FICKO http://ficko-magazin.de Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte Mon, 13 Nov 2017 20:50:09 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.8.3 Die guten Secus – Warum wir immer noch Awareness-Teams brauchen http://ficko-magazin.de/die-guten-secus-warum-wir-immer-noch-awareness-teams-brauchen/ http://ficko-magazin.de/die-guten-secus-warum-wir-immer-noch-awareness-teams-brauchen/#respond Mon, 13 Nov 2017 18:12:29 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1200 Dieser Beitrag wurde von unserer Gastautorin Paula Irmschler verfasst. Sie kommt aus Ostdeutschland, wohnt in Köln, arbeitet in Clubs und schreibt u.a. für „Neues Deutschland“

„Wenn du Stress mit jemandem hast, melde dich doch einfach bei der Security, die ist gut genug ausgebildet für solche Sachen“ – so ungefähr lautet ein gängiger Vorschlag von Leuten für den Umgang mit sexuellen Übergriffen, denen Awareness-Teams zuwider sind, die feministische Bestrebungen für den Schutz von Frauen auf Partys übertrieben finden und die gendersensible Sicherheits-Konzepte für Hokuspokus halten.

Ich arbeite seit drei Jahren im Nachtleben, in verschiedenen Clubs, deren Security sich als „links“ oder zumindest „weltoffen“ begreift. Das ist nur eine kleine Auswahl von dem, was ich in nahezu jeder Schicht gehört oder erlebt habe.

(Content-Warnung: Relativierung sexueller Gewalt)

  • Eine Frau beschwert sich bei dem Türsteher, weil sie im Club verfolgt und angefasst wird. Der Türsteher sagt: „Du nimmst doch jedes Wochenende einen mit, warum willst du bei dem jetzt eine Ausnahmen machen?“

  • Ein Mann, der mich nachts nach einer Schicht auf meinem Heimweg verfolgt und fast in einen Busch gezogen hat, taucht erneut im Laden auf. Ich sage zu dem Türsteher, dass er bitte sofort verschwinden soll, er habe mir etwas antun wollen. „Noch hat er ja nichts gemacht an diesem Abend“, entgegnete dieser – damit war das Thema erledigt.

  • Ein Mann beschwert sich, weil niemand mit ihm flirten mag. Der Türsteher erklärt ihm: „Das musst du verstehen, die deutschen Mädels haben eher einen Stock im Arsch. Versuch es einfach weiter.“

  • Ein weiblicher Gast beschwert sich bei mir, weil sie gehört hat, wie ein Türsteher mit seinem Kollegen „gewitzelt“ hat: „Na, du magst die Frauen wie die Polizei, oder? Grün und blau!“

  • Türsteher sagt zu mir: „Ich verstehe bei manchen Frauen die Angst vor k.O.-Tropfen echt nicht. Da sind oft welche dabei, die ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde.“ Auf meine Frage, wie er denn wissen könne, welches Aussehen eine Frau haben muss, um Betroffene einer sexuellen Gewalttat zu werden, entgegnet er, er könne sich ja nicht in Vergewaltiger hineinversetzen. Tja, er kann Frauen zumindest in vergewaltigbar und nicht vergewaltigbar einteilen. Also genau das, was Vergewaltiger tun.

  • Türsteher zeigen sich an der Tür geleakte, sprich unautorisierte, sprich private Bilder von weiblichen Berühmtheiten, verschaffen sich also ungefragt Zugang zum Körper einer Person.

  • Plus unzählige Kommentare zum Äußeren der weiblichen Gäste, über das Benutzen von Pfefferspray und unangebrachte Tipps im Umgang mit Tätern und Relativierungen des Erlebten beziehungsweise Nichternstnehmen.

Also fragt Frauen noch einmal, warum sie sich bei Belästigungen nicht an die Security wenden. Oder fragt endlich Türsteher, wann sie mal checken, dass Frauen wie Menschen zu behandeln zu ihrem Job gehört. Solange das nicht angekommen ist, muss es eben Awareness-Teams geben.

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Vernichtungswünsche in der Berliner U5 http://ficko-magazin.de/vernichtungswuensche-in-der-berliner-u5/ http://ficko-magazin.de/vernichtungswuensche-in-der-berliner-u5/#respond Thu, 09 Nov 2017 12:40:37 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1193 Mein Freund Farid​ hat eine von etlichen Begegnungen mit dem deutschen Rassismus aufgeschrieben. Wir hatten den Text auf facebook geteilt, aber das sollte dort nicht versinken. Denn damit endlich mal flächendeckend etwas gegen den rassistischen Normalzustand in Deutschland getan wird, muss es überhaupt ein ausreichend großes, umfassendes Bewusstsein für das Problem geben, gerade auch von Menschen, die denken, es gäbe „sowas in Deutschland nicht“. Auch Leute, die nicht täglich beleidigt und bedroht werden, müssen sich endlich damit befassen, damit die Basis für ein Zurückdrängen dieser letztlich vernichtenden Ideen möglich wird. Das tun immer noch zu wenige. Hier ist eine Möglichkeit, das zu ändern.

„Ich wollte das eigentlich nicht posten, weil ich Sachen, die mich persönlich betreffen, eigentlich keinem auf die Nase binde, ist einfach nicht so meine Art. Ich mach’s nach ca. 3 Wochen jetzt trotzdem, weil ich mir denke, dass das vielleicht dazu beiträgt, dass die Leute, auch die guten, sich weniger einreden, dass die Fälle sich nicht häufen würden und das eigentlich noch alles soweit okay ist. Ich meine das nicht, weil es mir passiert ist, sondern weil alles dafür spricht, dass es immer öfter, vor allem aber immer offener, mit mehr Selbstbewusstsein, mit weniger Gegenwehr geschieht. Ein Umstand, der was die Förderung eines gesellschaftlichen Klimas angeht, in dem dann noch ganz andere Sachen möglich sind, Anlass zu Besorgnis und Wachsamkeit geben sollte.

Vor einer Woche bin ich auf dem Weg zur Bibliothek in die U5 gestiegen, an der Station Samariterstr Richtung Alexanderplatz. Die Bahn war recht voll und es waren nur noch enge Zwischensitze in langen Sitzreihen frei und ein Sitz, der zu einer isoliert stehenden, separat runterklappbaren 2er-Sitzreihe gehört hat. In schneller Überlegung dachte ich mir, dass es platztechnisch/beinfreiheitsmäßig für alle Beteiligten das angenehmste sei, ich setze mich auch den freien Platz der runterklappbaren 2erreihe (der Sitz war auch schon unten). Auf dem anderen Sitz saß ein große, weißhaarige blauäugige Frau Ende 50 Anfang 60 mit einem offenen Buch in der Hand. Auf der entsprechenden 2er Sitzreihe gegenüber saßen 2 blonde Jungs um die 17/18, direkt neben uns standen 2 schwarze Jungs um die 17/18.

Direkt, als ich Platz genommen hatte, drehte sich die Frau mit einem eiskalten Blick zu mir um und meinte: „Es sind noch andere Plätze frei.“ Ungläubig, perplex und mit dunkler Vorahnung auf das, was gleich folgen würde, fragte ich freundlich „Wie bitte?“ Sie darauf: „Warum setzt du dich neben mich? Das ist mein Land. Ich will nicht, dass so jemand wie du neben mir sitzt.“ Leute fangen an zu gucken. Ich: „Nun, wissen Sie, mir scheint, als sei das einzig und allein Ihr Problem, und wie sie bereits treffenderweise bemerkt haben; es sind noch andere Plätze frei. Es hindert sie also niemand daran, sich umzusetzen.“ Sie: „Ja du bist n ganz Schlauer was, du armer brauner Wicht.“ Ich: „Die einzige Person ,die mir ein brauner Wicht zu sein scheint, sind Sie“ – Die beiden blonden Jungs gegenüber lachen lautstark, andere schmunzeln, einige scheinen mich für das Problem zu halten.

Einer der beiden schwarzen Jungs sagt „Lass es, das ist es nicht wert.“ Ich sage ihm, dass es das sehr wohl wert sei und dass ich mit niemandem ein Problem habe, aber anscheinend jemand mit mir. Mittlerweile blitzen ihre Augen vor Hass. Sie: „Wo kommst du kleiner Wicht überhaupt her?“ Ich: „Ich bin Deutscher, nicht dass sie das was anginge.“ Sie: „Ja ach komm, kuck dich doch ma an. Und deine Eltern?“ Ich: „Die sind ebenfalls Deutsche.“ Sie: „Ja klar, auf dem Papier du…“

An dieser Stelle fing sie an, mich in fremden Zungen zu beschimpfen, ich bin mir aber zu 90% sicher, dass es ein plattdeutscher Dialekt war (macht auch Sinn). Ich entgegnete daraufhin, dass sie schon Deutsch mit mir reden müsse, wenn sie denn wolle, dass ich sie verstehe. Daraufhin fingen ein paar mehr Leute an zu kichern, die Jungs gegenüber konnten sich kaum halten und ein, zwei schienen immer noch mich für den Störfaktor zu halten.

Die Dame war mittleiweile noch blasser geworden als sie auch an sich schon war. Sie fing wieder an mich auf Plattdeutsch zu beschimpfen und meinte dann, dass die Zeiten sich sowieso wieder zu Gunsten der wahren Deutschen ändern. Ich meinte, dass wir das ja mal abwarten können und dass, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, die Nazis diejenigen waren, die eine Niederlage erfahren haben und dass das auch wieder so kommen wird, das Deutsche wie ich dafür sorgen werden. Sie meinte, dass ihresgleichen dafür sorgen werden, dass es diesmal richtiggemacht wird, dass die Nazis niemals verschwunden sind und immer noch wichtige Positionen in allem wichtigen Ämtern hätten, womit sie recht hat.

Ich meinte daraufhin: „Ach sieh mal an, war doch nicht so schwierig, kommen Sie, nur keine Scheu lassen sie’s raus. Geil Massenmord, gell? Geil Genozid, gell?“ Sie: „Jaja du wirst schon sehen, die Öfen sind noch intakt.“ Ich: „Ah… na sehn Sie? war doch nicht so schwer! Was lesen sie da eigentlich? Mein Kampf?“ Die beiden Jungs vor mir als auch die beiden neben mir und einige andere in der Bahn konnten sich kaum halten, was jetzt nicht das Angebrachteste war, aber okay und es hat sichtlich zur Frustration der Dame beigetragen. Sie fing dann wieder an mich als kleinen braunen Mann zu bezeichnen.

Ich meinte dann: „Wissen sie, was traurig ist, wir sitzen eigentlich im selben Boot und sie hassen mich auch eigentlich gar nicht wirklich. Sie hassen was „die da oben“ mit Ihnen seit 30 Jahren machen, davon sind sie und er und er und sie (in der Bahn rumzeigend) und ich alle gleichermaßen betroffen. Von der neoliberalen Scheiße. Aber anstatt, dass sie sich gegen die Ursachen ihrer Probleme wehren, schlagen sie immer nach unten auf die, die es noch beschissener haben.“ Einer der schwarzen Jungs meinte zu mir: „Die is nich sauer auf dich Bruder, die is sauer auf Deutschland.“

Mittlerweile stierte mich die Dame sprachlos und scharf an, also krankhaft schäumend vor Wut mit einem zitternden Lächeln. Ich bin dann aufgestanden und hab demonstrativ den beiden blonden Jungs gegenüber die Hand gegeben und dann den beiden schwarzen Jungs und bei jedem Handschlag laut gesagt: „Deutscher, Deutscher, Deutscher, Deutscher.“, dann auf mich gezeigt und gesagt „Deutscher“, dann auf sie gezeigt und gesagt „Nazi, nicht Deutscher“ dann mehrmals zwischen meinem Gesicht und ihrem Gesicht abgewechselt mit den Worten „Deutscher“ – „Nazi“, „Deutscher“ – „Nazi“. Darauf wollte sie mit ihrem Arm meinen Sitz blockieren, aber mit einem beherzten Ruck hatte ich ihn wieder unten und habe mich ruhig hingesetzt.

