FICKO http://ficko-magazin.de Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte Tue, 27 Mar 2018 17:44:39 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.3 Gegen Weltschmerz helfen keine Pillen http://ficko-magazin.de/gegen-weltschmerz-helfen-keine-pillen/ http://ficko-magazin.de/gegen-weltschmerz-helfen-keine-pillen/#respond Tue, 27 Mar 2018 16:58:32 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1321 Ein Gastartikel von Debbie Schmitt 

Als ich Abd das erste Mal sehe, bin ich mit meiner Mutter in Koblenz unterwegs. Wir treffen ihn in einem Café, damit meine Mutter mit ihm den Mietvertrag besprechen kann. Während die beiden beginnen, gehe ich zur Theke. „Magst du auch was?“, frage ich ihn noch. „Nein, danke“, antwortet er und setzt das Gespräch mit meiner Mutter fort.

Wir beide sind fast gleich alt. Ich bin 19 und er ist 20. Was uns unterscheidet, ist also nicht das Alter. Vielleicht ist das sogar das einzige, was uns erstmal verbindet.

In der fünften Klasse schrieben meine Freund*innen und ich in unsere Freundschaftsbücher, dass wir den Krieg hassten und dass wir uns Weltfrieden wünschen. Dabei hatten wir noch keine Ahnung, wie Krieg wirklich ist. Dass der Krieg noch viel schlimmer ist, als alles was wir uns in unserer Phantasie je vorstellen könnten. Dass Krieg schlimmer als jeder Albtraum ist, den wir in unserer Kindheit hatten. Dass Krieg nicht nur ist, wenn Menschen sich gegenseitig hassen. Dass Zickenkrieg gar kein Krieg ist.

Alles was wir wussten, war, dass Krieg schlecht und Frieden gut ist. So unkompliziert war das früher für uns.

Von der fünften Klasse ging es dann irgendwann weiter in die Mittel- und letztlich in die Oberstufe. Hier wurden wir unter anderem über den Bürgerkrieg in Syrien, der seit 2011 andauert, im Sozialkunde-Leistungskurs unterrichtet, wobei unsere Lehrerin das Thema dankbar an den Überflieger unseres Kurses als Referatsthema abgab, weil offenbar selbst ihr die Komplexität zu groß war, um sie für uns nachvollziehbar zu machen.
Das Thema zu erklären, dafür hätte selbst unser Überflieger mehr Zeit gebraucht als sie ihm gab. Während wir die Theorie ansatzweise lernten und in den Büchern Bruchteile von dem lasen, was in Syrien vor sich geht, machte Abd sein Abitur genau dort. In Syrien, in der Schule, im Krieg.

Jetzt lebt er seit zwei Jahren in Deutschland. Seitdem lernt er die Sprache, trifft täglich auf die deutsche Kultur und auf die Menschen und lernt neue Freund*innen kennen. Er bespricht das ganze Bürokratische über das Mietverhältnis mit meiner Mutter auf Deutsch und weiß über Dinge Bescheid, von denen ich nicht weiß, was sie eigentlich bedeuten.

Ich denke an den Französischunterricht in der Schulzeit zurück. Ich war die Art Schülerin, die sich, falls sie sich doch einmal nach einer komplizierten Frage meldete, nur fragte, ob sie mal eben die Toilette aufsuchen dürfte. Das passierte auch in der Oberstufe noch, dabei hatte ich Französisch seit der fünften Klasse, nicht erst seit zwei Jahren.

In Syrien hat er 2015 auch sein Abitur gemacht, erzählt er mir. Ich hatte meines seit ein paar Monaten im März 2017 abgeschlossen und wollte mir erst noch durch das Sammeln von verschiedenen Erfahrungen darüber klarwerden, was ich danach mache.

Aber was, wenn man gar keine Wahl hat? Oder wenn die Wahl, die man treffen kann, nicht über sein späteres Einkommen oder den Wohlfühl-Faktor entscheidet, sondern darüber, ob man überlebt oder nicht?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Krieg ist. Das nicht zu wissen, was Krieg bedeutet, das ist der eigentliche Unterschied zwischen uns.

Während meine Mutter mit ihm die Mietregelungen bespricht, ist seine Mutter in Syrien. Seine Eltern wohnen in einer Wohnung in den Bergen, wo es „nur“ Geräusche von Waffen und Mörserbeschüssen gibt. Als er noch bei ihnen war, hatte seine Familie viel Angst um ihn. Er erzählt mir, dass sich die Menschen dort kaum auf ihre Arbeit, die Schule, Ausbildung oder ihr Studium konzentrieren können, weil sie Angst vor Mörsern haben. Ein Freund von ihm starb in der Schule als er versehentlich eine Mörsergranate traf.

Ein Gedanke bleibt mir dabei im Kopf: Den Erfahrungshorizont, den wir als Kinder erlebten, konnte sich keiner von uns aussuchen. Er nicht, ich nicht und auch sein Freund nicht. Und auch wer welches Leben bekam, lag nicht in unseren Händen.

Wenn Abd heute daran denkt, kann er nachts nicht gut schlafen. Er hat alles verloren. In Syrien hatte er ein kleines Auto und eine eigene Wohnung, bevor der Krieg alles zerstörte.
Vor allem aber musste er ab dem Zeitpunkt als er Syrien verließ, lernen, ohne seine eigene Familie zurecht zu kommen – auf einem Weg, den niemand zu bestreiten haben sollte. Er nahm einen Flug von Syrien in den Libanon und wartete dort zwei Stunden. Dann ging es direkt vom Libanon in die Türkei. Dort wartete er 20 Tage, weil der Meeresspiegel zu hoch war, um mit dem Boot weiterzufahren. Damals hatten ein paar Menschen trotzdem versucht, mit dem Boot nach Griechenland zu kommen. Von ihnen hat keiner überlebt, alle von ihnen sind ertrunken. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration sind im Jahre 2015 allein auf der Strecke zwischen Türkei und Griechenland mehr als 500 Menschen ertrunken. (http://www.zeit.de/politik/2015-12/mittelmeer-tote-fluechtlinge-boot)

Nach zwei oder drei Versuchen kam Abd in Griechenland an. Danach ging es mit unterschiedlichen öffentlichen Verkehrsmitteln weiter. Von Mazedonien ging es nach Serbien, dann nach Kroatien und über Österreich endlich nach Deutschland. Er sagt mir: „Je geduldiger man ist, desto besser wird die Reise.“

In Deutschland war er lange alleine bis er nach und nach Freund*innen und sogar eine Familie fand, die ihn unterstützten.
Es begann, als bei ihm, er wohnte in Hermersberg, die Heizung ausfiel und er die Nachbarsfamilie bat, ihm zu helfen. Sie gaben ihm eine kleine Heizung. Seitdem sind sie befreundet. Dadurch lernte er die deutsche Sprache, obwohl sie so schwer und kompliziert ist, sehr schnell. Sie halfen ihm in allen Bereichen, zum Beispiel auch dabei, einen Sprachkurs zu finden.

Über diese Menschen sagt er, dass er für immer in ihrer Schuld stehe, denn sie seien seine zweite Familie.
„Manchmal braucht man nur die Umarmung und einen Menschen, der dir sagt ‚Wir schaffen das zusammen.’ So haben die das gemacht.“

Wenn ich so etwas höre, würde ich am liebsten all den Menschen, die die Nächstenliebe mehr als den Hass füttern, in einer Gruppenumarmung vereinen und flüstern: „Es gibt sie, die Hoffnung.“

Dann zog Abd weg, weil es auf dem Land sehr schwer war, sich ein gutes Leben aufzubauen. Der Bus fährt dort nur einmal täglich und ohne Auto kommt man nur schwer oder gar nicht an sein Ziel.

Das kenne ich selbst zu gut aus meiner Jugend in der Provinz. Er zog nach Koblenz, wo er mehr Möglichkeiten hat, vor allem die Infrastruktur und das Studium betreffend. Dort besucht er eine andere Sprachschule und plant, sein Studium zu beginnen. Genau wie ich, zwar nicht in Koblenz, aber auch in einer größeren Stadt.

Wie auch ich hat er drei Geschwister. Seine zwei jüngeren Schwestern und auch sein jüngerer Bruder sind genau wie seine Eltern noch in Syrien. Seine Geschwister wollen das Land auch verlassen, aber momentan sei es sehr schwer, nach Europa zu fliehen. Er mache sich immer Sorgen um seine Familie. Wenn ihr etwas passiert, könne er seinem Leben nicht folgen, denn sie sei das wichtigste in seinem Leben und er hoffe sehr, dass es seiner Familie gut geht und das auch so bleibt.

Sein größter Wunsch ist es, seine Familie und seine Heimat wieder zu sehen und zu besuchen.

Auf seiner Flucht hat er natürlich viele Erfahrungen gesammelt, er ist guten und schlechten Menschen begegnet und hat mit der Zeit immer mehr gelernt, diese auseinander zu halten. Viele haben ein falsches Verständnis über die Syrer, sagt er. Manche denken, Syrer seien unterentwickelt oder es gäbe so etwas wie eine Entwicklung gar nicht, das Land sei nicht zivilisiert, die Menschen wüssten nichts über Wissenschaft, wollten nicht lernen und seien dumm. Einmal wurde er von einem Deutschen sogar gefragt, ob er wüsste, was ein Laptop oder ein Computer ist und ob er den an- und ausmachen könne.

Auch ich habe in den letzten Jahren gelernt, gute von schlechten Freund*innen zu unterscheiden und auf die Menschen zu achten, mit denen ich mich umgebe. Auf meinen Reisen sind mir viele sehr unterschiedliche Menschen begegnet und auch Rassismus habe ich schon mehrfach erlebt. Ich habe also eine leise Vorstellung von dem, was Abd erlebt haben könnte, auch wenn unsere Vergangenheit kaum zu vergleichen ist.

Wir wissen beide, dass Rassismus da ist, auch wenn er ihn nicht beschreibt.

Was mir das Herz bricht, ist, dass ich weiß, dass es viele Menschen da draußen gibt, die genau wissen, was Krieg mit Menschen macht. Wie Krieg Menschen verstümmelt, umbringt, Familien zerreißt, Kinder und Frauen voller Angst zurücklässt. Wie Krieg Leid hervorruft, das wir nicht mehr therapieren oder heilen können. Wie Krieg etwas schafft, wofür selbst den besten Fachärzten das Vokabular fehlt, weil es keine Wörter dafür gibt. In keiner Sprache der Welt. Wie Krieg zerstört und es nichts auf der Welt gibt, das die Zerstörung rückgängig machen könnte.
Wenn diese Menschen, die das wissen, gegen die sind, die davor fliehen, dann bricht mein Herz.

Obwohl es natürlich auch viele Unterschiede zwischen den Kulturen gibt, findet Abd auch viele Gemeinsamkeiten. Er kommt aus Damaskus und findet die deutsche Kultur in einigen Aspekten ähnlich. Allerdings trinken Deutsche viel lieber Bier als Syrer, meint er.

Und ich habe mir niemals mehr gewünscht, dieser Weltschmerz ließe sich durch Bier heilen. Aber Weltschmerz ist unheilbar und Krieg ist das schrecklichste, was Menschen erleben können. Das weiß ich, obwohl ich nichts über den Krieg weiß.

