine Mutter immer sagte:  „Willst du nicht auch mal ‚was normales machen?'“. Doch, will ich, auch ich will verreisen, will teilhaben am schönen Leben.

Ich habe mich jetzt für eine Ausbildung zum Erzieher beworben, vielleicht geht es dann weiter, irgendwie. Warum kann ein Mensch mit Berufserfahrung nicht einfach studieren? Gremliza sagte mal in einem Interview, dass er am liebsten gemütlich mit einem Buch, einem Glas Rotwein ein bürgerliches Dasein fristet. Wer will das nicht? Wer will keine Sicherheit, oder Geld für schöne Dinge? Wer will nicht auch mal einfach wegfahren? Oder beim Zahnarzt mal direkt zu bezahlen, anstatt eine Ratenzahlung zu vereinbaren? Die schöne Altbauwohnung im angesagten Kiez ist nicht mal mehr für viele meiner Freund_innen zu erreichen. Viele haben ihren Master in der Tasche, aber keine Perspektive.

Das Schweigen der Privilegierten

So sitze ich in der Mensa, blicke auf eine große Mehrheit der Studierenden, bin neidisch – und es sind meine Beobachtungen und Vermutungen – dass viele dieser Menschen immer auf eine gewisse Art und Weise ruhig, gefasst sind – fast, auf eine unangenehme Art „freundlich-unsympathisch“ – weil zu glatt, zu geschliffen – irgendwie langweilig. Sie wirken wie programmiert, wie einstudiert ihre Bewegungen, ihre Abläufe – sie stehen unweigerlich auf der Gegenseite zu den ganzen kleinen Helfer_innen, die an der Uni in der Küche, Kantine, Speisesaal, Kasse usw. ihre Arbeit verrichten – die immer abgehetzt, gestresst, genervt, müde, depressiv und überarbeitet wirken. Es sind diese fast neofeudalen Verhältnisse, die sich auch an den Universitäten manifestieren. Die „Schwarzen“ putzen die Gänge, die gut situierten Bürgerkinder studieren, sie wissen um Ausbeutung, Entfremdung, Vereinzelung Bescheid, sie sind gebildet, sie erkennen ihr Privileg. Doch das alles ändert im Großen und Ganzen rein gar nichts. Es geht soweit, dass der ärmere Teil der Studierenden – das sind bestimmt einige – dann in solchen Jobs landen wie Foodora, Lieferando usw. ihnen nichts übrig bleibt, als selbst zu kleinen Helfer_innen zu werden. Und dieser Markt der „Billigarbeitskräfte“ ist enorm groß. Wer schon mal im Service war, weiß wie sich eine moderne „Dienerin“ fühlt. So kämpfen selbst um die billigsten Jobs, Menschen aller Klassen. Konkurrenz und Leistungsdruck wird so auf alle verteilt.

Eine „Neue Klassenpolitik“, muss auch anfangen, die Geschichten der Menschen zu verstehen, nicht nur zu erzählen. Es geht um ein gemeinsames Verständnis um ein Klassenbewusstsein. Dass ein Großteil der Menschen da draußen in erster Linie sich selbst sieht, sich selbst pusht, sich selbst weiterbringt – hängt am System, dieses muss mit allen Mitteln aufgebrochen werden. Der Kapitalismus macht uns fertig, die darin existierende bürgerliche Gesellschaft greift immer und immer mehr auf Hilfskräfte zurück, um sich ihren Alltag zu erleichtern. Fast immer sind es Migrant_innen, die irgendwo – meist als Nummer, ohne Namen und Geschichte, irgendwo in diesem „Dienstleistungssektor“ vor sich hin krepieren.

Es wird Zeit, diese Geschichten zu erzählen und Zugänge zu schaffen. Ein besseres Leben für alle ist möglich, wenn wir nur anfangen uns gegenseitig zu verstehen. Leistungsdruck vor einer Klausur ist schlimm. Eine Miete, die eine alleinerziehende Mutter nicht bezahlen kann, eine Katastrophe. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es schon bei einfachen Beispielen schwer ist, so etwas nachzuvollziehen. Vielleicht sehe ich auch einiges falsch, vielleicht bin ich auch sehr gefrustet. Vielleicht erzählen wir uns gegenseitig mehr voneinander, anstatt immer mehr auf Abstand zu gehen. Vielleicht sind das erste Schritte in eine „Neue Klassenpolitik“.

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