Den Rest der Fahrt, der nicht mehr lang war, hat mich die Frau angestarrt.

Ich ließ sie vor, als wir alle am Alexanderplatz aussteigen mussten. Die beiden schwarzen Jungs gaben mir die Hand und meinten, es wäre schade, dass ich nicht zur Wahl stünde, denn ihre Stimme hätte ich. Die Frau beschimpfte die beiden beim Herausgehen laut als Affen. Worauf sie meinten „Jaja, wir sind Affen, schätzen sie sich doch glücklich, normalerweise begegnet man denen doch nur im Zoo.“

Nach geschlagenen drei Minuten durch den Alexanderplatz laufen merke ich, dass die Frau 5 Zentimeter direkt hinter mir folgte, völlig leise und geräuschlos. Ich blieb stehen und bat sie, einfach weiterzugehen, worauf sie erstmal nichts sagte und mir weiterhin folgte. Dann bat ich sie nochmal, mir nicht zu folgen, worauf sie erwiderte, dass ich mich ja auch neben sie gesetzt hätte. Das Problem war, dass ich Sorge hatte, dass diese Person durchaus fähig ist, mir ein Messer in den Rücken zu rammen. Sie war eine fitte, große Frau und wenn man bedenkt, dass ich ihr in ihrer Welt ihr Land wegnehme, die Arbeit, die Kultur, die Frauen und sowieso alles, und dass sie das Gedankengut hat, dass ich dafür auf jeden Fall auch den Tod verdient hätte… Die Sorge war nach meiner Einschätzung also nicht so weit hergeholt.

Naja, ich meinte dann dennoch „Gut, dann kommen Sie mit, ich geh in die Bibliothek.“ Ich möchte betonen, dass ich zu keinem Zeitpunkt aggressiv, beleidigend oder unbesonnen nach außen hin war. Bevor die deutlichen Aussagen fielen, sowieso nicht, aber auch danach nicht. Als ich aber drei Treppen auf einmal zu den S-Bahngleisen hoch bin, ließ sie dann von mir ab.

Das Gute an der Situation ist, dass sie mir passiert ist. Ich habe Erfahrung mit sowas und kann zum Glück trotz hohem Adrenalinspiegel, Wut, Enttäuschung, tiefer Traurigkeit, Sorge und Fassungslosigkeit extrem ruhig und besonnen nach außen hin bleiben und mein Sprachenzentrum bleibt funktionsfähig. Meine größten Bauchschmerzen und das ekelhafteste Gefühl nach dieser Aktion war, dass es tagtäglich Leute trifft, bei denen das nicht so ist. Die sich nicht so wehren können, denen vielleicht das Vokabular, die Contenance fehlt, die einfach nicht so gut Deutsch sprechen können, die eine Art Grunddemut haben und sich fälschlicherweise als Gast mit weniger Rechten sehen und das über sich ergehen lassen, und keiner hilft ihnen.

Ich bin mir auch nicht sicher, wie stark für mich Partei ergriffen worden wäre, wenn ich mich nicht selbst zur Wehr hätte setzen können. All diese armen Menschen gehen nicht gestärkt aus sowas heraus, sie fühlen sich für Wochen, Monate oder Jahre ohnmächtig, unwohl, isoliert, depressiv, ängstlich… weniger Mensch halt. Das ist, was mich so wütend macht. Und natürlich die offensichtlichen Sachen, dass sich sowas am helllichten Tage getraut wird, in Berlin, in der U-Bahn, mit Selbstbewusstsein und allem Drum und Dran. Und das nicht direkt ein solidarischer Shitstorm auf besagte Person hereinbricht. Mag daran gelegen haben, dass die, die auf meiner Seite gewesen wären, gesehen haben, dass ich das schon ganz gut unter Kontrolle habe. Sicher bin ich mir da aber nicht. Und es gab auch eine Oma, bei der ich ablesen konnte, dass sie mich als den Störfaktor sah und der Aggressorin still beipflichtete, und es gab auch sicher die, die sich gedacht haben „Junge, setz dich doch einfach weg, lass die Leute in Frieden.““

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Einen freundschaftlichen Übergriff gibt es nicht http://ficko-magazin.de/einen-freundschaftlichen-uebergriff-gibt-es-nicht/ http://ficko-magazin.de/einen-freundschaftlichen-uebergriff-gibt-es-nicht/#respond Sun, 08 Oct 2017 12:33:15 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1181 Meine erste Begegnung mit ihm hatte ich etwa ein Jahr vor besagtem Vorfall. Die Stadt und meinen Namen, genauso wie einen Hinweis auf seine Identität, werde ich nicht nennen. Ich habe erst vor kurzem begonnen die Tat als das anzusehen was sie tatsächlich war: ein sexueller Übergriff und muss zugeben, dass ich ihn aus Angst vor der Reaktion unseres Umfeldes niemals konfrontiert habe. Falls ich mich doch jemals dazu entscheiden sollte mit ihm darüber zu sprechen möchte ich dies persönlich tun. Das erste Mal getroffen haben wir uns auf einer kleinen Gegendemonstration Anfang 2016. Wir verstanden uns gut, unterhielten uns eine ganze Weile, vergaßen aber im Chaos der folgenden Blockade Nummern zu tauschen. Ein paar Monate später trafen wir uns zufällig auf einem offenen Vernetzungsabend wieder. Wir freundeten uns schnell an, was für mich sehr ungewöhnlich ist, da ich unter massiven Bindungsängsten leide, sowohl im Bezug auf Beziehungen als auch auf Freundschaften. Er zog mich in seinen Bann, seine Musik, seine Reden, seine Radikalität, seine Extreme. Alles, aber besonders unsere gemeinsame Zeit, auch wenn sie manchmal knapp bemessen war, erschien mir ein einziger Rausch zu sein. Wir verbrachten Nächte draußen und redeten, wenn er krank war versorgte ich ihn. Ich sah ihn als großen Bruder, Familie, jemand, dem ich bedingungslos vertraute.

An jenem Abend kamen wir früh morgens von einer Party zurück, er hatte gut getrunken und hatte mir angeboten bei ihm zu übernachten, da er wusste, dass auf meinen kleinen Ort kein Bus mehr fährt. Auch als er meinte, dass wir uns die Couch teilen müssten, da der Kater seines Mitbewohners sein Bett verunreinigt hätte, habe ich mir keine weiteren Gedanken gemacht. Ich war sogar eher noch ein wenig aufgedreht, da ich selbst ein wenig betrunken war und es das erste Mal war, dass ich tatsächlich bei ihm zu Hause schlafen würde, da wir sonst meistens bei gemeinsamen Freunden übernachtet hatten. Während der Bahnfahrt wurde ich langsam ein wenig müde und schmusebedürftig, lehnte mich also an ihn an und nickte ein. Als wir bei ihm ankamen war zunächst alles normal. Wir machten uns bettfertig und stellten zu unserem Schrecken fest, dass die Katze eine der zwei Decken im Wohnzimmer auch noch ruiniert hatte. Da wir jetzt sowieso näher zusammenrücken mussten, fragte ich, ob er mich in den Arm nehmen könnte, da ich mich zu der Zeit manchmal ein bisschen einsam und verloren fühlte. Nach kurzer Zeit begann seine Hand jedoch nach oben zu meinen Brüsten zu wandern und sie zu betatschen. woraufhin ich versuchte sie unauffällig festzuhalten und an mich zu ziehen, in der Hoffnung ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Das schien er jedoch nur als weiteren Ansporn zu empfinden. Als seine Hand dann nicht mehr nur über, sondern auch unter mein Shirt wanderte wurde ich langsam panisch und verfiel in eine Schockstarre. Ich atmete flach und versuchte mich nicht zu bewegen, in der Hoffnung, dass er einfach aufhören wurde, aber als ich seine Latte an meinem Hintern fühlte und seine Hände sich Richtung meines Hosenbunds bewegten, löste sich die Starre dann doch zu Gunsten meines Fluchtinstinkts. Ich entschuldigte mich, dass ich ins Bad müsste und schloss mich darin ein. Nachdem ich eine Weile panisch auf dem Boden gesessen und geweint hatte, riss ich mich zusammen und überlegte, was ich nun tun sollte. Ich konnte nicht nach Hause, sein Stadtteil war nachts eher gefährlich und ich war sowieso schon panisch und verstört. Ich wartete also notgedrungen bis er eingeschlafen war und rollte mich möglichst weit entfernt von ihm, ohne Decke, auf der Couch zusammen und wartete immer noch zitternd darauf, dass die erste Bahn fahren würde. Sobald der Zeitpunkt gekommen war flüchtete ich.

Die Zeit danach war schwierig, da diese Erfahrung meine Bindungsängste massiv verstärkt hatte. Ich sprach mit niemanden darüber, redete mir selbst ein, dass ich mich nicht so anstellen sollte, dass es ja nicht so schlimm gewesen wäre, dass er mich schon nicht vergewaltigt hätte. Vielleicht mag das auch in gewissem Maß stimmen. Fakt ist, dass ich mir vermutlich einen ebenso großen Schaden selbst zugefügt habe mit meiner Selbstbeschuldigung, wie er mit seinem Handeln. Ich rechtfertigte über ein Jahr sein Verhalten in meinem Kopf, machte mich selbst verantwortlich, suchte nach Momenten, wo ich falsche Zeichen gesendet haben könnte, schob die Schuld von mir zum Alkohol und wieder zurück.

Meine Einstellung dazu änderte sich erst, als ich nach einer Party bei einem anderen langjährigen Freund übernachten wollte und ich auf die Frage, ob wir uns das Bett nicht einfach teilen könnten, weil er zu faul war die Couch noch auszuziehen, mit einer Panikattacke reagierte. Die ganze Geschichte sprudelte aus mir heraus und erst im Gespräch mit ihm begann ich zu begreifen, dass jeder noch so kleine Übergriff eben genau das ist was er ist und ich ihn weder dazu verleitet hatte, noch der Alkohol das entschuldigt, was er getan hatte. Dennoch konnte ich mich im Anschluss nicht dazu durchringen, mit meiner Erfahrung an die Öffentlichkeit bzw. in die örtliche Szene zu gehen. Selbst bei einem offenen Antifa-Treffen zum Thema sexualisierte Gewalt brachte ich es nicht fertig, da er kurz vor meiner Wortmeldung zur Gruppe stieß und ich unheimliche Angst hatte, dass er mich als Lügnerin darstellen und ich somit meine Freunde dort verlieren würde, da er die Gruppe mitbegründet hat und sie sich alle schon jahrelang kannten. Ich wollte sie alle nicht verlieren und möchte dies nach wie vor nicht. Ich wünsche mir, dass vielleicht andere Personen, denen es ähnlich geht wie mir, nicht denselben Fehler machen wie ich. Lasst euch nicht isolieren, isoliert euch auch selbst nicht. Sucht euch Freunde und bemüht euch, wenn ihr euch dazu psychisch in der Lage seht, um eine zeitnahe Aufarbeitung. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr spielt man die Situation vor sich selbst herunter und desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit den Täter zu konfrontieren. Aber wenn wir sie nicht konfrontieren, wird es nie enden und dann haben sie gewonnen!