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Stress, Scham und Scheißjobs – Soll das alles sein? http://ficko-magazin.de/stress-scham-und-scheissjobs-soll-das-alles-sein/ http://ficko-magazin.de/stress-scham-und-scheissjobs-soll-das-alles-sein/#comments Tue, 20 Mar 2018 15:05:48 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1308 Ein Bericht von tik

Wenn ich – so wie im Moment – an einem der PC-Arbeitsplätze der Uni (HU) sitze, dann fühle ich mich immer ein bisschen wie ein Fremdkörper, irgendwie fehl am Platz. Seit 2013 habe ich versucht, einen Studienplatz zu bekommen. Ich bin mir nicht genau sicher, warum ich glaubte, mit meinem Realschulabschluss + Ausbildung einen Hochschulzugang zu bekommen. Vielleicht habe ich mir dieses Märchen der Bildungschance selbst lange vorgespielt, vielleicht habe ich bei Sprechstunden, Bewerbungen, Gutachter_innengespräche usw. nicht so richtig verstanden, um was es geht, was die Unis von mir wollen – immer hat irgendwas gefehlt, oder irgendwas nicht gepasst – es war echt sehr sehr strange.

Ich habe nach meinem Realschulabschluss eine Ausbildung (Bürokommunikation) begonnen und drei Jahre später abgeschlossen. So fing ich mit 18 an, zu arbeiten. Erst in dem Betrieb, wo ich gelernt hatte, die hatten aber nach einem Jahr kein Geld mehr. Die Arbeitsbedingungen in einem Lager einer Automobil-Zuliefererfirma auf der Schwäbischen Alb waren aber sowieso nicht auszuhalten. Schikanen, Erpressung, Vereinzelung – das alles in einem Lager ohne Tageslichtfenster. Nach drei Jahren Ausbildung und Neonröhrenlicht plus einem weiteren Jahr in diesem schrecklichen Familienbetrieb: länger und ich wäre vor die Hunde gegangen. Jede/r, die schon mal in der tiefsten schwäbischen Provinz war, versteht, wie dort die Menschen ticken – Pegida in Dresden ist da noch recht „harmlos“ gegen die Landser von der Alb.

Danach musste ich mich von einer Zeitarbeitsfirma ausbeuten lassen. Zusammen mit vielen anderen jungen Menschen, alle nicht deutsch (das war das einzige Angenehme!), mussten wir Arbeit verrichten, die – wie soll es anders auch sein? – kein Mensch machen will. Ein großes Silo zur Betonherstellung mussten wir immer in Teams aus zwei Personen putzen. Mit einem Industriestaubsauger, großen Scheinwerfern, in Ganzkörperschutzanzügen und Gasmasken standen wir in einem stockdunklen Silo, der Staubsauger war so groß und schwer, wir hatten Mühe ihn zu zweit zu heben. Nach einem Tag brachen wir ab und weigerten uns, weiterzumachen. Es ging immer so weiter, über BOSCH, AEG, Siemens, OSRAM, Voith. Überall war ich für kurze Zeit (das Längste waren drei Monate) im Einsatz. Immer waren es Drecksjobs. Abwasserrohre reinigen, Unkraut jäten, Wände in einem Gebäude einreißen, Keller und Lager ausräumen.

Und über allem liegt die Scham

Meine damaligen Freund_innen waren zu diesem Zeitpunkt mit dem Abitur fertig und auf der Suche nach einem Studienplatz. Ich war orientierungslos, musste weiter Geld verdienen, meine Mutter buckelte zu diesem Zeitpunkt bereits 20 Jahre für eine Drogeriemarktkette. Mein Vater, zu dem ich keinen oder wenig Kontakt hatte, ist KfZ-Mechaniker. Irgendwie, ich brauchte auch was zum Angeben, war es für mich damals immer das Größte, zu sagen, dass er eine eigene Werkstatt besitzt. Obwohl ich nichts mit ihm zu tun hatte, gab mir das immer ein Gefühl, dazuzugehören. Die Freund_innen von mir, bzw. ihre Eltern, die wenigsten waren geschieden – ich kannte es nur so – lebten in Häusern, mit Garten und vielen Zimmern. Ich war neidisch. An Kindergeburtstagen war es mir unfassbar peinlich, andere zu mir nach Hause einzuladen, in eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung, wo ich mir zusammen mit meiner Schwester lange ein Zimmer teilte. Es waren nicht die einzigen Situationen, in denen ich mich sehr schämte.

Bei fast allen Ereignissen und Dingen, die um mich herum passierten, verfolgte mich die Scham. Die Scham darüber, dass man sich nichts leisten kann, dass die Eltern keine sind, weil es keinen Vater gibt – die Scham davor, dass andere das erkennen usw. Ich war 15 oder 16, die Schule hat eine Klassenfahrt nach England organisiert. Für meine Mutter war das schlicht nicht zu bezahlen, so konnte ich nicht mit. Ich hasste sie dafür, war erstmal untröstlich und sauer, verstand nicht warum und es kotzte mich an, dass wir immer aufs Geld achten mussten. Ich verstand nichts. Also saßen wir, drei andere und ich, im sogenannten „Stützunterricht“ und haben Mathe gelernt, zwei Wochen lang. Usw. usf.

Anschließend zog ich vom Ländlichen in ein etwas größeres Städtchen, nach Heidelberg. Meine Tante lebte dort lange und arbeitete als Erzieherin. Damals, als die GIs noch da waren. Ich verweigerte meinen Wehrdienst und begann ein FSJ in einer ambulanten Wohnbetreuung. Anschließend wurde ich übernommen und arbeitete als Heilerzieher (ungelernt) in einer der Wohngruppen für Menschen mit Schädelhirntraumata, später in der Individualhilfe, Sterbebegleitung usw. Es kam zu massiven Konflikten mit der Geschäftsführung, die ein paar Mitarbeiter_innen und mir vorwarf, dass wir uns gewerkschaftlich betätigten und dass dies in der Diakonie verboten sei, „immerhin sind vor Gott alle gleich“ usw. und so dumm. Ich war fertig, erkrankte erst an einer Depression, kurz darauf an Krebs. Zur gleichen Zeit hing ich immer mehr an der Uni in Heidelberg mit meinen Freund_innen rum. Ich habe es sehr genossen, in der Mensa zu essen, in der Bibliothek zu lesen, mit auf Demos zu gehen, kritische Lesungen, gute Gespräche usw.

Nach meiner Kündigung Ende 2012 fühlte ich mich frei. Zwar machte jetzt das Jobcenter Druck, dennoch konnte ich morgens schwimmen, mittags lesen, abends mit Freund_innen kiffen, saufen, feiern – und über Politik reden. Früher, während meiner Ausbildung waren wir irgendwie alle „Antifa“ – gegen Nazis sein, normal, – das war es aber auch, das war unser „politisch“ sein damals: Nazis jagen. Wir sind durch ganz Süddeutschland gefahren, um „Action“ zu machen. Doch erst in Heidelberg durch meine Freund_innen lernte ich mehr kennen – ich verstand zum ersten mal auch Politik. Ich tat mich schwer, aber begann Marx zu lesen, mit Leselektüre und anderen Hilfsmittelchen. Habe lange gebraucht, um überhaupt etwas zu verstehen. Heute lese ich viel, kann mir mein Leben gar nicht mehr anders vorstellen. Früher habe ich vielleicht ein Buch im Jahr gelesen, die Juice (HipHop-Magazin) und ab und an die Tageszeitung. Heute habe ich zig Abos und komm mit dem Lesen kaum hinterher. Die Lohnarbeit empfinde ich als riesengroße Zeitverschwendung. Auspuffteile und Luftfilter sortieren, lol. Die Arbeit mit und am Menschen, sah ich als etwas sehr Sinnvolles. Die Bedingungen als absolut schrecklich. Das System der Pflege als „Bevormundungssystem“ – bei der Diakonie verbunden mit diesem ständigen christlichen Bullshit: abartig.

Und jetzt?

Mittlerweile bin ich 34 Jahre alt und habe immer noch keinen Studienplatz. Habe nur Nebenjobs und beziehe Hartz-IV. Ich verliere, vor allem in diesem System, langsam aber sicher die Geduld, habe mich wieder beworben, habe wieder Gespräche geführt. War auf Treffen für ein Stipendium, habe mich sowohl über die Hans-Böckler-Stiftung, über die „Aktion Arbeiterkind“ als auch mit mehreren Gesprächen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung beworben. War wieder in Sprechstunden und habe versucht, irgendwo reinzukommen. Nichts.

Jetzt sprechen viele über die „Neue Klassenpolitik“ – über Klassen, über ein Thema, dass irgendwie aus den Köpfen der Menschen verschwand, oder wo behauptet wurde: „Klassen gibt es nicht“, und andere Märchen. Vielleicht hätte ich statt Bücher zu lesen, auf Demos zu gehen, Geflüchteten zu helfen, Abschiebungen zu verhindern, Drogen zu nehmen und Partys zu organisieren, tolle Menschen kennenzulernen und nach Berlin zu ziehen usw. lieber noch eine Ausbildung gemacht, hätte mein Abitur nachgeholt, hätte mich voll ins Zeug gelegt und mich „weitergebildet“ – um dann irgendwann Licht am Ende des „Arbeiter_innenklasse-Tunnels“ zu erblicken und einen Studienplatz zu bekommen? Das ganze Programm neoliberaler Selbstoptimierung durchgezogen anstatt eine Demo für Sinti und Roma zu organisieren oder durchs halbe Land zu tingeln um gegen Nazis zu demonstrieren? Viele meiner Freund_innen sind inzwischen mit dem Studium längst fertig, viele sind inzwischen in ähnlichen Situationen, natürlich nicht alle. Viele stehen mitten im Leben, oder wie meine Mutter immer sagte:  „Willst du nicht auch mal ‚was normales machen?'“. Doch, will ich, auch ich will verreisen, will teilhaben am schönen Leben.

Ich habe mich jetzt für eine Ausbildung zum Erzieher beworben, vielleicht geht es dann weiter, irgendwie. Warum kann ein Mensch mit Berufserfahrung nicht einfach studieren? Gremliza sagte mal in einem Interview, dass er am liebsten gemütlich mit einem Buch, einem Glas Rotwein ein bürgerliches Dasein fristet. Wer will das nicht? Wer will keine Sicherheit, oder Geld für schöne Dinge? Wer will nicht auch mal einfach wegfahren? Oder beim Zahnarzt mal direkt zu bezahlen, anstatt eine Ratenzahlung zu vereinbaren? Die schöne Altbauwohnung im angesagten Kiez ist nicht mal mehr für viele meiner Freund_innen zu erreichen. Viele haben ihren Master in der Tasche, aber keine Perspektive.

