Wer denkt, ist nicht wütend? – Ein Gastbeitrag von Veronika Kracher

„Wer denkt, ist nicht wütend“ gilt nur für den denkenden Mann.

Ich selbst erlaube mir nicht mehr, wütend zu sein. Dies hat zweierlei Gründe: Erstens, dass für mich als Frau innerhalb der sich ideologiekritisch wähnenden Linken, in der es in erster Linie darum geht zu beweisen, wie theoretisch versiert man doch ist, Emotionalität ohnehin ein zweischneidiges Schwert ist. Erlaube ich mir, Gefühle zu zeigen, wird mir Hysterie attestiert. Ich hätte einen Gegenstand nicht angemessen durchschaut und durchdacht, würde da irrational rangehen und sei somit als Diskussionspartnerin unbrauchbar.
Mein Vater hatte mir einmal gesagt, er könne mich nicht mehr ernst nehmen, nachdem ich in einem Gespräch über seine sexistischen Ressentiments laut geworden war. Kurz zuvor war ich Opfer eines sexuellen Übergriffes geworden, von dem er nichts wusste. Als ich ihm auf recht emotionale Weise seinen Sexismus vorwarf, sagte er, er könne mich in meiner Wut nicht ernst nehmen. Ein Argument, mit dem die Stimmen von Frauen, PoC, Transpersonen übrigens seit jeher zum Schweigen gebracht werden. Es scheint, dass ich als Feministin internalisiert habe, sofort alles sublimieren zu müssen, um bloß nicht in die politisch instrumentalisierte „Hysteriefalle“ zu tappen. Oder mir die Blöße gebe, zu zeigen, doch emotional tangiert worden zu sein.

Zweitens geht es um das Sublimieren von Wut als emotionale Arbeit. Die WG-Küche dreckig, irgendwer im Freundeskreis verhält sich wie ein Lauch, man wird in einer politischen Diskussion unfair angegriffen? Ich kann es mir nicht erlauben, wütend zu werden, weil ich genau weiß, dass es einer Situation nicht zuträglich ist. Sehr oft auch, um regulierend auf männliche Wut und Unvernunft einzuwirken. Cholerisches Verhalten, sei es im öffentlichen oder privaten, wird leider nach wie vor sowohl reproduziert als auch geduldet. Männliche Wut scheint die Normalität, das Abweichen davon ist ein Zeichen psychologischer Stärke und von Intellekt. Ich zwinge mich, ruhig und rational an Dinge heranzugehen, anstatt mir mein Recht auf Wut über die Umstände einzufordern, weil ich -Danke, Mama- der einer weiblichen Sozialisation geschuldeten Verantwortung aufsitze, unbezahlte Diplomatie sei mein Job.
Erlaube ich mir hier die Wut, dann heißt es „Sei doch nicht so stur und unvernünftig“. Und selbstverständlich ist es die Aufgabe nicht nur der Kritikerin in Zeiten der Wut und Unvernunft, aufklärend einzuwirken, die Wogen zu glätten, etc. pp. Nur sind Diplomatie und Vernunft, genauso wie das Kochen, bei Männern der öffentlichen, bei Frauen der reproduktiven Sphäre zugeordnet.

Die emotionale Frau wird nur geliebt, solange sie Projektionsfläche und Sexobjekt ist, deren Wut man erotisieren und so wieder unter die männliche Kontrolle bringen kann. Ansonsten kann man sie dafür maßregeln, sich eine männliche Unvernunft zu erlauben, die sich ihrer nicht ziemt. Sowohl die Erotisierung, als auch die Maßregelung von Wut erfolgt übrigens immer auf gewalttätige Art und Weise. All das lässt mich fürchten, dass ich aufgrund meiner permanenten Konfrontation mit Dingen und Umständen, die mich ohne meine genauso permanente Arbeit an meinen eigenen Gefühlen, verdammt wütend machen würden, irgendwann daran scheitern und zusammenbrechen werde. Weil emotionale Arbeit nervenaufreibend ist und doch als selbstverständlich wahrgenommen wird.

Ein Mann, der nicht wütend ist, hat seine Wut dem adornitischen Credo nach sublimiert und kann sich, seinem Vorbild nacheifernd, als herausragender Kritiker fühlen. Eine Frau, die nicht wütend ist, macht einfach nur ihren von der Gesellschaft auferlegten Job.

 

Wenn VERONIKA KRACHER gerade nicht versucht, den Drahtseilakt zwischen Punkrock und Ideologiekritik zu meistern, publiziert sie für konkret, Jungle World, Titanic und taz, in der Regel irgendwas über Kultur oder Feminismus.

 

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