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Wenn Justiz und Polizei den Täter schützen http://ficko-magazin.de/wenn-justiz-und-polizei-den-taeter-schuetzen/ http://ficko-magazin.de/wenn-justiz-und-polizei-den-taeter-schuetzen/#respond Thu, 28 Sep 2017 15:01:55 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1159 Ja, ich wurde vergewaltigt. Ein Satz, den ich mir oft selbst zu verstehen geben musste. Für mich schien alles so unwirklich. Als wäre ich in einem endlos langem Alptraum gefangen. Erst war es der Schock, die Angst, dann die Trance. Ich fühlte mich wie in einer Art Wachkoma, ich habe meine Welt um mich herum kaum noch wahr genommen, war ständig abwesend, jeglichen Emotionen weit entfernt. Alleine einkaufen war kaum vorstellbar. Ich traute mich alleine nicht vor die Tür. Schon kurzes Warten alleine hat mich zu heftigen Panikattacken geführt. Das alles waren die Folgen für „5 Minuten Spaß einer anderen Person“.

Es war November. Ich fuhr nach Mainz um mich mit einem früheren Freund zu treffen, den ich seit 8 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Die Wiedersehensfreude war zunächst groß und ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut, doch diese verging mir recht schnell. Als ich in Mainz ankam, empfing mich „J“ bereits stark betrunken. Ständig versuchte er mich zu küssen und kam mir immer wieder zu nah. Ich sagte ihm ganz klar, dass ich kein Interesse daran habe und er es lassen soll. Ich sagte, dass zwischen uns definitiv nichts laufen wird. Er verschwand eingeschnappt, kam aber nach einigen Minuten zurück und hatte sein unmögliches Verhalten zunächst eingesehen. Also fuhr ich mit ihm zu dem Wagenplatz auf dem er zu der Zeit zu Gast war.

Zuerst waren wir kurz in seinem Wagen, er heizte den Ofen und wir redeten eine Weile. Später gingen wir auf eine Veranstaltung und tranken etwas. Ich wurde müde und legte mich in seinen Wagen schlafen. Als ich aufwachte, änderte sich meine ganze Welt. Details will ich euch ersparen.

Heulend und in voller Panik rief ich meine beste Freundin an, die nicht ein Wort verstand, aber merkte, dass wohl etwas nicht stimmt. Sie holte mich schleunig gemeinsam mit einem Freund ab. Sie fuhr mit mir zur Polizei. Stundenlang saß ich völlig fertig mit ihr auf der Wache. Diese Fragen waren ekelhaft und widerlich, immer wieder wurde ich gedrängt Details zu erläutern. Nur ein paar Stunden später ohne Schlaf, noch immer in Schockzustand und mit verheulten Augen sollte ich wieder auf die Wache, diesmal allein. Diesmal war es schlimmer als in der vorherigen Nacht. Ich saß zwar bei einer weiblichen Polizeibeamtin, was mich aber nicht schützte! Ständig kam ein männlicher Kollege dazu, der mich drängen wollte Dinge zuzugeben, die nicht stimmten und unterstellte mir, dass ich lügen würde. Einmal kam er sogar hineingestürmt und brüllte mich an. Ich solle ihm jetzt gefälligst alle Details haargenau erklären, sonst könne er sich den Scheiß auch sparen. Ich war ohnehin schon verängstigt und eingeschüchtert, danach verschloss ich mich noch mehr.

Manchmal frage ich mich, ob es ein Fehler war „J“ damals anzuzeigen, denn gebracht hat es mir nichts außer Demütigung.

In den kommenden Wochen und Monaten lebte ich wie ein Kleinkind, das gerade alles neu lernen muss. Ich konnte alleine nirgendwo hingehen, ständig musste man mich begleiten. Selbst kurzes Warten alleine war der absolute Horror für mich, ich verfiel sofort einer Panikattacke. In den ersten Wochen habe ich nicht einmal selbständig gegessen. Ich hatte kein Hungergefühl, Menschen mussten mir Essen vor die Nase stellen damit ich esse. Gar das Waschen musste ich wieder erlernen. Ich musste mich mit mir einigen, dass es nichts Schlimmes ist, nackt zu sein und mich selbst anzufassen. Und wie ein Kind, das Angst vor dem Monster unter dem Bett hat, hatte auch ich Angst. In den ersten Nächten lies mich jedes Geräusch vor der Tür zusammenzucken, ich hatte furchtbare Alpträume. Kaum schloss ich meine Augen sah ich „J“ vor mir und fühlte mich wie in dieser Nacht.

Manche Tage waren so schlimm für mich, dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte. Ich hatte mit mir selbst schon abgeschlossen. Allerdings musste ich Menschen, die mich lieben versprechen, mir nichts anzutun. Dennoch verspürte ich immer wieder die Lust mein Gesicht anzuzünden um eben nicht mehr als „Fleisch“ sondern als Mensch gesehen zu werden. Ich wollte mich einfach nicht mehr als hübsch sehen.

Und all das ist nur ein grober Teil von dem was ich verarbeitet habe, wie sehr ich gekämpft habe klar zu kommen und neu zu lernen ich selbst zu sein.

Knapp ein dreiviertel Jahr später erreichte mich ein Brief meiner Anwältin, als Anlage ein Brief der Staatsanwaltschaft. Die Anzeige wurde abgewiesen. Die Begründung absolut absurd.

Hier folgende Textzeilen aus dem Brief der Staatsanwaltschaft entnommen: „Es besteht bereits nach dem Anzeigenvorbringen kein Anfangsverdacht für eine Straftat, die die Beiordnung eines Rechtsbeistands bereits im Ermittlungsverfahren rechtfertigen könnte. Insbesondere gibt es keinen Anfangsverdacht für eine sexuelle Nötigung/Vergewaltigung…“

„Nach dem Anzeigevorbringen, fehlt es schon an einer strafbaren Handlung im Sinne des §177 Strafgesetzbuch (StGB) in der zur Tatzeit geltenden Fassung. Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung reicht es nicht aus, dass der Täter gegen den Willen eine sexuelle Handlung an dem Opfer ausführt. Hinzukommen muss ein besonderes Nötigungsmittel zur Überwindung des entgegenstehenden Willens. Hierbei kann es sich um Gewalt, eine Drohung mit einer gegenwärtigen Gefahr für Leib oder Seele oder aber eine Ausnutzung einer hilflosen Lage des Opfers handeln.

„Nach der Schilderung der Zeugin wurden von dem Beschuldigten keine Nötigungshandlungen im vorgenannten Sinne eingesetzt.“

Also bin ich nicht in einer hilflosen Lage, wenn ich schlafe? Also ich sehe das definitiv als Nötigung, zumal ich das auch auf der Polizeiwache geschildert habe. Aber gut, der Brief geht noch weiter: „Weitere Tatbestandsvoraussetzung ist jedoch, dass der Beschuldigt dies erkannte und vorsätzlich handelte.“

Ich frage mich, wie diese Handlungen ausgesehen haben soll, diese steht allerdings nirgends geschrieben.

Er hat sich dahingehend eingelassen, dass man bereits zuvor eine Woche lang „rumgeflirtet“ habe. In der Nacht in dem Bauwagen habe er dann …  Details erspare ich euch. Er sei jedoch davon ausgegangen, dass die Zeugin damit einverstanden sei. Sie hätte „ja auch so gestöhnt“.

Am Mittag des Tattages ist sodann auch zunächst ein einvernehmlicher Kuss ausgetauscht worden.

Ich bin immer noch völlig fassungslos, dass man meine Aussage komplett missachtet und ignoriert hat. Ich habe nie etwas von einem einvernehmlichen Kuss erzählt, den gab es nämlich nie, jedenfalls nie zwischen „J“ und mir. Zudem ja, wir haben per Chat „geflirtet“, da ich davon ausging, dass „J“ bewusst ist, dass das für mich nur Spaß ist. Und selbst wenn es ihm nicht bewusst war, heißt „Nein“ einfach „Nein“. Also konnte ich im Schlaf wohl in nichts einwilligen. Erneut kochte die Wut und Fassungslosigkeit in mir hoch, tagelang war ich wieder nicht zu gebrauchen. Mit Hilfe von Freunden gelang es mir auch dieses Mal wieder klar zu kommen. Meine Anwältin versuchte trotz Allem noch einmal ihr Bestes um Klage einzureichen.

Wieder abgewiesen.

Das war’s also. Die ganzen Demütigungen für nichts. Dafür, dass ich weiterhin mit dem Wissen leben muss, dass ein Täter unreflektiert in der Stadt rumschwirrt in der ich lebe. Ein Täter, der sich bis heute nicht bewusst ist, was er nicht nur meinem Körper sondern auch meiner Seele angetan hat. Ein Täter, der sich nicht eingesteht einen Fehler getan zu haben. Und dies noch mit schriftlicher Bestätigung der Justiz.

Ich habe ihm tatsächlich nie etwas Schlimmes gewünscht, selbst mit so viel Wut im Bauch. Alles was ich mir wünschte war, dass er konfrontiert wird, reflektiert, versteht. Doch dieser Wunsch bleibt mir wohl für immer verwehrt.

 

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Undeniable Cruelties of Benetton http://ficko-magazin.de/undeniable-cruelties-of-benetton/ http://ficko-magazin.de/undeniable-cruelties-of-benetton/#respond Thu, 14 Sep 2017 11:30:50 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1141

(oder: Pucha, wo ist Santiago Maldonado?)

Nach dem Amtsantritt des rechtskonservativen, ultra-neoliberalen Präsidenten Macri, trifft ziviler Protest in Argentinien auf brutale Cops. Der friedliche Kampf indigener Gruppen um ihre Rechte gegen unmenschlich agierende Konzerne wird mit den harschen Methoden skrupelloser Polizeieinheiten beantwortet. Im Dienste des Staates werden Menschen gezielt verletzt und seit Neuestem: verschleppt. Das Vorgehen der Polizei wird von Seiten des Staates legitimiert und weckt Erinnerungen an die Zeit der Gewaltherrschaft der argentinischen Militärdiktatur in den 70er und 80er Jahren. Im Sommer 2018 wird der G20-Gipfel in Buenos Aires stattfinden – schlechte Aussichten also auch für die Möglichkeit eines erfolgreichen, friedlichen Protests.

Die traurige Geschichte staatlicher Gewalt in Argentinien setzt sich fort

Seit einigen Wochen schreiben mir argentinische Freund_innen immer wieder alarmierende Nachrichten über die erschreckende Situation der Mapuche, vom Verschwinden eines jungen Mannes und von brutalen Übergriffen durch die Polizei gegen regierungskritische Leute im Land. Die Geschichte der Gewalt auf argentinischem Boden ist lang und setzt sich bis heute fast nahtlos fort.

Aber, was genau geht da eigentlich ab??