Das Schweigen der Privilegierten

So sitze ich in der Mensa, blicke auf eine große Mehrheit der Studierenden, bin neidisch – und es sind meine Beobachtungen und Vermutungen – dass viele dieser Menschen immer auf eine gewisse Art und Weise ruhig, gefasst sind – fast, auf eine unangenehme Art „freundlich-unsympathisch“ – weil zu glatt, zu geschliffen – irgendwie langweilig. Sie wirken wie programmiert, wie einstudiert ihre Bewegungen, ihre Abläufe – sie stehen unweigerlich auf der Gegenseite zu den ganzen kleinen Helfer_innen, die an der Uni in der Küche, Kantine, Speisesaal, Kasse usw. ihre Arbeit verrichten – die immer abgehetzt, gestresst, genervt, müde, depressiv und überarbeitet wirken. Es sind diese fast neofeudalen Verhältnisse, die sich auch an den Universitäten manifestieren. Die „Schwarzen“ putzen die Gänge, die gut situierten Bürgerkinder studieren, sie wissen um Ausbeutung, Entfremdung, Vereinzelung Bescheid, sie sind gebildet, sie erkennen ihr Privileg. Doch das alles ändert im Großen und Ganzen rein gar nichts. Es geht soweit, dass der ärmere Teil der Studierenden – das sind bestimmt einige – dann in solchen Jobs landen wie Foodora, Lieferando usw. ihnen nichts übrig bleibt, als selbst zu kleinen Helfer_innen zu werden. Und dieser Markt der „Billigarbeitskräfte“ ist enorm groß. Wer schon mal im Service war, weiß wie sich eine moderne „Dienerin“ fühlt. So kämpfen selbst um die billigsten Jobs, Menschen aller Klassen. Konkurrenz und Leistungsdruck wird so auf alle verteilt.

Eine „Neue Klassenpolitik“, muss auch anfangen, die Geschichten der Menschen zu verstehen, nicht nur zu erzählen. Es geht um ein gemeinsames Verständnis um ein Klassenbewusstsein. Dass ein Großteil der Menschen da draußen in erster Linie sich selbst sieht, sich selbst pusht, sich selbst weiterbringt – hängt am System, dieses muss mit allen Mitteln aufgebrochen werden. Der Kapitalismus macht uns fertig, die darin existierende bürgerliche Gesellschaft greift immer und immer mehr auf Hilfskräfte zurück, um sich ihren Alltag zu erleichtern. Fast immer sind es Migrant_innen, die irgendwo – meist als Nummer, ohne Namen und Geschichte, irgendwo in diesem „Dienstleistungssektor“ vor sich hin krepieren.

Es wird Zeit, diese Geschichten zu erzählen und Zugänge zu schaffen. Ein besseres Leben für alle ist möglich, wenn wir nur anfangen uns gegenseitig zu verstehen. Leistungsdruck vor einer Klausur ist schlimm. Eine Miete, die eine alleinerziehende Mutter nicht bezahlen kann, eine Katastrophe. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es schon bei einfachen Beispielen schwer ist, so etwas nachzuvollziehen. Vielleicht sehe ich auch einiges falsch, vielleicht bin ich auch sehr gefrustet. Vielleicht erzählen wir uns gegenseitig mehr voneinander, anstatt immer mehr auf Abstand zu gehen. Vielleicht sind das erste Schritte in eine „Neue Klassenpolitik“.

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Wärgernweiß http://ficko-magazin.de/waergernweiss/ http://ficko-magazin.de/waergernweiss/#respond Fri, 23 Feb 2018 17:37:28 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1296 Foto © Detlef Eden

Dieser Beitrag wurde von unserem Gastautor Pierre Sanoussi-Bliss verfasst. Pierre ist Schauspieler, Autor, Regisseur und wohnt in Berlin.  

Ich wär so gern… weiß! Es gibt zum Beispiel vergrippte Tage (sehr früher gab es auch noch Hangover, bei denen meine größte Sonnenbrille zu klein war), an denen ich mich ziemlich hässlich fühle und kaum Lust habe auf die Straße zu gehen, es aber muss, weil mein Magen knurrt, oder die Tabletten alle sind, oder ich denke, daß die Berliner Luft Luft Luft mir gut tut. Dann wünsche ich mich in die deutsche Leithautfarbe. Weiß!

Weiße Camouflage

Ich könnte so besser im Stadtbild zwischen den anderen Menschen verschwinden, ohne von jedem Zweiten gemustert zu werden, tiefenpsychologisch anhand meiner sterblichen Hülle versuchend zu ergründen, ob von mir irgendeine Gefahr ausgeht. Das ist zwar so seit ich denken kann, hat allerdings in letzter Zeit durch die ganze Flüchterei stark zugenommen. Schwarz? Nafri? Gürtel? Bombe? Der Platz neben mir in der vollen S-Bahn besetzt sich als letzter. Wenn ich also aus dem Haus gehe und eh schon grippebedingt scheiße aussehe, kommt weiter die Eitelkeit verletzend dazu, dass ich im Supermarkt munter mitunter von jedem noch so heruntergekommenen Depp offen taxiert werde, der kurz überlegt, ob es grad seine letzte Büchse Ravioli im Korb sein könnte, oder ob sein Geld, in Anbetracht von meinereiner, in Form einer Pulle Kleiner Feigling besser angelegt wäre. Aber für ein freundliches „Na, Alda, wohl ßu lange inne Sonne jelejen“ reicht’s dann doch schon mal noch vor dem Fluchtreflex. Nur mal nebenbei, hätte ich wirklich vor um mich zu bomben, dann würde ich das ausschließlich an Tagen tun, an denen ich gut aussehe und weder verschnupft bin, noch verkatert. Ich trüge Dolce&Gabbana, Gucci, Lagerfeld und alles, was mein Schrank hergibt. Ich ließe mich sogar zu etwas Selbstbräuner für einen strahlenderen Teint hinreißen. Man will ja bei der Auswertung der Videoüberwachung nicht enttäuschen. Schon gar nicht als diplomierter Schauspieler mit Hochschulabschluss.

Einmal in Ruhe (…) können

Was auch großartig wäre, wär ich weiß, ist, mal ein großes Kaufhaus betreten zu können, ohne daß der hauseigene Detektiv sich sofort an mich ranhängt, um in angemessenem Abstand zu mir mit mir die Etagen zu durchstreifen. Als Kind wollte ich immer ohne Mutti einkaufen gehen. Als ich dann endlich alt genug dazu war, kamen, menno, die Detektive. Betreutes Shoppen ein Leben lang. Hab in großen Kaufhäusern übrigens noch nie einen schwarzen Hausdetektiv gesehen (ich spreche nicht von offensichtlicher Security). Wohl zu auffällig. Ist aber ein Denkfehler. Oder würden Sie darauf kommen, dass der Schwarze, der neben Ihnen grade an der teuren Bio-Seife schnüffelt, ein Detektiv ist, wenn Sie den Parfümflakon in Ihre Tasche gleiten lassen? Als ich meine Wohnung vor ca 20 Jahren komplett neu einrichten wollte, erlaubte ich mir feierlich ein überikeales Budget und zog los. Berlin-Mitte hat herrliche Läden, um sein Geld in Form von Schränkchen, Sesseln, Tischen und Schnickschnack verlieren zu könnenswollendürfen. Ich betrat einen der jenen und sofort schwebte mir eine mittelalte Möbelschwuppe (sagt man eigentlich noch „Möbel“?) entgegen, musterte mich und plapperte hölzern: „Ich glaube nicht, daß man Ihnen hier helfen kann“. Ich trug Prada! Lächelnd knurrte ich kurz: „Fick dich“ und ging woanders kaufrauschen. Stunden später betrat ich den Möbelschwuppenladen nochmal und legte Ihmchen Quittungskopien für Möbel in Höhe von 18.000 DM auf den Tisch, die ich an diesem Nachmittag verjubelt hatte. „Hätte dein Umsatz sein können, Froindchen“, sagte ich und verließ den Laden, nicht ohne auf dem Weg nach draußen eine völlig überteuerte Lampe zu begutachten, mitleidig schmunzelnd natürlich und mich ärgernd, hinten keine Augen zu haben, um seine Reaktion sehen zu können. You can’t always get what you want. In weiß passierten mir nicht Sachen solcherart, dass ich mich beim Einchecken im Hotel 5 Minuten total nett mit der Hotellerine unterhalte, um dann auf dem Weg zum Fahrstuhl wie von einem Pfeil mit dem Satz „Und grüßen sie mal die Heidi von mir!“ in den Rücken getroffen zu werden. Nein, ich kenne weder die Klum, noch bin ich Bruce Darnell. Ich heiße nicht wie er und rede nicht wie er, was man in den vergangenen 5 Minuten durchaus beim Ein- auch hätte checken können, während man „Sanoussi-Bliss“ in den Computer tippt. Und ich habe auch keine lebende Handtasche, was ich allerdings in diesem Moment bereue, weil ich mir die spitzen Schreie der Hotellerine vorstelle, die versucht die Louis V von ihrem Hosenbein zu kriegen, in das die sich verbissen hat. Drama, Baby!

Persilweiße deutsche Fernsehlandschaft

Und auch beruflich wäre ich weiß besser dran. Schauen Sie noch deutsches Fernsehen? Ich stelle die Frage nur, weil das 80 Prozent meines Bekanntenkreises, Netflix, Amazon, Maxdome und Sky sei dank, nicht mehr tun. Aber sollten Sie zufällig mal die TV-Home-Taste Ihrer Fernbedienung streifen und im normalen, deutschen Programm landen, dann wundern Sie sich nicht, dass alles ein wenig wie mit Persil gewaschen wirkt: reinweiß. Deutschland 2017 ist diesbezüglich eineeinsame Insel, eine Trutzburg gegen alles, was Redakteure (die heimlichen Caster heutzutage) als „fremd“ empfinden, pupsegal, ob hierzulande auch knapp 2 Millionen Schwarze leben, davon ein Großteil direkt in Deutschland aus befruchteten Negerküssen geschlüpft ist, oder zBsp asiatische Mitbürger bereits in der 3. Generation und voll intergriert ihr Auskommen haben. Im Tv sucht man sie vergeblich in exponierten Rollen. Wer nicht ins deutsche Leitschauspielerbild passt, der darf oft nur vorkommen, wenn sein Anderssein Thema oder Problem des Filmes ist. Einfach so normal geht ja mal gar nicht. Und Obama sind immer die Anderen.

 

„Die ARD hat sich das Ziel gesetzt… die Chancen einer kulturell vielfältigen Gesellschaft glaubwürdig zu vermitteln. In allen relevanten Programmgenres und -formaten sollen Menschen mit Migrationshintergrund als Protagonisten in unterschiedlichsten Lebenslagen, insbesondere außerhalb gebräuchlicher Klischees auftreten.“

 

Das ist aus der „Charta der Vielfalt“ 2007. 2007! Vielleicht schwarzer Humor? Wieder ein Grund weiß sein zu wollen. Mein Mann meint grad, er hätte mich auch in weiß genommen. Heißt das jetzt, er steht gar nicht auf schwarz? Bin verwirrt. Probleme wohin man schaut.

 

Zum Weiterlesen, -schauen und -hören:

Pierre’s Rede (leicht gekürzte) auf dem Integrationsgipfel im Kanzleramt 2006

Der Trailer zu Pierre’s Film „Weiber – Schwestern teilen. Alles.“

Der Song der kleinen Kaulquappe Kauli aus Pierre‘s Hörbuch „Der Nix“

 

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Ihr seid kein Stück besser – Vom Sexismus der Punkszene http://ficko-magazin.de/ihr-seid-kein-stueck-besser-vom-sexismus-der-punkszene/ http://ficko-magazin.de/ihr-seid-kein-stueck-besser-vom-sexismus-der-punkszene/#comments Tue, 20 Feb 2018 11:56:05 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1289 Inhaltshinweis: Sexualisierte Gewalt, selbstverletzendes Verhalten.

