Ihr seid kein Stück besser – Vom Sexismus der Punkszene

Inhaltshinweis: Sexualisierte Gewalt, selbstverletzendes Verhalten.

Das erste Mal in meinem Leben mit sexuellen Übergriffen konfrontiert wurde ich innerhalb der Punkszene. Ich erinnere mich an ein Exploited-Konzert, auf dem das Publikum ungefähr genauso reaktionär, bräsig, scheiße und stumpf war wie die Band selber, aber mit 15 kannte ich Twisted Chords Records oder Zeitstrafe noch nicht. Mir packte ein wesentlich älterer Mann im Pogo an den Hintern. Nein, nicht heimlich oder verschämt, sondern öffentlich, grinsend, als sei das etwas ganz Normales, als würde er eine Dose Bier öffnen.

Ich hatte damals einen guten Freund, der öfter ungefragt seinen Penis herausholte, damit herumwedelte, einmal einer schlafenden Freundin auf den Kopf legte. Eine damalige Freundin erzählte, dass sie in der WG von zwei Bekannten übernachtet hatte, die nachts begonnen hatten sie sexuell zu belästigen. Sie war damals 14.

Oh, und da war dieser Typ, der Frauen regelmäßig lautstark dazu aufforderte, ihre Brüste zu entblößen. Meine Freund*innen fanden das albern, peinlich, aber niemand hat diesen Mann jemals für seinen stumpfen Sexismus sanktioniert.

Dann war die Vergewaltigung nach irgendeinem schlechten Punkkonzert und die danach noch wochenlang andauernden Anrufe meines Vergewaltigers. Ich hatte ihm meine Telefonnummer gegeben. Ich war 15. Ich hatte keine Ahnung, wie man adäquat damit umgehen sollte, gerade von einem fünf Jahre älteren Typen so lange genötigt worden zu sein bis man irgendwann aufgehört hatte, „Nein“ zu sagen.

Das waren meine persönlichen Erfahrungen, die ich Mitte der 2000er Jahre in der Münchner Deutschpunkszene machen durfte. Strukturell geht das Problem natürlich viel weiter.

In seinen Anfängen zeichnete sich Punk durch einen in der situationistischen Gesellschaftstheorie verwurzelten, verzweifelten Wunsch nach der Negation der Verhältnisse aus. Der revolutionäre Anspruch, der einst Antrieb und Ausdruck von Punk war, manifestiert sich natürlich auch in der Wahrnehmung von Geschlecht und dem weiblichen Körper. Punk war Hohnlachen ins Gesicht der Gesellschaft des kalten Krieges, deren verzweifelter Wunsch in der permanenten Angst vor der atomaren Vernichtung eine Illusion von Normalität aufrecht zu erhalten sich auch am Festklammern an ein tradiertes Geschlechterbild widerspiegelte.

Frühe Bands wie die Slits oder X-Ray Spex (1970er) und später die Riot Grrrls (1990er), Siouxsie, die inzwischen leider vollkommen abgedrehte Nina Hagen brachen sowohl mit den herrschenden Geschlechternormen von Passivität und Fürsorglichkeit, als auch mit der Vorstellung des weiblichen Körpers als Verfügungsgut für männliche Begierde.

Dies manifestierte sich natürlich auch in der Kleidung: zerrissene Strumpfhose, an die SM-Szene erinnernde Nietenhalsbänder, Tütüs in Kombination mit schweren Lederjacken und Springerstiefeln. So hatte man das Leid, unter der patriarchalen Herrschaft gleichzeitig Barbie- als auch Sexpuppe sein zu müssen gleichzeitig subversieren und den potentiellen Tätern vor Augen führen können.

Doch auch damals schon, als Punk noch das Label „Avantgarde“ für sich beanspruchen konnte, sahen sich Frauenpunkbands wie die „Slits“ mit Sexismus konfrontiert, wie Viv Albertine in einem Rolling Stone-Artikel beschreibt.


Von Männern für Männer

Seitdem ist es weniger besser, sondern eher schlimmer geworden. Die Masse des Punkrock, gerade dieser Eiterpickel der sich „Deutschpunk“ nennt, hat jegliche Widersprüchlichkeit und Subversion, den Wunsch nach Negation, die Zerrissenheit und Verzweiflung, der Punk einmal innewohnte und partiell nach wie vor innewohnen kann, vergessen.

Seien es Altmännerbands wie die „Dickies“, die ihr Publikum auf einem Konzert dazu aufforderten, eine junge Frau verbal zu erniedrigen, nachdem diese den Sänger kritisiert hatte. Plattenlabels, die Alben von Bands herausbringen, deren Musik nichts anderes ist als pubertäres Macho-Gehabe. Konzert- und Festivalveranstalter, denen es egaler nicht sein könnte, dass auf ihrer Veranstaltung sexuelle Übergriffe stattfinden.