In den Jahren 1878 bis 1885 marodierte der General Argentino Roca (seine Visage ziert noch heute die 100er Banknote des argentinischen Peso – von wegen „Aufarbeitung“…) durch Argentinien und nannte die Aktion ganz blumig „Die Eroberung der Wüste“. Dabei ermordete der spätere Präsident des Landes tausende indigene Bewohner_innen oder vertrieb sie gewaltsam ihres Landes. Die gesamte heute als Patagonien bekannte Region wurde in Folge dessen zum Besitz des damals noch jungen argentinischen Nationalstaates. Dieser verscherbelte das Land dann Stück für Stück an private Interessenten.

Dabei erlangte die englische Unternehmergruppe Tierras del Sud ein ca. 1 Mio Hektar großes Stück Mapuche-Land. 1991 kaufte dann die italienische Multimilionärs-Familie Benetton die Ländereien (Besitzer der gleichnamigen Modemarke). Das Land war und ist aber Lebensgrundlage für viele Menschen und Voraussetzung für den Fortbestand des indigenen Lebens. Die Mapuche forderten das Unternehmen und die argentinische Regierung auf, die ihnen gewaltsam abgerungenen Territorien zurückzugeben. Dabei konnten sie sich eigentlich auf geltendes argentinisches Recht und die Verfassung des Landes berufen. Ohne Erfolg.

Zum Verschwinden von Santiago Maldonado

Die indigenen Gruppen der Mapuche und Tehuelche, welche über Generationen die Rückgabe ihrer Ländereien gefordert hatten, begannen dann das von der Firma Benetton als Weideflächen eingezäunte Gebiet zu besetzen. Anstatt auf die Forderungen der Mapuche einzugehen und sich der eigenen Gesetzeslage anzunehmen, kriminaliserte die Regierung die Besetzungen. Die Mapuche werden als gefährliche Terrorist_innen hingestellt und mit unverhältnismäßig brutalem Einschreiten durch die Polizei unterdrückt. Viele Menschen schlossen sich seither ihren Protesten, Besetzungen, Straßensperren und friedlichen Demonstrationen an. So auch der nun verschwundene Santiago Maldonado, welcher in der Mapuchegemeinde Chushamen in der argentinischen Provinz Chubut lebte, um die Besetzung der Benetton-Ländereien zu unterstützen.

Am 1. August 2017 kam es dort zu einer Zwangsräumung. Nach Augenzeugenberichten stürmte die Polizei mit Schusswaffen das Lager der Besetzer_innen und brannte ihre Zelte nieder, bevor sie Santiago Maldonado verprügelten, ihn in ein Polizeiauto zerrten und davon fuhren. Seither ist der 28-jährige wie „vom Erdboden verschluckt“. Dabei ist klar wer oder was in diesem Fall der Erdboden ist.

Undeniable Cruelties…

Seit diesem Tag, vor über einem Monat, gab es nun also lautstarke Proteste von tausenden Menschen auf den Straßen Argentininens und auch im Internet, die der argentinischen Regierung bis heute eine Frage stellen: „Donde esta Santiago Maldonado?/Wo ist Santiago Maldonado?“ Sie fordern die lebendige Auslieferung des Aktivisten.

Präsident Macri, Sicherheitsministerin Bullrich und Vertreter_innen der Polizei wollen aber immer noch von Nichts eine Ahnung haben. Sie lassen die Demonstrationen ins Leere laufen und initiieren gewaltsame Auseinandersetzungen, um nicht über Inhalte reden zu müssen. Benetton betreibt weiterhin seine Schönwetter-Kampagnen und gibt sich ein nachhaltiges und soziales Image. Die beängstigenden Nachrichten von meinen Freund_innen aus Argentinien hören aber nicht auf!

Ihr wollt was unternehmen? Erzählt vielen Leuten, die ihr kennt, von der Situation in Argentinien! Interessiert euch, bleibt dran.. Fragt bei FICKO wegen Stickern an und lasst hier und da einen kleben! Damit die Gewalt an den Mapuche und ihren Unterstützer_innen aufhört.

 

TazArtikel – Von Santiago Maldonado keine Spur

http://www.taz.de/!5437153/

Neues Deutschland – Ministerin und Polizei sind verantwortlich

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1062636.ministerin-und-polizei-sind-verantwortlich.html

Jungewelt – Spurlos „Verschwunden“

https://www.jungewelt.de/artikel/317464.spurlos-verschwunden.html

 

Tobias Mönch macht Wandgestaltung, Illustrationen, irgendwas mit Grafik. Er lebte eine Weile im Norden Argentiniens. Danach studierte er in Göttingen Ethnologie und Spanisch mit einem Schwerpunkt auf Kolonialgeschichte. Heute lebt er in Berlin und studiert Historische Urbanisitk an der Technischen Universität. Eine Auswahl der Dinge, die er so tut, finden sich hier: www.tobias-moench.de

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Wichtige Typen und hysterische Bitches http://ficko-magazin.de/wichtige-typen-und-hysterische-bitches/ http://ficko-magazin.de/wichtige-typen-und-hysterische-bitches/#comments Fri, 01 Sep 2017 10:00:15 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1049 Neulich hatte ich etwas mit einem Typen, der in der „linken Szene“ in Berlin ein richtiger Hit ist. Ein Hit, wie jemand, der gerade unter Einsatz seines Lebens 30 Kinder auf seinen starken, tättowierten Armen gestapelt aus einem brennenden Haus balanciert hat. Oder wie der Gastgeber, der seinen Gästen um 2 Uhr morgens mit Käse überbackene Nachos auf der Party serviert. So ein richtiger Knaller eben. Einer, der anpackt und einer, der die Probleme auf der Welt verstanden hat. Einer, zu dem alle aufgucken, weil er sein gesamtes Privatleben seiner politischen Arbeit geopfert hat. Und immer mit müden, freundlichen Augen abwinkt, wenn er dafür ein Kompliment bekommt. Einer, der sagt, er versuche seine Rolle im Patriarchat zu reflektieren. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass er zwar das Wort „Konsens“ kannte und inhaltlich sowie grammatikalisch korrekt in Sätze einbauen konnte, davon aber in der Praxis nicht viel zu sehen war.

Wir kannten uns schon seit ein paar Jahren aus der Provinz, in der wir beide uns in der linken Szene rumgetrieben hatten. Ich fand seinen verhaltensgestörten Hund scheiße, er meinte ich sehe aus wie eine Lehramtsstudentin. Wir hatten nie viel miteinander zu tun. Ich zog irgendwann weg, er blieb noch ein bisschen. Drei Jahre später, 2016, trafen wir uns dann in Berlin wieder, wo wir beide mittlerweile wohnten. Wir hatten ein Date, er pennte bei mir. Wir sahen uns öfter und waren beide ein bisschen verliebt. Der Typ konnte die feministischen Vokabeln und gab gleichzeitig den sensiblen, tiefgründigen Mann. Ich war davon sehr beeindruckt, nicht zuletzt, weil er eben der Typ ist, den alle kennen, der so viel reißt und der mich anscheinend ganz hervorragend fand. So fing das an, im Herbst 2016. Nachdem wir eine Weile etwas am Laufen hatten, häuften sich die Stimmen, die mir berichteten, dass er das provinzielle Städtchen nicht ganz freiwillig verlassen hatte. Wie das so ist, wussten alle irgendwas, aber niemand genaues, außer dass er ein irgendwie „übergriffiger und manipulativer“ Typ sei. Nachdem ich meine Kontakte spielen lassen und nur noch mehr verwirrende Infos erhalten hatte, beschloss ich ihn direkt danach zu fragen. Er stand halbwegs bereitwillig Rede und Antwort. Nach diesem Gespräch ging die Shitshow richtig los.

Der wichtige Mann und die aggressive Verrückte

Ich hatte ihm zu diesem Zeitpunkt schon mehrmals davon erzählt, dass es mir gerade aus verschiedenen Gründen nicht gut ging und ich mich nicht sehr stabil fühlte. Ich bat ihn aus diesem Grund um ein Gespräch über unser Verhältnis. Er war ausgesprochen verständnisvoll und beteuerte, dass ein Gespräch kein Problem sei. Danach sahen wir uns ganze sechs Wochen: Gar nicht. Per Kurznachrichtendienst ließ er mich wissen, er sei extrem beschäftigt, wichtig wichtig, politische Arbeit, heiße Phase, ohne ihn liefe da nix. Aber es sei ihm trotzdem ganz ehrlich ein großes Anliegen mit mir zu reden, dem Guten. Statt für ein Gespräch fand er nach sechs Wochen die Zeit angetrunken bei mir aufzukreuzen und Sex zu initiieren noch bevor ich überhaupt die Wohnungstür hinter ihm geschlossen hatte. Ich war völlig überrumpelt, weil ich nicht verstand, dass der coole Feminist hier gerade ohne mein Einverständnis alle möglichen sexuellen Praktiken an mir vollführte, nachdem ich ihm mehrmals sehr deutlich gesagt hatte, dass ich Probleme in der Beziehung zu ihm hätte und mal mit ihm reden müsse. Da er bisher jedes Mal sauer geworden war und mich auf mein „einschüchterndes und aggressives Verhalten“ hingewiesen hatte, wenn ich ihn für das Aufschieben des Gesprächs kritisiert hatte, nahm ich an, dass sei wohl alles meine Einbildung und ich sei einfach eine aggressive, hysterische Bitch. Ich bat danach weiterhin um Gespräche und ließ noch ein ähnliches Treffen über mich ergehen, bevor ich ihn schließlich absägte. Nicht ohne ihm gegenüber noch einmal alles auf mich, meine Instabilität und Unfähigkeit einfach mal entspannt zu sein zu nehmen. Soviel zum Thema „ein irgendwie übergriffiger und manipulativer Typ“.

Nachdem ich irgendwann nach Ende unseres Intermezzos halbwegs geschnallt hatte, dass der Mensch, den ich vor kurzem noch so angehimmelt hatte, eher nicht der verlässliche Feminist war, für den wir beide ihn hielten, wusste ich erst nicht so recht, was ich machen sollte. Erst versuchte ich die Erkenntnis zu ignorieren. Das klappte nicht und ich fühlte mich erniedrigt und extrem wütend im Wechsel. Ich beschloss ihm einen Brief zu schreiben, für den ich eine Woche, eine Taschentuchbox und den Zuspruch von zwei korrekturlesenden Betreuer_innen brauchte. Ich brauchte noch eine Woche, um mich zu trauen ihn abzuschicken. Nach einem Monat (Stichwort: wichtiger Typ) kam ein Schmalspur-Entschuldigungs-Fünfzeiler als Antwort. Wir diskutierten erst zwei Wochen per Whattsapp und stritten uns anschließend in Persona auf der Skalitzer Straße, wo ich so sauer wurde, dass ich kurz weinte und ihn dann stehen ließ. Während dieser Zeit schlief ich vor Aufregung nur circa vier Stunden pro Nacht und fragte mich weiterhin wie ich, die mit der großen Fresse und dem Feminismus-Diplom, das hatte zulassen können. Er schrieb mir nach dem öffentlichen Showdown einen Brief, in dem er alle meine Vorwürfe restlos anerkannte. Damit hat es mich alles in allem zwei Monate Kampf gekostet, eine vernünftige Entschuldigung zu bekommen: Den ersten Monat musste ich mir selbst glauben und verzeihen lernen, den zweiten musste ich mit offenem Visier vehement Antworten einfordern. Das war nicht leicht und mir ging es auch mit meinen Freund_innen und FICKO im Rücken, deren Solidarität und Zuspruch mir über meine Unsicherheit halbwegs hinweggeholfen haben, nicht gut dabei. Ich bin dennoch froh, dass ich die Konfrontation gewählt habe, weil ich nichts für die Scheiße kann.