Das erste Mal in meinem Leben mit sexuellen Übergriffen konfrontiert wurde ich innerhalb der Punkszene. Ich erinnere mich an ein Exploited-Konzert, auf dem das Publikum ungefähr genauso reaktionär, bräsig, scheiße und stumpf war wie die Band selber, aber mit 15 kannte ich Twisted Chords Records oder Zeitstrafe noch nicht. Mir packte ein wesentlich älterer Mann im Pogo an den Hintern. Nein, nicht heimlich oder verschämt, sondern öffentlich, grinsend, als sei das etwas ganz Normales, als würde er eine Dose Bier öffnen.

Ich hatte damals einen guten Freund, der öfter ungefragt seinen Penis herausholte, damit herumwedelte, einmal einer schlafenden Freundin auf den Kopf legte. Eine damalige Freundin erzählte, dass sie in der WG von zwei Bekannten übernachtet hatte, die nachts begonnen hatten sie sexuell zu belästigen. Sie war damals 14.

Oh, und da war dieser Typ, der Frauen regelmäßig lautstark dazu aufforderte, ihre Brüste zu entblößen. Meine Freund*innen fanden das albern, peinlich, aber niemand hat diesen Mann jemals für seinen stumpfen Sexismus sanktioniert.

Dann war die Vergewaltigung nach irgendeinem schlechten Punkkonzert und die danach noch wochenlang andauernden Anrufe meines Vergewaltigers. Ich hatte ihm meine Telefonnummer gegeben. Ich war 15. Ich hatte keine Ahnung, wie man adäquat damit umgehen sollte, gerade von einem fünf Jahre älteren Typen so lange genötigt worden zu sein bis man irgendwann aufgehört hatte, „Nein“ zu sagen.

Das waren meine persönlichen Erfahrungen, die ich Mitte der 2000er Jahre in der Münchner Deutschpunkszene machen durfte. Strukturell geht das Problem natürlich viel weiter.

In seinen Anfängen zeichnete sich Punk durch einen in der situationistischen Gesellschaftstheorie verwurzelten, verzweifelten Wunsch nach der Negation der Verhältnisse aus. Der revolutionäre Anspruch, der einst Antrieb und Ausdruck von Punk war, manifestiert sich natürlich auch in der Wahrnehmung von Geschlecht und dem weiblichen Körper. Punk war Hohnlachen ins Gesicht der Gesellschaft des kalten Krieges, deren verzweifelter Wunsch in der permanenten Angst vor der atomaren Vernichtung eine Illusion von Normalität aufrecht zu erhalten sich auch am Festklammern an ein tradiertes Geschlechterbild widerspiegelte.

Frühe Bands wie die Slits oder X-Ray Spex (1970er) und später die Riot Grrrls (1990er), Siouxsie, die inzwischen leider vollkommen abgedrehte Nina Hagen brachen sowohl mit den herrschenden Geschlechternormen von Passivität und Fürsorglichkeit, als auch mit der Vorstellung des weiblichen Körpers als Verfügungsgut für männliche Begierde.

Dies manifestierte sich natürlich auch in der Kleidung: zerrissene Strumpfhose, an die SM-Szene erinnernde Nietenhalsbänder, Tütüs in Kombination mit schweren Lederjacken und Springerstiefeln. So hatte man das Leid, unter der patriarchalen Herrschaft gleichzeitig Barbie- als auch Sexpuppe sein zu müssen gleichzeitig subversieren und den potentiellen Tätern vor Augen führen können.

Doch auch damals schon, als Punk noch das Label „Avantgarde“ für sich beanspruchen konnte, sahen sich Frauenpunkbands wie die „Slits“ mit Sexismus konfrontiert, wie Viv Albertine in einem Rolling Stone-Artikel beschreibt.


Von Männern für Männer

Seitdem ist es weniger besser, sondern eher schlimmer geworden. Die Masse des Punkrock, gerade dieser Eiterpickel der sich „Deutschpunk“ nennt, hat jegliche Widersprüchlichkeit und Subversion, den Wunsch nach Negation, die Zerrissenheit und Verzweiflung, der Punk einmal innewohnte und partiell nach wie vor innewohnen kann, vergessen.

Seien es Altmännerbands wie die „Dickies“, die ihr Publikum auf einem Konzert dazu aufforderten, eine junge Frau verbal zu erniedrigen, nachdem diese den Sänger kritisiert hatte. Plattenlabels, die Alben von Bands herausbringen, deren Musik nichts anderes ist als pubertäres Macho-Gehabe. Konzert- und Festivalveranstalter, denen es egaler nicht sein könnte, dass auf ihrer Veranstaltung sexuelle Übergriffe stattfinden.

Als ich 15 war, hatte ich kaum theoretische Ahnung, wie es denn so ist mit dem Geschlechterverhältnis. Zur versierten Feministin wurde ich erst im Laufe der Zeit. Aber schon damals war mir bewusst, dass irgendetwas falsch läuft. Ich wollte nicht das Objekt irgendwelcher männlichen Sexfantasien sein. Ich wollte nicht schön und dünn sein müssen. Ich verabscheute diese Gesellschaft und ihre Vertreter*innen, ich sehnte mich nach einer anderen und besseren Welt, und hatte endlich dieser Subkultur gefunden, in der ich hoffte, dies ausleben zu können. Mit 15 war ich noch ein gutes Stück idealistischer und hoffnungsvoller als ich es heute bin.

Denn auch in dieser Szene schienen Männer irgendwie nicht so begreifen zu können, dass ich eigentlich das Bild von Schönheit und Sexyness dekonstruieren und eben nicht männliches Lustobjekt sein wollte, auch wenn ich es damals nicht so formuliert hätte.

Nun, gerade die deutsche Punkszene hat ihren einstigen Anspruch an den subversiven Ausdruck von Verzweiflung, der in den Achtzigern noch vorhanden war, zugunsten von diffusem Gegröle gegen Bullen oder „die da oben“ aufgegeben. Wer braucht schon Gesellschaftskritik, wenn die nächste lauwarme Dose Öttinger in der Nähe ist?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in meinem damaligen Freundeskreis Feminismus großartig diskutiert wurde. Als ich in einem kleinen DIY-Fanzine mit dem schwer aufrührerischen Namen „Gesprengte Ketten“ (meine ersten journalistischen Gehversuche!) über Sexismus der spanischen Anarchisten und die Mujeres Libres einreichen wollte, warfen mir die Genossen „Männerfeindlichkeit“ vor. In Retrospektive hatte kaum jemand ein Bewusstsein für Sexismus und patriarchale Strukturen. Nun, wir waren Teenager könnte man jetzt sagen. Wir wollten Saufen und irgendwie dagegen sein und waren viel zu sehr in die Wirren der Pubertät verstrickt, um uns mit so komplizierten Dingen wie den Geschlechterverhältnissen zu befassen. Könnte man sagen. Aber wenn man sich nicht mit komplizierten Dingen wie den Geschlechterverhältnissen befasst, passieren all die Dinge, die ich eingangs aufgezählt hatte und die mich bis zur Selbstverletzung hin traumatisierten.


Männliche Ideale, Frauen als Garnitur

Die Männer in dieser Szene hatten, wie die meisten Männer überall auch, keinerlei Interesse daran ihre Machtposition zu reflektieren, sondern stattdessen, wie die meisten Männer überall, diese bewusst oder unbewusst auszunutzen.

Ich war 15. Ich war von meiner Pubertät und meiner eigenen Sexualität gnadenlos überfordert. Verliebtheit und erotisches Begehren, als auch die Erfahrung so etwas hervorrufen zu können, waren aufregend, unbekannt und unheimlich, und natürlich experimentierte ich damit.

Nun, es ist in der Struktur der Verhältnisse verwurzelt, dass Männer ungefestigte weibliche Sexualität ausnutzen, und dem war auch in der Punkszene so. Das, was als Versuch startete den Unwillen Sexobjekt zu sein ästhetisch gebrochen zu vermitteln, entwickelte sich zu dem Zwang, einer gewissen Punk-Erotik zu entsprechen, die inzwischen auch zunehmend im Mainstream fetischisiert wird.

Einhergehend mit Freizeitbeschäftigungen wie Saufen und infantiler Rebellion versuchte man sich von Gleichaltrigen, die man für viel naiver und unbedarfter hielt als eine selbst, abzugrenzen. Sex gehörte dazu. Ich fühlte mich unreif und verunsichert, weil ich mit 15 noch keinen penetrativen Geschlechtsverkehr hatte. Dies führte übrigens dazu, dass mein „erstes Mal“, wie es so schön heißt, mir von einem 21-Jährigen Typen auf einem Festival angetan worden war, der davor Unmengen an Gras mit mir geraucht hatte. Ich war 15.

Was tut man denn nicht alles, um endlich damit prahlen zu können auch Opfer der sexuellen Zurichtung im Patriarchat geworden zu sein. Dass der Typ, der mich „entjungferte“, keinerlei Skrupel hatte eine Minderjährige unter Drogen zu setzen und dann zu ficken, fiel mir erst zehn Jahre später auf. Um mich reif und erwachsen zu fühlen, was ich beim besten Willen nicht war, ich war nämlich 15 und konnte all das, was in mir und um mich herum passierte, weder in Gedanken noch in Worte fassen, ließ ich mich zu Handlungen hinreißen, für die ich vielleicht noch ein oder zwei Jahre Zeit gebraucht hätte. Ich mache mir das nicht zum Vorwurf. Ich mache das den Verhältnissen und denjenigen, die sie an mir vollstreckt haben zum Vorwurf.

Sexualität im Punk war also eine schwierige Sache. Man höre sich alleine nur Lieder im Stil von „Kleines Luder“ von den Wohlstandskindern an.

Ich erlebte eine Atmosphäre, in der die permanente Verfügbarkeit über den weiblichen Körper als Autonomie verkauft wurde, in der Sex genauso unsinnlich war wie eine Bierdusche auf einem Kassierer-Konzert. Erwachsene Männer konnten ohne groß darüber nachdachten sexuelle Machtdiskrepanzen für sich ausnutzten, in dem sie mit verunsicherten jungen Mädchen schliefen.

Die kollektive Vorstellung weiblicher Sexualität bestand aus: „die wollen es ja“, und auch ich selbst glaubte es wollen zu müssen.

Virginie Despentes beschreibt in ihrem Buch „King Kong Theorie“ davon, dass sie und eine Freundin auf dem Rückweg von einem Punkkonzert von drei Männern vergewaltigt wurden. Sie seien, so Despentes, allesamt der Ansicht, dass diese Zeckenschlampen ausnahmslos ohnehin so triebhaft waren, dass man sie gar nicht vergewaltigen konnte. Unsägliche, sich durch eine „Male Gaze“ auszeichnende Verkulturindustrialisierungen des Punks wie der „Chaostage – We are Punks!“-Film aus dem Jahre 2009, der die Exfreundin des Protagonisten als knapp bekleidete Nymphomanin mit Nietengürtel darstellt, tragen zu dieser Wahrnehmung bei, sowohl inner- als auch außerhalb der Szene.

Macht und Angriff

Ich bin heilfroh, dass ich selbst nie auf dem Force Attack war. Ich habe Erzählungen gehört, dass dieses Festival nichts anderes gewesen sein muss als die pure Barbarei für Frauen. Dass mit dem Kommentar „Geile Titten!“ an die Brüste gepackt zu bekommen noch eine nette Form der Begrüßung war. Eine Frau, die dort Security gemacht hatte, erzählte mir, dass ihr Job in erster Linie war zu verhindern, dass männliche Besucher betrunkene Frauen vergewaltigten.