Als ich 15 war, hatte ich kaum theoretische Ahnung, wie es denn so ist mit dem Geschlechterverhältnis. Zur versierten Feministin wurde ich erst im Laufe der Zeit. Aber schon damals war mir bewusst, dass irgendetwas falsch läuft. Ich wollte nicht das Objekt irgendwelcher männlichen Sexfantasien sein. Ich wollte nicht schön und dünn sein müssen. Ich verabscheute diese Gesellschaft und ihre Vertreter*innen, ich sehnte mich nach einer anderen und besseren Welt, und hatte endlich dieser Subkultur gefunden, in der ich hoffte, dies ausleben zu können. Mit 15 war ich noch ein gutes Stück idealistischer und hoffnungsvoller als ich es heute bin.

Denn auch in dieser Szene schienen Männer irgendwie nicht so begreifen zu können, dass ich eigentlich das Bild von Schönheit und Sexyness dekonstruieren und eben nicht männliches Lustobjekt sein wollte, auch wenn ich es damals nicht so formuliert hätte.

Nun, gerade die deutsche Punkszene hat ihren einstigen Anspruch an den subversiven Ausdruck von Verzweiflung, der in den Achtzigern noch vorhanden war, zugunsten von diffusem Gegröle gegen Bullen oder „die da oben“ aufgegeben. Wer braucht schon Gesellschaftskritik, wenn die nächste lauwarme Dose Öttinger in der Nähe ist?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in meinem damaligen Freundeskreis Feminismus großartig diskutiert wurde. Als ich in einem kleinen DIY-Fanzine mit dem schwer aufrührerischen Namen „Gesprengte Ketten“ (meine ersten journalistischen Gehversuche!) über Sexismus der spanischen Anarchisten und die Mujeres Libres einreichen wollte, warfen mir die Genossen „Männerfeindlichkeit“ vor. In Retrospektive hatte kaum jemand ein Bewusstsein für Sexismus und patriarchale Strukturen. Nun, wir waren Teenager könnte man jetzt sagen. Wir wollten Saufen und irgendwie dagegen sein und waren viel zu sehr in die Wirren der Pubertät verstrickt, um uns mit so komplizierten Dingen wie den Geschlechterverhältnissen zu befassen. Könnte man sagen. Aber wenn man sich nicht mit komplizierten Dingen wie den Geschlechterverhältnissen befasst, passieren all die Dinge, die ich eingangs aufgezählt hatte und die mich bis zur Selbstverletzung hin traumatisierten.


Männliche Ideale, Frauen als Garnitur

Die Männer in dieser Szene hatten, wie die meisten Männer überall auch, keinerlei Interesse daran ihre Machtposition zu reflektieren, sondern stattdessen, wie die meisten Männer überall, diese bewusst oder unbewusst auszunutzen.

Ich war 15. Ich war von meiner Pubertät und meiner eigenen Sexualität gnadenlos überfordert. Verliebtheit und erotisches Begehren, als auch die Erfahrung so etwas hervorrufen zu können, waren aufregend, unbekannt und unheimlich, und natürlich experimentierte ich damit.

Nun, es ist in der Struktur der Verhältnisse verwurzelt, dass Männer ungefestigte weibliche Sexualität ausnutzen, und dem war auch in der Punkszene so. Das, was als Versuch startete den Unwillen Sexobjekt zu sein ästhetisch gebrochen zu vermitteln, entwickelte sich zu dem Zwang, einer gewissen Punk-Erotik zu entsprechen, die inzwischen auch zunehmend im Mainstream fetischisiert wird.

Einhergehend mit Freizeitbeschäftigungen wie Saufen und infantiler Rebellion versuchte man sich von Gleichaltrigen, die man für viel naiver und unbedarfter hielt als eine selbst, abzugrenzen. Sex gehörte dazu. Ich fühlte mich unreif und verunsichert, weil ich mit 15 noch keinen penetrativen Geschlechtsverkehr hatte. Dies führte übrigens dazu, dass mein „erstes Mal“, wie es so schön heißt, mir von einem 21-Jährigen Typen auf einem Festival angetan worden war, der davor Unmengen an Gras mit mir geraucht hatte. Ich war 15.