Das sind keine Psychopathen, das sind einfach nur Typen

Was für mich bleibt ist die Gewissheit, dass das viel normaler ist, als wir alle denken. Wir alle kennen diese Typen, die irgendwie schon ein bisschen uncool sind. Die wissen, dass sie über Pickup-Artists lieber nichts sagen sollten, psst, aber heimlich doch irgendwie interessiert daran sind, wie man Frauen neurolinguistisch programmieren kann. Über die dann irgendwie doch rumgeht, dass sie nicht ganz cool mit ihrer Ex-Freundin umgegangen sind. Deswegen müssen wir auch nicht bei dem einen Einzelfall die Fackeln anzünden, wo die Betroffene sich durchgerungen hat das öffentlich zu machen und wo es dann mal geklappt hat, dass ihr geglaubt wird. Wir sollten uns nicht einbilden, dass das Einzelfälle sind. Sowas passiert ständig und die Typen sind unsere Freunde, die sind in unserem Team. Deshalb hat es keinen Sinn in einzelnen Fällen zu skandalisieren ohne die gesamte Struktur zu kritisieren, weil das nur das Problem verschleiert: Der Skandal ist, dass es eigentlich kein Schwein interessiert, wenn nicht der Platzhirsch von der hysterischen Bitch aus dem autonomen Zentrum gejagt wird. Wir sehen uns dann alle Mitte September auf dieser einen großen Demo gegen die fundamentalistischen Christ_innen in Berlin-Mitte. Achja, und am 8. März. Und das war‘s.

Der Grund dafür, dass so etwas so häufig passiert ist simpel: Auch Menschen, die sexualisiert übergriffig werden, sind keine psychisch kranken Monster, die man auf Alkatraz in einen einen dunklen Kerker sperren muss. Das sind stinknormale Typen, die ihr anerzogenes Sexual- und Dominanzverhalten nicht ausreichend reflektiert haben. Solche, die denken, sie seien Feministen, wenn sie sagen, dass sie Feministen sind. Mr. Käsenacho ist kein Psychopath, der ist einfach nur ein Typ. Einer, der die Dynamik zwischen uns genutzt hat, um seinen Einfluss auf meine Entscheidungen auszubauen, wodurch er dann meine Widerstände mit einem Fingerschnipsen brechen konnte. Das sah dann so aus, dass er mit Hundeblick einfach noch zwei Mal gefragt hat, wenn ich zu irgendetwas beim Sex Nein gesagt hatte. Bis ich dann doch ja gesagt habe. Um ihn nicht zu enttäuschen. Um nicht die frigide Alte zu sein. Damit er mich nicht zurückweist. Weil er ja der große Feminist ist, der nichts falsch machen kann und ich die aggressive Verrückte, die das mit Sicherheit nur falsch verstanden hat. (Und das ist der Grund, warum ein Nein immer reichen muss.)

Wenn es nur um die Bitch geht, ist es egal

Dass sexualisierte Gewalt eben ein ganz gravierendes Typen-Problem ist, wollen viele Leute nicht wahrhaben. Das gilt auch für die Linke. Deswegen sind öffentliche Diskussionen um sexualisierte Gewalt zu großen Teilen für den Arsch. So wie ich diesen Text jetzt schreibe, wird es vielleicht ein paar beschissene, aber auch viele sich solidarisierende und nette Kommentare geben. Würde ich hingegen den Namen der Person nennen, wäre richtig Randale in der Kommentarspalte. Und das ist das Problem: Wenn es nur um die Bitch geht, ist es egal, aber wenn es um den armen, armen Mann geht, dann geht es richtig ab. Ich habe es satt zu sehen, wie sich Leute, die auf der richtigen Seite stehen müssten, auf die falsche Seite stellen, because they can. Weil es so erschütternd wäre sich einzugestehen, dass Übergriffe eben zwangsläufig passieren, wenn Männer nur die feministischen Vokabeln vor sich hinstammelnd wie tiefgefrorene Teenager-Zombies durch ihr Sexualleben torkeln. „Konsens, Konsens“. Bla bla bla. Weil es eben einfach einfacher ist die Betroffenen unter den Bus zu werfen, und gleichzeitig über das Awareness-Team zu rofln, während kein einziger Pieps darüber zu hören ist, wie beschissen die Situation eigentlich ist.

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Your Comfort, My Silence? http://ficko-magazin.de/your-comfort-my-silence/ http://ficko-magazin.de/your-comfort-my-silence/#comments Tue, 22 Aug 2017 13:00:51 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1111 Ich hab die Hand genommen, weggeschoben, mich umgedreht und still geweint. Nur kurz. Böse meinte er es erst recht nicht und hätte er mich weinen sehen, hätte er auch aufgehört. Ich wollte kein großes Drama draus machen, weil ich dachte zu wissen, dass er es wirklich nicht einzuschätzen wusste. Beim Sex ins Gesicht geschlagen zu werden, mochten einige Ex-Freundinnen im Gegensatz zu mir, erfuhr ich, als ich es beim Warten aufs Essen in einem Imbiss angesprochen habe. Fremde Frauen diffamieren und sagen, wie krank das ist, war mein erster Impuls. Das hat ihm und mir aber nicht geholfen und die Frauen die drauf stehen, sind nicht das Problem. Sondern die Menschen, die nicht vorher fragen, wie das Gegenüber dazu steht. Ich wollte ihm also sagen, wie wichtig Kommunikation ist und wie das bei mir ankam, dass und warum es weh tat, seelisch. Das Gespräch war, wie zu erwarten in einem Imbiss, nicht zielführend. Es wurde laut und hatte nicht den Tenor, den ein Gespräch haben muss, um offen und unvoreingenommen über Neigungen und Abneigungen beim Sex zu sprechen. Wir haben es also erst mal ignoriert. Ich. Meine Gefühle dazu.

Angst zu vertrauen habe ich nicht insofern, als dass ich fürchte, mein Partner könne andere Menschen attraktiv finden oder gar intim mit anderen Menschen werden. Vertrauen bedeutet für mich, dass mein Innerstes, wenn ich es oder zumindest Teile davon offenbare, nicht gegen mich verwendet wird, und auch, dass versucht wird, zu verstehen ‚where I come from‘. Man ist Summe seiner Erfahrungen und ich habe mir angewöhnt in vorauseilendem Gehorsam zu erklären, was an mir wie sehr und warum kaputt ist. Das habe ich leider auch hier wieder getan. Vor Jahren war ich in einer Beziehung, die nach dem himmelhohen Jauchzen, nur noch blaue Handgelenke und Wutausbrüche für mich übrig hatte. Die Hintergründe und Details habe ich ihm zum Teil erzählt und gehofft, dass es ihn dadurch bewegt rücksichtsvoll zu sein und zu verstehen, dass wir den Moment, in dem sich etwas zwischen uns ändert, nicht verpassen dürfen. Streits wurden stets nach diesem Gusto geführt. Ein kurzer Schlagabtausch; Pause; Um dann meinen Wunsch nach echter, gehaltvoller Aussprache abgeschlagen zu bekommen.

Die Debatte hatte nur Platz für seine Sensibilität

Einmal kam er betrunken zu einem Treffen, bei dem wir den letzten Streit ausdiskutieren wollten. Ich habe ihn die ganze Nacht ‚versorgt‘. Der vierte Tag in Folge, den ich kaum geschlafen habe, weil er bei mir war, ohne dass irgendwas angesprochen werden konnte. Wie die meisten Nächte neben ihm (eine Mischung aus seinem Schnarchen und meinen Sorgen verbot es mir seit Wochen, anständig zu schlafen) war an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Das belastet. Tagsüber war ich wochenlang müde und energielos. Das Gespräch fand nie statt. Als ich meine Enttäuschung darüber kundgetan habe, habe ich gelernt, dass er eben sehr sensibel sei. Aha. Und das war auch das Ende der Debatte. Es hatte also nur Platz für seine Sensibilität. Ich habe ihm dann irgendwann immer wieder vorgeschlagen, eine offene Beziehung zu führen. Weil man dann vielleicht woanders bekommen kann, was die Partnerin beim Sex z.B. nicht möchte. Es wurde nur abgeblockt und ich habe die Beziehung dann irgendwann beendet. Meine Intention mit dem Vorschlag war, zu erreichen, dass ich mir keinen Kopf darüber machen muss, ob ich genüge, oder er z.B. beim Verstehen meines Seelenlebens genug einbringt.

Die Beziehung vorbei, haben wir immer wieder ziemlich unterschiedliche Phasen miteinander gehabt. Mal wollten wir Freunde bleiben, mal war alles zu viel und ich sollte bloß weg bleiben. Es war für mich wie Russisch-Roulette. Er sagte, er brauche Zeit, um mit mir sprechen zu können. Nachdem wir irgendwann einen Nachmittag miteinander verbracht hatten (in der seltsamsten Stimmung, die man sich vorstellen kann), habe ich noch einmal gefragt, ob wir nun endlich ein einziges Mal doch reden könnten über das, was alles so passiert war und dazu geführt hatte, dass wir nicht mehr zusammen waren (es gab ja noch sehr viel mehr zu klären, als nur das, was im Imbiss nicht möglich war), hat er komplett abgeblockt und wurde das erste Mal sauer ob meines Bedürfnisses nach Aussprache. Obwohl er es immer wieder in Aussicht gestellt hat. Er könne das nicht; mit mir reden. Und ich hätte das zu respektieren. Im Grunde bestimmte er schon die ganze Zeit während der Beziehung wann, ob und wie wir miteinander sprechen. So also auch danach. Das war der Anfang von einem wochenlangen Whatsapp-Zirkus, in dem ich als Tanzbär aufgetreten bin… schon wieder, ohne gefragt zu werden. Er schreibt einen Text und blockiert, verfasst währenddessen eine weitere Nachricht, entblockt und schickt die neu verfasste dann schnell wieder, um mich dann direkt wieder zu blocken. Man bekommt also Dinge an den Kopf geworfen, Fragen gestellt, muss sich anhören, wie einem die Worte im Mund verdreht werden und kann nicht antworten, Stellung beziehen. Nirgends. Kein Medium oder Kanal, bei welchem man nicht geblockt ist. Wie fingerfertig er sein muss für diese Art der selbstgefälligen Kommunikation.

Das Nicht-Reden-Wollen ist das Schlimmste daran

Ich habe es irgendwann nach Wochen kaum mehr ausgehalten und ihm gedroht zur Polizei zu gehen, wenn er sich nicht endlich dem Gespräch stellt bzw. mich auch mal zu Wort kommen lässt. Ich habe es satt diese Scheiße mit mir selber auszumachen. Das war sehr impulsiv von mir. Ich würde nicht zur Polizei gehen, zumal ich weiß, wie wenig das bringen würde. Außerdem ging es mir ja darum, dass aus dieser Situation nicht schon wieder eine eklige Erfahrung würde, sondern eine Veränderung stattfindet oder zumindest der Anreiz für ihn, darüber nachzudenken, entsteht. Ich konnte aber nicht mehr aufnehmen, was er sagte, ohne auch irgendein Druckmittel zu verwenden. Es brachte natürlich nichts. Ich habe mir die ersten Wochen nach der Trennung selber den Rat gegeben: Aussitzen, mit Leuten sprechen, die ein oder andere Tüte macht den Kopf frei. Lesen (ich habe in zwei Wochen drei Bücher gelesen). Aber das einzige, was wirklich hilft für jemanden wie mich, ist Aussprache. Meine Freunde hören mir zu und fangen mich auf. Aber was hilft es, wenn es mir um SEIN Verständnis für die Sache geht. Ich wollte ihm die Chance aufzwingen zu verstehen, was er da getan hat und warum das nicht das Allerschlimmste ist, was man tun kann, warum das aber auch mehr als ein Missverständnis ist und in der Zukunft eben anders behandelt werden sollte.