In dieser ganzen bewusst unpolitisch und auf Spaß, der natürlich auch hier der Spaß der Mächtigeren – Männer – war, angelegten Widerlichkeit namens Deutschpunk ist der einstige Anspruch auf Subversion und individuelle Freiheit aufgegeben.

Ich hatte dann auch die Schnauze voll und habe angefangen, Antifa-Arbeit zu machen, feministischen Punk und Riot Grrrl zu hören und mich mit dem Geschlechterverhältnis zu befassen. Ich realisierte für mich, dass Punk „Not just boys‘ fun“ sein muss. Von meinen ehemaligen Deutschpunk-Freund*innen wurde ich verstoßen, weil ich ihnen zu „politisch“ geworden war, ich weine dem bis heute keine Träne mehr nach. Nun, auch in der Antifa-Szene habe ich sexuelle Übergriffe und – wenn auch verschleierten – Sexismus erlebt. Aber man arbeitete zumindest an einem feministischen Bewusstsein. Das ist ein Unterschied um Längen.

Doch auch in der deutschen Punk-Szene gibt es noch Helden: ein Freund erzählte mir von einem Force Attack-Besuch, bei dem ein ihm Unbekannter Männern mit seinen schweren Stahlkappenstiefeln in den Schritt getreten hatte. Seine Motivation muss wohl eher sadistische Willkür gewesen sein, aber auf dem Force Attack ist dieser Akt nichts anderes als Vergewaltigungsprävention.

Dieser Artikel ist dem unbekannten Eiertreter gewidmet.

Wenn VERONIKA KRACHER gerade nicht versucht, den Drahtseilakt zwischen Punkrock und Ideologiekritik zu meistern, publiziert sie für konkret, Jungle World, Titanic und taz, in der Regel irgendwas über Kultur oder Feminismus. 

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Blick nach vorn – zurück? http://ficko-magazin.de/blick-nach-vorn-zurueck/ http://ficko-magazin.de/blick-nach-vorn-zurueck/#respond Fri, 26 Jan 2018 16:00:13 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1253 Dieser Artikel wurde von unserem Gastautor Matthias Heine verfasst. Matthias ist Schauspieler, Regisseur, Leiter des Theaterjugendclubs des Piccolo Theaters Cottbus und stellvertretender Leiter des Piccolo Theaters Cottbus.

 

Wie viel Würdigung, Wertschätzung und Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland muss man als junger Afghane erhalten, um nicht abgeschoben zu werden? Sieben von acht afghanischen, theaterbegeisterten Jugendlichen des Theaterjugendclubs WUNDERBAR aus Minden droht nun die Abschiebung.

„Blick nach vorn“ hieß ihr Jugendclubstück, also ein Theaterstück von Jugendlichen für Jugendliche, das mich beim „Theatertreffen der Jugend“ (Berliner Festspiele) nachhaltig beeindruckt hat. Ich arbeite selbst als Theaterpädagoge und mein eigener Theaterjugendclub vom Piccolo Theater in Cottbus war auch auf diesem Festival eingeladen. Mit der Mindener Gruppe verbrachten wir eine intensive Festivalwoche.

Das „Theatertreffen der Jugend“ ist der Bundeswettbewerb der Berliner Festspiele und ist neben dem „Bundestreffen der Jugendclubs an Theatern“ das wichtigste Festival für das Theater mit jugendlichen Spielerinnen und Spielern. Gefördert wird das Festival vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sehr viel Bund, sehr viel Jugend, sehr viel Theater, sehr viel gut.

Die kleinste Maske der Welt

„Blick nach vorn“ hat uns im Sommer umgehauen. Zehn jugendliche Spielerinnen und Spieler zeigten ein berührendes Clownstheater und thematisierten dabei ihre Erfahrungen von Flucht, Ankunft und ihre Hoffnungen für die Zukunft. Mitten im Gesicht – die kleinste Maske der Welt. Und ob man vorher Clowns nun mochte oder nicht – diese mag man nachher. In dem Spiel machen sich die Akteure in einem Boot auf einen Weg. Auf hoher See zieht ein Sturm auf. Panisch klammern sich die Clowns aneinander und überleben wie durch ein Wunder. Sie rudern auf ein ihnen unbekanntes Land zu. Skurrile Begegnungen mit Menschen und neue Situationen lassen die Clowns staunen und lernen.

Das Ganze kommt so leicht daher, dass es uns den Atem stocken lässt. Vor allem, weil sie uns ihre wirklichen, ihre echten Erfahrungen mit Krieg, Tod und Zerstörung vorenthalten, oder besser übersetzen. Weil sie uns nur zeigen, was wir verstehen. Und doch sitzt der Krieg allgegenwärtig, wie ein still gaffendes Monstrum auf dieser Bühne, ohne dass er uns wirklich zugemutet wird. Es ist, als würden sie versuchen, unsere Sprache zu sprechen. Das Publikum reißt es aus den Sitzen.

Auf dem Festival, in den Workshops und in den Aufführungsgesprächen erlebte ich die Gruppe offen, herzlich, witzig, also sehr angenehm. Ich habe mich sehr über die Entscheidung der Bundesjury gefreut und wünschte mir noch mehr Öffentlichkeit für diese Produktion. Die bekamen sie.

Bundesweite Erfolge

Die Gruppe aus Minden schaffte es außerdem in die Auswahl des 27. „Bundestreffens Jugendclubs an Theatern“ in Bremen, wo wir das Vergnügen hatten, sie wieder zu treffen und eine weitere intensive Woche mit den acht Afghanen und den zwei deutschen Jugendlichen zu verbringen. Das Bundestreffen wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Wieder traten unsere Clowns auf und verzauberten das Publikum, das ihnen wieder mit stehenden Ovationen und auch Tränen in den Augen dankte. Denn sehr bewegend ist vor allem der Schluss des Stückes. Die Clowns setzen sich an die Rampe und nehmen ihre Nasen ab. Dann ist eine Collage aus Audioeinspielern zu hören, die sie selbst eingesprochen haben. Ihre Wünsche und Vorstellungen für die Zukunft. Eine Zukunft in Deutschland, eine Zukunft auch für ihre Familien, in Würde, in Frieden. Der ganze Saal schweigt und hört und sieht und versteht.

In der letzten Woche hat die Gruppe einen weiteren, einen dritten Bundeswettbewerb gewonnen. Wieder fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Wieder wurden sie beklatscht, wurden bestaunt, wurden als beispielhaft geehrt. Die schönen Gruppenfotos mit Politiker*innen findet man auf den Webseiten der Ministerien. Sieben der acht jungen Afghanen hatten zur selben Zeit schon ihre Abschiebebescheide in den Briefkästen. Sie wussten schon, dass sie nicht bleiben dürfen, als Sie sich in Berlin zum letzten Mal an die Bühnenkante gesetzt haben, um sich ihre eigenen zerplatzten Hoffnungen anzuhören und dabei von einem gerührten deutschen Publikum angeschaut zu werden. Was für eine Situation. Das geht nicht!

Der Vorhang fällt, die Abschiebung droht

Etwa zur gleichen Zeit halten Vertreter der frisch gewählten rechtsextremen Partei im deutschen Bundestag die ersten Reden. Ein alter Mann im braunen Sakko sagt:

Und nun, Frau Verteidigungsministerin, wollen Sie erneut deutsche Soldaten zur Staatensicherung nach Afghanistan schicken, während afghanische Flüchtlinge auf dem Kudamm Kaffee trinken, anstatt beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen.

Danach macht er eine Pause, wie um eine Pointe durchzulassen, schaut über seine Brille hinweg in das Auditorium und schiebt die Unterlippe über die Oberlippe. Der rechte Flügel johlt und jubelt. Der alte Mann ist bei dieser Bemerkung weit, weit weg von Wahrhaftigkeit und, ich denke, er weiß das auch.

Diese zynische Bemerkung wäre vielleicht nicht, wie ein Kalauer, aus seinem Mund gerutscht, hätte er sich beispielsweise einmal ernsthaft mit einem der jungen Spieler aus Minden unterhalten. Hätte er sie erlebt. Er hätte etwas über ihre Situation, über Fluchtgründe, über ihr Einzelschicksal und die Situation in ihrem Heimatland erfahren können, anstatt sich wieder und wieder niedrigsten Ressentiment hinzugeben.

Belall, Nabiullah, Ali, Mustafa, Helall, Emal und Pirooz werden uns, so wie es aussieht, bald keine Auskunft mehr geben können. Die rote Nase ist ab. Das Spiel naiv und vorbei. Die Wirklichkeit in unserem Land ist brutal und durchsetzt mit doppelter Moral. Sie pervertiert sich täglich auf den verschiedensten Ebenen selbst. Dazu braucht es keine schwarz+gelbe oder braune+blaue Regierung. Das schaffen auch Ministerien in roter Verantwortung.

Der Mindener „Blick nach vorn“ bleibt eine mit Preisen bedachte Utopie im Theaterspiel und damit ein trauriges Sinnbild, wie ein „atmender Rahmen“ oder „Obergrenzen für Grundrechte“. Natürlich werden wir zusammen mit den Jugendlichen der deutschen Theaterjugendclubszene versuchen unsere Freunde zu unterstützen und eine Öffentlichkeit für sie herzustellen. Ob das eine rechtlich wirksame Abschiebung verhindert? Wir werden sehen, wie ein Blick nach vorn aussieht in Deutschland.

Und doch steht so am Ende der Versuch. Dann ist’s nicht ganz so finster.
Happy New Year!

 

Zum Weiterlesen:

Die Petition, die Matthias ins Leben gerufen hat, um die erneute Begutachtung der Asylanträge und ein Bleiberecht für die jungen TheaterspielerInnen aus Afghanistan zu erwirken

Die Internetseite des „Theatertreffen der Jugend (Berliner Festspiele)“

Alle Informationen zum diesjährigen Bundestreffen „Jugendclubs an Theater“

Wer sich jetzt fragt, was in Cottbus noch so alles geht, möge z.B. Cottbus Nazifrei  anschauen, ein „Netzwerk von Initiativen, Organisationen, Bewegungen und Einzelpersonen. (…) Ziele sind, Rassismus in Cottbus den öffentlichen Raum zu nehmen, Aufmärsche von Neonazis und Rechtspopulist*innen zu verhindern, den gesellschaftlichen Alltag in Cottbus antifaschistisch zu begleiten und mit positiven Alternativen und Lebensentwürfen ins öffentliche Bewusstsein hineinzuwirken.“

 

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Interview mit der „Oury-Jalloh-Stadt Dessau“ http://ficko-magazin.de/interview-mit-der-oury-jalloh-stadt-dessau/ http://ficko-magazin.de/interview-mit-der-oury-jalloh-stadt-dessau/#respond Tue, 09 Jan 2018 16:25:39 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1242 Einen Tag vor dem diesjährigen 13. Todestag von Oury Jalloh, der am 7.1.2005 in einer Polizeizelle in Dessau, Sachsen-Anhalt verbrannte und nach momentanem Kenntnisstand der unabhängigen Ermittlungen von Polizisten ermordet wurde, tauchten via Twitter Fotos aus Dessau und Umgebung auf. Über den Account „Oury-Jalloh-Stadt Dessau“ wurde im Rahmen eines Stadtmarketingplans verlautbart, dass die rassistischen Morde nun untrennbar mit der Geschichte der Stadt und des Landes Sachsen-Anhalt verbunden sind. Wer an Dessau denkt, denkt an Mord durch Polizisten und staatliche Vertuschungsversuche.