Was tut man denn nicht alles, um endlich damit prahlen zu können auch Opfer der sexuellen Zurichtung im Patriarchat geworden zu sein. Dass der Typ, der mich „entjungferte“, keinerlei Skrupel hatte eine Minderjährige unter Drogen zu setzen und dann zu ficken, fiel mir erst zehn Jahre später auf. Um mich reif und erwachsen zu fühlen, was ich beim besten Willen nicht war, ich war nämlich 15 und konnte all das, was in mir und um mich herum passierte, weder in Gedanken noch in Worte fassen, ließ ich mich zu Handlungen hinreißen, für die ich vielleicht noch ein oder zwei Jahre Zeit gebraucht hätte. Ich mache mir das nicht zum Vorwurf. Ich mache das den Verhältnissen und denjenigen, die sie an mir vollstreckt haben zum Vorwurf.

Sexualität im Punk war also eine schwierige Sache. Man höre sich alleine nur Lieder im Stil von „Kleines Luder“ von den Wohlstandskindern an.

Ich erlebte eine Atmosphäre, in der die permanente Verfügbarkeit über den weiblichen Körper als Autonomie verkauft wurde, in der Sex genauso unsinnlich war wie eine Bierdusche auf einem Kassierer-Konzert. Erwachsene Männer konnten ohne groß darüber nachdachten sexuelle Machtdiskrepanzen für sich ausnutzten, in dem sie mit verunsicherten jungen Mädchen schliefen.

Die kollektive Vorstellung weiblicher Sexualität bestand aus: „die wollen es ja“, und auch ich selbst glaubte es wollen zu müssen.

Virginie Despentes beschreibt in ihrem Buch „King Kong Theorie“ davon, dass sie und eine Freundin auf dem Rückweg von einem Punkkonzert von drei Männern vergewaltigt wurden. Sie seien, so Despentes, allesamt der Ansicht, dass diese Zeckenschlampen ausnahmslos ohnehin so triebhaft waren, dass man sie gar nicht vergewaltigen konnte. Unsägliche, sich durch eine „Male Gaze“ auszeichnende Verkulturindustrialisierungen des Punks wie der „Chaostage – We are Punks!“-Film aus dem Jahre 2009, der die Exfreundin des Protagonisten als knapp bekleidete Nymphomanin mit Nietengürtel darstellt, tragen zu dieser Wahrnehmung bei, sowohl inner- als auch außerhalb der Szene.

Macht und Angriff

Ich bin heilfroh, dass ich selbst nie auf dem Force Attack war. Ich habe Erzählungen gehört, dass dieses Festival nichts anderes gewesen sein muss als die pure Barbarei für Frauen. Dass mit dem Kommentar „Geile Titten!“ an die Brüste gepackt zu bekommen noch eine nette Form der Begrüßung war. Eine Frau, die dort Security gemacht hatte, erzählte mir, dass ihr Job in erster Linie war zu verhindern, dass männliche Besucher betrunkene Frauen vergewaltigten.

In dieser ganzen bewusst unpolitisch und auf Spaß, der natürlich auch hier der Spaß der Mächtigeren – Männer – war, angelegten Widerlichkeit namens Deutschpunk ist der einstige Anspruch auf Subversion und individuelle Freiheit aufgegeben.

Ich hatte dann auch die Schnauze voll und habe angefangen, Antifa-Arbeit zu machen, feministischen Punk und Riot Grrrl zu hören und mich mit dem Geschlechterverhältnis zu befassen. Ich realisierte für mich, dass Punk „Not just boys‘ fun“ sein muss. Von meinen ehemaligen Deutschpunk-Freund*innen wurde ich verstoßen, weil ich ihnen zu „politisch“ geworden war, ich weine dem bis heute keine Träne mehr nach. Nun, auch in der Antifa-Szene habe ich sexuelle Übergriffe und – wenn auch verschleierten – Sexismus erlebt. Aber man arbeitete zumindest an einem feministischen Bewusstsein. Das ist ein Unterschied um Längen.

Doch auch in der deutschen Punk-Szene gibt es noch Helden: ein Freund erzählte mir von einem Force Attack-Besuch, bei dem ein ihm Unbekannter Männern mit seinen schweren Stahlkappenstiefeln in den Schritt getreten hatte. Seine Motivation muss wohl eher sadistische Willkür gewesen sein, aber auf dem Force Attack ist dieser Akt nichts anderes als Vergewaltigungsprävention.

Dieser Artikel ist dem unbekannten Eiertreter gewidmet.

Wenn VERONIKA KRACHER gerade nicht versucht, den Drahtseilakt zwischen Punkrock und Ideologiekritik zu meistern, publiziert sie für konkret, Jungle World, Titanic und taz, in der Regel irgendwas über Kultur oder Feminismus. 

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