Ich habe immer wieder großes Wohlwollen an den Tag gelegt, weil ich überzeugt davon bin, dass man Menschen auch mal „abholen“ muss. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass er mir nichts Schlimmes „angetan“ hat, sondern dass er einfach immer noch stark von seiner – leider ganz gewöhnlichen – sexistischen Prägung vereinnahmt ist. Und dass das Nicht-Aufarbeiten-Wollen das für mich eigentlich Schlimme daran ist. Denn es veränderte ihn für mich. Es ist vielmehr das Nicht-Erlauben, darüber zu sprechen, als das Schlagen an sich. Und dadurch, dass ich aus Rücksicht auf seine Gefühle nichts mehr dazu äußern konnte, tat alles noch mehr weh. Weil auf meine keine Rücksicht genommen wurde. Ich hätte gerne direkt darüber gesprochen, wie ok das ist, wenn Paare auf diese Praktiken stehen und ich niemanden an die Wand stellen oder verurteilen möchte für deren Lust. Man kann beim Sex mit Kleinigkeiten Vertrauen zerstören. Und für mich war es das. Es hat sich in andere Gefilde unserer Beziehung eingenistet. Nichts davon erreichte ihn je.

Er braucht keine feministische Belehrung, er ist antifa

Ich habe irgendwann Leuten geschrieben, die ihn kannten oder gar befreundet mit ihm sind mit der Bitte zu vermitteln. Dann ist er völlig ausgeflippt. So aggressiv habe ich ihn noch nie gehört. Und hier kommen wir zum eigentlichen Punkt. Er will nicht abgeholt werden. Sein Interesse an Feminismus galt nur, solange es einfach war. Solange es die anderen bleiben. Er ist ein antifaschistisch Aktiver und braucht keine Belehrungen in Gutmenschlichkeit oder Antifaschismus. Meint er zumindest. Das ist ein ganz klarer Standpunkt: Er ist einer von den Guten, was er tut, kann also nicht problematisch sein. Kognitive Dissonanz. Er würde lieber im Boden versinken, als vor seinen Freunden und Bekannten zugeben zu müssen, noch etwas lernen zu müssen. Die eigentliche, meist theoretische Arbeit, seine anerzogenen Sexismen zu hinterfragen und zu dekonstruieren, ist anstrengend und weniger ruhmvoll, als an vorderster Front gegen Neonazis zu kämpfen. Das ergibt keine Narben, mit welchen man prahlen kann. Dass es für mich und die meisten anderen aber keinen Unterschied macht, ob derjenige, der dir ungefragt zum Kommen ins Gesicht haut, Antifa oder Tischtennis-Club ist, ist irrelevant. Sein Status ist sein Schutz. Er ist schwarzer Block. Engagiert, furchtlos, stark. Ich bin nervige Feministin. Übertrieben, nervig, emotional. Er ist vernetzter und etabliert in der Szene. Und er hat das soziale Kapital, das mir fehlt, um unbeschadet aus so einer Sache raus zu kommen. Was das nun für den Umgang hiermit bedeutet: Er behauptet mittlerweile, ich lüge. (Ich würde die Kellnerin aus dem Imbiss gerne ausmachen, die verstohlen rüber geschaut hat, als es laut wurde.)

Die Kontaktaufnahme über seine/unsere Bekannten hat ihn so wild gemacht, dass diese Geschichte, anstatt sie aufzuarbeiten und dann in Frieden getrennte Wege zu gehen, ihn dazu brachte mir Dinge zu sagen, wie dass „die Kacke am dampfen ist, Alte“ und „dann haben wir beide ein ganz großes Problem“ und ob ich „Gestörte“ nicht einen Knall hätte. Das Ding ist, den kriege ich noch, wenn die Dinge so weiterlaufen. Meine Bitte, die ich am Anfang unserer Beziehung an ihn gestellt habe, meine Geschichte mit einem anderen Ex-Freund nicht gegen mich zu verwenden, hat er auch abgeschlagen und gesagt, er könne nun verstehen, warum ich in der Vergangenheit habe leiden müssen. Ja, weil die Frauen, die unter Männern, die ihnen weh tun, leiden, am Ende auch für antifaschistische Macker eben selbst schuld sind. Ich solle mir gut überlegen, was ich sage und wie ich mich weiter verhalte. Das ist eine Drohung. Als Antwort auf meine, zu den Bullen zu gehen. Schon klar. Das Ding ist nur, ich lüge nicht und er verweigert sich dem Gespräch, welches mir, als die Ins-Gesicht-ohne-zu-fragen-Geschlagene, doch irgendwie zusteht. Meine Drohung rührt von der Verzweiflung her, schon wieder alles mit mir ausmachen zu müssen und seine rührt daher mich einschüchtern zu wollen und nicht „genervt“ zu werden mit Dingen, die ihn eh schon lange nicht mehr berühren.

Ich hätte nach der Aktion aufstehen, mich anziehen und ihn rausschmeißen können. Stattdessen wählte ich Selbstschuldzuweisung (Habe ich die falschen Anzeichen gegeben? Bin ich verklemmt?) und Wohlwollen. Das war fatal. Er hat abgeschlossen damit und empfindet mein Bedürfnis, darüber zu sprechen einfach als extrem nervig und unnötig. Hätte er die emotionale Anstrengung, das aufzuarbeiten, investiert, wenn er gedacht hätte, es lohne sich, weiß ich nicht. Jetzt ist aber Schluss. Jetzt lohnt es sich nicht mehr für ihn. Für ihn war es schließlich auch vorbei irgendwann und wieso sollte er noch emotional in eine investieren, mit der es nicht mehr zu klappen scheint. Sich auszuwählen, ob und inwieweit man sich mit dem Schmerz, den solche Dinge verursachen, beschäftigt ist ein Privileg, das ICH nicht besitze.

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Die Betroffenen von sexualisierter Gewalt haben das letzte Wort – nicht die Täter http://ficko-magazin.de/die-betroffenen-von-sexualisierter-gewalt-haben-das-letzte-wort-nicht-die-taeter/ http://ficko-magazin.de/die-betroffenen-von-sexualisierter-gewalt-haben-das-letzte-wort-nicht-die-taeter/#respond Mon, 21 Aug 2017 16:13:33 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1097 Zum Outing des Gitarristen der Band „Wolf Down“

Erst vor wenigen Wochen trauten sich betroffene Frauen, ein Mitglied der Band „Wolf Down“ als Täter sexualisierter Gewalt zu outen. Mehrere Frauen berichteten von verschiedenen Formen des sexualisierten Missbrauchs.

Kurz danach folgte ein Statement der Musiker, in dem sie die Auflösung der Band bekannt gaben. Die Erklärungen und Rechtfertigungen des Täters nahmen dabei viel Raum ein. Damit machte er sich für viele vom Täter zum Opfer.

Auch aus diesem Grund ist es uns vom FICKO-Magazin wichtig, nochmal auf das abschließende Statement der betroffenen Frauen vom 27. Juli 2017 aufmerksam zu machen und veröffentlichen in Absprache mit einer der betroffenen Frauen, diesen Beitrag.

Sie haben ein Recht darauf, das letzte Wort zu haben – nicht der Täter.

In mehreren Gesprächen mit einer der Betroffenen stellte sich heraus, dass der Druck durch die Mitwissenden und das Täterumfeld auch jetzt noch deutlich zu spüren ist. Zwar nannten die Betroffenen nicht ihre Namen, doch war im Umfeld des Täters und derjenigen, die ihn supporten, vielen bewusst, wem Gewalt angetan wurde.

Nach den Übergriffen, wurde einer der Frauen vorgeworfen, sie sei eifersüchtig, rachsüchtig und wurde als hysterisch abgestempelt. Ihr wurde von den Männern in dem Umfeld des Täters gesagt, dass der Täter irgendwann wieder rehabilitiert sein wird, ihr jedoch weiterhin das Stigma als Denunziantin anhaften wird.

Diesen Frauen muss Gehör verschafft werden.

Ihr Mut sollte weitere Betroffene von sexualisierter Gewalt dazu bewegen, sich zu wehren und andere, sich solidarisch zu zeigen. Es kamen nach dem Outing viele ermutigende Rückmeldungen bei den betroffenen Frauen an. Menschen, die selbst sexualisierte Gewalt durchleben mussten, bedankten sich und trauten sich ebenfalls, andere Täter zu outen und von ihrem Leid zu berichten.

Auch wenn diese Reaktionen nicht dazu führen, die furchtbaren Übergriffe ungeschehen zu machen, lindert es für Betroffene ein wenig den damit verbundenen Schmerz. Mit der Veröffentlichung des Statements und der damit einhergehenden Solidarität wurden die Betroffenen gestärkt.

Es wird mehr über sexualisierte Gewalt in linken Kreisen gesprochen und darüber, dass wir endlich mehr gegen missbräuchliches Verhalten in dieser Szene vorgehen müssen. Wir müssen Prävention betreiben. Sexismus und Rechtfertigungsversuche von sexualisierter Gewalt müssen bekämpft werden. Keiner hat das Recht auf sexuelle Handlungen ohne Konsens, auch nicht, wenn der Täter „sonst ein ganzer netter Typ ist“, weil er sich ja sonst ganz toll für Antifakram einsetzt.

Dank des Outings und der positiven Reaktionen der Menschen, die sich mit den betroffenen Frauen solidarisieren, gelang es der Band nicht, die Übergriffe zu relativieren.

Dafür danken wir euch.