Mit den Menschen hinter der Kampagne konnte FICKO ein Interview führen, das nun vorliegt.

Wie kam es zu der Idee, auf eigene zivilcouragierte Initiative von der Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen und etwas zur Demokratisierung Deutschlands beizutragen?

Auch Dessau hat jene braunen „touristischen Unterrichtungstafeln“ an der Autobahn stehen, auf denen das Bauhaus Dessau gewürdigt wird. Beim Vorbeifahren ist uns schon sehr oft der Gedanke gekommen, dass zwar Dessau für das Bauhaus bekannt ist, uns aber immer das große Rätsel um den Todesfall Oury Jalloh einfällt. Darauf in Form eines eigenen Motivs hinzuweisen, fanden wir im Angesicht der jüngsten medialen Dynamiken und des 13. Jahrestages sehr passend. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es sich nach derzeitiger Sachlage ja eigentlich um ein Wunder handeln muss.

Wollt ihr etwas über die Durchführung sagen oder würde das zukünftige Aktionen gefährden?

Die Durchführung stellte uns vor keine größeren Probleme, aber sie benötigte eine mehrwöchige Planung. Vor allem die Anbringung des Plakats direkt vor dem Polizeirevier stand unter dem Motto: Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Uns war allerdings auch klar, dass die Plakate wahrscheinlich nicht lange hängen werden. Verschiedene Akteur*innen – wie Polizei, Autobahnmeisterei, und rechte Gruppen, die ja gern auch mal selbst aktiv werden – würden für die Entfernung Sorge tragen. Daher haben wir umgehend Fotos gemacht und im Netz verbreitet.

Wie waren die Reaktionen?

Wir waren überrascht, wie gut die Aktion angekommen ist. Nicht nur hat die Oury-Jalloh-Inititative, deren sehr wichtige Arbeit wir supporten wollten, die Plakatierung positiv gesehen. Auch Medien wie Bento haben sie als willkommenen Kommunikationsanlass genutzt, um über die Hintergründe des Todesfalles zu berichten. Wir sehen die Aktion als einen Beitrag unter vielen, der die Aufklärung des Falles und seine öffentliche Aufarbeitung fordert.

Hattet ihr schon einmal das Handbuch der Kommunikationsguerilla in der Hand?

Ja, selbstverständlich. Das ausführende Kollektiv hat auch schon früher zahlreiche Erfahrung im Bereich der Kommunikationsguerilla gemacht. Wir können auch für das weiterführende Studium jener, die an solchen Aktionen Gefallen finden und so etwas selber machen wollen, das Werk von Christoph Schlingensief, Konrad Kujau, Silke Wagner, den Guerilla Girls, der Front Deutscher Äpfel und des BRIMBORIA-Instituts anempfehlen.

Was sind die wichtigsten Tipps, die ihr den vielen Gruppen, die euch folgen werden, mit auf den Weg geben würdet?

Unser Tipp: sich nicht von der Umsetzung einer Idee abhalten lassen, weil juristische Gefahren drohen. Die sind manchmal geringer als sie erscheinen. Die Mittel, die zur Durchführung nötig waren, finden sich im Internet. Also fürchtet euch nicht, es gibt viele Schilder da draußen, die einer Generalüberholung bedürften.

Letztlich hoffen wir, dass die Aufmerksamkeit auf den Fall Oury Jalloh Früchte trägt. Daher auch an die Staatsanwaltschaft Naumburg, die jüngst den Fall neu aufgenommen hat: Wir behalten die Entwicklungen im Auge!

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Fakten Fakten Fakten – Eine Artikelreihe zu Vergewaltigungsmythen http://ficko-magazin.de/fakten-fakten-fakten-eine-artikelreihe-zu-vergewaltigungsmythen/ http://ficko-magazin.de/fakten-fakten-fakten-eine-artikelreihe-zu-vergewaltigungsmythen/#respond Sat, 06 Jan 2018 17:07:19 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1215 Ich habe letztes Jahr einen Artikel darüber geschrieben, dass ich Grapschern auf die Fresse haue und warum ich das wärmstens weiterempfehlen kann. Im Großen und Ganzen waren die Reaktionen auf diesen Text sehr positiv. Ich bin zwei Wochen mit überheblichem Blick durch die imaginären FICKO-Redaktionsräume gesteuert und habe auf Fragen jeglicher Art nur mit einem herablassenden „Pfffff“ geantwortet. Einige Kommentare waren hingegen auch… naja, sagen wir mal, eher so mittel. Neben dem üblichen „Die-Bitch-soll-die-Fresse-halten“ und „Hat-hier-etwa-wer-Gewalt-verherrlicht!?!“ kamen Kommentare, die mir als Psychologin mit Hang zum Katastrophisieren besonders sauer aufgestoßen sind. Diese Kommentare stützen sich auf Annahmen über sexualisierte Übergriffe, die zwar weit verbreitet sind, aber schlichtweg nicht stimmen. Dazu zählen so Klassiker wie „Wenn die bitchy Klamotten trägt, selber schuld“ und „Falschbeschuldigungen sind das zentrale Problem, wenn es um sexualisierte Gewalt geht“. Da ich ziemlich ausführlich zu genau diesem Thema geforscht habe, kriege ich regelmäßig einen Fön, wenn ich sowas lese, weil beides wissenschaftlich betrachtet – surprise! – Quatsch mit Soße ist. Tonnenweise, in Jahrzehnten angehäufte sozialpsychologische Forschung zeigt, dass solche Annahmen Täter schützen und verschleiern, wie verbreitet sexualisierte Gewalt ist. Damit sind sie ein großer Teil des Problems, wie mit sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft umgegangen wird. Solche Kommentare kommen dabei nicht nur von Leuten, die noch nie etwas vom Patriarchat gehört haben, sondern auch von solchen, die es eigentlich besser wissen könnten.

Feministische Ideologie: My Ass!

Deshalb starte ich eine Artikelreihe, in der ich einzelne falsche Annahmen in Bezug auf sexualisierte Gewalt und insbesondere Vergewaltigungen darstelle und anhand sozialpsychologischer Forschungsergebnisse widerlege. Das soll zum einen dazu dienen, dass die, die sich schon länger mit dem Thema befassen, wissenschaftlich belegtes Argumentationsmaterial an die Hand bekommen. Zum anderen will ich damit den Leuten, die einigermaßen cool drauf sind, aber noch nicht viel von dem Thema gehört haben, erklären, wie sexualisierte Gewalt wahrgenommen und bewertet wird und wo die eigenen Einstellungen möglicherweise eher auf sexistischen Mythen als auf Fakten beruhen. Ich werde dabei auf möglichst viele fehlerhafte Argumentationsmuster eingehen, die unter anderem darauf Bezug nehmen, dass Gegenrede „feministische Ideologie“ sei. In dieser Debatte stehen sich nämlich nicht etwa zwei unterschiedliche „Meinungen“ gegenüber, sondern falsche, sexistische Annahmen und wissenschaftlich fundierte Tatsachen (Kurz: Feministische Ideologie, MY ASS!).

Bevor ich das sozialpsychologische Studienergebnisfeuerwerk zünde, erkläre ich noch schnell zwei Grundbegriffe der Auseinandersetzung: Victim Blaming und die schon erwähnten Vergewaltigungsmythen. Hornbrillen raus, Bleistifte gespitzt, es geht los:

Sozialpsychologische Forschung beschäftigt sich wie gesagt seit Jahrzehnten mit der Frage, wie und warum Beobachter_innen den Opfern und Tätern Schuld für sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen zuschreiben. Konkret geht es dabei um die Frage: In welchem Verhältnis teilen Beobachter_innen die Verantwortung auf Opfer und Täter auf, wenn es um sexualisierte Gewalt geht, und was beeinflusst diese Aufteilung von Verantwortung?

Victim Blaming und Vergewaltigungsmythen

Dabei zeigte sich ganz generell, dass den Opfern immer auch ein gewisses Maß an Schuld zugeschrieben wird (z.B. Bohner, 1998; van der Bruggen & Grubb, 2014). Dieses Phänomen wird in der sozialpsychologischen Fachliteratur als „Victim Blaming“ bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass den Tätern keinerlei Schuld zugesprochen wird. Im Gegenteil, in Studien zeigte sich das Muster, dass Tätern in der Regel mehr Schuld zugesprochen wird als Opfern, dennoch werden letztere so gut wie immer auch beschuldigt (z.B. Strömwall, Landström, & Alfredsson, 2014). Das Ausmaß, in dem diese Schuldzuschreibung auf Täter und Opfer abläuft, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, die ebenfalls in einem Mount Everest von Studien untersucht wurden (Anderson, Cooper, & Okamura, 1997; Grubb & Turner, 2012; van der Bruggen & Grubb, 2014). Im Wesentlichen grasen diese Studien verschiedene Vergewaltigungsmythen ab. Vergewaltigungsmythen sind gesellschaftlich verbreitete Annahmen darüber, wie sexualisierte Übergriffe ablaufen, wie sich Täter und Opfer verhalten, was Risikosituationen sind. Sie beinhalten insbesondere Aussagen darüber, wie eine „typische“ Vergewaltigung abläuft, was ihr vorangeht und was ihre Konsequenzen sind sowie was „typische“ Täter und Opfer charakterisiert (z.B. Gerger, Kley, Bohner, & Siebler, 2007; Temkin & Krahé, 2008; Vonderhaar & Carmody, 2015). Der Begriff geht auf Martha Burt zurück, die in den 1980er Jahren Vergewaltigungsmythen als „prejudicial, stereotyped, or false beliefs about rape, rape victims, and rapists“ (Burt, 1980, S. 217) beschrieb und somit die Grundlage für die Forschung zur Verbreitung und zum Einfluss falscher Annahmen über Vergewaltigungen legte.

Der typische Vergewaltiger ist nicht der unbekannte Mann im Park.

Mit diesen in Vergewaltigungsmythen angelegten Annahmen werden dann konkrete Fälle „abgeglichen“ und ein Urteil über Schuldigkeit der Beteiligten gefällt. Ein Vergewaltigungsmythos ist zum Beispiel das Bild des fremden, psychisch kranken Mannes, der im dunklen Park aus dem Gebüsch springt und eine „anständig“ gekleidete Frau anfällt und gewaltsam überwältigt (siehe hierzu: Estrich, 1987; Temkin & Krahé, 2008). Diesem Bild entsprechen tatsächlich eine verschwindend geringe Zahl von sexualisierten Übergriffen, so wird über die Hälfte aller Vergewaltigungen von Partnern und Ex-Partnern von Opfern begangen (García-Moreno u. a., 2013; Vereinte Nationen, 2010). Berichtet nun eine Frau, dass ihr Freund sie vergewaltigt hat, werden Menschen, die sehr stark der Überzeugung sind, dass Vergewaltiger immer fremde, gewalttätige Männer sind, eher davon ausgehen, dass die Frau lügt anstatt ihr zu glauben und damit die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. So zeigen Studien, dass Menschen, die Vergewaltigungsmythen stärker zustimmen auch dazu tendieren Täter zu entlasten, stärkeres Victim Blaming zu betreiben und auch die Schwere von Taten zu relativieren (z.B. Basow & Minieri, 2011, S. 491; Kopper, 1996, S. 85-90).

