Frauenquote beim Frauenbashing?

Warum leugnen auch Frauen, dass sexualisierte Gewalt ein Problem ist?

Wenn eine Frau sagt, dass Sexismus gar nicht so schlimm ist und Feministinnen übertreiben, dann muss das doch stimmen, so schallt es zumindest gelegentlich aus dem Blätterwald. Ob Catherine Deneuve plus Anhang als Reaktion auf #metoo oder Ronja von Rönne 2015 in der Zeit: Der vermutlich einzige Bereich, wo Arschlöcher eine Frauenquote akzeptieren, ist wenn Frauen Feministinnen grillen (Auch wenn die Bitches sonst bitte die Fresse halten sollen). Im Fall von Deneuve und #metoo stellt sich ganz besonders die Frage, wie es dazu kommt, dass Frauen das statistisch sehr gut belegte Problem von sexualisierter Gewalt gegen Frauen leugnen und diejenigen angreifen, die versuchen etwas dagegen zu unternehmen. Und zack, wühlen wir uns wieder durch einen Berg sozialpsychologischer Forschung.

In meinem letzten Artikel habe ich bereits angedeutet, dass Vergewaltigungsmythen (also falsche Annahmen über sexualisierte Gewalt, die dazu führen dass das Problem mit sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft insgesamt und in konkreten Fällen heruntergespielt wird) in der Gesellschaft weit verbreitet sind und ihnen sowohl Männer als auch Frauen Glauben schenken. Männer tun dies, wohlgemerkt, deutlich mehr als Frauen (Aosved & Long, 2006; Suarez & Gadalla, 2010), aber, und das bleibt eine Tatsache, auch Frauen stimmen Mythen über sexualisierte Gewalt zu. Warum ist das so? Das scheint ja auf den ersten Blick keinen Sinn zu ergeben, denn eigentlich verschleiern und leugnen Frauen, die Vergewaltigungsmythen zustimmen, ja gerade die Gewalt, von der sie potentiell selbst betroffen sind (Wir erinnern uns, dass gut jede zehnte Frau in Deutschland als Erwachsene sexualisierte Gewalt erfahren hat (Müller & Schröttle, 2004)).

Wenn die Bitch selber Schuld hat, muss ich mir keine Sorgen machen

Zu dieser auf den ersten Blick paradoxen Situation finden sich in der Forschung verschiedene Erklärungsansätze, die im Großen und Ganzen davon ausgehen, dass Frauen mithilfe von Vergewaltigungsmythen und Victim Blaming ihren Selbstwert stabilisieren und Kontrollgefühle in Anbetracht der Bedrohung durch sexualisierte Gewalt entwickeln können (Vonderhaar & Carmody, 2015).

Das heißt konkret zum Beispiel, dass Frauen, die anderen Frauen die Schuld an sexualisierter Gewalt geben, sich selbst indirekt rückversichern, dass Menschen selbst kontrollieren können, ob sie Opfer von sexualisierter Gewalt werden oder nicht. Wenn es zum Beispiel stimmt, dass die Bitch selbst Schuld hat, weil sie einen kurzen Rock anhatte oder weil sie sich einen übergriffigen Partner ausgesucht hat, dann heißt das im Umkehrschluss auch, dass man selbst verhindern kann Opfer zu werden, indem man sich eben für einen langen Rock und keinen übergriffigen Partner entscheidet. Auf diese Weise erscheint eine für Frauen eigentlich bedrohliche gesellschaftliche Lage kontrollierbar und die Gefahr, vergewaltigt zu werden, abwendbar (Vonderhaar & Carmody, 2015). Indem Frauen die Betroffenen beschuldigen, wird abgesehen davon ein gesellschaftliches Problem auf die individuelle Ebene heruntergebrochen. Wenn die Bitch selbst Schuld hat oder es „eigentlich“ gar keine Vergewaltigung war, dann ist es auch kein schwer zu veränderndes gesellschaftliches Problem. Aus dieser Perspektive liegt es eben an der Betroffenen, an ungünstigen Umständen oder anderen individuellen Dingen und nicht an gesellschaftlichen Strukturen. Durch diesen kleinen Psychotrick wird es für Frauen, die Vergewaltigungsmythen zustimmen, gleich viel aushaltbarer, eigentlich in einer gesellschaftlich untergeordneten Position zu leben (Chapleau & Oswald, 2013). Problem solved und das ganz, ohne die Gesellschaft verändern zu müssen.