Rosa

 

Hier nochmal das Statement der Betroffenen:

http://wolfdownouting.blogsport.de/

final statement by the victims of tobi

after everything that has happened during the last 48 hours, tobi’s statement and wolf down breaking up, we as the victims want to publish one last statement. we do not want to allow the perpetrator to have the last word. this time, we are publishing in english, because after our first statement there was a great demand for translations and we want as much people as possible to be able to read what we have to say.

we apologize for any mistakes – this is not our native language and as we both come from a working class, low-educated background, we are not practiced expressing ourselves in the polished lawyer-english that tobi uses. anyways, we want to spit out our anger again, even though our words are raw and clumsy.

reading tobi’s statement felt like a fucking joke for us. the fact that he was allowed to take up so much space, to explain and justify himself with so many hollow words leaves us shocked. it is a good decision the band split up – and in our eyes the only decent one. but instead of publishing our words on their facebook site, followed by a simple explanation that obviously these circumstances make it impossible to go on posing as a radical leftwing group, they tried to save what was left of their image. tobi’s words range from hypocritical to disgusting. he writes: “my sexual self-reflection concerning the right approach to consensual sex had not yet been brought to the same level as my otherwise radical-leftwing convictions”. we do not understand why he seems to believe that understanding how consensual sex works is a political/intellectual challenge. being a decent human being should not be something that you need a process of several years for, like forming an opinion on the correlation between state and capital or some other deep shit.

still, he has not understood a lot of things even though he claims to be magically enlightened now. “I did things to her for which I didn‘t ask for her consent, during otherwise nonverbally consensual sex” – doing things you don‘t have consent for makes the whole sex nonconsensual you prick. tobi also states that at least he kept the principle “no means no”, which is simply not true: a “no” always meant “try to convince me” to him, which build up a lot of pressure, especially with the imbalance in power that he produced with all of his abusive behaviour.

tobi is so afraid of losing his life as the “cool antifa dude” but doesn‘t even have the guts to write out the word “rape” and instead uses “type of rape”. he also lies about when he wrote me he felt “not guilty” of what happened because he was “brought up in a bavarian village” where nobody would teach him about consent. this happened on 20th of june and not “two weeks ago” as he claims.
furthermore he writes: “It feels surreal, that I‘ve been calling myself a feminist for years, but played a part in fucked up patriarchal mechanisms and rape culture. A culture that teaches men to take „what is theirs“ without asking and that blames women for the consequences. A culture that pressures men to take the active role and forces women to take the passive one.” it feels fucking disgusting and horrifying for leftwing women like us to read those lines. many of us joined the movement to escape the cruel environment that patriarchy produces and try to fight our way towards a world with freedom and without sexual violence for ourselves and our sisters. knowing that we maintain this struggle alongside male “allies” who are in no way better than the patriarchs and abusers we want to escape weakens and discourages us and the movement itself. lately we have been thinking a lot about all the amazing, talented women we know and how much time we all have to spend on recovering from trauma and dealing with the harm done to us by men who publicly claim to be feminists. THIS IS NO LONGER ACCEPTABLE. and we want to make clear that our greatest hope in this outing and everything we publish is not people burning their wolf down shirts (even though we appreciate it as an act of solidarity) but every man reading our lines asking themselves if they recognize some of their behaviour in the actions we describe and denounce. know that women are real people with feelings and shit and that more and more of us will speak up. you will be held accountable for your actions.

we could go on and on picking to pieces what tobi calls an apology. but there is other, more important stuff left to say and we do not want to carry on giving him and his opinion on what happened so much room. just another few words on the other wolf down members: dave and pascal are in no way clueless angels. they knew about tobi’s and sven’s behaviour regarding women all these years and they knew about the rape accusations since two weeks at least. of course they have no damn choice continuing a band with two people but they couldn‘t know we were going to make our stories with tobi public. what they call “respect to the victims” was really the hope of wriggling their way out of this without anything happening and continuing with the band as if nothing happened. both of them know us. they know our names, our faces, they have shared conversations and meals with us during times we were tobi’s girlfriends. they know ways to easily contact us on social media. but they didn‘t offer us any help or support at all since tobi confessed to them. besides, pascal and tommy watched larissa being maltreated until she left the band and her ex-boyfriend drummer sven and tobi starting to use wolf down as a way to hook up with girls. yesterday, the day the outing went viral, larissa posted a statement on facebook. for everyone who hasn‘t seen it yet, this is what she came out with after years of staying silent:

“I left Wolf Down about 3 years ago now and people still asking me as to why. I always referred to it as personal reasons which they were. The experiences that I had made shortly before I called it quits have been unbearable and I didn’t want anything more than escaping the toxic environment that had been created within this band. I have known Tobias and Sven to be bigoted sexist pricks with an ill perception of women. They never made it a secret and were openly objectifying women, sharing pictures and stories between them. Having been in a relationship with Sven, the drummer, for over 7 years I was abused in more than one way, it continued even after we were through. He tried to turn my family against me and called friends and friends of friends late at night to know about my whereabouts and so on. Sven is in no way the feminist he claims to be, he is a sociopathic patriarch through and through, and from what I know he has not changed a bit over the years. Enough is enough. I stand with the victims.”

we have to say that we are shocked about other women contacting us since we published the outing, telling us about bad experiences with tobi and sven. besides, we both have encountered so many more situations where their blatant misoginy was unbearable. some examples to illustrate a little what we‘re talking about:

– in fall ’15 wolf down were on tour and went swimming before playing a show in a german city (we believe to remember it was trier). in the swimming pool they joked and dared tommy to swim to a middle-aged woman and tell her that tobi would fancy her but wouldn‘t have the guts to talk to her himself. he told her they were a band called wolf down and that she could come to the show for free, that tobi would put her on his guest list. they laughed about the woman getting excited. when they returned to the venue they found she had contacted them on their official facebook profile. they hoaxed her and tried getting her to sext with them. when she asked about getting tobi’s private contact (because she believed talking to him all the time) they blocked and deleted her. later tobi bragged about this story to “woman 2” and showed her the whole conversation. he justified making fun of a random woman saying that “at least she had a bit of an adventure for once in her boring housewife life, writing with some hot tattooed boys”.

– sven as well as tobi are famous for contacting girls they find hot on instagram. sven once contacted a friend of ours telling her she should do a live video for him when he saw an instagram story of her running a bath. she felt disgusted by this and when sven was confronted about it he swore he didn‘t mean it “in a sexual way”, he just wanted “to make fun of her because some girls are so ridiculous posting everything they do on instagram”. he was convinced that this would make his behaviour any better.

– when sven found out i (“woman 1”) was befriending his current girlfriend he continued asking her about what we were doing together, if we met just to talk or to have a sexual relationship/watch lesbian porn together. only because we both happen to be bisexual women. he also told “woman 2” that he felt repulsed by me because i “talked too loud”, sit and walk “like a man” and happen to be interested in football.

– tobi showed me messages of an acquaintance of his asking when they could meet (for a certain purpose i forgot but that had nothing to do with any interest in him), telling me how “desperate” she obviously was to get him to date her, and that he felt pity for her.

we could go on for hours with this list. but instead we choose to let another ex-girlfriend of tobi speak, who approached us in solidarity with her story whose parallels to what we experienced with him made us weep. these are direct quotes of the messages she sent us:

“Hi, I dont know you but Larissa gave me your number. I , unfortunately, am a victim of Tobias as well. It was [year censored because of privacy concerns].It breaks my heart to see that He went on abusing women. I am shivering while reading his statement on Facebook because I cant believe a single word of what he is writing.I think everyone should have a chance to change but I Seriously believe he wont.i am terrified that he will be able to abuse more women in the future,and still be able to hang out in the hardcore scene as if nothing happened. I wish I could hug the women who wrote their Stories because for the first time I felt understood and it is terrible to know that others went through the same suffering I did. Thank you”
“it is very important for me to know that at least someone believes me. Since now I had to struggle against him completely alone as most of my former „friends“ kept thinking he is a „nice guy though“. He manipulated me constantly, made me feel like a crazy person for just being angry at what he did. We had a long distance relationship for one year. After we broke up he never left me alone. He was literally stalking me for all these years and about every 4-6 months writing me some stupid messages about being friends again that i NEVER replied,still he never stopped. Two times I found him standing in front of my door asking me if he could stay at my place. Another time i was at a show in [city censored because of privacy concerns] and he wrote me „i am here“ and there he was with some fucking flowers,even though He knew I didnt want to see his face again and I even had a boyfriend then. I had two long relationships after him and all he did was talk shit about my boyfriends and to make me feel ashamed for even being with them. For him,the biggest poser of all times, they werent cool enough.I guess i also don‘t need to say that he cheated on me more than one time. Still,while we were together he didnt even want me to hang out with only men or stuff like this because he was jealous. One month ago he wrote again trying to apologise for all that he did to me, for manipulating me and for making me go to bed with him when I didnt want to and then disappearing for months,leaving me there lonely and abused like a piece of meat. All he ever wanted from me was sex. His reason for doing this is that he’s just a poor guy coming from a sexist german family and he now learnt what feminism is.then the stories of the other two women came out and I understood what it was actually about. I wasnt surprised but surely disgusted and terrified he will forever go on like this.I met many bad people in my life but Tobi is for sure the worst human being I can imagine,under every aspect. There is no single thing in him that I would save because he’s literally just a pile of thrash. I wish people believed me back then ,when I was telling them he is an abuser and a lier because maybe all that happened afterwards wouldnt be a horrible reality. Sven tried the same with me until I realised he was just like Tobi. The two were literally sittig together asking me for nudes (that fortunately i never sent) and laughing behind my back. A former friend of them warned me that they were exchanging other girls pictures and making fun about how stupid but hot they are. Sven is just as bad as Tobi,I want the people to really see that too. I stood alone and powerless until now”
“I am really so sorry about it. This is so fucked up. Sadly, you are definitely not alone in this. I am quite sure that there are other just like me that didnt come out because of fear. […] Actually I don‘t know if I can articulate myself strong enough to make people understand, I am definitely not „well educated“ like he is. I get very nervous when I have to write something for the public as a reply to something so well written like he did. If it is okay, you could write a new post where you can also mention my story. This could be very important, I feel many people still don‘t believe a word of anything and are just sad that wolf down are now over.”
“I feel like I kept these things too long for myself.”
“What I read in words is another attempt at showing that he’s still the nice educated guy everyone knows and that he’s so smart that he will change soon. Again he wants people to defend him. […] I think the general facts that he acts like a stalker, spying you even after the relationship is gone is definitely my main point, together with the manipulation and the mental abuse followed by the physical abuse. I was lying when I was letting him into my place. I was doing it only because I was scared he would attack me mentally again. He always said I was overreacting over everything. He was lying when he was saying „i will just be next to you in bed without doing anything sexual,trust me“ and then crawling against me saying „i can‘t resist“ and touching me without my consent.It’s incredible I could go on forever, even if it hurts to take out all these memories.”

we both share the third ex-girlfriend’s concerns about tobi never changing. that is the ultimate reason why we write this final statement. and because we couldn‘t let tobi get away with his phony excuses. and because we want closure now. and because we want to show every woman who was ever abused that if you speak out, you don‘t just help yourself. you most likely help so many more women to stop feeling alone, “crazy” and broken.

we want to thank every single woman that has stood up in solidarity with us. may we never forget that sisterhood is our main weapon.

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Wir müssen endlich reden – Reihe zu sexualisierter Gewalt http://ficko-magazin.de/wir-muessen-reden-neue-reihe-zu-sexualisierter-gewalt-bei-ficko/ http://ficko-magazin.de/wir-muessen-reden-neue-reihe-zu-sexualisierter-gewalt-bei-ficko/#respond Sat, 19 Aug 2017 10:00:55 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1064 Vor Kurzem outeten zwei Frauen Mitglieder der Band Wolf Down als Vergewaltiger und sexualisiert übergriffig. Abgesehen von allem, was danach passierte, ist bemerkenswert, dass diese Band sich als feministisch und explizit gegen Sexismus positioniert darstellte und verstand. Wie kann es sein, dass Mitglieder einer solchen Band Täter sind? Das scheint auf den ersten Blick überraschend. Auf den zweiten eher nicht.