Mit dieser Reihe möchte ich Fakten und Zahlen liefern, die dazu beitragen, dass Leute genau das tun: Die eigenen Überzeugungen, die im Patriarchat Täter schützen und das Ausmaß des Problems mit sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen verschleiern, anhand von Fakten zu hinterfragen. Wie viele Falschbeschuldigungen gibt es eigentlich statistisch gesehen? Wie viele Vergewaltigungen werden eigentlich überhaupt angezeigt? Wieso beschuldigen sich Opfer stark selbst nachdem sie sexualisierte Gewalt erfahren haben? Auf diese Fragen werde ich Antworten geben, damit sie in Zukunft weniger anhand von Bauchgefühlen, sondern mithilfe von Wissen beantwortet werden.

 

Quellen:

Anderson, K. B., Cooper, H., & Okamura, L. (1997). Individual Differences and Attitudes Toward Rape: A Meta-Analytic Review. Personality and Social Psychology Bulletin, 23(3), 295–315. https://doi.org/10.1177/0146167297233008

Basow, S. A., & Minieri, A. (2011). „You Owe Me“: Effects of Date Cost, Who Pays, Participant Gender, and Rape Myth Beliefs on Perceptions of Rape. Journal of Interpersonal Violence, 26(3), 479–497. doi:10.1177/0886260510363421

Bohner, G. (1998). Vergewaltigungsmythen: sozialpsychologische Untersuchungen über täterentlastende und opferfeindliche Überzeugungen im Bereich sexueller Gewalt. Landau: Empirische Pädag. e.V.

Burt, M. R. (1980). Cultural Myths and Supports for Rape. Journal of Personality and Social Psychology, 38(2), 217–230. https://doi.org/10.1037/0022-3514.38.2.217

Estrich, S. (1987). Real Rape. Cambridge, Mass.: Harvard Univ. Press.

García-Moreno, C., Pallitto, C., Devries, K., Stöckl, H., Watts, C., & Abrahams, N. (2013). Global and Regional Estimates of Violence against Women: Prevalence and Health Effects of Intimate Partner Violence and Non-Partner Sexual Violence. Geneva, Switzerland: World Health Organization.

Gerger, H., Kley, H., Bohner, G., & Siebler, F. (2007). The Acceptance of Modern Myths about Sexual Aggression Scale: Development and Validation in German and English. Aggressive Behavior, 33(5), 422–440. https://doi.org/10.1002/ab.20195

Grubb, A., & Turner, E. (2012). Attribution of Blame in Rape Cases: A Review of the Impact of Rape Myth Acceptance, Gender Role Conformity and Substance Use on Victim Blaming. Aggression and Violent Behavior, 17(5), 443–452. https://doi.org/10.1016/j.avb.2012.06.002

Kopper, B. A. (1996). Gender, Gender Identity, Rape Myth Acceptance, and Time of Initial Resistance on the Perception of Acquaintance Rape Blame and Avoidability. Sex Roles, 34(1–2), 81–93. doi:10.1007/BF01544797

Strömwall, L. A., Landström, S., & Alfredsson, H. (2014). Perpetrator Characteristics and Blame Attributions in a Stranger Rape Situation. The European Journal of Psychology Applied to Legal Context, 6(2), 63–67. https://doi.org/10.1016/j.ejpal.2014.06.002

Temkin, J., & Krahé, B. (2008). Sexual Assault and the Justice Gap: a Question of Attitude. Oxford ; Portland, Or: Hart.

van der Bruggen, M., & Grubb, A. (2014). A Review of the Literature Relating to Rape Victim Blaming: An Analysis of the Impact of Observer and Victim Characteristics on Attribution of Blame in Rape Cases. Aggression and Violent Behavior, 19(5), 523–531. https://doi.org/10.1016/j.avb.2014.07.008

Vereinte Nationen (Hrsg.). (2010). The World’s Women 2010: Trends and Statistics. New York, NY: United Nations.

Vonderhaar, R. L., & Carmody, D. C. (2015). There Are No „Innocent Victims“: The Influence of Just World Beliefs and Prior Victimization on Rape Myth Acceptance. Journal of Interpersonal Violence, 30(10), 1615–1632. https://doi.org/10.1177/0886260514549196

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Ab sofort ein Mal im Monat FICKO-Salon – Erster Termin am 11. Januar http://ficko-magazin.de/ab-sofort-ein-mal-im-monat-ficko-salon-erster-termin-am-11-januar/ http://ficko-magazin.de/ab-sofort-ein-mal-im-monat-ficko-salon-erster-termin-am-11-januar/#respond Thu, 04 Jan 2018 23:53:14 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1212 Liebe Gemeinde,

eine Meldung in eigener Sache sei hiermit an die Tür genagelt: Das extrem adjektive FICKO-Magazin beginnt nun endlich einmal, auch offline richtige Wurzeln zu schlagen. Weil es da voll gut ist, werden wir ab sofort monatlich im Ori in Neukölln (Friedelstraße 8, Nähe Hermannplatz) den FICKO-Salon abhalten. Dort sollen ohne riesigen Aufschlag kleinere, äh, Events stattfinden. Wir machen alles mögliche, was uns gerade so passt, was uns interessiert und was wir gut finden.

Am Donnerstag, den 11. Januar um 20 Uhr findet der erste Salon statt. Weil das total sinnvoll ist, werden wir dort ein wenig FICKO vorstellen. Sehr gut strukturiert, mit einem historischen Abriss und der aktuellen Lage sowie einer gesonderten Vorstellung unseres Satelliten „Nein zum Polizeistaat„, PowerPoint und verschiedenen Speaker_innen!

Die nächsten Termine sind Do., 8.2. und Do., 15.3.

Neben dem inhaltlichen Input ist das Ganze auch als Vernetzungsparty gedacht. Wer schon immer mal mit der Kommentarspalte einen heben wollte, uns Kuchen und andere Wertgegenstände schenken möchte oder sich einfach so mega gern in der Gegenwart von mysteriös, unnahbaren sexy Szenegrößen tummelt, ist genau dann an der richtigen Stelle!

Facebook behauptet, dass über 500 Leute an dieser Veranstaltung Interesse haben. In den Raum passen 40. Es könnte also irgendwie sein, dass nicht allen Bedürfnissen gerecht werden wird. Wir werden uns aber bemühen.

Das wird schön, bis bald!

Eure Lieblingsredaktion

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Die guten Secus – Warum wir immer noch Awareness-Teams brauchen http://ficko-magazin.de/die-guten-secus-warum-wir-immer-noch-awareness-teams-brauchen/ http://ficko-magazin.de/die-guten-secus-warum-wir-immer-noch-awareness-teams-brauchen/#respond Mon, 13 Nov 2017 18:12:29 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1200 Dieser Beitrag wurde von unserer Gastautorin Paula Irmschler verfasst. Sie kommt aus Ostdeutschland, wohnt in Köln, arbeitet in Clubs und schreibt u.a. für „Neues Deutschland“

„Wenn du Stress mit jemandem hast, melde dich doch einfach bei der Security, die ist gut genug ausgebildet für solche Sachen“ – so ungefähr lautet ein gängiger Vorschlag von Leuten für den Umgang mit sexuellen Übergriffen, denen Awareness-Teams zuwider sind, die feministische Bestrebungen für den Schutz von Frauen auf Partys übertrieben finden und die gendersensible Sicherheits-Konzepte für Hokuspokus halten.

Ich arbeite seit drei Jahren im Nachtleben, in verschiedenen Clubs, deren Security sich als „links“ oder zumindest „weltoffen“ begreift. Das ist nur eine kleine Auswahl von dem, was ich in nahezu jeder Schicht gehört oder erlebt habe.

(Content-Warnung: Relativierung sexueller Gewalt)

  • Eine Frau beschwert sich bei dem Türsteher, weil sie im Club verfolgt und angefasst wird. Der Türsteher sagt: „Du nimmst doch jedes Wochenende einen mit, warum willst du bei dem jetzt eine Ausnahmen machen?“

  • Ein Mann, der mich nachts nach einer Schicht auf meinem Heimweg verfolgt und fast in einen Busch gezogen hat, taucht erneut im Laden auf. Ich sage zu dem Türsteher, dass er bitte sofort verschwinden soll, er habe mir etwas antun wollen. „Noch hat er ja nichts gemacht an diesem Abend“, entgegnete dieser – damit war das Thema erledigt.

  • Ein Mann beschwert sich, weil niemand mit ihm flirten mag. Der Türsteher erklärt ihm: „Das musst du verstehen, die deutschen Mädels haben eher einen Stock im Arsch. Versuch es einfach weiter.“

  • Ein weiblicher Gast beschwert sich bei mir, weil sie gehört hat, wie ein Türsteher mit seinem Kollegen „gewitzelt“ hat: „Na, du magst die Frauen wie die Polizei, oder? Grün und blau!“

  • Türsteher sagt zu mir: „Ich verstehe bei manchen Frauen die Angst vor k.O.-Tropfen echt nicht. Da sind oft welche dabei, die ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde.“ Auf meine Frage, wie er denn wissen könne, welches Aussehen eine Frau haben muss, um Betroffene einer sexuellen Gewalttat zu werden, entgegnet er, er könne sich ja nicht in Vergewaltiger hineinversetzen. Tja, er kann Frauen zumindest in vergewaltigbar und nicht vergewaltigbar einteilen. Also genau das, was Vergewaltiger tun.

  • Türsteher zeigen sich an der Tür geleakte, sprich unautorisierte, sprich private Bilder von weiblichen Berühmtheiten, verschaffen sich also ungefragt Zugang zum Körper einer Person.

  • Plus unzählige Kommentare zum Äußeren der weiblichen Gäste, über das Benutzen von Pfefferspray und unangebrachte Tipps im Umgang mit Tätern und Relativierungen des Erlebten beziehungsweise Nichternstnehmen.

Also fragt Frauen noch einmal, warum sie sich bei Belästigungen nicht an die Security wenden. Oder fragt endlich Türsteher, wann sie mal checken, dass Frauen wie Menschen zu behandeln zu ihrem Job gehört. Solange das nicht angekommen ist, muss es eben Awareness-Teams geben.

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Vernichtungswünsche in der Berliner U5 http://ficko-magazin.de/vernichtungswuensche-in-der-berliner-u5/ http://ficko-magazin.de/vernichtungswuensche-in-der-berliner-u5/#respond Thu, 09 Nov 2017 12:40:37 +0000 http://ficko-magazin.de/?p=1193 Mein Freund Farid​ hat eine von etlichen Begegnungen mit dem deutschen Rassismus aufgeschrieben. Wir hatten den Text auf facebook geteilt, aber das sollte dort nicht versinken. Denn damit endlich mal flächendeckend etwas gegen den rassistischen Normalzustand in Deutschland getan wird, muss es überhaupt ein ausreichend großes, umfassendes Bewusstsein für das Problem geben, gerade auch von Menschen, die denken, es gäbe „sowas in Deutschland nicht“. Auch Leute, die nicht täglich beleidigt und bedroht werden, müssen sich endlich damit befassen, damit die Basis für ein Zurückdrängen dieser letztlich vernichtenden Ideen möglich wird. Das tun immer noch zu wenige. Hier ist eine Möglichkeit, das zu ändern.