Es gibt was zu holen mit antifeministischer Rhetorik

Frauen als potentielle Opfer von sexualisierter Gewalt benutzen Vergewaltigungsmythen also, um die gefühlte Erniedrigung und Bedrohung, die sexualisierte Gewalt eigentlich für sie bedeutet, abzuwehren. Dieser Mechanismus ließ sich indirekt in Studien nachweisen, in der Frauen mit Geschichten über sexualisierte Gewalt konfrontiert wurden. Es kam heraus, dass Frauen, die Vergewaltigungsmythen eher ablehnen, mit einem sinkenden Selbstwertgefühl reagieren, wenn sie Geschichten über sexualisierte Übergriffe lesen. Bei Frauen, die Vergewaltigungsmythen eher zustimmen, sank das Selbstwertgefühl hingegen nicht (Bohner, Siebler, & Raaijmakers, 1999;  Bohner, Weisbrod, Raymond, Barzvi, & Schwarz, 1993). Betroffene zu beschuldigen schützt also davor, sich selbst als potentielle Betroffene schäbig fühlen zu müssen.

Es gibt also was zu holen, wenn Frauen anderen Frauen die Schuld für sexualisierte Gewalt in die Schuhe schieben oder öffentlich leugnen, dass sexualisierte Gewalt ein großes Problem ist. Und natürlich gibt es zusätzlich Applaus von gerade den Leuten, die eine eigentlich unterdrücken. Dafür kann man meiner Meinung nach ein gewisses Verständnis aufbringen, dennoch müssen wir uns entschieden gegen solche Entsolidarisierungen mit Betroffenen aussprechen und solche Angriffe von Frauen als antifeministische Rhetorik zurückweisen. Am Ende muss es darum gehen, eine Welt zu schaffen, in der es gar keine Verletzungen und Erniedrigungen mehr gibt, die wir auf diese Weise abwehren können.


Bilke ist Psychologin und seit ca. 37 Jahren Redakteurin bei FICKO. Ihre Themen sind sexualisierte Gewalt, Männlichkeit, Psychotherapie & manchmal Klassismus.


Literatur

Aosved, A. C., & Long, P. J. (2006). Co-occurrence of Rape Myth Acceptance, Sexism, Racism, Homophobia, Ageism, Classism, and Religious Intolerance. Sex Roles, 55(7–8), 481–492. https://doi.org/10.1007/s11199-006-9101-4

Bohner, G., Siebler, F., & Raaijmakers, Y. (1999). Salience of Rape Affects Self-Esteem: Individual versus Collective Self-Aspects. Group Processes & Intergroup Relations, 2(2), 191–199. https://doi.org/10.1177/1368430299022006

Bohner, G., Weisbrod, C., Raymond, P., Barzvi, A., & Schwarz, N. (1993). Salience of rape affects self-esteem: The moderating role of gender and rape myth acceptance. European Journal of Social Psychology, 23(6), 561–579. https://doi.org/10.1002/ejsp.2420230603

Chapleau, K. M., & Oswald, D. L. (2013). Status, Threat, and Stereotypes: Understanding the Function of Rape Myth Acceptance. Social Justice Research, 26(1), 18–41. https://doi.org/10.1007/s11211-013-0177-z

Müller, U., & Schröttle, M. (2004). Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Zusammenfassung zentraler Studienergebnisse. BMFSFJ.

Suarez, E., & Gadalla, T. M. (2010). Stop Blaming the Victim: A Meta-Analysis on Rape Myths. Journal of Interpersonal Violence, 25(11), 2010–2035. https://doi.org/10.1177/0886260509354503

Vonderhaar, R. L., & Carmody, D. C. (2015). There Are No “Innocent Victims”: The Influence of Just World Beliefs and Prior Victimization on Rape Myth Acceptance. Journal of Interpersonal Violence, 30(10), 1615–1632. https://doi.org/10.1177/0886260514549196

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