Als wir vor kurzem eine informelle Erhebung in der FICKO-Redaktion gemacht haben, wer eigentlich schon sexualisiert übergriffige Situationen erlebt hat, ergab sich eine erschreckende Zahl abgefuckter Geschichten, die mehr als deutlich zeigte, dass die Betroffenen im Fall des Wolf-Down-Outings nicht alleine sind. Es gibt ein Problem mit sexualisierter Gewalt und Übergriffen in linken Kreisen. Darüber wird zu wenig gesprochen, woraus folgt, dass regelmäßig alle aus allen Wolken fallen und ganz bestürzt sind, wenn es zu Outings von „hohen Tieren“ in linken Kreisen kommt. Auch die meisten von uns, den FICKO-Redakteurinnen, haben bisher öffentlich geschwiegen. Das wird sich nun ändern. Wir werden unsere Geschichten erzählen. Als ersten Text veröffentlichen wir noch einmal das abschließende Statement der Betroffenen im Fall Wolf Down mit einem Kommentar von unserer Autorin Rosa, die mit einer der beiden Frauen gesprochen hat. Anschließend berichten Mitglieder der FICKO-Redaktion von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

Wir starten diese Reihe, um zu zeigen, wie normal Übergriffe leider immernoch sind und wie Übergriffe überhaupt eigentlich aussehen. Ein Übergriff beginnt nämlich nicht erst da, wo eine Person mit körperlicher Gewalt zu etwas gezwungen wird, das sie nicht tun will. Wir starten diese Reihe, um deutlich zu machen, was die Konsequenzen von sexualisierter Gewalt sind und welche Hürden es gibt, als Betroffene nicht einfach nichts zu sagen und das Geschehene beschämt, erniedrigt und mit einer guten Portion Selbsthass hinzunehmen. Wir wollen Betroffenen zeigen, dass sie nicht alleine sind, Solidarität herstellen und alle, denen so etwas passiert ist, ermutigen damit nicht alleine zu bleiben. In diesem Sinne fordern wir unser Publikum auf ihre eigenen Geschichten zu unserer Reihe beizusteuern. Ihr seid nicht alleine, wir haben die Scheiße auch schon durch. Lasst uns so viele Geschichten wie möglich erzählen, damit endlich deutlich wird, wie gravierend das Problem ist.

Wir wollen auch dazu beitragen, dass Täter checken, dass sie Täter sind. Unsere Texte machen deutlich, wie zentral es ist, als Mann nicht nur die feministischen Schlagwörter auswändig zu lernen, um das eigene Standing in der Szene zu sichern, sondern in der eigenen Sozialisation zu graben. Männer müssen das eigene Sexual- und Dominanzverhalten reflektieren, sonst wird sich die Situation nicht ändern. Das darf nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben, es muss etwas passieren. Viele Geschichten, die wir erzählen, zeigen, dass mangelnde Kritikfähigkeit ein wesentliches Problem bei der Konfrontation von Tätern mit ihrem übergriffigen Verhalten ist. Ja, es ist scheiße, wenn man ein guter Feminist sein will, aber leider ein übergriffiges Arschloch war. Das ist beängstigend und kann aus guten Gründen den sozialen Ruin bedeuten. Wenn man aber kein überkrasses Arschloch sein will, dann muss man Verantwortung für die eigene Scheiße übernehmen. Das geht oft schief. Das muss aufhören und dafür müssen endlich Lösungen gefunden werden.

Solidarität muss praktisch werden, wir lassen uns nicht mehr mit halbgaren Entschuldigungen, Ausflüchten und Versprechungen abspeisen. Und in diesem Sinne lassen wir die Betroffenen sprechen.

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Emanzipatorische Bewegungen zusammen bringen – ein Interview mit Johanna vom Connecting Movements Camp http://ficko-magazin.de/emanzipatorische-bewegungen-zusammen-bringen-ein-interview-mit-johanna-vom-connecting-movements-camp/ http://ficko-magazin.de/emanzipatorische-bewegungen-zusammen-bringen-ein-interview-mit-johanna-vom-connecting-movements-camp/#respond Wed, 16 Aug 2017 16:30:32 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1068 Hallo Johanna,

du bist eine der Organisator*innen des Connecting Movements-Camp. Worum geht es denn bei dem Camp?

Johanna: Wir wollen auf dem Connecting Movements Camp Menschen aus verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen zusammenbringen, zum Beispiel Leute, die sich für Bewegungsfreiheit und Bleiberecht einsetzen, Queerfeminist*innen und Bäuer*innen, die für Ernährungssouveränität kämpfen. Normalerweise denken wir diese Themen ja eher getrennt – dann gibt es feministische Sommercamps, No Border Camps, Klimacamps und so weiter. Das wollen wir aufbrechen. Ziel ist es, sich über Strategien und Visionen der verschiedenen Kämpfe auszutauschen und Zeit und Raum zu haben, so voneinander zu lernen.

Wer seid ihr, wie groß ist euer Team und wann wurde die Idee in konkrete Planungen überführt?

Manche von uns haben in den letzten Jahren schon am Klimacamp im Rheinland mitgearbeitet und Barrios (Nachbar*innenschaften, in denen sich zu einem bestimmten Thema ausgetauscht wurde) zu Antirassismus, Queerfeminismus und Landwirtschaft mitgestaltet. So kam es auch zu der Idee des bewegungsübergreifenden Zusammenkommens, als wir uns Anfang des Jahres ursprünglich zur Planung des Klimacamps getroffen haben und dann aber festgestellt haben, wow, es gibt eigentlich super viele Zusammenhänge zwischen diesen Kämpfen. Andere Leute sind später dazugekommen, wir sind aber weiterhin ein kleiner Kreis – so etwa 15 Menschen.

In eurem Flyer schreibt ihr, ihr wollt über mehr als nur Kohle reden. Worüber wollt ihr denn sprechen?

Kohle und Klimawandel sind natürlich im Rheinland ganz zentral. Aber wenn wir die Klimakatastrophe wirklich aufhalten wollen, dann muss sich an unserer Gesellschaft etwas fundamental verändern. Kapitalismus, Ressourcenverbrauch, das sind so die Themen, die Leuten dazu oft zuerst einfallen. Aber diese Gesellschaft konnte sich nur auf Basis von Kolonialismus, Rassismus und Sexismus entwickeln. Genau das müssen wir anerkennen und gemeinsam überwinden, und wir glauben, dass wir das am besten können, wenn wir aus der Isolation verschiedener Bewegungen rauskommen, sehen, wo wir an den selben Punkten ansetzen können, was es für verschiedene Taktiken gibt und welche Ziele wir teilen.

Wie ist denn die Resonanz auf euren Aufruf und eure Einladung? Mit vielen Menschen rechnet ihr und glaubt ihr, dass ihr das Ziel erreicht viele soziale Bewegungen zusammen zu bringen?

Wir haben viel positive Resonanz zum Zusammendenken dieser Themen bekommen, aber wir können noch gar nicht abschätzen, wie viele Leute kommen. Ein paar hundert? Wir sind ja in direkter Nachbarschaft zum Klimacamp, deshalb ist nicht wirklich absehbar, wo die Menschen letztendlich sein werden. Aber wir Organisator*innen kommen aus verschiedenen Bewegungen, haben da mobilisiert und rechnen auf jeden Fall damit, dass aus den verschiedensten Ecken Menschen beim Camp sein werden. Und egal wie viele es sind, allein diese Diversität wird schon super spannend.

Zwischen welchen Bewegungen seht ihr die meisten Synergien und warum?

Ein wirklich spannendes Beispiel, wo solche Synergien bestehen, ist gerade die Solidarity Cities Bewegung, die auch auf dem Camp Workshops veranstalten wird. Da treffen Kämpfe für Bleiberecht mit Kämpfen für bezahlbaren Wohnraum zusammen, und eigentlich könnte da noch wunderbar Solidarische Landwirtschaft mitgedacht werden… Außerdem finden wir es gerade sehr spannend, uns anzuschauen, wie sich in der aktuellen kapitalistischen, rassistischen, sexistischen Gesellschaft bestimmte Muster in diesen Unterdrückungsformen wiederholen. Das heißt, dass Strategien gegen die einen Herrschaftssysteme vielleicht auch gegen die anderen funktionieren, darüber wollen wir unbedingt diskutieren.

Und zwischen welchen Bewegungen sehr ihr den größten Bedarf zur Kommunikation? Bzw. gibt es Themenbereiche, die sich sogar widersprechen?

Es gibt glaube ich Bereiche, die bisher weniger Berührung haben – zum Beispiel Queerfeminismus und Landwirtschaft. Queerfeminismus ist einfach eine sehr urbane Bewegung und in der Landwirtschaft ist dann oft die Arbeitsbelastung so hoch, dass nicht auch noch Zeit zum Reflektieren von Rollenbildern bleibt. Und im letzten Jahr haben wir immer wieder erlebt, dass vermeintlicher Antisexismus und Antirassismus medial gegeneinander ausgespielt wurden, zum Beispiel mit dieser schrecklichen Silvester-in-Köln-Debatte. Da ist es glaube ich sehr sinnvoll, wenn wir noch näher zusammenkommen und schauen, wie wir da direkter reagieren können und deutlich machen, dass das eben nur zusammen geht. Wirklich widersprechen tut sich glaube ich nichts – im Kern steht überall die Frage nach kollektiver Befreiung. Aber vielleicht sind teils die Taktiken verschieden, wir werden sehen.

Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist relativ jung, wird aber immer stärker. Gibt es aus eurer Sicht bestimmte Punkte, die das Thema Klimagerechtigkeit relevant für andere Bewegungen machen?

In der Klimagerechtigkeitsbewegung kommen im Grunde schon alle anderen oder viele Bewegungen zusammen, weil die Klimakatastrophe ja vor allem bestehende Ungleichheiten zuspitzt – die Frage nach Migration, Wohnraum, Zugang zu Nahrungsmitteln und Wasser, Fragen nach historischer Verantwortung und Kolonialismus. Klimagerechtigkeit ist nur möglich, wenn wir all das mitbedenken, wenn wir eine andere Gesellschaft entwerfen. Und damit sind andere Bewegungen in erster Linie Teil der Lösung – ich glaube nicht, dass da zwangsläufig immer noch extra ans Klima gedacht werden muss, das passiert quasi von allein.

Ihr wollt vor allem mit Open Spaces und der Bar Camp Methode arbeiten? Wie funktioniert das und warum habt ihr euch dafür entschieden?

Wir starten jeden Tag mit einem gemeinsamen kurzen Plenum, in dem alle, die möchte, ihre Themenvorschläge für Workshops, Diskussionsrunden, gemeinsames Chillen, Kunst machen, oder was auch immer sie möchten vorstellen können. Dann finden sich dazu Interessierte, und in einem Vormittags- und einem Nachmittagszeitraum kann sich dann zu der gemeinsamen Veranstaltung verabredet werden. Es gibt auf jeden Fall genug Räume für alle Ideen. Wir glauben, dass es sehr viel Wissen in all unseren Gruppen und Bewegungen gibt, und dass wir diese klassischen Expert*innen-/Zuhörer*innenrollen aufbrechen sollten, um wirklich all dieses Wissen gleichberechtigter zu teilen. Auf unserer Website gibt es schon ein paar Beschreibungen, auf welche Themen Leute Lust haben, und wir freuen uns, wenn uns noch mehr Ideen geschickt werden.

Das klingt alles sehr einladend. Wann und wo geht es los?

Das ist auch sehr einladend gemeint! Wir wollen, dass ihr alle kommt: los geht’s am Freitag, am 18. August und geht bis zum 29. Mit dem Aufbau beginnen wir schon Dienstag, am 15.8., gemeinsam mit einem offenen Organisationstreffen, auch da kann mensch schon sehr gerne hinkommen. Wir sind direkt am Klimacamp in der Nähe von Erkelenz am alten Lahey Park. Wir sind super gespannt wie es wird und freuen uns, dass es jetzt endlich losgeht!

Und wir wünschen euch viel Erfolg und eine gute Zeit!

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