„Ich wollte das eigentlich nicht posten, weil ich Sachen, die mich persönlich betreffen, eigentlich keinem auf die Nase binde, ist einfach nicht so meine Art. Ich mach’s nach ca. 3 Wochen jetzt trotzdem, weil ich mir denke, dass das vielleicht dazu beiträgt, dass die Leute, auch die guten, sich weniger einreden, dass die Fälle sich nicht häufen würden und das eigentlich noch alles soweit okay ist. Ich meine das nicht, weil es mir passiert ist, sondern weil alles dafür spricht, dass es immer öfter, vor allem aber immer offener, mit mehr Selbstbewusstsein, mit weniger Gegenwehr geschieht. Ein Umstand, der was die Förderung eines gesellschaftlichen Klimas angeht, in dem dann noch ganz andere Sachen möglich sind, Anlass zu Besorgnis und Wachsamkeit geben sollte.

Vor einer Woche bin ich auf dem Weg zur Bibliothek in die U5 gestiegen, an der Station Samariterstr Richtung Alexanderplatz. Die Bahn war recht voll und es waren nur noch enge Zwischensitze in langen Sitzreihen frei und ein Sitz, der zu einer isoliert stehenden, separat runterklappbaren 2er-Sitzreihe gehört hat. In schneller Überlegung dachte ich mir, dass es platztechnisch/beinfreiheitsmäßig für alle Beteiligten das angenehmste sei, ich setze mich auch den freien Platz der runterklappbaren 2erreihe (der Sitz war auch schon unten). Auf dem anderen Sitz saß ein große, weißhaarige blauäugige Frau Ende 50 Anfang 60 mit einem offenen Buch in der Hand. Auf der entsprechenden 2er Sitzreihe gegenüber saßen 2 blonde Jungs um die 17/18, direkt neben uns standen 2 schwarze Jungs um die 17/18.

Direkt, als ich Platz genommen hatte, drehte sich die Frau mit einem eiskalten Blick zu mir um und meinte: „Es sind noch andere Plätze frei.“ Ungläubig, perplex und mit dunkler Vorahnung auf das, was gleich folgen würde, fragte ich freundlich „Wie bitte?“ Sie darauf: „Warum setzt du dich neben mich? Das ist mein Land. Ich will nicht, dass so jemand wie du neben mir sitzt.“ Leute fangen an zu gucken. Ich: „Nun, wissen Sie, mir scheint, als sei das einzig und allein Ihr Problem, und wie sie bereits treffenderweise bemerkt haben; es sind noch andere Plätze frei. Es hindert sie also niemand daran, sich umzusetzen.“ Sie: „Ja du bist n ganz Schlauer was, du armer brauner Wicht.“ Ich: „Die einzige Person ,die mir ein brauner Wicht zu sein scheint, sind Sie“ – Die beiden blonden Jungs gegenüber lachen lautstark, andere schmunzeln, einige scheinen mich für das Problem zu halten.

Einer der beiden schwarzen Jungs sagt „Lass es, das ist es nicht wert.“ Ich sage ihm, dass es das sehr wohl wert sei und dass ich mit niemandem ein Problem habe, aber anscheinend jemand mit mir. Mittlerweile blitzen ihre Augen vor Hass. Sie: „Wo kommst du kleiner Wicht überhaupt her?“ Ich: „Ich bin Deutscher, nicht dass sie das was anginge.“ Sie: „Ja ach komm, kuck dich doch ma an. Und deine Eltern?“ Ich: „Die sind ebenfalls Deutsche.“ Sie: „Ja klar, auf dem Papier du…“

An dieser Stelle fing sie an, mich in fremden Zungen zu beschimpfen, ich bin mir aber zu 90% sicher, dass es ein plattdeutscher Dialekt war (macht auch Sinn). Ich entgegnete daraufhin, dass sie schon Deutsch mit mir reden müsse, wenn sie denn wolle, dass ich sie verstehe. Daraufhin fingen ein paar mehr Leute an zu kichern, die Jungs gegenüber konnten sich kaum halten und ein, zwei schienen immer noch mich für den Störfaktor zu halten.

Die Dame war mittleiweile noch blasser geworden als sie auch an sich schon war. Sie fing wieder an mich auf Plattdeutsch zu beschimpfen und meinte dann, dass die Zeiten sich sowieso wieder zu Gunsten der wahren Deutschen ändern. Ich meinte, dass wir das ja mal abwarten können und dass, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, die Nazis diejenigen waren, die eine Niederlage erfahren haben und dass das auch wieder so kommen wird, das Deutsche wie ich dafür sorgen werden. Sie meinte, dass ihresgleichen dafür sorgen werden, dass es diesmal richtiggemacht wird, dass die Nazis niemals verschwunden sind und immer noch wichtige Positionen in allem wichtigen Ämtern hätten, womit sie recht hat.

Ich meinte daraufhin: „Ach sieh mal an, war doch nicht so schwierig, kommen Sie, nur keine Scheu lassen sie’s raus. Geil Massenmord, gell? Geil Genozid, gell?“ Sie: „Jaja du wirst schon sehen, die Öfen sind noch intakt.“ Ich: „Ah… na sehn Sie? war doch nicht so schwer! Was lesen sie da eigentlich? Mein Kampf?“ Die beiden Jungs vor mir als auch die beiden neben mir und einige andere in der Bahn konnten sich kaum halten, was jetzt nicht das Angebrachteste war, aber okay und es hat sichtlich zur Frustration der Dame beigetragen. Sie fing dann wieder an mich als kleinen braunen Mann zu bezeichnen.

Ich meinte dann: „Wissen sie, was traurig ist, wir sitzen eigentlich im selben Boot und sie hassen mich auch eigentlich gar nicht wirklich. Sie hassen was „die da oben“ mit Ihnen seit 30 Jahren machen, davon sind sie und er und er und sie (in der Bahn rumzeigend) und ich alle gleichermaßen betroffen. Von der neoliberalen Scheiße. Aber anstatt, dass sie sich gegen die Ursachen ihrer Probleme wehren, schlagen sie immer nach unten auf die, die es noch beschissener haben.“ Einer der schwarzen Jungs meinte zu mir: „Die is nich sauer auf dich Bruder, die is sauer auf Deutschland.“

Mittlerweile stierte mich die Dame sprachlos und scharf an, also krankhaft schäumend vor Wut mit einem zitternden Lächeln. Ich bin dann aufgestanden und hab demonstrativ den beiden blonden Jungs gegenüber die Hand gegeben und dann den beiden schwarzen Jungs und bei jedem Handschlag laut gesagt: „Deutscher, Deutscher, Deutscher, Deutscher.“, dann auf mich gezeigt und gesagt „Deutscher“, dann auf sie gezeigt und gesagt „Nazi, nicht Deutscher“ dann mehrmals zwischen meinem Gesicht und ihrem Gesicht abgewechselt mit den Worten „Deutscher“ – „Nazi“, „Deutscher“ – „Nazi“. Darauf wollte sie mit ihrem Arm meinen Sitz blockieren, aber mit einem beherzten Ruck hatte ich ihn wieder unten und habe mich ruhig hingesetzt.

Den Rest der Fahrt, der nicht mehr lang war, hat mich die Frau angestarrt.

Ich ließ sie vor, als wir alle am Alexanderplatz aussteigen mussten. Die beiden schwarzen Jungs gaben mir die Hand und meinten, es wäre schade, dass ich nicht zur Wahl stünde, denn ihre Stimme hätte ich. Die Frau beschimpfte die beiden beim Herausgehen laut als Affen. Worauf sie meinten „Jaja, wir sind Affen, schätzen sie sich doch glücklich, normalerweise begegnet man denen doch nur im Zoo.“

Nach geschlagenen drei Minuten durch den Alexanderplatz laufen merke ich, dass die Frau 5 Zentimeter direkt hinter mir folgte, völlig leise und geräuschlos. Ich blieb stehen und bat sie, einfach weiterzugehen, worauf sie erstmal nichts sagte und mir weiterhin folgte. Dann bat ich sie nochmal, mir nicht zu folgen, worauf sie erwiderte, dass ich mich ja auch neben sie gesetzt hätte. Das Problem war, dass ich Sorge hatte, dass diese Person durchaus fähig ist, mir ein Messer in den Rücken zu rammen. Sie war eine fitte, große Frau und wenn man bedenkt, dass ich ihr in ihrer Welt ihr Land wegnehme, die Arbeit, die Kultur, die Frauen und sowieso alles, und dass sie das Gedankengut hat, dass ich dafür auf jeden Fall auch den Tod verdient hätte… Die Sorge war nach meiner Einschätzung also nicht so weit hergeholt.

Naja, ich meinte dann dennoch „Gut, dann kommen Sie mit, ich geh in die Bibliothek.“ Ich möchte betonen, dass ich zu keinem Zeitpunkt aggressiv, beleidigend oder unbesonnen nach außen hin war. Bevor die deutlichen Aussagen fielen, sowieso nicht, aber auch danach nicht. Als ich aber drei Treppen auf einmal zu den S-Bahngleisen hoch bin, ließ sie dann von mir ab.

Das Gute an der Situation ist, dass sie mir passiert ist. Ich habe Erfahrung mit sowas und kann zum Glück trotz hohem Adrenalinspiegel, Wut, Enttäuschung, tiefer Traurigkeit, Sorge und Fassungslosigkeit extrem ruhig und besonnen nach außen hin bleiben und mein Sprachenzentrum bleibt funktionsfähig. Meine größten Bauchschmerzen und das ekelhafteste Gefühl nach dieser Aktion war, dass es tagtäglich Leute trifft, bei denen das nicht so ist. Die sich nicht so wehren können, denen vielleicht das Vokabular, die Contenance fehlt, die einfach nicht so gut Deutsch sprechen können, die eine Art Grunddemut haben und sich fälschlicherweise als Gast mit weniger Rechten sehen und das über sich ergehen lassen, und keiner hilft ihnen.

Ich bin mir auch nicht sicher, wie stark für mich Partei ergriffen worden wäre, wenn ich mich nicht selbst zur Wehr hätte setzen können. All diese armen Menschen gehen nicht gestärkt aus sowas heraus, sie fühlen sich für Wochen, Monate oder Jahre ohnmächtig, unwohl, isoliert, depressiv, ängstlich… weniger Mensch halt. Das ist, was mich so wütend macht. Und natürlich die offensichtlichen Sachen, dass sich sowas am helllichten Tage getraut wird, in Berlin, in der U-Bahn, mit Selbstbewusstsein und allem Drum und Dran. Und das nicht direkt ein solidarischer Shitstorm auf besagte Person hereinbricht. Mag daran gelegen haben, dass die, die auf meiner Seite gewesen wären, gesehen haben, dass ich das schon ganz gut unter Kontrolle habe. Sicher bin ich mir da aber nicht. Und es gab auch eine Oma, bei der ich ablesen konnte, dass sie mich als den Störfaktor sah und der Aggressorin still beipflichtete, und es gab auch sicher die, die sich gedacht haben „Junge, setz dich doch einfach weg, lass die Leute in Frieden.““

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